Ausgabe 
21.3.1904
 
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weißen Nebel, dann fühle ich, daß allein der Branntwein mich vor der Verzweiflung retten kann. Lin bloßes Ver­sprechen ist nicht mächtig genug, die Versuchung von mir fern zu halten. Die Hand einer hübschen Frau allem. . . Deine Hand könnte mir helfen."

Nein, ich kann es nicht", erwiderte idji kalt. Mir waren verschiedene Fälle aus der Kinderzeit, wo er mich in ähnlicher Weise ungefleht und dann betrogen hatte, plötz­lich eingefallen.

Liebe, gute Pam", er schluchzte letzt lautTu hast mir doch früher auch schon geholfen ... es rst Deme Pflicht, mich zu retten. Du bist meine letzte Hoffnung . . . Maxwell hat mir dreitausend Rrrpien versprochen, damit ich meine Schulden bezahlen kann, und so wollen wir jetzt ein schönes neues Leben beginnen. Wenn Du mich aber verläßt, bin ich dem Unheil verfallen ... ich weiß es."

Er ließ sich aufs Sofa fallen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und brach in ein Weinen aus wie ein Weib, nur tausendmal schlimmer. Es war ein peinlicher Anblick.

Du kannst mich nicht verlassen . . . mein ganzes Leben steht aus dem Spiel", stammelte er endliche

Und hat mein Leben keinen Wert? Was für ein Recht haben Sie an mich? Nicht einmal das der Liebe, denn Sie lieben mich nicht. Ich aber will noch eher für Tagelohn auf dein Felde arbeiten, als Ihre Frau werden.

O Pam, das kann Dein Ernst nicht sein! Sage so etwas doch nicht. . . . Daß ich Vorwürfe verdiene, weiß ich ja wohl." y

Ja, Sie und Ihre Mutter; in erster Linie aber mache rch mir selbst Vorwürfe", unterbrach ich ihn.In meinem romantischen Sinn habe ich Ihr Bild verschönert, Sie mit allerlei guten Eigenschaften ausgestattet und die Erinner­ung an Ihre frühere Trägheit und Ihren Leichtsinn erstickt. Ihre falsche Photographie und Ihre falschen Briefe haben das übrige getan. Mit dem Gesicht des einen Mannes und dem Gefühl eines andern lockten Sie mich her. Beides haben Sie gestohlen und als Ihr Eigentum ausgegeben. Sie find ja ein Dieb!"

Dieb!" -Er fprang auf.Doch heiße mich, wie Tu willst! In der Liebe ist wie im Krieg jede List erlaubt. Um Deinetwillen tat ich es. Als Deine Briefe ihren kühlen, freundschaftlichen Ton beibehielten und ick) zu keinem 'Ende mit Dir kam, da schickte ich Dir Maxwells Photographie. Ich dachte mir wahrhaftig nichts Schlimmes dabei. sieht mir ja so ähnlich nur ein wenig hübscher ist er, und so hoffe ich, ein etwas geschmeicheltes Bild von mir werde vielleicht die Wagfchale zu meinen Gunsten sinken lassen und Dich zum Jasagen bewegen. Tu hast auch Ja gesagt, und ich verlange jetzt, daß Du Tein Wort hältst. Am Samstag lassen wir uns trauen. Bedenke doch nur den Skandal und Lizzies Vorbereitungen! Du kennst Tizzie noch nicht, sie läßt Dich nicht mehr los."

Das wollen wir doch sehen!" rief ich nachdrücklich

Warte nur, bis sie die Schleusen, ihrer Beredsamkeit vor Dir öffnet!" Etwas wie ein höhnischer Triumph fun­kelte aus seinen Augen.

Sie wird misch niemals zu einer Heirat mit Ihnen überreden können", antwortete ich stolz.

Nein, das will ich schon selbst besorgen!" Er drängte sich plötzlich näher zu mir heran.Komm, sei meine, liebe, gute Pam und gib den Eigensinn auf. Die Heirat ist für Dich ebenso von Vorteil wie für mich . . ." Und ehe ich,es mich versah, lag er mir zu Füßen und hielt mich am Kleide fest.Hier aus den Knieen bitte ich Dich um Vergebung. Was kann ich noch mehr tun? Komm, hör' auf zu zürnen sprich etwas, Pam, ich flehe Dich an."

Ja, ich will sprechen, und zwar mein letztes Wort: Leben Sie wohl!"

Damit riß ich mein Kleid aus seinen Händen und verließ hastig das Zimmer. Ich sah nur noch, wie er schwerfällig und mit einem leisen Fluche sich erhob. Mll diesem Eindruck schied ich für immer von Watty Thorold.

Unverzüglich eilte ich in mein Zimmer. Wer, welcher Anblick bot sich mir da! Lang auf dem Bette ausgebreitet gleich einer toten Braut lag mein weißes Atlaskleid mit Kranz und Schleier, währerw von den vier Pfosten des Moskitonetzes noch vier andere elegante, grün und weiße Toiletten, die meiner Brautjungfern, herabhingen. Aber die Braut war tot, und die Brautjungfern mußten ihres Amtes entsetzt werden. Auf einem der Tische lagen die schönsten Hochgeitsgeschenke meiner Verwandten und Bekannten, die

ich mttgebracht hatte, ausgebreitet, und Chaiselongue und Stühle hatten zur Ausstellung meiner Hüte und Kleider herhalten müssen.

