170

aber wird sich die Sache aufklären, sobald er kommt. In weniger als einer Stunde muß er hier sein", fügte sie mit einem Blick auf die Kgminuhr hiuzu.

Tann rief sie, wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt:Wer hat Sie denn aber aufgeklärt? Woher wissen Sie, daß dies nicht Watty ist?"

Ich sah das Original gestern abeich, nachdem Sie fortgegangen waren. Er brachte die Drahtnachricht."

Ja, ja. Und diesen Morgen war er auch schon wieder hier, nun verstehe ich Er sagte, er habe Sie spielen hören, und daß Sie der heiligen Cacilia Konkurrenz machten, woraus ich ihn fragte, was er von Ihnen halte. Soll ich Ihnen sagen, was er mir antwortete?"

Nein, nein! Ich will nicht wissen, was die Leute von mir denken."

Tu meine Güte, wie albern! Mir macht es gerade Spaß, zu erfahren, was die Leute von mir sagen, aber frei­lich, wir beide sind eben auch grundverschieden. Für meinen Geschmack kann ein Mädchen nicht dunkel genug sein, Max jedoch erzählte mir heute früh, er habe Sie gestern abend für eine Erscheinung aus einer höheren Welt gehalten, als Sie groß, blond, weiß gekleidet, schweigend und mit den Augen eines schüchternen Rehes in den Lichtkreis der Lampen getreten jeien. Nach dem, was Sie mir vorhin sagten, kann ich jetzt natürlich sehr wohl begreifen, daß Maxwells unerwarteter Besuch Ihnen einen tüchtigen Schrecken eingejagt hat. Im übrigen hätte er besser daran getan, zu Hause zu bleiben, als sich hier herumzu­treiben."

Jedenfalls wählt er etwas eigentümliche Stunden für seine Besuche. Zehn Uhr am Abend und vor neun Uhr morgens."

Oh, damit nimmt man es in Indien nicht so genau; daran werden auch Sie sich bald gewöhnen. Allein ich wollte, Sie hätten Watty zuerst gesehen, dann wäre auch die Geschichte mit der Photographie von keiner Bedeut­ung. Ich bin wirklich recht böse auf Watty; das heißt doch den Scherz zu weit treiben!"

Einen Scherz nennen Sie das?" ries ich empört.

Natürliche was denn sonst?"' Sie erhob sich.Ich muß jetzt mit dem Hausmeister reden, und wenn Sie mir, bitte, Ihre Schlüssel geben wollen, dann werde ich der Äjah sagen, daß sie sofort nachsieht, was an Ihrem Hoch­zeitskleid unter Umständen noch in stand gesetzt werden muß."

Ich zögerte einen Augenblick, dann händigte ich ihr aber doch die Schlüssel ein. Ich verpflichtete mich dadurch ja zu nichts.

Welch entsetzlich ernstes Gesicht machen Sie aber für eine Braut!" sagte sie plötzlich und streichelte mir mit ihren mageren Fingern die Wange.Seien Sie doch heiter und guten Mutes; Sie sehen ja wie ein Gespenst aus."

Vergeblich suchte ich nach einigen Worten, allein mir war das Weinen näher als das Lachen.

Möchten Sie Watty lieber allein empfangen, wenn er kommt?"

Ja, bitte, das wird am besten sein."

9tun, ich hoffe. Sie werden mit dem Aermsten nicht gar zu streng ins Gericht gehen, nicht wahr?" Ihr ein­schmeichelndes Lächeln milderte jedoch den harten Ausdruck ihrer Augen nicht.

Wenn Sie sich nur kein zu vollkommenes Bild von ihm gemacht haben! Der arme Watty ist leider ein etwas schwacher, aber überaus gutmütiger und leicht zu lenkender Mensch, und er hat die besten Vorsätze gefaßt. Eine Frau, jtoie Cie, ist gerade das, was er braucht, und wert, mit Gold aufgewogen zu werden."

Mit dieser übertriebenen Schmeichelei verließ sie mich.

4.

Vergnügt mit meinen Schlüsseln rasselnd, ging Tizzie davon. Ich warf mich in einen Lehnstuhl und verschlang die Hände hinter meinem brennendheißen Kops. In mein Zim­mer konnte ich nicht gehen, da die Ajah es gerade in Örd- Mng brachte, und hier war ich wenigstens allein. Ach, rnd von Samstag an würde ich ja ohnehin nie mehr allein lein! Aber mußte es soweit kommen? Noch war ich frei ind mein eigener Herr. O, nur ein bischen Mut. . . nein, diel, viel Mut bedurfte ich! War es nicht ganz unwürdig, vie ich jetzt da saß, die Augen voll banger Erwartung auf pie kleine silberne Uhr geheftet?

