Ausgabe 
20.7.1904
 
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Erich reagierte absichtlich nicht darauf, sondern fuhr fort:

,Und was die Sprache anbelangt, so kommen wir mit unserem Deutsch ganz gut weiter. Wer irgend Anspruch auf Bildung erhebt, spricht oder versteht doch wenigstens deutsch sogar die Bauern, die es während ihrer militäri­schen Dienstzeit notdürftig erlernt haben und sich darauf, wie ich selbst zu beobachten Gelegenheit hatte, nicht wenig einbilden."

Und wir werden sie weiter bilden"", erklärte Erna mit Aplomb,ich habe das Reifezeugnis und werde zeigen, daß ich das Gelernte auch zu verwerten verstehe."

Halt den Schnabel und rede nicht in alles brein'' wies sie der Vater, dem leider jedes Verständnis für ihre höheren Ziele abging, zur Ruhe.

Beleidigt schrumpfte sich Erna in ihrer Ecke zusammen und zog die Kniee fast bis zum Kinn hinauf, ivofür ihr wieder von Mama ein Tadel wegen unschicklicher Manieren zu teil wurde.

Das war heute entschieden ein Unglückstag für sie, der, wenn nicht ein besonders günstiger Zufall dazwischen trat, noch ein recht böses Ende nehmen konnte!

Und diesen Zufall herbeizuführen, gab sie sich fortan die redlichste Mühe.

Bei der Haltestelle rückte sie jetzt ganz wie von unge­fähr vom Coupofenster ab, um den Anschein zu erwecken, als ob noch hinlänglich Platz wäre. Sind Fremde hier kalkulierte sie dann müssen sich die Eltern zusammen­nehmen, dann können sie mir höchstens mit den Augen drohen, und das ist nicht weiter schlimm.

Bei der dritten Station wäre ihr ihr schlau angelegter Plan beinahe gelungen, wenn nicht der Vater mit einem niederschmetterndenSehen Sie denn nicht, daß hier schon voll ist!" dem Einsteigenden schnell die Lust benommen hätte, in solch äußerst liebenswürdige Reisegesellschaft zu ge­raten.

Von da ab mußte sich aber die ganze Familie bei den Haltestellen vor die Tür postieren, und der Herr Major warf über die Häupter seiner Lieben hinweg solch drohende Blicke nach dem Bahnsteig, daß jedweder weitere Belästigungs­versuch unterblieb.

In ihrer Verzweiflung stürzte sich Erna in die abgrün­digen Rätsel des Kursbuches und nahm sich fest vor, keinen einzigen Ton mehr von sich hören zu lassen.

(Fortsetzung folgt.)

Uelrarca.

Zu seinem 600 jährigen Geburtstage (geb. 20. Juli 1304). Von Eugen Isolani.

Wenn man von Francesco Petrarca, welcher heute vor sechshundert Jahren, am 20. Juli 1304, .in Arezzo geboren wurde, spricht, so geschieht es zumeist als Jjon demSänger der Laura", von dem größten lyrischen Dichter Italiens. Aber daß Petrarca einer der bedeutendsten Geister seiner Zeit über­haupt war, daß sich jn ihm die ganze Gelehrsamkeit seiner Zeit konzentrierte und er durch sein universelles Wirken gleichsam das humanistische Zeitalter spätere Jahrhunderte eigentlich vor­bereitete und er durch seine GeiamitäUgksit somit eme der be­deutendsten Kulturmissionen in unserer modernen Zeit erfüllte, läßt' sich nicht leugnen und wird im allgemeinen weniger ge­würdigt.

Seine Episode mit Laura, deren historische Begründung übrr- gens vielfach, aber wohl mit Unrecht angezweifelt wurde, jst am bekanntesten geworden. Freilich ist sie ja eigenartig genug, um das lebhafteste Interesse der Nachwelt zu erregen.

Sein Vater, ein ausgezeichneter Mann und bedeutender Rechtsgelehrter, war aus seiner Vaterstadt Florenz politischer Umtriebe halber, zugleich mit Dante, verbannt worden und hielt sich in Avignon, der damaligen Residenz der Päpste, auf, wäh­rend seine Familie in Carprentas lebte, wo der junge Petrarca durch den ausgezeichneten Grammatiker Convenevole da Pratp der einen außerordentlich bedeutenden Einstuß aus ihn ausübte. Unterricht in der Grammatik, Logik und Rhetorik erhielt.

Dann widmete sich Petrarca in Montpellier dem Studium der Rechtswissenschaft und nachher in Bologna. Folgte er hier­mit dem ausdrücklichen Wunsche seines Vaters, so kam er nebenbei noch durch eifrige klassische Studien der eigenen Neigung nach.

Als bald nach Absolvierung seiner Studien seine Eltern starben, ohne ihm Vermögen zu hinterlasscu, trat er in den geistlichen Stand, empfing aber nur die niederenWeihen und beschäftigte sich weiter mit klassischen Studien, indem er in Avignon verblieb, wo er an dem künstlerisch.geselligen Leben der Päpste dort teilnahm. Später trat er dann in die Dienste des Kardinals Giovanni Colonna, welcher in Avignon lebte.

Hier war es auch, wo er am 6. April 1327 in der Kirche Santa Chiara die schöne Laura erblickte und sich so sterblich in sie verliebte, daß er sie unsterblich machte. Es war ein eigenartiges Liebesbündnis, das da in jener Kirche zu Avignon zwischen Laura und Petrarca geschlossen wurde, eine Liebe, die genau auf .die Stunde einundzwanzig Jahre in leidlicher Ruhe und Beständigkeit fortdauerte. Trotzdem Laura verheiratet, eine Mutter von elf Kindern, in rasch erbleichender Schönheit im , und er ein Priester, voll heißer, tobender Leidenschaften, die er umsonst durch Studien und in Nachtwachen zu besänftigen suchte!

