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müssen — und das liebe Publikum wird schließlich wie immer die Zeche bezahlen, wenn es auch Stimmen unter ihnen gibt, die mit optimistischer Sicherheit behaupten, noch kleiner könnten die Schrippen und Knüppelchen nicht mehr werden. Sie werden es demnächst schon merken! Nicht ganz unberechtigt hört es sich übrigens an, was die alten Meister aus ihren Lehr- und Ge- sellcnjahren in diesen bewegten Zeiten zum besten geben. Damals war das, was die Herren Gesellen heute als unerträglich hin- stellcn, gute Zeit. Man plackte sich wirklich anders anno dazumal. Ich beobachtete jüngst einen richtigen kleinen Entrüstungssturm, als in einem der großen Berliner Warenhäuser an einem sehr.geschäftslebeudigen Samstag der Geschäftsschluß nur um eine einzige kleine Viertelstunde hinausgcschoben wurde, sodaß die jungen Herren und Dämchen erst um %9 Uhr in die Paletots schlüpfen konnten. War das ein Seufzen und Stöhnen, heimliches Schimpfen Und zorniges Poltern! Was hätten die Herrschaften wohl vor zwanzig Jahren sagen wollen, als noch kein Ladenbesitzer daran dachte, die Tür vor zehn Uhr zu schließen, wo man an manchen Samstagen noch bis gegen elf überall bereitwillige Hände fand, die einem ohne gekrauste Stirnen und unfreundliche Worte noch schnell alles das vorlegten und einpackten, was man zu haben wünschte! Ueberhaupt läßt der Ton in den Berliner Geschäften oft viel zu wünschen übrig, und der Fremde steht der manchmal zutage tretenden Unkoulanz unangenehm erstaunt gegenüber. Aber es liegt eben zeitiger an unseren Geschäftsinhabern, als am vielfach wechselnden, schlecht geschulten Personal, das mit den buntesten, sich immer mehr steigernden Nebeninteressen dem Publikum gegenübersteht. Wie opferwillig nnsere Kaufleute sind, beweist der tiom Komitee der Berlin-Brandenburger Heilstätten- vereinc arrangierte Einkaufs tag zum besten der Lungenheilstätten zu Belzig. Mehr als 400 Geschäfte, Hotels, Restaurants, Cafes usw. hatten sich bereit erklärt, von ihren Einnahmen am Montag, den 16. Mai, einen Teil jenen Heilstätten zu überweisen. Durch die Presse sowohl, als große Plakate war dieser Einkaufstag und sein Zweck lange vorher bekannt gegeben, sodaß viele Tausende aus billigem Barmherzigkeitsgefühl bestimmte Anschaffungen an diesem Montag besorgten und den Belziger Anstalten auf diesem Wege sicher eine stattliche Summe zur Verfügung gestellt werden, umsomehr als dieser Tag in der Woche vor Pfingsten lag, an dem bekanntlich auf vielen Gebieten ein besonders großer Bedarf zu verzeichnen ist. Man darf das manchem Geschäftsinhaber, der mit den hohen Berliner Spesen rechnen muß, und seine Not hat, glatt durchs Jahr zu kommen, als wirklich hochherzigen Entschluß anrechnen. Denn es wird ihm nicht ganz so leicht, Geld zu verdienen, wie unserem jüngsten Wunderkinde, das in stattlicher Länge von allen Litfaßsäulen grüßt. Es ist das Machnows Nachfolger, der lange Josef, ein 16 Jahre alter Bursche, der schon mit 12 Jahren vom Schulunterricht dispensiert werden mußte, weil in den Bänken der heimatlichen Klippschule teilt richtiger Platz für ihn vorhanden war. Er ist ca. 2,20 Meter hoch, trägt Bubenkleidung, um durch den Kontrast umso länger zu erscheinen, und steht im Passage-Panoptikum zur Schau. Und natürlich gibt es für viele Tausende unter den immer gafflustigen Pflastertretern nichts Interessanteres als so einen wahnsinnig emporgeschossenen Buben zu bewundern. Manch einer nimmt auch so eiuen Extraanlaß wahr, um die etwas ins Hintertreffen geratenen Herrlichkeiten der Wachsfigurenplastik verstohlen dabei in Augenschein zu nehmen. Denn die Zeiten sind vorüber, wo das Panoptikum noch zu den unerläßlichen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt gehörte, und der Spree-Athener lächelt vornehm, wenn sein Provinzbesuch die Absicht äußert, sich dort einmal umzusehen. Deshalb hat auch das Passage-Panoptikum längst den Weg der Umwandlung betreten und sich zu einem richtigen Brettl um ’ gebildet, in dem manchmal sogar die erste Garnitur der Artisten- \ Harde auftritt. Dazu gehört der lange Josef nun freilich nicht, i Aber er bildet doch eine ganz hübsche Anziehungskraft. Jeden- ! falls werden an diesem Wunderkinde die sonst so häufig beobachteten schlimmen Folgen durch Ucberarbeitung nicht zutage treten. Denn der lange Josef hat's nicht nötig, außer seiner respektablen Länge noch sonst etwas zu zeigen. Seine Größe ist seine Größe. Und das genügt vorläufig. Ob er am Ende nicht doch viel bedauernswerter ist, als die geistig über das Mittelmaß emporschießenden Wunderkinder, ist eine andere Frage, mit der wir uns den Pfingstsonnenschein nicht trüben lassen wollen, lieber Leser. Wenn der lange Josef will — er braucht sich am Werivenigsten vor der Arbeit zu fürchten! A. R.
