Ausgabe 
19.10.1904
 
Einzelbild herunterladen

622

beste für jeden Mann und jedermann."Bravo, Dörren­bach!" Greditz klopfte dem Kameraden auf die Schulter. Herr von Dörrenbach ist immer zu nett!" Strahlend reichte Jutta das zierliche Händchen, das er wie in Andacht an die Lippen führte. Auch Harro war dem Rittmeister dankbar, wie er sich seiner Frau angenommen, und so treffend bemerkt hatte, was gerade ihr vor allen Dingen eigen war. Die anderen nun, Dörrenbach galt für einen etwas bequemen Junggesellen, aber er war eine Persön­lichkeit und ältester Rittmeister, so wurden seine Worte beifällig belächelt.

Frau Ellinor war nicht wenig erstaunt über diese Wendung der Dinge. Doch kann: so lange, als eine Wim- pör zuckt, und sie neigte den Kopf in der bezauberndsten Weise gegen die junge Frau. Mit einem Girren, süß wie eine Taube, meinte sie:Ja, ja, nicht jedem ist es be- schieden, so lange ein glückliches Kind zu bleiben wie unseres Leutnants liebste kleine Frau." Leise dann raunte sie diesem zu:Es möchte sich aber doch nicht jeder für ewig damit bescheiden." Dann schritt sie an den Flügel, bezeichnete hier ihrem Begleiter die Noten, und als gelte es, ihrem Empfinden Ausdruck zu leihen, erklang es von ihren Lippen: L'anima mia sei tu!" Und das Licht flutete durch den hohen Raum, über die weiten, toten Wände, die grünen Palmen und die weißen Marmorbilder. Es flutete um die hohe Gestalt in dem weißseidenen Gewände, ließ sie erglühen, wie Unter der Leidenschaft, die in jenem Lied zum Ausdruck kam. Die schmalen Hände verschlangen sich ineinander, immer fester, als wollten sie etwas fassen, halten für ewige Zeit. Der schlanke Hals, der schmale Kopf neigten sich ein wenig vor, wie einem etwas entgangen, das noch nicht sichtbar, aber in seinem Nahen bereits empfunden ward. Aus dem mächtig getürmten Haar stahlen sich, wie von innerer Glut gelöst, die Locken, spielten um die schlanke Stirn, den stolzen Nacken, fielen lang bis in die Spitzen- kraufe des Kleides. Auch die gelblich bleichen Wangen begannen zu glühen, die nachtschwarzen Augen sprühten Flammen und nm den etwas großen, aber schön roten Mund legte sich ein Zug, alles begehrend und alles ge­wahrend zugleich:

Lanima mia sei tu E mi veder morire Se lo comandi tu.

In Leidenschaft ersterbend, deklamierte Ellinor, mehr als sie sang, die letzten Worte.

Rauschender Beifall lohnte ihre Leistung. Der Ritt­meister selbst war diesmal überrascht von seiner Frau und zufrieden mit dieser Zierde einer jeden Gesellschaft. Harro fühlte, wie es ihn überlief, heiß und kalt. Aber auch Jutta hatte alles andere vergessen:Ich möchte Frau von Greditz umarmen", erklärte sie, Tränen in den Augen. Daruin?" meinte Dörrenbach er allein war der allge- ineinen Verzauberung entgangen.Sie sollen nicht weinen, Frau v. Urau."Ach, es ist ja nur Entzücken!" Jutta schüttelte die hellen Tropfen aus den goldglänzenden Wimpern.Wie schön sie gesungen hat, mit so viel Seele und Feuer."Mumpitz!" knurrte der Rittmeister.Ist doch nur Petrol." Nun lachten beide. Er freute sich, daß er die kleine Frau wieder heiter gestimmt hatte. Sie totu} glücklich, daß sie mit jemandem heiter sein konnte.

11. Kapitel.

. IN einigen Tagen fanden die Rennen in Hoppegarten statt. Der mittlerweile eingetretene Frühling hatte den letzten Rest, von des Rittmeisters Katarrh beseitigt, und da hierfür noch eine Kur in Ems, ein Sommer an der See oder im Engadin in Aussicht genommen war, so machte der Arzt keine Einwendung gegen einen Besuch der Rennen. Nur selbst reiten durfte er nicht. Rittmeister v. Greditz und Gemahlin waren demnach heute in der Frühe nach Berlin abgereist. Harro sollte nachkommen mit dem Kom­mandeur.

Zum ersten Male seit Wochen waren Uraus auf einen stillen Wend angewiesen, erschien Harro in dem Zimmer seiner Frau.Nett, daß wir mal zu Haufe sind", meinte Jutta, solch ungestörtes Beisammensein wohlig empfindend. Er nickte gefällig und schwieg. Aber die Zeit war vorbei, wo ihm der Anblick, die Nähe seines jungen Weibes allein schon Seligkeit gedünkt. Die Zeit ivar vorüber, wo man sich schweigend verstanden; im berauschenden Glück, nach üichts anderem verlangt, als eines dem andern in hie