Endlich gelang es mir, einen Stuhl fr er zu machen, auf den ich mich niederließ. Vor kurzem hatte es zwölf Uhr geschlagen, Dulia war also beim Mittagessen und rch zum Glück allein. Wie würde der nächste Auftritt verlaufen? Eine kurze Frist blieb mir wenigstens noch zum Atemholen. Wie hatte ich nur annehmen können, der schwache, schlaffe Watty würde sich innerhalb sechs Jahren von Grund aus verändern? Nicht nur keine Liebe, sondern einen wahren Wscheu empfand ich jetzt gegen ihn. Nein, er hatte den Er­wartungen, die ich auf ihn gesetzt, in keiner Weise ent­sprochen. Einem schwerere Irrtum war ich zuM Opfer ge­fallen, der seinen Schatten vielleicht aus meine ganze Zu­kunft warf. Jetzt aber hieß es vor allem Verstand und Ruhe bewahren, um mutig einem neuen Leben entgegen­gehen zu können.

Plötzlich wurde hastig die Tür geöffnet, und sichtlrch erregt trat Tizzie ein. Der mir von Watty angedrohte Augenblick war also gekommen; sie beabsichtigte, mit mir zu reden! r

Was hat all diese Aufregung zu bedeuten?" fragte sie scharf.Watty M in mein Privatzimmer eingedrungen, nachdem er vorher ein großes Glas ungemischten Whisky hinuntergestürzt hatte. Er ist seiner Sinne kaum mehr mächtig und behauptet. Sie hätten sich rundweg geweigert, ihn zu heiraten. "

Atemlos hielt sie inne und wartete auf eine Antwort.

Ja, ich weigere mich, ihn zu heiraten!"

Und dann kamen gleich einem wild dahinstürzenden glühenden Lavaftrome die Worte der Empörung und An- llage von meinen Lippen.

Uebeweglich, mit einem eigentümlich ernsten Gesichte stand Tizzie vor «ir und hörte mir bis zu Ende zu. Dann setzte sie sich und sagte in überraschend freundlichem Tone:

Noch niemals in meinem Leben ivar ich so verblüfft, als wie ich. Sie zum ersten Male sah. Ich sagte mir so­fort, daß irgend ein Mißverständnis obwalten müsse. Klein, unbedeutend, anspruchslos und schüchtern hatte ich mir Wallys Braut vorgestellt, Sie aber sehen aus wie eine Aristokratin und sind ein gebildetes, begabtes, tatkräftiges Mädchen. Da hatte Tante Gussie natürlich wieder die Hand im Spiel."

Tante Gussie? Wieso?"

Weil. . .Ich will Ihnen nur die Wahrheit sagen", fuhr sie in einem aufrichtigen Tone fort.Wally ist näm­lich schon vor längerer Zeit auf Wwege geraten. Mr alle müssen uns seines Betragens schämen. Nachdem er dann aus mehreren Stellungen entlassen war, sind seine Streiche schließlich auch Tante Gussie zu Ohren gekommen?"

Welche Streiche?"' fragte ich, obwohl mir dies alles ja jetzt gleichgiltig sein konnte. '

Ach, Sie wissen, wie die Männer sind", lautete die verächtliche Antwort.

Nein, das weiß ich wirllich nicht."

Nun, er hatte sich mit -einer Kutschertochter einge­lassen, einer gemeinen, frechen Person, die ihn so sehr in ihre Gewalt bekam, daß er drauf und dran war, sie zu heiraten. Tante Gussie erfuhr es noch beizeiten, war aber natürlich rasend und legte sofort einen Hemmschuh an. Ja, sie hatte eine Zeitlang sogar die Wsicht, selber hierher zu reisen, statt dessen aber schickte sie nun Sie."

.Eine rechte Ehre für mich, das muß ich gestehen!"

Watty bedarf einer festen Hand. Ihm fehlt jegliche Selbstbeherrschung, und eine brave, tatkräftige Frau allein konnte ihn noch vom Untergänge retten. Ein hübsches, alleinstehendes Wachen sollte es sein. Voll Verzweiflung schaute Tante Gussie nach einem solchen aus, bis sie ihrem Sohne endlich in Gestalt Pamela Ferrars' eine Rettungs- Planke zuwerfen konnte. Sie erschienen ihr als die rich­tige Frau für Wally, um ihn aus dem Schmutz in bessere Bahnen zu lenken."

Bettogen, schmählich betrogen hat man mich!"

Ich gebe es zu", -erklärte TiMe ruhig.Tante Gussie hat Sie hintergangen und Ihnen Sand in die Augen ge- slleut, das war unrecht. Aber nun sind Sie einmal hier und müssen ihn natürlich heiraten. Alle Vorbereitungen find getroffen, die Gäste haben zugesagt, und schließlich ist eine Vernunftheirat noch lange nicht das Schlimmste. Daß, Sie Watty umbilden und lenken können, wie Sie wollen, üMen