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einer Möglichkeit nur aus der Entfernung kokettiert, nun es aber wirklicher, wahrhaftiger Ernst werden sollte, wurde ihr doch furchtbar ängstlich zu Mute. Sie sah nichts als Blut vor den Augen, und um das Schreckliche so lange als irgend möglich hinauszuschieben, rief sie die Davon- sttirmenden flehenden Tones zurück.
„Hilfe, Hilfe!" schrie nun Erna im höchsten Diskant, und als die mutbeseelten Jünglinge daraufhin doch zurückkehrten, stürzte sie sich ihnen, um ja nicht ihre Herzensangst zu verraten, todesmatt in die Arme und heuchelte eine veritable Ohnmacht.
Ihr gellender Aufschrei hatte aber unglücklicherweise auch deu Herrn Pfarrer, der noch auf ihren Papa wartete, herbeigelockt.
„I der Donner, Sie sind ja-eine recht nette Fliege", fuhr er polternd dazwischen,
Im Nu hatte sich Erna von ihrer Ohnmacht erholt, und tief beleidigt protestierte sie:
„Ich bin keine Fliege, das verbitte ich mir!"
Er nahm sie bei der Hand, damit sie ihm nicht wie vorhin ausrücke, hielt sie einen Schritt von sich ab und musterte sie schtnunzclnd von oben bis unten.
„Und so ein Guckindiewelt verbittet sich etwas!" spottete er kopfschüttelnd, „na warte, mein Kleinchen, wir wollen erst. . ."
„Fräulein Erna ist weder ein Guckindiewelt, noch ein Kleinchen, sondern eine Dame", nahm sich Dinko ihrer ritterlich an.
„Du, mein Junge, hältst den Schnabel", wies ihn der Pfarrer grob zurecht und dann wieder seine Anfmerksamkeit Erna zuwendend, die sich vergebens von ihm zu befreien suchte, sagte er, seine Lachlust nur schwer bemeisternd: x,Na, die Frau Mama, die so sehr für ihr Hühnchen zittert, sollte nur wissen, wie es von selbst aus einem Arm in den anderen flattert — das würde ihr sicherlich eine riesige Freude machen!"
Erna hätte ihm vor Wut die Augen auskratzen können. „Ich weiß allein, was ich zu tun und zu lassen habe!" trotzte sie und warf ihm einen Blick zu — einen Blick, der ihn, wenn er nur einen Funken Taktgefühl befaß, tödlich treffen mußte.
Dieser Halbwilde, dieser Barbar, ließ sie aber nicht nur nicht los, sondern umspannte ihr Handgelenk noch fester und mit eisiger Stimme sagte er:
„Nun, dann wollen wir doch gleich zur Mama gehen nnh sie fragen, ob sie derselben Meinung ist?"
(Fortsetzung folgt.)
Are Wolkskunst-Ausstessung auf dem Koßcrodskopf.
Bon Ernst Freundlieb, Pfarrer zu Ulrichstein.
