1904
OäBtf
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(Nachdruck verboten.)
Im Aakali der Aajah.
Roman von B. M. Croker.
Genehmigte Uebertragung von A. Vischer
(Fortsetzung.)
Ich ivurde von dieser Offenherzigkeit tatsächlich nicht im geringsten erregt. Dies war ganz der alte, gutmütige, die eigenen Fehler stets entschuldigende Watty, mit dem einzigen Unterschied, daß sich die kleinen Schwächen des Knaben beim Manne zu niedrigen Charakterfehlern entwickelt hatten. Welch, andere Empfindung als Verachtung hätte ich für diesen Mann hegen können?
„Die Alte schlug mir nun vor, sie wolle mir ein nettes, hübsches, lustiges Mädchen ausfindig machen, das weder an Geselligkeit noch Luxus gewöhnt ist. Ihre Wahl fiel auf Dich . . . und hier bist Tu!"
„Ja, hier bin ich allerdings."
„Du wirst schon sehen, was für ein famoses Leben wir mit einander führen werden. Millionenmal hübscher bist Tu, als ich erwartet hatte; Tu wirst alle anderen Frauen in den Schatten stellen. Was werden die Leute sich wundern, daß ich zu einem solchen Juwel komme! Wie werden sie staunen, wenn sie Dich sehen!"
„Ja, und besonders, wenn sie mich nicht mehr sehen", murmelte ich halblaut.
„Unsere nächsten Nachbarn sind nur eine Viertelstunde von uns entfernt. Ich werde Dir einen Pony halten; ein guter Kerl bin ich ja immer gewesen. Auch das Geld sollst Tu in Verwahr bekommen und hübsch die Hausfrau spielen dürfen."
Ich, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Dann aber huschte mir ein anderer Gedanke durch, den Kopf.
„Und Ihre Briefe? Wie kommen Sie dazu, mir solche Briefe zu schreiben? Sie erwähnten das Trinken ja mit keiner Silbe."
„Ach, die Briefe!" !®r lachte wieder. „Waren die nicht pyramidal? Da ich nun schon einmal Geständnisse mache, will ich Dich auch darüber aufklären. Soll ich?"
„Ja, ich bitte darum."
„Tie Briefe waren allerdings Piksein!" Er rieb entzückt die Hände. „Rutherford hat sie geschrieben. Der Bursche teilte das Zimmer mit mir; er war verlobt, aber das Mädchen ließ ihn sitzen und schickte ihm alle seine Liebesbriefe zurück. Die Geschichte ging ihm fürchterlich nahe. Nutnagherry ist nämlich, ein gottverlassener, trostloser Ort, besonders zur Regenzeit, und als ich eines Morgens auf die Veranda trat, sah ich daß er sich an einem Steigbügelriemen aufgehängt hatte."
„Ter arme Mensch! Ich kann es begreifen."
„Als ich dann später seine Sachen durchsuchte", fuhr Watty geschwätzig fort, „entdeckte ich seine Liebesbriefe. Er
hatte all die Gefühle seines heißen, verliebten Herzens dem Papier anvertraut, und ich suchte mir nun die hübschesten Stellen aus, schrieb sie ab und sandte sie Dir. Ich bin nun mal kein Briefschreiber, die schönen Worte aber drückten genau meine Empfindungen aus. Verstehst Du nun ?"
„Ja, allerdings ich verstehe. . . endlich verstehe ich!" rief ich leidenschaftlich;. „Aber besser spät als nie!"
„Ah, das war wieder die alte Pam! Aber wozu Dich in Zorn reden? Schon sind die Eheketten um Dich geschlungen, da gibt es kein Entrinnen mehr", sagte er mit häßlichem Lachen.
„O doch!" Ich sprang auf und schritt ungestüm hin und her.
„Aber Du hast ja kein Geld, mein Schätzchen, überdies keine einzige bekannte Seele im ganzen Land!" wandte er ein, indem er immer hinter mir herging. „Dutzende von Mädchen würden mit Freuden an Deine Stelle treten. Bedenke es doch nur! Und wenn Du Tizzies Pläne zerstörst, so wird sie höllisch unangenehm, meine Liebe! Du hast die Brücken hinter Dir abgebrochen. Tu kannst nicht mehr zurück und zwei Familien trotzen. Hier in Indien ist erst recht kein Ort für ein hübsches, mittel- und obdachloses Mädchen; Tu mußt Dich nun schon Wohl oder übel in mich zu finden suchen."
„Nein, das muß ich. nicht!" entgegnete ich heftig.
„Wohin wolltest Du denn dann Deine Zuflucht nehmen?" Etwas wie Hohn klang durch seine Stimme.
„Zum Steigbügelriemen", versetzte ich höhnisch.
„Um Gottes willen, Para, so sei doch nur vernünftig!" „Außerdem bin ich in Indien nicht ganz ohne Freunde."
Eine lange Pause folgte. Diese Mitteilung kam ihm offenbar unerwartet. Voll ungläubigen Staunens starrte er mich an. Endlich, begann er weinerlich:
„Stoße mich doch um Gottes willen nicht von Dir. Heirate mich, und rette mich vor mir selbst."
„Mir liegt weit mehr daran, mich vor Ihnen zu retten!"
„O höre auf mich, Pam! Und schau mich doch! an! Du weißt ja doch, da!ß Du mich von jeher um den Finger Wickeln konntest. Du allein bist im stände, mich von meiner schrecklichen Leidenschaft zu befreien. Als ich Dein liebes, reizendes Gesichtchen auf dem Gruppenbild sah, da sagte ich mir: Das soll mein Schutzengel werden. Tu warst von jeher so bestimmt und entschieden. O Pam, Pam, Du wirst mich doch nicht int Stich lassen wollen?"
Tränen stürzten ihm ans den Augen, aber ich antwortete fest:
„Ja, das will ich Warum treten Sie nicht beit Temperenzlern bei?"
„Ach, weil es doch keinen Wdrt hätte. Wenn ich des Wends allein in meiner Stube sitze und höre, wie der Regen auf das Zinkdach niederfällt, oder wenn ich zum Fenster hinausschaue und nichts sehe als einen dichten.


