Ausgabe 
21.5.1904
 
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gefalteten Hände zu ihm emporgehoben: er solle mir doch um Gottes Barmherzigkeit willen nicht länger Kvmödie Vorspielen . . . Aber unter Barmherzigkeit verstand er Trost, immer dieselbe fromme Heuchelei: man brauche die Hoffnung nicht aufzugeben!"

Sie war ein paar Schritte weit durchs Zimmer gegangen. Nach Atem ringend hielt sie nun inne und preßte, die Augen schließend, die Rechte gegen die Stirn.

Die Szene war ihm äußerst peinlich. Weichliche Senti­mentalität lag nicht in ihm. Hier rührte aber doch etwas an sein Mitgefühl.

Plötzlich wandte sie sich nach ihm um.Als Collen­berg starb und als es hieß, daß ein neuer Arzt Herkommen werde, da glaubte ich mich von dem Druck schon halb er­löst. Ich ahnte es: nun ist die Wahrheit unterwegs. Gestern, als ich Sie zum ersten Male sah, fürchtete ich mich freilich. Ja da fürchtete ich mit einem Male die Wahrheit- Aber nur meines Mannes wegen. Denn in der Nacht, als ich schlaflos dalag und grübelte, wich alle Furcht wieder von mir. Und ich wußte, was ich zu tun hatte: gleich heute, von der Bahn aus zu Ihnen fahren und rücksichtslos mit Ihnen sprechen. Irgend etwas sagte mir: Sie werden Collenberg diese falsche Humanität, die für mich nur eine Folter ist, nicht nachahmen. Ja, ich fühlte es: Sie können nicht lügen!"

In wachsender Erregung, voll tiefer, innerer Jtnterl- nahme hatte er zugehört. Mn paarmal w-ollte er sie unter- brechen, sie beschwichtigen er wußte selbst nicht lvarum und mit welchem Recht aber sie sprach mit so aufwühlender Leidenschaftlichkeit, daß die konventionellen Entwendungen, zu denen er sich zwingen wollte, versagten. Ihr letztes Wort berührte ihn da wie ein Peitschenschlag. Er merkte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg, wie ihn der Trotz packte.

Haben Sie dieses Wort meinem Vorgänger auch schon entgegengehalteu, gnädige Frau?" fragte er, rasch wieder besonnen, gemessen und überlegen.

Ja, einmal. Ein paar Tage vor seinem Tode."

Und was hat er Ihnen erwidert?"

Sie zuckte mit dem Kopf, blickte an ihm vorbei ui§ Leere, und ein müdes, verächtliches Lächeln spielte um ihren ernsten Mund.Er hat mich ausgelacht." Sie ließ die Arme schlaff sinken.Und damit waren meine Zweifel dann wieder für eine Weile besiegt. Denn man hofft doch gern. Das ist ja menschlich."

Der Ausdruck, mit dem sie die letzten Sätze sprach, war so kindlich und rührend, daß Zupitza seüren Groll rasch wieder vergaß. Mehr und mehr glaubte er die Hand­lungsweise des Alten, die ihm noch kurz zuvor unfaßbar und unhaltbar vorgekommen war, zu begreifen.

(Fortsetzung folgt.)

Wkaudereien aus der KckMstM.

(Nachdruck verboten.)

Der Streik in der Backstube. Die gute, alte Zeit. Berliner Einkaufs tag. Machnow's Nachfrlger, auch ein

Wunderkind.

Wenn einer ans der guten alten Zeit wieder auserstände und sich die Brote und Brötchen heute in den Berliner Bäckerläden einmal ansähe, ich glaube, er würde unrettbar dem Wahne ver­fallen, in dieser verNeinerungseffrigen Gegenwart und am Hungertod zu gründe gehen zu müssen. Wie ein Luftballon, der hoch in den Aether steigt und dem nachschauenden Auge kleiner und kleiner, so kommt mir die Berliner Semmel vor und der Knüppel", jenes beliebteste aller Berliner Weißbrotchen, fuhrt seinen Namen nur durch die grausamste Ironie. Bei diesem rastlosen Streben nach Verniedlichung, das durch btc Gilde der ehrsamen Teigkneter geht, habe ich mir immer eingebildet, cs liege an den Herren Gesellen und ihren unersättlichen Ansprüchen. Aber wie sich jetzt herausstellt, haben die guten Backofenwächter bisher nicht gerade übertriebene Forderungen gestellt. Auf vielen anbereit Gebieten des Erwerbslebens gewährt man in Berlin längst kürzere Arbeitszeit und höhere Lohnbezüae. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann unsere Semraeksormer sich ähn­liche Rechte erobern würden. Und man darf es ihnen zum Ruhme nachsagen: sie haben ihren Streik nicht vom Zaune gebrochen, sondern sind erst nach langen Unterhandlungen, die en einzelnen Stellen gleich zum Erfolg führten, in den Ausstand getreten. Heute kann der Streik schon als beinahe erledigt betrachtet werden. Sie haben gesiegt auf der ganzen Linie, wie Japan über Ruß­land. Das letzte kleine Fähnlein der noch mchesiegten Meister wird wohl oder übel gleichfalls in kurzem die Waffen strecken

klopfen zubereitet hatte stand der Saknthener Wagen vor der Tür. , c ,, , _

Ede Tirsell, der Kutscher, berichtete dem Dockor, daß seine Gnädige im Sprechzimmer auf ihn warte.