Die schöne Laura war damals achtzehn Jahre alt, aber sie war schon seit über zwei Jahren verheiratet. Sie war die Tochter des Audibert von Noves und seit dem 16. Januar 1325 mit dem angesehenen und begüterten Patrizier Hugo de Sade vermählt.

Ueber vierhundert Sonette hat Petrarca dieser Liebe zu Laura gewidmet, aber fast in allen diesen hallen nur zivei Töne wieder, der der Sehnsucht unerhörter Liebe und später, nach einundzwanzig Jahren dieser Liebe, der Ton der Klage über den Tod Madonna Lauras.

Laura de Sade gehörte zu jenen kalten, wenig liebe­dürftigen Frauen, deren es in ihrer Heimat wenige gibt. Ihre nicht sehr glückliche Ehe, die übrigens durch elf Kinder ge­segnet war, und in späteren Jahren hänslicher Kummer, ins­besondere eine ungeratene Tochter, gaben dieser Frau noch eine gewisse Verschlossenheit und Herbheit der Empfindung. Nicht ohne Eitelkeit, so daß sie wohl stundenlang vor ihrem Spiegel saß, kam sie den Huldigungen des Dichters mit Bick und Gruß entgegen, mit allen Winken und stummen und doch so beredten Zeichen, womit eine schöne geliebte Frau ihre Herrschaft zu sichern weiß. Und diese Herrschaft wirkte in jedem Falle wohltätig auf den jungen, leichtsinnigen, noch jedes Zieles eirtbehrcnden Dichter. Daß Laura den Dichter je­mals geliebt und nur die Hälfte jener Glut empfunden hat,, in welcher er nach seinem eigenen Ausdruckverbrannte", i)t nicht recht glaublich. Daß sie sich gern die Huldigung eines berühmten und von allen bewunderten Dichters gefallen ließ und ihn viel­leicht auch sogar dafür mit mancher Gunst belohnte, ist trotz der Kälte ihres Charakters erklärlich

So konnte es denn geschehen, daß das, Ms in Petrarcas Liebe Leidenschaft gewesen, sich zwar nicht gcnz aber doch bis zur Kühle und Uebcrlegung ausgetobt hatte, so daß Laura d.m Dichter nur noch ein dichterisches Ideal war, das er nur noch besang, dem er in Liedern huldigte, das er aber selbst nicht mehr mit faßbarer, körperlicher Leidenschaft verehrte. Wie tief sein Gefühl für Laura niedergebrannt war, mag die Ge­burt eines Sohnes bezeugen, den ihm ein Mädchen aus Avignon seine wirkliche, durchaus irdische, nicht von ihm in unsterblichen Sonetten besungene Geliebte im Jahre 1337 gebar. .Gleichwohl besingt er auch nachher noch in seinen Sonetten in jedem Jahre jenen sechsten April, welcher der Anfang feines Glückes und seines Wehs gewesen.

Am 6. April 1348, am selben Tage und zur selben stunde, da einst die Begegnung mit dem Dichter stattfand, starb Laura de Sade. Der Dichter hat auf .den Tod der schönen Frau noch gegen hundert Sonette gedichtet, und Petrarca hat oiese G.dicht- sorm durch .seine Sonette auf Laura zur Normalform oics.r Art Reflexionspoesie gemacht, so daß, sie seitdem die populärste poetische Form Italiens geblieben ist.

Diese Liebe zu Laura aber wirkte nicht nur auf d;e Ent­wickelung von Pe.rarcas poetischem Talent, sondern indirekt auch verlieh sie ihm überhaupt jene hervorragende geistige Bedeut­ung, denn Petrarca, um seiner Leidenschaft Herr zu werden, ließ von allen höfischen und sonstigen Zerstreuungen ab und ver­tiefte sich in seine gelehrten Srudien und machte zum Zwecke derselben auch große Reisen. Er reiste nach Paris, Gent, durcy Flandern und Brabant nach Lüttich, wo er zwei Reden des Cicero entdeckte, Aachen und Köln, dann über die Ardennen nach Lyon, und von da zu Schiff zurück nach Avignon.

Nachdem er dann auch nach Italien gereist war, kaufte er sich an der dadurch berühmt gewordenen Quelle von Vau- cluse ein kleines Häuschen, wo er ganz seinen Studien hin­gegeben lebte und wo die meisten seiner Werke entstanden. Dann empfing er am Ostertage des Jahres 1341 auf dem Kapitol den Lorbeer des Dichters und hielt sich abwechselnd in Italien und in Frankreich auf.

Bemerkenswert ist seine Bekanntschaft mit dem Volkstrrbunen Cola Rienzi, an den er einen begeisterten Brief, richtete und desien er sich auch später annahm, als Rrenzr rm Kerker schmachtete. Und ebenso bemerkenswert war, ferner Petrarcas Freundschaft mit Boccaccio, der ihn vergeblich zu bestimmen suchte, an der neugegründeten Universität Florenz zu wcrken.

Bedeutungsvoll war auch Petrarcas Begegnung mit dem Kaiser Karl IV., der ihn bei einem Besuch in Italien empfing und tagelang mit ihm Gespräche führte. Als Petrarca später in diplomatischer Mission an den Kaiser nach Prag gesandt wurde, verlieh dieser ihm die Pfalzgrafenwürde.

Nachdem er dann längere Zeit in Venedig gelebt hatte, brachte er die letzten Jahre in Padua und in dem Dorfe Argun am süd­lichen Abhänge der Engancischen Hügel, in der Familie ferner