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Schnauze in die Höhe und grunzte heiter. Sie schien äußerst erfreut, ihren Herrn, den Kater und Herrn Iwanow wiederzusehen. Als sie sich dem Kater näherte, ihn leise mit der Schnauze in den Bauch stieß und sich dann mit dem Gänserich über irgend etwas zu uuterhalten begann, konnte man in ihrer Stimme und im Zucken des kleinen Schwänzchens sehr viel Gutmütigkeit und Wohlwollen bemerken. Kaschtanka begriff sofort, daß auf solche Persönlichkeiten zu knurren und zu bellen vollkommen zwecklos sei.
Der Herr stellte den Galgen beiseite und rief: „Theodor, ich bitte!"
Der Kater erhob sich, dehnte sich schläfrig und näherte sich widerwillig der Sau, als erwiese er jemand einen großen Gefallen.
„Nun, beginnen wir mit der „Egyhtischen Pyramide", meinte der Herr.
Er erklärte weitläufig irgend etwas und kommandierte »ndlich: eins . . . zwei. . . drei! Beim .Worte „drei" schlug Herr Iwanow mit den Flügeln imb sprang aus deu Rücken "der Sau . . . Als er, mit dem Halse und den Flügeln balanzierend, auf dem borstigen Rücken einen sicheren Standpunkt gewonnen hatte, begann Theodor faul und schläfrig, mit denwnstrativer Nachlässigkeit und mit einem Gesichtsausdruck, als verachte er und schätze er seine Kunst gering, langsam den Rücken der Sau zu erklimmen, kletterte dann ebenso widerwillig aus den Gänserich hinauf und stellte sich auf die Hinterpfoten. Man erhielt das, was der Fremde eine „Egyptische Pyramide" nannte. Kaschtanka winselte vor Vergnügen auf. In diesem Augenblick aber gähnte der Kater und fiel, das Gleichgewicht verlierend, voni Gänserich herab. Herr Iwanow wankte und fiel ebenfalls. Der Fremde begann zu schreien, zu fuchteln und von neuem etwas zu erklären. Nachdem er sich üoch eine ganze Stunde mit der Pyramide abgeqnäli hatte, begann der unermüdliche Herr, Herrn Iwanow das Reiten auf dem Kater zu lehren, unterrichtete dann den Kater im Rauchen p sw.
Der Unterricht endete damit, daß der Fremde sich den Schweiß von der Stirn wischte und hinaus ging, Theodor verächtlich nieste, sich aufs Kissen legte und die Augen schloß, Herr Iwanow zu seinem Trog ging und die ©au von dem alten Weibe wieder weggeführt wurde. Dank einer solchen Menge neuer Eindrücke verging der Tag unbemerkt, am Abend !oar Kaschtanka schon mit seinem Kiffen in der kleinen Stube mit den schmutzigen Tapeten einquartiert und verbrachte die Nacht in Gesellschaft Herrn Iwanows und des Katers.
Genie! Genie!
Es verging ein Monat. . .
Kaschtankä hatte sich bereits daran gewöhnt, daß er einen luxuriösen Mittag bekam und Tante genannt wurde. Auch an den Fremden und an die neuen Genossen hatte er sich gewöhnt. Das Leben floß ohne jede Störung dahin.
Alle Tage begannen auf dieselbe Weise. Gewöhnlich erwachte Herr Iwanow zuerst und kam sogleich an Kaschtanka oder an den Kater heran, streckte feinen Hals ans und begann etwas zu erzählen, heiß und überzeugend, aber noch immer unverständlich. Zuweilen erhob er sein Haupt und ließ lange Monologe vom Stapel. In den ersten Tagen hatte Kaschtanka geglaubt, daß er soviel rede, weil er sehr gescheit sei, aber nach kurzer Zeit verlor er allen Respekt vor dem Gänserich; wenn fiel) Herr Iwanow ihm mit seinen langen Reden näherte, wedelte Kaschtanka nicht mehr mit dem Schwanz, sondern malträtierte ihn, wie einen lästigen Schwätzer, der niemand Ruhe läßt, und antwortete ihm ganz ungeniert mit einem „Rrrr" . . .
Theodor war dagegen ein ganz anderer Herr. Wenn er erwachte, gab er keinen Ton von sich, rührte sich nicht und öffnete nicht einmal die Augen. Er wäre überhaupt sehr gerne gar nicht erwacht, denn das Leben erschien ihm offenbar sehr wenig begehrenswert. Nichts interessierte ihn, zu allem verhielt er sich müde und lässig, alles verachtete er und nieste ekelerfüllt sogar dann, wenn er sein schmackhaftes Mittagsmahl verzehrte.
