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Verewigten bringen müssen, umvahmt von jtroyenben Lorbeerkränzen, den fackelsenkenden Genius im Hintergrund!
Was also konnte mit so erschreckender Plötzlichkeit die Flamme ausblasen, die bis dahin so verheißend gelodert?
Tie Sache ist eminent einfach.
Gotthold Schulze war zurzeit feuer wuchernden Glorifikations-Artikel Chef-Redakteur der „Unterhaltungen am heimischen Herd", eines weitverbreiteten, einflußreichen Organs. Mit Beginn des neuen Halbjahres hat er seinen bedeutsamen Posten quittiert, — und dieser Wechsel in der äußeren Situation des Mannes hat ausgereicht, um den „gewaltigen Epiker" in die literarische Null zurückzuverwandeln. , .
Als Chef-Redakteur der „Unterhaltungen am heimischen Herd" war Gotthold Schulze nicht nur imstande, die große Masse jener Schriftsteller dritten und vierten Ranges zu verpflichten, die in der Annahme ihrer Produkte seitens des Redakteurs eine Gunst erblicken; nein: er hielt auch das blanke Schwert des Kunstrichters in der trotzigen Faust, die Klinge, die ebenso gut ritterlich salutieren wie Schmarren und Wunden beibringen oder gar durch heimliche Sauhiebe braun und blau schlagen konnte.
Johann Leberecht Gotthold schrieb, je nachdem Appoll es ihm eingab, huldvolle Anerkennungsartikel, oder „Ver- möblungen"; er streichelte oder zerriß; er verteilte Lorbeerkränze und Dornenkronen.
Und zwar beschlich ihn gerade in diesem Punkte eine merkwürdige Neigung, denen wohlzutun, die ihn liebten.
Er war hier Gemütsmensch.
Wer im „Gohliser Fremdenblatt" die Behauptung gewagt hatte, Gotthold Schulze gehöre mit seinen „Lotosblättern" unzweifelhaft zu den ersten Dichtern aller Nationen; er stelle sich ebenbürtig neben den Sänger der „Braut von Abydos"; er überstrahle an Reiz der Formvollendung Goethe und Geibel: wer das im „Gohliser „Fremdenblatt" so treuherzig ausgeplaudert uitb gar durch Beifügung f einer Namensunterschrift sanktioniert hatte: dem konnte Johann Leberecht Gotthold nicht kram sein.
Wenn der Zufall es fügte, daß der Verfasser sothaner Abhandlungen nun seinerseits ein Werk schuf, das dem Gebiete der schönen Literatur angehörte, so brachten die „Unterhaltungen am heimischen Herd" nun ihrerseits Parallelen zwischen der Novität und einigen altbewährten Schöpfungen der Weltliteratur und reichten dem gefeierten Autor die Palme.
Tie vorgeschilderten zwei Momente reichten vollständig aus, um jenes Phänomen zu erzeugen, das dann so unvermittelt erlosch, dem farbenprächtigen Bilde vergleichbar, das die Laterna magica aus die Leinwand wirft. So lang die Stellung, die Johann Leberechü Gotthold inne hatte, die Lampe mit dem nötigen Brennöl versah, glänzte das Bild in dem ganzen Schimmer seiner wunderbaren Phantastik; in demselben Moment jedoch, da der Oelvorrat aufgebraucht, kehrte die uranfängliche Nacht zurück.
Tas mehr ideale Verhältnis der gegenseitigen kritischen Anerkennung sicherte Herrn Gotthold Schulze die Sympathien gewisser namhafter Schriftsteller; das mehr ge» schriftliche des Manuskript-Annehmens oder Zurückweisens, die Sympathien der Kleinen und Kleinsten.
Es war unglaublich, wie vorurteilslos Herr Schulze in diesem Punkt dem Drang seines Herzens folgte, ohne sich um die größere oder geringere Bedeutung der offerierten Beiträge zu bekiimmern. Er dachte, mit dem gläubigen Jüngling in Paul Hehses Novelle:
Tie Liebe kommt von oben.
Sie achtet keinen Wert.
So warf z. B. der feurige Aufsatz, mit dem Roderich Meyer, der Feuilletonist der „Neuen Mitternachtszeitung", die Schulzeschen „Lotosblätter" begrüßte, ein so verklärendes Licht auf die endlose Serie von Literatur-Artikeln, die derselbe Roderich Meyer dem gefeierten Schulze zum Abdruck aubot, daß die Langweiligkeit, die der unbeteiligte Leser djesen Literatur-Artikeln zusprechen mochte, absolut nicht zur Geltung kam. Die Artikel erschienen, — und Schulze hätte sich seiner Vorurteilslosigkeit tatsächlich freuen dürfen, wären die Abonnenten ob dieses nnd anderer Mißgriffe nicht so massenhaft abgesprungen, daß der Verleger der „Unterhaltungen/" sich genötigt gesehen hätte, Herrn Schulze zu kündigen.
