Ausgabe 
19.10.1904
 
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Aus LieLe.

Roman von M. v. Eschstruth.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Leicht hob sie sich ab in ihrem hellschillernden Gewand von diesem märchenhaften Hintergrund. In souveräner! Ruhe, mit souveräner Leidenschaft ließ sie ihre Mienen spielen und ihre Stimme, eine Meisterin der Kunst, wie >ie Meisterin des Lebens war. Und seine Augen begannen zu glühen. Sie öffneten sich weit, schienen größer, immer größer zu werden, als nähmen sie eine Welt wahr, die sie bislang nicht gekannt. Seine Brust hob sich hoch und höher. Es kam über ihn ein Verlangen nach Freiheit von jeglichem Druck, jeglicher Beschränkung, eine Sehnsucht nach er wus 'bst nicht nach was wußte nicht einmal, daß ihm diese .u- eine Verkörperung geworden war für das, was er plötzlich als Entbehrung empfand, da es ihm erst mit ihrem Eintritt in sein Leben so über alles begehrens­wert erschien. Es kam über ihn, als möchte er alles ver­gessen, alles abschütteln, was ihn beengte oder bedrückte, als möchte er sich hineinstürzen in des Lebens Flut, da wo sie am höchsten ging. Und do,ch Wieder auch stieg es in ihm auf, leise zog es ihn zurück mit heimlichen Banden, als hieße es damit nur sein bestes verlieren. Er geriet in einen Zustand voll Entzücken, das zugleich eine Qual be­deutete, voll Selegkeit, die er als Pein verwünschte. Daran konnte dann selbst Ellinors zärtlicher Händedruck, ihr girrendesLebewohl" undWiedersehen" beim Abschied nichts ändern.

Unruhig und erregt, unzufrieden, ärgerlich mit sich selbst, schritt er meist nach solchen Abenden neben seinem jungen Weibe den Heimweg entlang, mechanisch ihr Ge­plauder beantwortend. Erst in dem bläulichen Licht des traulichen Raumes, darin die Madonna von der blaudra­pierten Wand auf die Insassen herunterlächelte, begannen die Wogen seiner Erregung zu ebben. Allein mit seinem! jungen Weibe, ward ihm, als käme er wieder zu sich, zum Frieden mit sich selbst.Du bist doch mein Liebstes und mein Bestes", kam es mehr drun einmal so recht aus dem tiefsten Innern heraus von seinen Lippen, und er schlang den Arm um die zierliche Gestalt, wenn sie ihm liebevoll nahe kam und legte den heißen Kopf an ihre weiche, kühle Wange. Darum vergaß Jütta von Urau auch immer ihre stets aufs neue keimenden kleinen Eifersüchteleien, zankte sie nicht,länger über die Petroleumtante, sondern gab sich lieber mit fröhlichem Herzen dem Vergnügen hin, das ihr in deren Hause geboten ward. Auch der Rittmeister erschien hier stets mit heiterem Gesicht. Ob er immer noch ganz arglos war? Jedenfalls beunruhigte er sich nicht; kannte er doch seine Frau. Doch ob der Rittmeister auch diese, seine Frau, nicht liebte, ob sie sich beide auch dahin geeinigt hatten, einander nicht zu aenieren. dast eüts sich mal

an dem andern ärgerte oder zu ärgern liebte, war damit nicht ausgeschlossen. Der gewiegte Weltmann wäre ein) Esel gewesen, wenn er nicht bemerkt hätte, daß Ellinors alles tat, um Frau von Uran, in ihrer Jugend und frischens Schönheit keine gering zu schätzende Rivalin in der Gesell­schaft, eben in den Augen dieser Gesellschaft herabzusetzech Er ärgerte sich also über Ellinor, ärgerte sich über die Leute, die auf denLeim gingen" und nur allWbereiij waren, Ellinor als erste zu feiern, während nach seiner! Meinung und der aller vernünftigen Menschen der natür­liche Liebreiz und We harmlose Fröhlichkeit Juttas viel mehr wert waren, als all die .Künsteleien und Tricks seiner! Frau.

So drängte sich eines Abends wieder mal alles, was bei Greditzens war, bewundernd um die Dame des Hauses. Sie hatte ein paar Lieder zum Besten gegeben, Man bat, man bettelte um mehr. Der Rittmeister, der sich gewöhn­lich während der Vorträge einen Skat kaufte, war für! einen Augenblick in den Musiksalon getreten. Jutta stand hier gerade allein. Es ärgerte ihn, wie das junge Geschöps- chen, das sich mehr und mehr seiner Sympathie erfreute, so kindlich bescheiden, ohne jegliche Eitelkeit und Koketterie,, jenem Drängen und Treiben zusah.Wollen Sie uns denn! nicht auch einmal mit einem Vortrage erfreuen?" Damit näherte er sich mit liebenswürdiger Aufmerksamkeit seines Leutnants kleiner Frau. Die aber lächelte abermals nup ganz kindlich und vergnügt:Ach nein, Herr Rittmeister, hier kann ich mich doch nicht hören lassen. Schadet auch nichts. Die Damen leisten ja alle so vorzügliches." Diese neidlose Anerkennung und bescheidene Selbstkritik waren eigentlich wieder sehr reizend, lieber Ellinors Gesicht flog nur ein spöttisches Lächeln. Auch Harro sah aus, wie wenn ihm etwas anderes lieber gewesen ward.Dann spielen gnädige Frau mit uns drüben einen Skat", lud der Ritt­meister artig ein. lind wieder wie ein Kind schüttelte Jutta das zierliche blonde Köpfchen.Kann ich leider erst recht nicht", bekannte sie,es scheint fast, ich kann gar nichts."

Spöttischer lächelte Ellinor. Wie ein Hauch von Ironie flog es über die Gesichter der Damen, denen ihre Ritt­meisterin längst klar gemacht hatte, daß sie sich alle viel zu, sehr durch das bißchen Larve und den alten Namen, welche Dinge ihnen sämtlich doch mindestens in dem gleichest Maße eigen, hatten verblüffen lassen, da die kleine Frau sonst auch für gar nichts zu verwenden sei. Auch der Ritt­meister wußte nicht recht, was er sagen sollte; Harros Stirn färbte sich dunkel. Doch ihr guter Engel verliest die junge Frau auch an diesem Wend nicht. Er war ihr nahe in der Gestalt Dörrenbachs, der dem Hausherrn auf, dem Fuße in den Musiksaal gefolgt war.Oho", erklärte' er nun launig in die etwas peinliche Stille hinein.Oho, die gnädige Frau können sehr viel." Dann mit schönent Ernst:Sie können einem den Glaubest an die Jugend unb, Freude wieder in das Herz lächeln. Und das. ist dM