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geschieht, was nicht gut ist. Eine neue Zeit ist hereingebrochen.
„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen."
Mit dem neuen Leben kommt aber auch ein neuer Geist. Mit der Zeit wandeln sich auch die Anschauungen, und die Begriffe von recht und unrecht, gut und böse, wahr und unwahr verschieben sich mit der Zeit. Wir sind ein glückliches Volk und fühlen uns ficher und geborgen in dem festen äkm, den wir errichtet haben in ruhmvoller Zeit. Und schier vergessen sind die Jahre, wo unser Volk das Tal der Trübsal durchwandern nrußte, in der es geläutert wurde, gestärkt im Glauben, in der Demut, um aus harter Zucht gereinigt und veredelt hervorzugehen, bereit zu den höchsten Opfern und geweiht zur heroischen Tat.
Nun aber sind wir so glücklich und so satt. Mit dem Wohlstände wuchsen die Bedürfnisse und des Daseins begehrenswertestes Ziel erblicken wir im Genuß. — Wir sind ein glückliches Volk und fühlen uns sicher in unserem Besitz. — Haben wir nicht auch die neidenden Götter zu fürchten! Die Sonne, die im Sommer so hell und warm auf uns herabscheint, weckt auch den Donnerer aus seinem Schlummer, der seine Blitze herabschleudert auf die friedliche Erde. Wie oft schon, da die Menschen arglos schliefen, brach der Feind herein, das Gliick zu zertrümmern. — „Er sah die Stadt >an und weinte über sie", heißt es in der Schrift. Und vierzig Jahre später lag Jerusalem, die hochgebaute Stadt, in Schutt unb Asche. —
Doch, wir begehen ja heute keinen Bußtag, wir feiern ja das fröhliche, liebliche Fest der Maien. Mer auch an dem Pfingsttage — und besonders an ihm — wollen wir daran denken, daß der Geist ans der Höhe zu uns kommen will, uns zu reinigen von allem Bösen, uns zu heiligen zum guten Werk, den Pfad zu erhellen, wo wir im Dunkeln wandeln, und uns zu trösten, wenn wir des Trostes bedürfen.
Um der Pfingsthosfnung froh zu werde», müsseu wir auch den rechten Pfingstglauben haben. Das aber ist der Glaube an die Macht und den endlichen Sieg des Guten, das in unserem Volke lebt und noch immer wieder zum Durchbruch gekommen ist.
Die Erde lag ja auch in dem Banne eines langen, dunklen Winters. Und alljährlich, wenn ihre Zeit gekommen ist, bereitet sie sich zum tiefen Schlaf, und die weiße Decke des Todes wird über sie gebreitet, als sollte sie nimmer mehr erwachen. Mer dann kommt der Ostermorgen. Der Wind erhebt seine Stimme zum gewaltigen Weckruf und der Auferstehung Siegessang hallt jubelnd durch die erwachende Welt.
Was aber das Osterfest begonnen hat, das will das Pfingstfest vollenden. Wie unser Glaube nicht eitel war, so wird auch unsere Hoffnung nicht getäuscht werden. Die Erde hat ihr schönstes Kleid angelegt, und vom Freudenjubel hallen Berg und Tal. Die Welt ist erstanden am Ostertage, heute aber blüht sie und strahlt im goldenen Sonnenglanz. Und so dürfen wir hoffen auf ein glückliches weiteres Gedeihen. Heute wollen wir nicht Raum geben dem Zweifel und trüben Gedanken. Für alle aber, die dennoch sich bedrückt fühlen in ihrem Gemüt, gilt das Wort der Schrift: „Ich will Euch den Tröster senden." Diese Verheißung erfüllt sich heute. Doch' wir müssen bereit sein, den Tröster zu empfange». Wr müssen unsere Herzen öffnen dem Geiste aus der Höhe, der uns reinigen und heiligen will zu einem neuen Leben. Wir wolle» die Liebe einziehen lassen in unsere Herzen, jene heilige Liebe, die alles hofft, alles trägt, alles duldet und die sich auch des irrenden und fehlenden Bruders annimmt. Nicht etwa, daß wir gut heißen, was böse ist, O nein. In gerechtem Zorn gegen das Böse in den Krieg ziehen und die Sünde bekämpfen, das ist unsere Pflicht. Nicht der Sünde soll unsere Liebe, unsere Duldung gelten, sondern dem Sünder, dem irrenden und fehlenden Mit- menschen. Um dies zu können, müssen wir aber selbst rein und frei sein von allem Bösen. Und dazu will uns das Pfingstfest verhelfen.