Uebrigens waren es nicht nur die Schriftsteller, die
am Piedestal des gefeierten Epikers bauten und ziminerten; auch die hochangesehene Verlagsfirma, die aus der Titelseite der „Lotosblätter" zu lesen stand, flößte dem Publikum: das Gefühl ein, als müsse Herr Schulze ein Autor von Distinktion sein.
Tas Selbstgespräch nämlich, das der «Verleger sich vordeklamierte, eh' er sich zur Herausgabe des Werkes entschloß, drang nie an die Oeffentlichkeit.
Es lautete etwa wie folgt:
„Gotthold Schulze offeriert mir da eine Sammlung unsympathischer Reimereien, „Lotosblätter" betitelt. Tas Opus macht mir den Eindruck leidlicher Impotenz; dennoch läßt sich die These verfechten, ein Verleger, der es herausgibt, brauche nicht gerade mit dem Vorwurf des Cretinis- mus gebrandmarkt zu werden. Man hat schon Dümmeres gedruckt. — Vom Standpunkt des literarischen Ehrgefühls geht die Geschichte also Halbwege. — Nun das Geschäftliche. Im besten Fall verkauf' ich von diesen „Lotosblättern" hundert bis hundertfünfzig Exemplare; sonach verlier ich bei der Herausgabe achthundert Mark bar. Dafür jedoch bin ich, den verschämten Andentungen des Autors zufolge, sicher, daß die „Unterhaltungen" über jede Novität meines Verlags nach Möglichkeit eingehende nnd günstige Besprechungen publizieren. Hierdurch spare ich alljährlich an Inseraten mindestens fünfzehnhundert Mark: also mache ich immer noch ein brillantes Geschäft.
So hat der Verleger als kundiger Geschäftsmann zu sich selber gesprochen, und Tags darauf erhielt Herr Johann Leberecht Gotthold Schulze eine höfliche Zuschrift, in der ihm mitgeteilt wurde, die Firma rechne es sich zur besonderen Ehre, mit einem so angesehenen Autor Beziehungen anzuknüpfen, die sich hoffentlich beiderseits zu recht angenehmen entwickeln würden.
So ist's gekommen, daß Gotthold Schulze eine zeitlang vergöttert wurde, um dann mit einemmale von der Bild- Bildfläche zu verschwinden, Ivie ein Rechenexempel, das seine Schuldigkeit getan hat.
Der arme, unglückliche, bejammernswerte Schulze!
Was leidet er nun in seiner plötzlichen Obskurität! Wie grausam frißt ihm der Wurm der Verzweiflung am Herzen.
Der Verfasser der „Lotosblätter" hat sich nämlich trotz der systematischen Organisation seines Scheinerfolges all- mählich in die Ueberzeugung hineingelebt, er sei nicht nur ein großer, sondern auch ein gefeierter Autor, ein ächter Liebling des Publikums.
Tie erste Enttäuschung, das gänzliche Aushören der einst so volltönig erschallenden Lobeshymnen, hat ihn rücklings zu Boden geworfen. Allmählich indeß richtet er das blutende Haupt wieder auf; ingrimmig ballt er die Faust und ruft seinem Jahrhundert, insbesondere aber den ehemaligen literarischen Freunden, die drohenden Worte zu:
„Wartet, Ihr Treulosen! Auch ohne Euch wird Gott- bold Schulze seinen lorbeerumgrünten Weg weiter wandeln ! Liegt in meinem stilvollen Pulte nicht zu drei Vierteln vollendet die Novelle „Riciana"? Heilte noch geh' ich ans Werk, und sobald sie drucksertig ist, soll der Verleger sre in glänzendster Ausstattung auf den Markt werfen! Ihr werdet Augen machen, Ihr Hochverräter! Nun erst «recht will ich Euch zwingen, mir die Kränze der Bewunderung zu flechten!" .
Er setzt sich und schafft; er prüft und erwägt, er feilt und verändert.
Nachdem die letzte Zeile des Manuskripts nbgetrocknet ist, schickt er feine „Ricinia" dem Verleger der „Lotosblätter"". .
Acht Tage später erhält er die Arbeit nut der ganz ergebenen Bemerkung zurück: Man spreche ihm für den überaus ehrenden Antrag den allerverbindlichsten Dank aus, sei jedoch mit Rücksicht auf zahlreiche anderweitige Engagements an der Erwerbung der gewiß hochinteressanten Erzählung verhindert.
So siebt sich denn der .Heros von einst plötzlüch zum literarischen Nichts reduziert: der Unglückliche, der bis dahin das Haupt so hoch trug, senkt es in grübelndem Menschenhaß, °oder wütet über die stillschweigende Verschwörung der Mittelmäßigkeit gegen das wahre Talent.
' Tas Publikum aber, das nicht imstaiide ist, hinter die Kulissen zu blicken, forscht noch gedankenvoll eine Weile nach diefem seltsamen „Mädchen mi» der Fremde", das, dem Schillerschen unübnlicb. von aller Welt Blumen nnd Früchte


