Ausgabe 
20.7.1904
 
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Aus seinem zusammengewürfelten Kroatisch-Deutsch habe ich nur soviel verstanden und nicht einmal dafür rann ich die Garantie übernehmen, daß der Onkel des Pfarrers Schwester habe heiraten wollen, dann habe er Wieder nicht wollen, dann sei sie plötzlich gestorben oder verunglückt wie gesagt, man konnte aus dem Kauderwälsch nicht recht klug werden. Auch davon sprach er, daß der Graf des Pfarrers Duzfreund sei und daß der Graf den Onkel sogar gefordert habe, es sei nicht so weit gekommen."

Weil das Ganze ein Unsinn ist", fiel der Major wütend dazwischen.Karl wird ihr wahrscheinlich i i seiner chevaleresken Art den Hof gemacht haben, und da bildete fich das dumme Frauenzimmer gleich ein, Frau von Hvchst- feld zu werden! Natürlich, ein deutscher Edelmann hat nichts gescheiteres zu tun, als ein kroatisches Pfarrers­fräulein zu heiraten das ist wirklich der hirnverbrannteste Blödsinn!"

Die Sache liegt nicht ganz so", widersprach ihm seine Fran,Du hörst doch, daß ihn sogar Graf Stepenaz deshalb forderte."

Aus Freundschaft und in der ersten Narretei" polterte der Major,deshalb ist er dann auch zurückgetreten. Karl wird sich aber natürlich ferner für solch halbwilden Um« gang beoankt haben, und da dort unten die Geistlichkeit die erste Geige spielt, so kann es dem Pfarrer bei Karls vornehmer Zurückhaltung nur zu leicht gelungen sein, den Fremden, den Eindringling, als bete noire hi; ustellen. Jetzt erst begreife ich, warum er mich gerade vor diesem Pfarrer so eindringlich warnte na, bei mir soll er auf den Rechten stoßen wenn er es überhaupt wagt, unsere Wege zu kreuzen ich habe Haare auf den Zähnen, ich will ihm zeigen, daß wir.Faminenbande bis übers Grab hinaus heilig halten!"

Karl hat sich bei Lebzeiten dieser hei igen Familien­bande leider nur höchst mäßig erinnert", meinte Frau von Höchstfeld seufzend.

Dafür hat er mich ins Erbe eingesetzt", wies er sie zurecht, um dann aber selbst recht grimmig hinzuzusetzen: freilich, ein recht angenehmes Erbe!"

II.

Bereits den dritten Tag fuhren f'e mit der Eisenbahn der neuen Heimat entgegen. Frau von Höchstfcld war aufs äußerste erschöpft, wollte aber trotzdem von einer Unter­brechung der Reise nichts wissen, da dies zweifellos Un­glück bringe.

Er lachte sie zwar wegen ihres Dummenleuteglaubens gehörig aus, bestand aber nicht weiter darauf, da es ihm selbst darum zu tun war, endlich eimnal ans Ziel zu kommen.

Bei Antritt der Reise war man ziemlich guter Laune gewesen, wozu Ernas lustiger Uebeemut nicht wenig bei­trug, und selbst Frau von Höchstfeld, der gewiß das De- körum über alles ging, hatte damals noch über der Kleinen unschuldige Bosheiten, die sich auf hypernervöse Reifende bezogen, zu lächeln vermocht. Als indes mit Ueberschreiten der böhmischen Grenze die ersten tschechischen Laute an ihr Ohr schlugen, da sah sie der Reihe nach Mann und Kinder an, und nahe am Weinen jammerte sie:

Und das soll von nun an unsere Muttersprache sein?"

Nimm mir's nicht übel, liebe Eveline", hatte der Gatte sich daraufhin über sie lustig gemacht,aber Du entwickelst geographische und ethnographische Kenntnisse, als ob Du eben gleich Erna die höhere Töchterschule mit dem Reife­zeugnis verlassen hättest. Und dann, ganz abgesehen von allem anderen, immer gleich diese Uebertreibungen:Das soll von nun an unsere Muttersprache sein!" Unsere Mutter­sprache war, ist und wird stets deutsch bleiben merk' Dir das gefälligst!"

Mit Rücksicht auf die Kinder hatte Frau von Höchstfcld diese unpassende Zurechtweisung stellschweigend über sich ergehen lassen und sich die Entgegnung auf eine günstigere Gelegenheit Vorbehalten. Erna hingegen war in ihrer Höherentöchterwürde zu sehr verletzt, um auch solche Enthalt­ung üben zu können und hatte daher entrüstet protestiert:

Was glaubst Du denn eigentlich, Papa, meinst Du viel­leicht, daß wir Mädchen heutzutage weniger lernen müssen als Ihr? Soviel Grütze wie ein Leutnant hat gewiß eine jede von uns, und wenn wir erst ins Majorsalter gekommen sind, haben wir mindestens ebensoviel wie Du ver- Aeffeiu"

Schwapp hatte sie das erste Kopfstück weg das heißt, das erste auf der Reise, da der Papa mit diesem eminent erzieherischen Hilfsmittel auch sonst nicht gerade zu haushälterisch umzugehen pflegte.

