Ausgabe 
18.11.1904
 
Einzelbild herunterladen

686

Nein, so kann matt nicht weiterleben! Ich muß mich erschießen!"

Der geheimnisvolle Fremde.

Aber er dachte an gar nichts utti) weinte nur. Als der Weiche, flockige Schuee ihm Kopf und Rücken schon ganz bedeckt hatte, imb er vor Erschöpfung in einen tiefen Halb­schlaf verfallen war, öffnete sich plötzlich kreischend die Haustür und stieß Kaschtanka in den Rücken. Kaschtanka sprang auf. Aus der geöffneten Haustür trat ein Mensch, der offenbar zur Kategorie der Künden gehörte. Da Kasch­tanka atifschrie und dein Freunden unter die Füße geriet, so konnte dieser nicht umhin, ihn zu bemerken. Er beugte sich zu ihm hin und fragte:

Hündchen, wo kommst Du denn her? Hab' ich Dir Weh getan? O, mein Aermster, mein Aermster . . . Nun, sei nicht böse . . . Pardon . . .

Kaschtanka blickte den Fremdling durch die au beit Wimpern hüngenben Schneeflocken an und sah einen kleinen, rundlichen Herrn im Zylinder und Pelzmantel, mit einem rasierten, etwas aufgedunsenen Gesicht.

Was greinst Du denn?" fuhr er, ihm mit dem Finger den Schnee vom Rücken abstreifeud, fort.Wo ist denn Tein Herr? Tu hast Dich wohl verlaufen? 'Ach, Tu armes Hündchen! Was fangen wir denn mit Dir an?"

Kaschtanka, der in der Stimme des Fremden einen freundlichen, warmen Ton erhascht hatte, leckte ihm die Hand und begann noch herzbrechender zu winseln.

Du bist übrigens ein netter, spaßiger Kerl!" sagte der Fremde.Der reine Fuchs! Na, was ist denn da zu machen, komm also mit! Wielleicht kann man Dich zu etwas gebrauchen ... Nun, fuit!"

Er schnalzte mit der Zunge und gab Kaschtanka mit der Hand ein Zeichen, welches nur eines bedeuten konnte: Komm mit!" Kaschtanka folgte.

. Eine halbe Stunde später'saß er schon auf der Diele in einem großen, hellen Zimmer und blickte, den Kopf auf die Seite geneigt, mit Wehmut und Neugierde zu dem Fremden hinauf, der am Tische saß und speiste. Der Fremde und warf ihm ab und zu ein Stückchen hin . . . Zuerst gab er ihm Brot und eine Käserinde, dann ein Stückchen Fleisch, dann ein halbes Pastetchcn, Hühnerknochen, und Kaschtanka hatte das alles in seinem Heißhunger so schnell aufgegessen, daß er nicht einmal den Geschmack davon unterscheiden konnte. Und je mehr er, um so starker wurde der Hunger.

Na, hör' mal. Deine Herrschaft scheint Dich nicht gerade übermäßig zu füttern!" sprach der Fremde, während er zusah, mit welcher Wer und Gefräßigkeit der Hund die nnzerkauten Stücke verschlang.Und tote Du mager bist! Haut und Knochen!"

Kaschtanka viel, wurde aber nicht satt, sondern er empfand vom Essen nur ein Gefühl der Berauschung. Nach dem Essen legte er sich mitten im Zimmer hin, streckte die Pfoten ans Mud wedelte, während seinen Körper eine süße Müdigkeit ersüllte, freundlich mit dem Schwanz. In­zwischen rauchte sein neuer Herr, im Lehnstuhl liegend, eine Zigarre. Kaschtanka wedelte immerfort und erwog im Geiste die Frage, wo es besser sei bei dem Fremden oder bei dem Tischler? Bei dem Fremden ist die Aus­stattung arm und häßlich außer Lehnstühlen, einem Divan, Teppichen und einer Lampe gibt es bei ihm nichts, und das Zimmer erscheint leer; während beim Tischler die ganze Stube mit Sachen vollgepfropft ist: da gibt es einen Tisch, eine Hobelbank, einen Haufen Späne, Hobel, Stemm­eisen, Sägen, einen Zeisig im Bauer, einen Eimer . . . Beim Fremden riecht es nach nichts, während beim Tischler ein wahrer Nebel die Wohnung erfüllt und ein wunder­volles Odeur von Leim, Hobelspäneu und Lack die Nase, kitzelt. Dafür hat aber der Fremde einen sehr wesentlichen Borzug: er gibt viel zu essen, und alles was recht ist während Kaschtanka vor dem Tisch saß und zu ihm sehnsüchtig hinaufbltckte, hatte er ihn nicht ein einziges Mal geschlagen oder auch nur mit den Füßen gestampft und geschrieen:Da! Dich . . . der Teufel hole, verd . . .!"'.