Wenn wir so im rechten Glauben an die hohe Bedeutung dieses Festes feinen Geist in uns wirken lasse», dann wird uns auch die Hoffnung auf den schließlichen Sieg des Guten, des ewig Wahren und Schönen nicht verlassen. Aus dieser Hoffnung aber erwächst jene höhere, reinere Pfingstfreude, die nicht von außen her in die
Seelen hineindringt, sondern die aus dem innersten Herzen' heraus ihre Strahlen erhellend und leuchtend in die Welt sendet, eins zu werden mit der großen Freude, die heute die Welt durchzittert und nicht mit dem Frühling vergeht.
Wenn einst gebleicht die bunten Farben, Wenn längst verdorrt der Maien Grün, Des Lenzes heitre Weisen starben Und seine Blumen nicht mehr blühn: Der Liebe Heitger Geist wird leben u unfern Herzen allezeit.
'. oit Himmel ward es uns gegeben, uin Pfingstfest für die Ewigkeit! —i
Erich zu Schirfeld.
(Nachdruck verboten.)
Irühtingsffürme.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
2. Kapitel.
Das Kirchdorf Gill, das nicht mehr als zwei Kilometer vom Sakuthener Dampfsägewerk der Firma Lotz & Pratje entfernt war, bestand aus zwei baumbepflanzten, beim Gasthaus zum Löwen sich kreuzenden Straßen. Beide mündete» anr Wasser bei den Fähren, deren eine über den breiten Karpaßstrom führte und zur Fahrt nach Ußditten benutzt ward, während die andere, die über die Strehme, den Verkehr mit dem Eschenberger Mündungsdelta vermittelte.
Doktor Hermann Zupitza war bei Nacht in Gill angekommen. Als sei» Wagen noch mit ein paar anderen Gespannen auf die breite Fähre rollte und die Ueberfahrt über die rauschende Flut des Karpaßstromes im geheimnisvollen Licht der Mondsichel vor sich ging, hatte ihn das Bild dieser weltabgeschiedenen Küste, die nun seine neue Heimat werden sollte, fast fremdländisch angemutet. Er war zwar von Hause aus Altpreuße, die Häuslichkeit seines Vaters, der höherer Postbeamter gewesen war, hatte aber so zahlreiche Wanderungen durchs Reich durchgcmacht, daß ihn sein Heimatsgefühl überhaupt nicht an eine bestimmte Gegend fesselte.
Die Fährleute sprachen litauisch, am Ufer des Deltas harrte eine armselig-bunte Gruppe russischer Erntearbeitcr, die die hochbeladenen Heuwagen nach dem Festland bringen wollten, der Ueberfahrt, auf den Flößen hockten die Dschim- ken, halb in ihre- Strohbuden verkrochen, bei de» kleinen Feuern, der klagende Ton einer Harmonika strich übers Wasser, von einem der Flöße klang der melancholische Gesang eines russischen Volksliedes an Zupitzas Ohr. In dem weißen, gespenstischen Licht wirkte das Wasser mit den weit sich hinziehenden Wiesenslächen, auf denen kaum da und dort kümmerliches Wviden- und Grlengebüsch das Ufer eines kleinen Kanals, eines Memelabflüsses oder die Grenze einer Moorvogtet bezeichnete, fast trostlos in seiner Einförmigkeit, seiner Weltverlorenheit.
Der einzige Mensch, den er auf dem Giller Delta kannte, der Amtsrichter Krappe, hatte sich zu seinem Empfange nicht einfinden können. Er war aus einer Dienstreise unterwegs. Aber wenigstens hatte er noch vor seiner Abfahrt für das Unterkommen des Freundes so gut als möglich, gesorgt. Frau Hartung, die Nichte Collenbergs, zugleich seine einzige Erbin, überließ dem Ankömmling die bescheidene Häuslichkeit und das kleine Holzgebäude, worin der alte Arzt — seit rund einem Dutzend Jahre als Witwer — gelebt hatte, zu annehmbaren Mietsbedingungen.
Doktor Zupitza kam also ohne eigene Anstrengung gleich zu einem kompletten Hausstand. Auch für eine Bedienung hatte die Frau Amtsrichter, die sich in wirtschaftlichen Dingen gern erschöpfte, schon gesorgt. Bei dem Antrittsbesuch, den Zupitza der rundlichen jungen Frau abstattete, versprach sie ihm sogar, daß sie sich in der nächsten Zeit der litauischen Magd noch persönlich annehmen werde.
Während der Doktor auf seinen Rundfahrten weilte, kam die Frau Amtsrichter denn auch richtig in Morgenhäubchen und Wtrtschaftsschürze zur Inspektion in die Nachbarküche herübergeflitzt. Das war mehr als ihm eigentlich lieb sein konnte.
Als er am zweiten Tag ziemlich spät von seinen Pa- tientenbesuchen zum Mittagessen heimkehrte — das die Magd unter der strengen Oberaufsicht nicht ohne Herz-


