schäft noch ein zweites: mein junger Held und die kaum verheiratete Herzogin D. . . .

Du staunst? Ich ganz und gar nicht! Tenn' ich kenne die Welt.

Die junge Herzogin ist übrigens reizend'.

Ich saß unter den geschmückten Särgen wie in einer Theaterloge und sah die Komödie mit an. Aber auf ein­mal wurde ich tootraurig.

Bei Anbruch der Dunkelheit begann man unter den Pinien zu illuminieren: Lampions, Raketen', Feuerrädeb, griechische Lichter. Dazu Musik, Lachen, Liebe, Glück, Leiden­schaft, Lebensfreude.

Nur ich war traurig und einsam.

Ich wußte, daß ich an diesem Abend sehr schön aus­sah. Man hatte es mir mit Worten und Blicken deutlich genug zu verstehen gegeben. Mein junger Held ließ sogar seine reizende Herzogin im Stiche, kam zu mir, blieb bei mir, und seine Blicke sagten mir unaufhörlich!: ,Du bist sehr schön! Du bist so schön,'daß ich Dich haben muß! Und ich werde dich haben! Denn ich kann warten.'

Da faßte mich solcher ©fei. . .

Dazu der Ltchtkampf, die Musik, das Lachen, die Lebens­freude, das Liebesglück der anderen!

Die Villa Foleonieri lag dunkel und einsam über mir; und ich wußte: dort oben wartet einer auf dich, den du er­lösen kannst erlösen allein durch deine Seele.

Ich erhob mich, ließ meinen jungen Helden sitzen, ging durch alle Mensc^n über die Wiese. Ich- ging an dem Prinzen und seiner Fürstin vorüber,, ging geradenwegs auf die kleine grüne Pforte zu, die jetzt immer unverschlossen ist.

Ich hätte die Pforte geöffnet, wäre geradenwegs hinauf­gegangen, wäre zu ihm gekommen und hätte ihm gesagt:

Hier bin ich. Jetzt erlöse du mich!"

Aber bei der Pforte stand er und wartete.

Als er mich kommen sah, lief er mir entgegen.

Er warf sich vor mich hin, umschlang mich, drückte seinen Kopf gegen meinen Leib und weinte.

Ich küßte seine Haare, seine Stirn, seine Augen, seinen Mund. '

Ich küßte seine schlummernde Jugend wach.

Wir sind sehr glücklich

(Fortsetzung folgt.)

Waudereisn ans der KaiserstM.

(Nachdruck verboten.) Ans der Selbstmordchronik. DieGeheimrathsgö'hre." Glückliche Künstler. Bom neuen Opernhans-

Tie trübste aller Rubriken in unseren hauptstädtischen Blättern bildet die keinen Tag ausbleibende Selbstmord- chronik, die mit einer unheimlichen Gleichförmigkeit als Ursachen für das freiwillige Scheiden aus dieserbesten aller Welten" Nahrungssorgen anzugeben Pflegt. Lebens­überdruß, Furcht vor Strafe oder Schande kommen erst in zweiter und dritter Linie; aber einen hohen Prozentsatz stellen auch! getäuschte Liebeshoffnungeu, zumeist beim weiblichen Geschlecht. Geradezu verblüffend und auf die Beziehungen unserer großstädtischen Jugend ein grelles Schlaglicht werfend, ist der jüngste Fäll dieser Art, nach­dem ein dreizehnjähriges Mädchen ins Wasser gegangen ist, weil ihre Eltern denr Liebesverhältnis, das sie mit einem Gymnasiasten unterhielt, ein Ende gemacht hatten. Man erkennt daraus, wie früh derholde Wahn" unsere Männlein und Fräulein überfällt und mit welchem Ernste sie dergleichen zu betreiben vermögen. Tie kleine, frühreife Julia, die ihres Romeo wegen in die kalten Fluten der Spree stieg, dort aber jämmerlich um Hilfe schrie, wurde gerettet aus dem nassen Element; ob ihr viel zu früh erwachtes Liebesleben sie nicht für einen anderen Unter­gang bestimmt, läßt sich schwer beantworten. Jedenfalls gibt der krasse Fall Eltern und Erziehern einen deutlichen Fingerzeig. Berliner Mädel lassen sich freilich schwer über­wachen. Tie weiten Schulwege, die Unmöglichkeit, den Um­gang zu kontrollieren, die heimliche Lektüre und manche anderen Momente, die in der kleinen Stadt ganz oder doch teilweise fortfallen, bewirken es, daß aus den Töch­tern so mancher Eltern Geschöpfe mit einem höchst sonder­baren Innenleben werden, von dem nicht einmal die Mutter eine blasse Ahnung hat. Tie sogenannteGeheimratsgöhre", die auf Abenteuer zweifelhaftester Sorte ausgehei, ist ja