9IUgeu zu schauen, Hand in Hand, Brust an Brust. Heute erinnerte sich Harro, daß es bereits Stunden gegeben hatte, die recht öde gewesen waren. Auch jetzt dachte er nicht daran, daß es vor allem doch auch sein Teil gewesen toure, ihre Liebe zu retten, über den Rausch der Stund« hinaus; die Leidenschaft zu klären zu verständnisvollem Jneinanderleben, währender Einigkeit und Treue. Er em­pfand nur, daß es anders geworden war. Verdrießlich blickte er sich um in dem Zimmer, dessen blauseidene Herr­lichkeit ihm einst so entzückend erschienen war, an der er jetzt nur Schäden entdeckte. In der Tat hatte denn auch die überzarte Eleganz der Einrichtung bereits bedeutend gelitten, wie überhaupt der ganzen Häuslichkeit das rechte Behagen mangelte. Die arme Jutta, die gewiß alles mit Wonne für ihren Harro getan haben würde, hatte eben keine Ahnung davon, was eine Hausfrau bedeutet, daß auch das liebreizendste Weib in der Ehe gut daran tut, wenn es sich als solche befleißigt.

Und nun, gar bald wanderten Harros Gedanken abseits, in die Villa. EllinorDie Greditz ist doch eine interessante Person", dachte er plötzlich laut.Und singt" Wundervoll!" stimmte Jutta ehrlich bei. Tann plötzlich fiel es von ihren Lippen:Wenn ich erst mal so alt bin"' Mollig vergnügt, als habe sie ihren besten Vogel abge- schosfen, lehnte sich das junge Frauchen in das Sofa zurück. Na nu?" machte Harro unwillkürlich.Doch, doch" Und mit viel mehr Ueberlegung, als man ihrem kindlichen Köpfchen zugetraut hätte, fuhr Jutta fort:Dann hab« ich auch mehr von der Welt gesehen und gar kein Kunst­stück, interessant zu feilt, wenn man so viel gesehen und gehört hat. Weißt Du, Harro, die Menschen sind bewun­dernswert reich!" Das stöhnte sie fast. Er lachte ein wenig gezwungen.Kommst auch Du jetzt dahin, daß Geld alles ist?"Alles? Nee, nein" Jutta schlang die Arme um den Nacken ihres Gatten und küßte ihn, wie von einem kleinen Raptus befangen:Nee, nein" Dann duckt« sie sich wieder in die Kissen neben ihm:Aber es ist sehr angenehm."Stimmt", erklärte er, und nach einer Weile, als sei ihm etwas Vergessenes wieder eingefallen; Wie steht es denn um.unsere Finanzen? Hat Mama Dir Geld geschickt?"Nein." Jutta wurde etwas kleinlaut.. Sie kann uns diesmal nichts geben." Harro zuckte zu­sammen.Rose Marie will zum Herbst ihren Grafen hei­raten. Weißt Du, und so ein Graf, das kostet noch mehr als ein simpler von" Jutta hatte das leichthin in dem 'scherzhaften Jargon ihrer Kreise gesagt.Jetzt muß wirklich Dein Papa 'mal ran", ries sie munter.

Harro dagegen, in dem 9lügenblick wenig für Scherz gestimmt, empfindlich aber in dem Punkte des Vaters, wurde wild: Ernst, tüchtig, tapfer und fest, tote er sich in allen Lebenslagen bewährt, so stieg die Gestalt des Vaters jetzt aus vor feiner Seele. Er zürnte mit sich selbst und seiner Schwäche, dann, als ein Mann, erst recht mit seiner Frau, die nicht die Fähigkeit besessen hatte, ihn zu halten, zu festigen in dem, was Papa Ehre und Pflicht nannte> int Gegenteil.Aber wer hat denn zuerst den Verkehr wieder angefangen!" Jutta nahm seinen Vorwürfen gegenüber eine etwas kampfbereite Miene an.Du wolltest doch die Quadrille reiten, nicht ich"Es war zu öde hier" Die kleine Frau merkte gar nicht auf die Rücksichts­losigkeit dieser Antwort. Sie lebte selbst ja viel zu gern in dem allgemeinen Strom.Es ging ja auch nicht anders"-, stimmte sie lieber sofort gefällig bei. Er war überrafcht, vielleicht gerührtWollen 'mal sehen, was es beträgt," So griff er nach einem Stift, um wenigstens aufzufchreiben!- was alles noch zu berichtigen war.Also Deine Ausstände, bitte."Hm, so einige Hundert Mark." Es klang in einem Ton, der diesen unbestimmten einigen die weitesten Grenzen lieh.Donnerwetter, brauchst Du viel Geld"Ich durchaus nicht. Frage 'mal Frau von Greditz Du liebst ja eine elegante Frau." Harro biß sich in die Lippen. Wieder stieg vor seinem Geiste des Vaters Gestalt auf, diesmal bei­nahe drohend, zumal all die Blumen und sonstigen ganz unumgänglichen Aufmerksamkeiten für Ellinor, selbstver­ständlich für Jutta mit, sowie auch alle anderen kostspieligen Kleinigkeiten, die ein eleganter Offizier täglich braucht, noch unbeglichen waren.Nun, der Haushalt?" fragte er.Jv, da ist auch noch einiges. Sophie"

Ter Stift zitterte in Harros Hand. Mit Sophie war ein Sündenbock für die wachsende Verstimmung gefunden. ,>Sophie ist ein verflucht kostspieliges Möbel", fuhr er auf.