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„Er kommt nur Ihretwegen", flüsterte sie mir eines Tages zu, indem sie mir in ihrer frechen Weise einen Puff verletzte und mich boshaft anblinzelle. „Bis über die Ohren fei er in Sie verliebt, heißt es im Bazar und in ganz Vevery."
„Pfui, Jvcasta! Wie kannst Du auf solches Geschwätz hören!" erwiderte ich ihr zornig. „Wenn Du mich etwas augiugest, würde ich Dich jetzt tüchtig durchprügeln lassen."
„Durchprügeln? Ha, ha, ich bin fast fünfzehn, und möchte es niemand raten, mich anzufafsen, obwohl jedermann sagt, daß Oberst Bilters Frau von ihrem Manne heute noch Prügel bekomme."
(Fortsetzung folgt.)
Mrstfat in Amerika.
Wie wenig Wagners Lebenswerk tatsächlich die Welt bisher erobert hat, beweist die gegenwärtig im Vordergründe der musikalischen Interessen stehende „Parsifal- frage". Wer das Bayreuther Reservatrecht verteidigt, muß zu jeder Stunde auf die Entgegnung gefaßt sein: Warum sollen all die vielen, die „nicht nach Bayreuth fahren können", vom Genüsse des Bühnenweihsestspiels ausgeschlossen bleiben? Und wenn man daun erwidert: gerade weil „Parsifal" ein Bühnenweihfestspiel ist, eignet es sich nicht als Repertoirevorstellung eines Theaters, mag dies auch zehnmal einen guten Tenor, eine vorzügliche dramatische Sängerin und einen tüchtigen Dirigenten haben, so begegnet man ungläubigem Kopffchütteln oder zweifelnden Gesichtern. Man weiß eben einfach nicht, daß Wagner mit seinem Musikdrama ganz was anderes hat schaffen wollen, als Opern, bei denen man sich je nach Geschmack langweilt oder amüsiert. Wer das eine sollte man denn doch einsehen oder wenigstens gläubig hinnehmen: daß der Mann, der einer ganzen Welt zum Trotze mit unerhörter Energie sein Ziel verfolgt Und zu Ende geführt hat, doch genau wußte, was er tat, als er sein letztes Werk zum unzweifelhaften Heile der deutschen dramatischen Kunst nicht den Tagesbedürfnissen unserer Theater preisgab. Was dies Tagesbedürsnis daraus machen kann, zeigt jetzt Amerika. „Parsifal" war die musikalische Sensation der Newyorker Saison! Doch will Conried nicht bloß der Hauptstadt der Vereinigten Staaten das Heil der Kunst widerfahren lassen, sondern in der Erkenntnis, daß es natürlich nun auch wieder Leute in Amerika gibt, die „nicht nach Newyork fahren können", geht der Direktor mit seinem Kassenstück auf Reisen. Chicago, Boston, Cincinnati und Pittsburg sind zunächst ins Auge gefaßt. Wer gibt es nicht sicher auch solche Leute, die „nicht nach Boston, Chicago, Pittsburg fahren.^ können? Gewiß, und demgemäß werden andere Theaterunternehmer Conrieds Beispiel folgen. Und da es bekanntlich auch solche Leute gibt, die „Musik nicht hören können", so hat der entgegenkommende Kunstsinn amerikanischer Theaterdirektoren auch hier rasch Whilfe geschaffen: „Parsifal" wird einfach als „Schauspiel" in englischer Sprache gegeben werden, und neuerdings ist allen den Leuten, die „nicht ins Theater gehen können", Gelegenheit geboten, in den Warenhäusern beim Einkauf von materiellen Bedürfnissen auch die geistigen der Saison ganz billig zu erwerben; man erhält dort für wenige Cents die Parsifalpartitur. Um aber endlich der plötzlich riesengroß angewachsenen Begeisterung für die deutsche Kunst in Amerika genügenden Wfluß zu schaffen, hat em Herr Savage in Newyork ein Konkurrenzunternehmen aufgemacht und wird in einem obskuren Theater gegenüber dem Hosbräuhaus des Broadway, mitten im Treiben der nächtlichen Blumenmädchen Newyorks, den „Parsifal" mit kleinem Orchester (und von vornherein ungenügendem Solopersonal) aufführen. So ist denn hier einmal die moderne Forderung der Verschmelzung von Kunst und Leben ganz überraschend und wahrhaftig glänzend 'gelöst. Und all diesen Faktoren gegenüber sage nun noch einer, daß die amerikanischen Theaterdirektoren nicht mehr für die Vertiefung und Verbreitung der Kunst Sorge trügen, als Wagner und Bayreuth mit ihren „unverständlichen" Geboten! Wo aber bleiben angesichts solcher Tatsachen mit ihren Meinungen all jene „Vernünftigen", die vor kurzem noch Mit der Miene wohlwollender Ueber- legenheit aussprechen zu können glaubten, daß Wagner heute sicherlich anders über das Bayreuther Reservatrecht denken und den „Parsifal" zweifellos den Bühnen frei