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eine typische Romanfigur geworden; nur ist ihr Vater im wirklichen Leben sehr oft etwas ganz anderes, als Ge­heimrat. Eigentümlich berührt es, wenn man mittags vor denhöheren Töchterschulen" die Herren Kavaliere vom Gymnasium warten sieht. Tie Eisbahn bildet eine will­kommene Gelegenheit, zarte Beziehungen zu festigen, und da die jungen Herrschaften meist über mehr Geld verfügen, als ersprießlich ist, kann man sie mitunter auch hübsch beieinander im Theater sitzen sehen. Aber sie gehen nicht etwa in denTeil" oderWallenstein". Tas sind über­wundene Scherze. Ihre Ziele sind realistischerer Art; sie besuchen mit Vorliebe Operetten und schrecken auch vor einem Pariser Ehebruchsschwank nicht zurück. Es gibt eben hierzulande keine Kinder mehr! Allerdings sorgen die lieben Eltern vielfach selber dafür, daß die halbwüchsigen Dinger nur alles so früh wie möglich kennen lernen. Ich erinnere mich nicht eines Theaterabends, in dem ich nicht irgend ein paar unverständige Mütter mit ihrem noch kurzröckigen, langzöpfigen Töchterlein im Parkett oder den Logen gesehen hätte. Tie gewagtesten Situationen, die salzigsten Zweideutig-, nein: Eindeutigkeiten lernen diese Kinder kennen und die Frau Mama sitzt daneben und amüsiert sich mit! Aus diesen Kreisen stammen natürlich auch die Bücher, die in der Klasse heimlich kursieren: To- vote, Hans von Kahlenberg, Maupassant und ähnliche Back- sisch-Lektüre. Mitunter wird dergleichen sogar gemeinschaft­lich gelesen. Es gibt so nette Konditoreien mit verschwie­genen Rauchzimmern, die für einLesekränzchen" wie ge­schaffen erscheinen! Ein besonderes Kapitel verdienen die ungesunden Verhimmelungen beliebter Schauspieler an un­seren großen Bühnen, die ich schon einmal gestreift. Ich habe bei einem dieser Herren eine Sammlung von Mädchen- briefen gesehen, die neben naiven Kindertönen eine ganze Skala von verschleierter Verdorbenheit enthalten; Ver­dorbenheit, die über Selbstmordgedanken wegen eines ge­waltsam beendeten Liebesverhältnisses längst hinaus ist. Ein trostloses Bild', das freilich noch übertroffen wird von jenem, das sich aus bedauernswerten Schichten entrollen läßt, die durch die Macht schlechter sozialer Verhältnisse ihre Kinder verseuchen lassen müssen.

Ein glückliches Völkchen ist in diesem Winter das Per­sonal unserer Königlichen Oper, das sonst, zumal im Or­chester, nicht gerade knapp beschäftigt ist. Durch den Not- Umbau des Opernhauses, der sich nun schon über den zweiten Monat hinzieht und vorläufig noch immer nicht beendet ist, genießen die Braven eine Reihe herrlicher Ferientage, die höchstens ein paarmal in der Woche durch Vorstellmrgen bei Kroll unterbrochen werden. Ueber den Bau des geplauten neuen Opernhauses kursieren noch immer die verschiedensten Gerüchte. Es ist aber jetzt sicher, daß es unter Zuhilfenahme des sogenannten Prinzessinneu- Palais an die Stelle kornmt, wo jetzt der alte Bau steht. Doch liegt dieser Bau noch im weiten Felde. Dian wird zuvor erst die Krollsche Bühne derartig umbauen, daß sie für die JNterimsjahre vollen Ersatz bietet. Und da der Kaiser bekanntlich alle Sicherheitseinrichtungen moderner. Theaterbäukunst auch für diese Ersatzbühne angewandt wünscht, so wird dieser Ersatzbäu erst einmal längere Zeit in Anspruch nehmen; vielleicht mehr als die geplan­ten neuen Privattheater, mit denen wir im nächsten Jahre an der Weidendammer Brücke und mrderswo beglückt wer­den sollen. _______ A- N-

Milder aus dem ^ande der ausgehenden Sanne.

Von Dr. Ludwig Rieß.")

I.

Der japanische Soldat in Krieg und Frieden.

1.

Dai Ni hon Bansai, d. h.Großjapan für immer", wird es jetzt Tag für Tag anf den Kasernenhöfen und Uebungs- plätzen widerhallen, wenn die Exerzitien zu Ende sind oder der Heimmarsch angetreten wird. Beiin Ausrücken zu den Felddienstübungen werden die Lieder aus dem offiziellen Kriegsliederbuch gesungen werden, das vor 10 Jahren ein­geführt wurde. Viele neue Texte zu den bekannten Weisen,

*) Ter Herr Verfasser kennt durch einen 15jährigen Aus­enthalt in Japan, mährend dessen er die Professur der Geschichte an der kaiserl. Universität zu Tokio bekleidece, Land und Leute aus genauer Anschau