Vermachtes.
* Die Entgiftung des Tabakrauches. Der Direktor des Berliner Pharmazeutischen Instituts, Professor Thoms, berichtet in der Chemikerzeitung über eine Reihe von interessanten Versuchen zur Entgiftung des Tabakrauches. Um über die Möglichkeit einer Beseitigung der durch den Tabakrauch den Organismus bedrohenden Gefahren ein Urteil zu gewinnen, muß man sich vergegenwärtigen, woraus die Rauchprodukte des Tabaks bestehen. Wenn man von den weniger schädlichen unter diesen Produkten Wicht, so sind es besonders das Nikotin, die Phridinbasen, Michylamine, sowie die Blausäure und Schwefelwasserstoff, ferner
ein außerordentlich unangenehm riechendes Brenzöl, und endlich Kohlenoxhd, die als Gifte wirken, wenn sie dem Organismus in größerer Menge zugeführt werden. Das Nikotin ist bereits vorgebildet in dem Tabak enthalten, während die übrigen Produkte meist erst infolge des Rauchens entstehen; sie sind die Produkte einer trockenen Destillation. Um die Schädlichkeiten des Tabakrauches zu beseitigen, hat man versucht, das Nikotin dem Tabak zu entziehen. Hierbei zeigte sich jedoch, daß eine derartige Extraktion dem Tabak außer dem Nikotin auch diejenigen Stoffe nimmt, die das Aroma des Tabaks bedingen und beim Rauchen einen eigenen Genuß gewähren. Professor Thoms hat nun versucht, ein geeignetes Mittel zu finden, um wenigstens einen Teil der giftigen Rauchprodukte abzuscheiden. Denn von einer Gesamtbindung aller schädlichen Stoffe des Rauches kann nie die Rede sein, weil sie einmal zu verschiedenen Klassen chemischer Verbindungen gehören, um mit einem Mittel beseitigt werden zu können, und weil ferner mit ihrer völligen Beseitigung dem Raucher jeder Genuß entzogen würde, würde er doch dann in seinen Zigarren weiter nichts als etwas Wasserdampf und Kohlensäure rauchen. Als Imprägnierungsmittel für das Filter (Watte) können nur solche in Frage kommen, die erstens selbst ungiftig sind, zweitens nicht durch Verdampfen in den Rauch gelangen, drittens das Aroma des Tabakrauches nicht beeinflussen. Ein solches Mittel hat Professor Thoms in der Verwendung von faserigem Material, das mit einer Eisenoxydsalzlösung getränkt ist, gefunden, ,imt> zwar dient am besten mit Eisenchlorid imprägnierte Watte. .Thorns hat beobachtet, daß durch solche Eisenchloridwatte von der Gesamtmenge der Basen des Tabakrauches 77,8 Prozent Nikotin gebunden werden, von Ammoniak wurden sogar 86,1 Prozent gebunden. Weiter konnte der Nachweis erbracht werden, daß beim Hindurchgleiten von Tabakrauch durch Eisenchloridwatte das höchst unangenehm riechende ätherische Brenzöl und Schwefelwasserstoff gebunden, Blausäure zu ungefähr der Hälfte zurückgehalten wird. Durch dieses Thomssche Verfahren wird also die Giftwirkung des Tabakrauchs, wenn auch nicht aufgehoben, so doch möglichst abgeschwächt.
Kleine praktische Watschläge.
; Um beim Waschen wollener Strümpfe deren Filzigwerden zu verhüten, empfiehlt es sich, dieselben in nicht zu warmem Wasser mit Hinzufügung von Salmiakgeist zu waschen. Selbstverständlich muß der äußerst flüchtige Salmiakgeist bei der Anwendung vollkommen kräftig und nicht etwa verdunstet sein.
—■ Teerflecke aus weißer Wäsche entfernt man dadurch, daß man sie vor der Wäsche mit Weinsäure etwas weichen läßt und dann ausreibt; sie werden ohne dieses sonst nach der Wäsche gelbbraune Spuren hinterlassen.
— Steingut und andere Geschirre sollen sehr dauerhaft werden und ihre Glasur sehr halten, wenn man sie im neuen Zustande, noch ehe sie gebraucht werden, in gewöhnlicher, gut geseihter Lauge von Holzasche zwei Stunden lang aussiedet und darin erkalten läßt.
— Fleisch schnell weich zu kochen. Man gebe nach dem Abschäumen auf IV2 Kilo Fleisch einen Teelöffel voll Branntwein. Hartes und altes Fleisch wird dadurch wieder zart und gut.
Die Velden Dichter.
Es waren einmal zwei deutsche Poeten, Die hatten beide nicht Hut noch Frack; Drum schrieb. der eine für alle und jeden, . Im braven, soliden Famiiiengeschmack.
Der andere hat sich nach keinem gerichtet, Drum las auch keiner, was er schrieb. Er hat nur selten, sehr selten gedichtet, Nur wenn das Blut ihn dazu trieb.
Der eine war zehn Jahre in Mode, Dann hat er sich zur Ruhe gesetzt. Der andere hungerte sich zu Tode. Doch dann, dann wurde er — auch nicht geschätzt.
Karl Ettlinger. (Münchener Jugend.).
Geheimschrift.
(Nachdruck verboten.)
| — ? x — +ox ! O + (=) x O x Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Kreuzsilbenrätsels in vor. Nr.; Ra be Rabe, Rasen, Rade;
Bu sen Bube, Busen, Bude;
Ei de Eibe, Eisen, Eide.
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Cteindruckerci. R. Lange, Gießen,