geben würde, heute, wo wir es doch gar so herrlich weit gebracht haben. Nein und tausendmal und immer wieder nein: Bayreuth soll nicht zu bett Leuten, sondern die Leute sollen nach Bayreuth kommen! Hierfür ausreichende Mittel zu finden, wird das Streben der nächsten Zeit sein. „Parsifal in Amerika" muß allen noch Wankelmütigen die Augen geöffnet haben, und vielleicht entpuppt sich Con- rieü noch als ein Teil von jener Kraft, die stets oas Böse will und stets das Gute schafft. —
Nun auch einige Worte über Conrieds „grundlegende" erste Aufführung des „Parsifal", und über die, die sie ihm leider ermöglicht haben. Daß Conried eine gute Aufführung des „Parsifal", im Rahmen der Repertoirebühne, herausbringen würde, war zu erwarten. Konnte er doch nur hiermit den Ansturm der entgegengesetzten Meinungen in Deutschland und Amerika äußerlich abschwächen. Und warum sollte bei reichlichen Mitteln eine blendende Opern- vorstellung nicht möglich sein? Ist doch heute für Geld alles zu haben, auch deutsche Künstler. Und die Mitwirkung dieser ist im Falle Conried vielleicht das bedauerlichste Moment. Haben sie nicht insgesamt, Sänger und Sängerinnen, Kapellmeister und Regisseure, Orchestermitglieder, Dekorationsmaler re., dem Schöpfer des musikdramatischen Stils unendlich viel zu verdanken? Hat nicht Bayreuth manchem Ehre und Ruhm in Hülle und Fülle gebracht? Sind sie nicht alle, mittelbar oder unmittelbar, erst durch die zielbewußte, unerschrockene und unermüdliche Tätigkeit der Leitung der Bayreuther Festspiele zu dem geworoen, was sie heute befähigt, die Wagnerschen Kunstwerke würdig darzustellen? Und hatten Vertreter dieser Künstlergruppen (mal abgesehen vom Mangel an tieferer Einsicht) nicht so viel Dank für Richard Wagner übrig, um von dieser Seite wenigstens seinen letzten Willen, der gewiß keine Marotte eines alten Mannes ist, zu ehren? Conried ist Amerikaner; es gab in seinem Falle keinen gesetzlichen Schein, der die Aufführung zu verhindern imstande gewesen wäre, und auch für die Kunst gilt drüben offenbar die Maxime: Amerika den Amerikanern, d. h. hier: wir, die wir noch keine Kunst haben, nehmen ohne Rücksicht, was uns gefällt. Außerdem wunderte man sich in Newyork nicht wenig über die Auftegung in Deutschland wegen der beabsichtigten Vorstellung, man verstand uns drüben nicht. Das muß uns genügen, den Groll gegen Amerika etwas zu mildern, und man wird vielleicht Herrn Conried, als echten Amerikaner, für sein Beginnen nicht so sehr verantwortlich machen können. Sie wissen nicht, was sie tun. Wer den deutschen Künstlern Hertz und Fuchs, Burgstaller und Göritz, Lautenschläger und Frl. Ternina .c. ist ihr Verhalten nicht zu verzeihen. Denn eins ist nicht zu vergessen: ein innerer zwingender Grund, den „Parsifal" m Newyork vor 1913 auszuführen, lag nicht vor!
Wenn Frau Cosima Wagner allen, die in Newyork im „Parsifal" mitgewirkt haben, Mchreuths Pforten für immer verschlossen hat, so sollten auch die übrigen deutschen Opernbühnen, die ja Richard Wagner in mehr als einer Hinsicht so unendlich viel schuldig sind, diesem wirksamen Protest folgen und damit dokumentieren, daß sic, in lieber' einstimmung mit uns, mit den Newyorker Parsifalsängern nichts mehr zu tun haben wollen. Wir können sie auch wirklich entbehren. (Uns würde diese Maßregel doch etwas zu hart und fragwürdig erscheinen, wenn es sich um wirllicye Künstler handelt. D. Red.) Und mag man über Wagners letzten Willen denken, wie man wolle; eins ist sicher und wird von niemand geleugnet werden: Deutsche Künstler durften nicht da mitwirken, wo ein moralisches Recht des Meisters, das für sie eigentlich auch noch ein gesetzliches in sich schließt, mit Füßen getreten wurde. Ich glaube, daß amerikanische Bürger solche Wtrünnige im umgekehrten Falle nicht wieder in Ehren aufnehmen würden? Und wir? —
Der Broadway von Newyork ist nicht der Ort für die Tat einer Parsifalaufführnna, diese Ü berzeugung hat sich nun wohl bei allen, • die Conrieds Vorstellung miterlebt haben, Bahn gebrochen. Die „Reue Musik-Zch." hatte sie von vornherein, als die ersten Nachrichten über Conrieds Vorgehen bekannt wurden, ausgesprochen. Die restlose Wiedergabe eines Kunstwerkes wäre ja doch nur erst eine Seite der Bayreuther Forderungen; eine andere, und meiner Meinung nach sicher nicht weniger wichtige, ist die gehobene Stimmung der Zuhörer, wie sie nur auf vorbereitenden Momenten äußerer und innerer Natur sich aufbauen kann. Wird diese aber, wenn überhaupt ge-