ro Fa, es fand sich auch das eine oder andere Stück, bei dem der Baua, in der Mitte, oder auch noch etwas mehr nach dem oberen Nande hm, etwa nach Art antiker oder altgermanischer Gefäße ziemlich scharf nach außen hin geknickt erfchien. Tie Henkel oder Ohren pflegten in der Regel au der der Zotte gegenüberliegenden -Leite angebracht zu sein, doch kam's auch vor, daß sie im rechten Winkel zu der Richtung der Zotte seitlich angeordnet waren. — Mannigfaltiger fast als in den Forinen wareii aber die ausgestellten Arbeiten in ihren Farben. .Es waren blaue, grüne, hell- und duncklbraune, asst schwärzliche daneben gan zweiße, auch gelbe und rote, .einfarbig gehaltene (und ornamental verzierte), aber auch ebenso schöne bunte, grün oder blau gesprenkelte und stupfte, .besonders aber hübscke rot, weiß und blau incinander- ?c3lo'<m ^Puren (ohne ornamentalen Zierrat) vorhanden. Tie- selbe . Mannigfaltigkeit wies wiederum der ornamentale Schmuck an sich m Farben wie in Mustern auf. Zwar fehlten die eiaent- Uchen Sckmorkelornamente, die ich besonders schön an Arbeiten des Hafners Konrad Bauer (z. .SB. in flotten blauen und weißen Ringeln und Strichen an einem hübschen schwarzen Teckel- napfchen, oder auch in blauen, grünen, roten Zierungen, — Punkten, Strichen, Ranken — auf gelber, in schwarz und grün «ut rot und weiß uutermißhten Zeichnungen auf b l a u e r Glasur) gesehen habe, auf der Ausstellung so gut wie ganz. Besonders sein war em ganz kleines schwarz glasiertes bauchiges Töpfchen mit seitlich angebrachtem Ohr, das als einzigen Zierrat am oberen Rand ein feines Kränzchen weißer mit einander abwechseln- «r Punltchen und etwa doppeltkommaförmigen Zäckchen trug. ■ ^11ce y^llbraune Kanne zeigte etwa im oberen Drittel ihrer einfach gebauchten Form rings einen Kranz von großen, weiß und grün mit dem Braun des Untergrunds ineinandergeflossenen, ungefähr pfauenfederaugeähnlichen Ringeln, deren Zwischenräume nach unten hin mit flotten weiß in braun zerflossenen
Schnörkeln abgeschlossen waren; ein Stück von feiner Wirkung! — „Echt" wirkten auch besonders einige hübsche Blumen- und Phantasie-Blumenstücke. Stuf dem Bauch einer dunkelbraun glasierten Kanne, deren abgesetzter Hals mit einem feinen Kränzchen paarweise angeordneter hellbrauner Blättchen geziert war, sah man in Grün, Gelb und Rot einen einfachen aber außerordentlich flotten und wirksamen Blumenstrauß, von zwei großen tulpen- und einer malvenähnlichen Blume gebildet. Kleinere schwarz glasierte Töpfchen zeigten hübsche Farrenkräuter - ßrnantente: Zwei Farrenkrautblätter (weiß) zwischen drei in Grün und Blau und Rot gehaltenen Blumen und Blüten angeordnet. Bon lieblicher Wirkung war ein weißglasiertes Töpfchen mit seitlich angebrachtem Ohr und hübscher saust geschtmmgener Form, auf dem in Grün und Rot und Blan ein Sträußchen angebracht war, fast möcht' ich sagen: duftig anzusehen. Allerliebst wirkten ferner auf einem dunklen Teckelnäpfchen zwei große Margeritenblüten. So >var auch da ein hübsches, tiefdunkelbraunes Töpfchen mit drei oder vier über den Umfang hin verteilten Maiblümchenstauden und ein noch etwas kleineres und sehr formschönes, tiefblaues Töpfchen mit einer ähnlich angeordneten grünen Phantasie-Blätter- pslanze mit je zwei weißen Blütentupfen. Hübsch machte sich auch.. endlich eine hellbraun: und grün gehaltene Eichenlaubranke, die über den toeiten Bauch eines schwarzglasierten größeren Topfes gezogen war. — Neben diesen ausgesprochenen Pflanzenornamenten waren aber ferner^ auch Sachen mit ganz frei ornamentalem schmuck zu finden. So Stücke mit einem einzigen größeren oder auch mit mehreren kleineren auf den ganzen Umfang verteilten, Weitz und bunt getupften rautenförmigen Sternen, oder andere mit. über die ganze Oberfläche verteilten oder auch nur über den größten Umfang hin zu einem Kranz