Heute früh, als er bei Lotz auf Sakuthen war, hatte Zupitza die junge Frau nicht angetroffen. Sie befand sich aus der Fahrt nach Ußditten, um ihre beiden kleinen Feriengäste zur Bahn zu bringen. Bon da war das Ge­fährt erst vor wenigen Minuten zum Giller Delta zurück- gekehrt. r r ,

Ihre biedere Litauerin hat mich schon mit scheelen Blicken gemustert", sagte sie, sich vom Fensterplatz er­hebend, als der Doktor eintrat.Sie hat Ihnen zweifellos ein unvergleichlich schönes Prunkmahl vorzusetzen. Wer ich hab' ihr Mich gelobt, daß ich Sie nur für ein paar Sekunden in Anspruch, nehme."

Sie zwang sich zu einem lebhaften, freundlichen Ton. Zupitza merkte ihr aber doch die große innere Erregung an. Er war gleichfalls merkwürdig unsicher.

Sie haben mit meinem Mann gesprochen", fragte sie dann stockend.

Jawohl, gnädige Frau, ich habe eine gründliche Unter­suchung vorgenommen. Herr Lotz hat mir auch ausführ­lich Ausuknft gegeben. Ueber den Sturz damals auf dem Stätteplatz und den Anfang seines Leidens. Und es stimmt alles vollkommen mit dem überein, was Collenberg darüber in sein Journal" eingetragen hat."

Das Letzte hatte er rasch und kurz, beinahe abweisend herausgebracht, als sollte damit jede weitere Erörterung abgeschnitten sein. Mn paar Sekunden lang schwieg sie denn auch. Er sah sie nicht an, Mer er merkte, nein, er fühlte, daß ihr argwöhnischer Blick in ihn dringen, ihn fast durchbohren wollte.

Herr Doktor", unterbrach sie das kurze, peinliche Schweigen plötzlich in flehendem Tone,ich bin kein Kind mehr, ich muß die Wahrheit hören, auch wenn sie grausam ist, seien Sie also offen gegen mich, ich ich kann diese Zweifel nicht mehr ertragen!"

Aber ich versichere Ihnen, gnädige Frau"

Gestern habe ich Sie gebeten, meinen Mann zu schonen. Aber ich selbst ich kann nicht mehr so wie bisher im Dunkeln tappen, meine Angst immer wieder beschwichtigen. Herr Doktor, diese entsetzliche Ungewißheit, die die richtet mich, zu Grunde."

Dieser Ton ging ihm durch und durch. Als er nach der Untersuchung des Kranken das Saknthener Werk ver­lassen hatte, war fast etwas wie Groll über die Verheim­lichungsmethode Collenbergs in ihm aufgekommen. Die Vorstellung, daß er von nun an selbst dem rettungslos zum Tode Verurteilten mit derselben Lüge, denselben unwissen­schaftlichen Trostversuchen gegenübertreten sollte, hatte für ihn etwas Aufreizendes und zugleich Demütigendes gehabt. Er hatte vor allem das Gne nicht begriffen, daß Collen­berg nicht wenigstens die nächste Umgebung des Kranken über die wahre Natur seines Leidens aufgeklärt hatte. In dieser Sekunde aber, als die junge Fran ihm mit so ernsten, durchdringenden und verzweiflungsvollen Blicken ins Auge sah, als ob Leben und Tod von seinem Ausspruch abhinge, kam ihm erst die ganze Schwere der Verant­wortung, die auf ihm lastete, zum Bewußtsein. Und er fand nun plötzlich doch den Mut nicht, ihr kurz und bündig die Wahrheit einzugestehen.

Warum quälen Sie sich, gnädige Frau? Ich kann Ihnen nur versichern, daß Collenberg alles getan hat, was sich im Interesse des Kranken tun ließ, er hat nichts, nichts versäumt. Und wenn er Ihnen Hoffnung gelassen hat, so war das einfach? r-" er atmete aufso war das einfach seine allererste Pflicht als Arzt."

Noch immer löste sich ihr Blick nicht aus dem seinen.

Sie wollen sagen als Menschenfreund. Nicht wahr, das ist es doch? Aber wenn ich mich Ihnen nun offen anvertraue, Herr Doktor, wenn ich Ihnen gestehe: ich habe unter den Zweifeln, die mich seit einiger Zeit nicht mehr los lassen wollen, tausendmal qualvoller gelitten, als wenn Collenberg mir rund heraus die schrofffte Wahrheit gesagt hätte? Herr Doktor, hier auf derselben Stelle bin ich ihm mehrmals gegenüber gestanden ich habe mir die Zeit abgestohlen, habe mich heimlich oder unter allerlei versteckten Vorwänden zu ihm geschlichen, immer in der Angst, mein Mann könnte es erfahren und könnte Verdacht schöpfen. Ja, und sehen Sie, das letzte Mal habe ich die