Nichtsdestoweniger war die Wirkung diesmal eine äußerst niederdrückende, und das tschechische Volk, in dessen Gemarkungen ihr eine solche Schmach ungesühnt widerfahren konnte, hatte von diesem Moment an eine überzeugte Geg­nerin mehr.

Eine lange Zeit herrschte nnn völliges Schweigen, während welchem Erna vollauf Gelegenheit hatte, über die Ungerechtigkeit der Weltordnung und insbesondere über die mangelhaften Rechte der Kinder den Eltern gegenüber nachzudenken. Schließlich leuchtete es ihr aber ein, daß sie allein zu schwach sei, hierin eine Aenderung zu er­zwingen und so bequemte sie sich zu einer de- und weh­mütigen Abbitte und versprach hoch und heilig, von nun an ihr loses Züngelchen im Zaume zu halten.

Es wurde ihr verziehen, und nur .ima Höchstfeld saß noch mit ernstem Gesicht da und schien ^oll Besorgnis über die ihr höchst wahrscheinlich bevorstehenden Ueberraschungen in der neuen Heimat nachzudenken.

Eri ch beobachtete sie verstohlen, und da er seine Mutter genau kannte, so erriet er ihre Gedanken und beeilte sich, sie zu beruhigen.

Glaube mir, liebe Mama", begann er,Du machst Dir von unserer neuen Heimat ein ganz falches Bild. Weil wir eben durch Böhmen fahren, so meinst Du, daß in Kroa­ten das deutsche Element ebenso angefeindet wird wie h t. Das ist wirklich nicht der Fall, im Gegenteil, man schätzt dort deutsche Kultur sehr hoch unb hat vor deutscher Tatkraft und Intelligenz gewaltigen Respekt."

Was Du doch altes in den acht Tagen Deines Aufent­haltes herausgefunden hast!", spottete der Major,nun, ich will Dir aus Deinem Optimismus keinen Vorwurf machen, Du siehst eben durch die rosig gefärbte Brille der Jugend. Ich aber, der ich mir wohl auf meinen Scharfblick etwas einbilden darf, bin zu einem ganz anderen Resultat gekommen. Es ist ein halsstarriges, dummes und gegen alle Neuerungen voreingenommenes Pack, und ich werde meine ganze Autorität einsetzen müssen, um in diese pol­nische Lotterwirtschaft Ordnung zu bringen."

Frau von Höchstfeld sah ratlos um sich.

Kroatisch, böhmisch, polnisch das schwirrte nur so durch die Luft, und sie hatte keine Ahnung, ob und wo der Unterschied lag. Fragen durfte sie schon Ernas wegen nicht, die ihr diese Blöße bei dem erstbesten Verweis sicherlich in Erinnerung gebracht hätte, und so konnte sie sich nur vor­nehmen, bei der Auseinandersetzung zwischen ihrem Mann und Erich aufzuhorchen, um vielleicht dabei Aufklärung zu erhalten.

Sie sah sich aber gründlich getäuscht, da Erich, welcher der völlig entgegengesetzten Meinung des Vaters war, das Gespräch, das sich leicht unangenehm zuspitzen konnte, ein­fach fallen ließ.

Dem Vater recht geben konnte er nicht, und ihn durch Worte oder durch Anführung beobachteter Züge umzu­stimmen wäre ja doch vergebliche Mühe gewesen. Er brachte ihm gewiß die herzlichste Liebe entgegen und hatte vor seinem lauteren, eisenfesten Charakter die größte Hoch­achtung, andererseits kannte er aber auch nur zu genau sein an Halsstarrigkeit grenzendes Festklammern an einer einmal vorgefaßten Meinung und sah deshalb dem Aufenthalt in Dolina mit schwerer Besorgnis entgegen.

Kam auch die Mutter voreingenommen und mißtrauisch hinunter, dann mußte sich ihre Stellung zu der Gesellschaft und auch zu den Untergebenen nur noch schwieriger und un­leidlicher gestalten, und deshalb erachtete vri es< als seine Pflicht, sie beizeiten über die wahren Verhältnisse aufzu- klaven. Freilich hieß es dabei vorsichtig zu Werke gehen, um nicht des Vaters Widerspruch von neuem zu reizen.

Mit einem Umweg über Paris, wo er sich vor zwei Jahren kurze Zeit aufgehalten hatte, und über London, wo Verwandte von ihnen lebten, kam er endlich auf Kroatien zu sprechen und sagte, wie von ungefähr:

Die gebildete Klasse, die sogenannte Gesellschafti und um diese kann es sich für uns doch nur handeln- bleibt sich natürlich überall gleich."

Bis auf die nationalen Gewohnheiten und Unge­zogenheiten" brummte der Major einschränkend oa- zwischen.