Kaschtanka pflegte, sobald er erwacht war, eine Runde durch die Zimmer zu machen und alle Ecken zu beschnuppern. Nur er und der Kater besaßen das Recht, in der ganzen Wohnung umher zu gehen, der Gänserich dagegen genoß nicht den Vorzug, die Schwelle der kleinen Stube mit den schmutzigen Tapeten zu überschreiten, während Fran
von Grunzner irgendwo ans dem Hofe in einem Stall wohnte und nur zu den Stunden erschien.
Ter Herr wachte spät auf und begann sofort, nachdem er Tee getrunken, mit den Kunststücken. Jeden Tag wurden iu die Stube der Galgen, die Peitsche und die Reifen gebracht und jeden Tag wurde fast immer dasselbe absolviert. Ter lluterricht währte drei bis vier Stunden, sodaß Theodor zuweilen vor Ermüdung wie ein Trunkener wankte, Herr Iwanow den Schnabel öffnetejmb schwer atmete, und der Herr ganz rot wurde und die L>tirn gar nicht mehr trocken bekam.
(Fortsetzung folgt.)
Literarische Meteore.
Von Ernst Eckstein.
Won Zeit zu Zeit ist das harmlose Publikum unserer Journale und Wochenschriften Zenge des hier folgenden befremdlichen Vorganges.
In den Feuilletons der „Neuen Mitternachtszeitung", in den Briefkastennotizen der „Oberdeutschen Revue", in den Essays der „Bückeburger Warte" und des „Gohliser Fremdenblattes" taucht urplötzlich die Kunde von der Existenz eines phönomeualen Talents auf: — Der Epiker Johann Leberecht Schulze, bis dahin so imßefannt, wie Schiller, ehe er die Räuber schrieb, steht mit einem Male auf der Höhe der Situation. Die genannten Organe und zwanzig, dreißig, vierzig andere wetteifern, dem neuen Eamosns zu huldigen; sie beleuchten seine Verdienste; sie analysieren seine Befähigung; sie weisen ihm den „gebührenden Platz" au, und gestatten sich int „Vermischten" ab und zu sogar ein Streiflicht ans das Privatleben des ueuerstandenen Heroen.
Bei vielen dieser panegyrischen Elnkubrationen steht man zwar unter dem Eindruck, als ob der Verfasser manches verschweige, was ihm auf der Zunge schwebt, und mancherlei akzentuiere, was ihm nicht so ganz und voll aus der Tiefe kommt; eine gewisse Geschraubtheit des Ausdrucks, ein psychologischer Eiertanz, eine Equilibristik der schmückenden Beiwörter läßt sich mehr heransfühlen, als logisch erhärten; dennoch gewinnt der Leser die Vorstellung, daß der hochgeschätzte Epiker Johann Leberecht Gotthold Schulze eine Persönlichkeit von hoher Bedeutung, ein Grandseigneur sei, dem zu huldigen sich keiner entbrechen könne.
Befremdlich — neben der etwas gespreizten Stilistik dieser Lob- und Preis-Fenilletons — wirkt auch die Tatsache, daß die Rühmer des phänomenalen Gotthold Schulze so überaus sparsam sind mit der wörtlichen Reproduktion von Belegen.
Ab und zu wird ja ein solcher Beleg faktisch zitiert; aber seltsamerweise kehrt das nämliche Bruchstück in beinahe sämtlichen Aufsätzen wieder.
Mau erstaunt über diese Identität umsomehr, als man sich sagen zu müssen glaubt, gerade dieses Zitat verdiene die Hervorhebung seitens des Referenten gewiß ungleich weniger, als hundert andere Meisterstücke der Schulzeschen Muse. Der Gedanke, das zitierte Fragment sei unter sämtlichen Reimversucheu Johann Leberecht Gottholds so ziemlich das einzige, was man „stimmungsvoll" und „gewandt" finden könne, ohne sich gerade eine Blöße zu geben, kommt dem naiven Leser natürlich ebensowenig, wie die Ahnung der Gründe, die so und so viele sonst unbescholtene Menschen zur Glorifikation des Autors veranlassen.
So vergeht ein Jahr nud ein zweites.
Mit einemmale ist die Teilnahme der Publizistik für Gotthold Schulze wie ausgerodet.
Nicht nur „das gewaltige Epos", nein, auch der Name des Mannes wird nirgends mehr — weder in der „Neuen Mitternachtszeitung" noch in der „Oberdeutschen Revue" — auch nur mit einer Silbe erwähnt.
Die zeitgenössische Literatur ist um einen ihrer Koryphäen ärmer geworden; ein Gestirn am Firmamente germanischer Rhythmik versank ins Dunkel; ein Heros ging zu den Schatten.
Das deutsche Publikum greift sich höchst erstaunt in den Busen und legt sich die gewichtige Frage vor: Wie erklärt sich diese eigentümliche Wandlung?
Ist Johann Leberecht Gotthold jählings im Herrn entschlafen?
Daun hätten die Männer von der „Bückeburger Warte" doch spaltenlange Nekrologe, sie hätten das Porträt des