geordneten getupften buntfarbigen Blüten und Aehnlichem mehr. Hübsch wirtke ein Banm- stich-Mufter, das in Blau auf tveißer oder auch in Hellbraun auf dunkellbrauner Glasur, .besonders auf Heineren halsig gebauchten Töpfchen über den größten Umfang hüigezogen zu sehen war. Sehr, hübsch nahm sich auf einigen größeren einfach ober auch gleichfalls halsig gebauchten Töpfchen ein Blau auf Weiß oder auch Weiß auf Schwarz.und Braun getupftes regelmäßiges Welleu- linienornament aus mit zwischen den Hebungen und Senkungen eingeordneten Wedeln, die im ersteren Falle, wie die Linie selber, blau, im zweiten Falle grün gehalten waren. Namentlich das letztere Stück war von feiner Wirkung, und ganz besonders fein wirkte auf einem braun glasierten Töpfchen ein ähnliches Ornament, bei dem die Schwingungen der Wellenlinie starker und an den Uebergängen von Hebung und Senkung allemal durch große kirschrote. Tupfen unterbrochen waren. — Kurzum, es war bei aller Schlichtheit ein buntes, formen- und farbenreiches Bild, das sich dem aufmerksamen Betrachter bot. Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Wahl der Farben wohl durchweg gut genannt werden mußte, daß insbesondere die Farben des zeichnerisch flotten ornamentalen Schmucks der Farbe des Unter» grundes gegenüber m t sicherem Geschmack gewählt erschien n und daß von ein e Tissonanz, von „schreiender" Wirkung der Farben wohl nirgends die Siebe sein konnte. Tie Ausstellung bot mit ihren Sachen das erfreuliche und erfreuende Bild einer schlichten, aber echten, von der tastenden Unsicherheit unserer Zeit noch nicht ernstlich gestörten, altüberlieferten Handwerkskunst.
An Kinderspielsachen war von den Lauterbacher Häfnern nur Weniges zur Ausstellung gebracht, fast ausschließlich Mädchen- spielsachen: Töpfchen, .Tellerchen, Urnen und Väschen, meist einfarbig Braune Sächelchen, die sich aber durch große Formschönheit vor den bunteren und vielleicht mehr in die Augen leuchtenden Alsfelder Mädchenspielsachen anszeickmeten. Tierfigürchen und ähnliche Sachen, mit denen Alsseid zwar auch nicht so vollständig, .wie reich an der Stückzahl, aber doch gleichwohl glänzend vertreten war, .fehlten von Lauterbach fast ganz. Die Sachen werden, wie ich hörte, .eigentlich nur in der Weihnachtszeit gemacht, wo sie. zuweilen auch von den Kindern im unterhaltsamen Spiel angefertigt werden sollen. Auch in Alsfeld werden die Sächelchen vom Häfnermeister Heinrich Etling V. hauptsächlich wohl in der Winterzeit und ost, wie ich mir habe sagen lassen, abends am Familientisch geformt und angefertigt. Diese klein« Notiz zur Geschichte ihrer Entstehung scheint mir für die Betrachtung .dieser Dingelchen nicht uninteressant. Ast's doch, als ob so etwas wie ein Schimmer von Kindersröhlichkeit und Familienbehaglichkeit über den Sachen läge und aus ihren drolligen Formen widerstrahlte. Die Sachen sind einfach köstlich. — Man kann ja das Kleine nicht ohne Weiteres mit dem Großen vergleichen. Gleichwohl möchte ich sagen: es bleibt in diesen Sachen etwas von derselben frohen oder besser fröhlichen Schöpferlust wie in den besten Sachen unserer Bolkskunstschnitzerei auch. Nur ein (freilich in feiner eigenen Weisel „sinnierender", zu Spaß und Laune aufgelegter Geist vermag sie, wenigstens in der Mannigfaltigkeit nnd immer wieder gleich drolligen Wohlgelungenheit, wie sie an den Sachen Etlings zutage tritt, hervorzubringen, und man darf wohl ruhig, wenn eben das Wort nicht gerade böswillig mißgedeutet werden soll, im Blick auf sie von kleinen Volkskunstarbeiten reden. Es spricht sich Individualität, Persönlichkeit, in diesen Sachen aus. Und so viel ihrer auch nach Handwerksgebrauch mit dem bildsamen Thon zu hantieren verstehen mögen, gerade f o bringt die Dingelchen doch kein anderer wieder hin, — mag er auch in seiner Weise vielleicht gleich


