1904.
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Wer leiht dem Geiste Zanberschwingeu, Wer sprengt den Bann, der ihn umhüllt, Um jubelnd es hinauszusingen, Was doch die Seele ganz erfüllt?
Aufjauchzend will das Herz sich weiten Der Welt voll Duft und Sonnenschein, Und tönend klingt's aus goldnen Saiten: O Mensch, die ganze Pracht ist dein!"
O Mensch, die ganze Pracht ist dein! So klingt und singt und jauchzt es allüberall! Die Sonne lacht es uns vom blauen Himmel zu und die Vögel im Walde singen es. Du hörst es im Ruf des Kuckucks und im Summen der Biene, die von Blüte zu Blüte eilt. Laut künden es die Glocken von den Türmen, und die weite, leuchtende Flur haucht es dir zu in dem Duft taufrischer Blumen. Am lautesten sagt es dir das eigene Herz, das erfüllt ist von der Freude des lieblichen Festes.
„Ja, „wunderschön ist Gottes Erde und wert, darauf ein Mensch zu sein". Doch nicht nur der Mensch ist erfüllt von der F«ude des Daseins, sondern die ganze Natur singt den Hymnus der Freude. Felder und Wäldw prangen rn ihren herrlichsten Gewändern. Die Blüten lachen dem Leben entgegen und alle Kreatur atmet freudig des Frühlings belebende Luft.
Und da sagen sie, die Welt wär' ein Jammertal und der Mensch darin das beklagenswerteste Geschöpf. Etliche, die sich nicht darin zurechtfinden können, gehen freiwillig von hinnen. Vielleicht hat ihren Seelen nie ein Pfingstfest geblüht und ihre Augen sahen wohl nicht des Schöpfers Hand, die auch ihnen den Tisch gedeckt hatte und sie geführt haben würde zur Quelle des Glückes und der Freude. Andere aber verschließen sich der Freude, weil sie Gott besser zu dienen glauben, wenn sie sich abwenden von der Freude und ihr entsagen mit ernstem Gemüt. Sünde ist ihnen die Freude, erfunden von dem bösen Geiste, die Menschen zu bestricken und zu verführen zu böser Lust und stnh eilig em Wesen!
Welch ein Irrtum! Welche Verkennung der Absichten des Schöpfers! Warum erglänzt denn die Welt im Sonnenlicht? Damit das Erschaffene lebe, blühe, gedeihe! Und warum prangt die Flur in tausend Farben? Daß wir uns freuen der Schönheit der Natur! Und warum hat der Schöpfer seinen Tempel erbaut so hoch, so gewaltig, so voll Pracht und Herrlichkeit? Daß wir Gott erkennen ernen in seinen Werken und voll Dank zu ihm empor- chauen in Hoffnung und Vertrauen und uns getrösten einer Macht, die nicht verderben läßt, was sie liebend chuf. Und aus der Freude am Zeitlichen erblüht die Hoffnung des Ewigen, die uns durch das Leben führt mit ihrer starken Hand.
Und so ist es denn auch keine Siinde, fröhlich zu sein
mit den Fröhlichen. Nicht ein Werk des Bösen ist die Freude, sondern eine Gabe vom Vater des Lichts, der die Erde segnet mit allem Schönen und Guten, nicht, daß wir sie verachten, sondern daß wir sie genießen in rechter Weise und reinen Herzens.
Doch — warum freuen wir uns des Festes?
Wir schmücken unsere Häuser mit der Birke jungest Zweigen. Wir kleiden uns in helle Farben und auf unfern Hüten prangen Laub und Blumen, wenn wir hinauszogen in Wald und Feld.
Die Jugend trinkt der Freude Becher, den ihr das Leben kredenzt. In der verjüngten blühenden Erde sieht sie ihr eigenes Bild und genießt die Freude unbewußt, um der Freude willen, weil sie nicht anders kann. Sie jubelt dem Leben entgegen wie der Vogel im Walde, der sein Lied singt, weil er nicht anders kann.
Und das Alter genießt die Freude auch, aber mit Bewußtsein, mit Bedacht. Wehmütiger Erinnerung voll denkt es der eigenen Jugend, die so schnell dahin ging, so schnell, wie auch dieser Frühling verblühen und vorübergehen wird.
Ja, vergänglich ist die Zeit, die dahin geht und nimmer wiederkehrt: Vergänglich ist der Lenz, und seine Blumen welken schnell dahin. Vergänglich ist die Jugend und das Leben, und ehe wir es denken, ist alles verblüht.
Warum also die Freude an etwas, das wir nicht halten können, und das uns, kaum erkannt, schon wieder enteilt.
Ach, es ist das Vergängliche nicht, das uns frommt. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis". So ist unser Erdenfrühling nur ein Gleichnis, das Bild eines ewigen Frühlings, dessen Ahnung wir im Herzen tragen, wenn wir sie nicht mit Gewalt daraus vertreiben.
Wer über diese lachende schöne Welt hinaus sehen kann in die unsichtbare Welt, wer ihren Frühling in seinen! Herzen trägt, der wird ein stetes Pfingstfest feiern. Sein Haus ist immer geschmückt mit der Maien glänzendem Grün und seine Seele ist erfüllt von dem Sonnenglanze eines istrmerwährenden Frühlings. Unser Pfingsten ist ja nicht nur das Fest des Lenzes und der weltlichen Freude, es ist mehr: es ist das Fest des Geistes!
Wenn in den Kirchen der fromme Gesang erschallt: „Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein, und laß uns deine Wohnung sein!" dann wollen wir einstimmen in dies Gebet, denn wir haben es nötig, wenn wir nicht untergehen wollen in dem Strudel unserer Zeit mit ihrer Jagd nach dem Glück, mit ihrer Sucht nach Genuß, mit ihren Kämpfen und Leidenschaften, ihren Wirren und Irrungen, die unfern innern Frieden bedrohen, das einzige, das höher ist, als -cfie Vernunft. Wenn wir offenen Auges uns umsehen in der Welt, dann will uns oft fast der Mut sinken, daß wir ausrufen möchten: „Herr, es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt." Mit Recht freuen wir uns unserer Fortschritte und Erfolge. Und dennoch fallen in unsere sonnige Wielt tiefe Schatten und so vieles