Plötzlich vernahm ich Räderrollen. Das konnte doch nicht schon Walter sein? Es war ja erst zehn Minuten nach elf! Und doch: der Wagen kam auf das Haus gefahren. Hoch aufgerichtet, mit heftig klopfendem Herzen starrte ich hinaus: Eine Mietsgharry, auf deren Verdeck ein abge­tragener Ueberzieher lag, kam herangerasselt und verschwand vor der Treppe. Ich hörte lebhafte Begrüßungsrufe, dann fragte eine männliche Stimme:

Ist sie gekommen? Nun, was für einen Eindruck hat sie auf Dich gemacht?"

Der Eil,druck, welchen Tu auf sie machen wirst, ist weit wichtiger", lautete die mit hoher, schriller Stimme gegebene Antwort.

Zieh mal Deine Krawatte gerade! Und warum hast Tu Dir denn nicht die Haare schneiden lassen? . . . Aber still! Sie sitzt dort drin."

Als der Perlenvorhang des Salons klirrend ausein­andergeschoben wurde, erhob ich mich, und im selben Augen­blick kam ein blonder, untersetzter junger Mann in schmutzi­gem Flanellanzug ungestüm hereingeeilt.

Pam!" rief er, mit ausgebreiteten Armen auf mich zu- sturzend ...O wahrhaftig, Pam, Du bist ja eine Schön­heit geworden!"

Ja, dies war nun wirklich Walter. Wie hatte sich doch während der langen Trennung sein Bild in meinem Ge­dächtnis verwischt! Nun sah ich daß er sich nur wenig, jedenfalls aber nicht zu seinem Vorteil verändert hatte. Tas Gesicht war aufgedunsen und mit Pusteln bedeckt, die blauen Augen sahen verblaßt aus, das Haar war zerzaust, der Gang unsicher, die Haltung schlapp.

Mit abwehrender Hand und unfreundlicher Miene wies ich die beabsichtigte Umarmung ab.

Pam, ich sage Dir, Tu bist wahrhaft entzückend!" rief er, meine Hand mit Gewalt erfassend.Mindestens einen Fuß bist Du gewachsen."

Nur zwei Zoll", entgegnete ich eisig.

Jedenfalls bist Du entzückend. Es tat mir fürchter­lich leid, daß ich Dich nicht abholen konnte. Hatte einen scheußlichen Fieberanfall. Zum Glück ging er rasch wieder vorüber!"

Er lachte nervös auf. Ach, wie ich diese schleppende, schnarrende Sprechweise wiedererkannte.

Freust Du Tich denn nicht ein ganz klein wenig, Deinen alten Watty wiederzusehen? Warum bist Du so stolz? Was ist los? Sprich!!"

Sehr viel ist los!" antwortete ich erregt.Wie kamen Sie dazu, mir die Photographie Ihres Vetters mit der Behauptung zu schicken, es sei die Ihrige?"

Aha", da liegt der Hase im Pfeffer. Meine Liebe, ich tat es ja nur zum Scherz . . . oder sagen wir als Lock­speise. Mein Vetter und ich sehen uns ja so , ähnlich wie ein Ei dem andern; wir sind die reinen Zwillinge. Ich sah, wie Du weißt, Deine Photographie auf einem Gruppen­bild und war sofort so sehr davon entzückt, daß ich dachte, ein geschmeicheltes Bild von mir müsse auf Dich die gleiche Wirkung haben. Und ich täuschte mich nicht, denn hier bist Du ja!"

Er versuchte mich von neuem in seine Arme zu schließen. Allein ich stieß ihn zurück und setzte mich in einen Lehnstuhl. Er lachte nur und fuhr fort:

Alle Frauen sind von Maxwell entzückt und preisen ihn als den Ritter ohne Furcht und Tadel, das ist eine!alte Geschichte. Diesmal war er aber nur der Lockvogel, ich" dabei schlug er sich auf die Brustich bin der wahre Jakob. Es war doch eine feine kleine List, denn nun bist Du hier und mein Eigentunr."

Nein, nie, niemals!" rief ich heftig.

Ha, endlich finde ich die alte Pam wieder! In allem anderen bist Tu so verändert, da ßich Tich schwerlich, wieder­erkannt hätte. Auch dachte ich mirs wohl, Du werdest in eine schöne Wut geraten, wenn Du meine List entdecktest. Allein, auch ein Zorn geht im Leben vorüber."

Dieser nicht- Ich werde niemals Ihre Frau."

Aber mein liebes Kind, was bleibt Dir denn anderes übrig?"

Mit gespreizten Beinen stellte er sich vor mich hin. Beruhige Dich doch jetzt endlich und laß ein vernünftiges Wort mit Dir reden."

Ich bin vollständig ruhig."

Tizzie hat nämlich nicht gern junge Mädchen als Gäste in ihrem Hause, besonders nicht, wenn sie hübsch sind,