Nachdem der neue Herr seine Zigarre ausgeraucht hatte, ging er hinaus und kehrte einen Augenblick später mit einem Kissen in der Hand zurück.

Hör' Du, Hündchen, komm mal her!" sagte er, das Kissen in eine .Ecke neben dem Divan hinlegend.Da, schlaf!" - '

Darauf Löschte er die Lampe Ms und ging hinaus.

Kaschtanka streckte sich aus dem Kissen aus und schloß die Augeu. Won der Straße her ertönte Hundegebell, und Kaschtauka wollte darauf antworten, aber Plötzlich, ganz unerwartet, befiel ihn das Heimweh. Er dachte an Luka Alexandritsch, au seinen Sohn Fedjuschka, an das liebe Plätzchen unter der Hobelbank. . . Er dachte daran, tote an den langen Winterabenden, wenn der Tischler hobelte oder die Zeitung laut vorlas, Fedjuschka gewöhnlich mit ihm spielte. Er holte ihn an den Hinterpfoten unter der Hobelbank hervor und machte mit ihm solche Stückchen, daß es Kaschtauka ganz grün vor den Augen wurde und er hernach au allen Gliedern wie gelähmt war. Er ließ ihn aus den Hinterfüßen gehen, machte mit ihmGlocke", d. h. zog ihn heftig am Schwanz, fodaß Kaschtanka anfing zu bellen und zu heulen, gab ihm Schnupftabak zu riechen usto. Besonders qualvoll war das folgende Stückchen: Fedjuschka band ein Stück Fleisch an einen Faden und gab es Kasch­tanka, um es. dann, wenn er das Stück verschluckt hatte, wieder unter lautem Gelächter aus seinem Magen zu ziehen. Und je greller diese Erinnerungen wurden, um so lauter und trübseliger wimmerte Kaschtanka.

Aber bald besiegten die Müdigkeit und die Wärme das Heimweh. Er fing an einzuschlafen. In seiner Phantasie begannen Hunde zu laufen; unter anderen lief auch der zottige alte Pudel vorbei mit dem kranken Auge und den großen Haarbüscheln an der Schnauze, deu er heute auf der Straße gesehen hatte. Ihm nach jagte Fedjuschka, mit dem Stemmeisen in der Hand. Dann plötzlich bedeckte sich auch Fedjuschka mit zottigen Haarbüscheln und staub auf einmal neben Kaschtanka. Er unb Kaschtanka berochen ein­ander gutmütig die Schnauze und liefen dann auf die Straße hinaus.

Eine neue, s e hr angenehme Bekannt schuf t.

Als Kaschtanka aufwachte, war es schon hell nnd von der Straße her tönte Lärm, wie nur am Tage. Im Zimmer war niemand. Kaschtanka streckte sich, gähnte und ging bann mißmutig unb finster durchs Zimmer. Er beroch die Ecken und die Möbel, warf einen Blick ins Worhans unb fand nichts Interessantes. Außer der Tür, die in das Worhans führte, gab es noch eine zweite. Nach kurzer Ueberleguug kratzte Kaschtanka mit beiden Pfoten an dieser zweiten Tür und trat, als sie sich öffnete, ins nächste Zimmer. Dort schlief im Bett, eingehüllt in wollene Decken ein Kunde, in welchem Kaschtanka den Fremoen von gestern abend erkannte.

Rrrr. . ." knurrte er im ersten Augenblick. Dann aber fiel ihm die gestrige Mahlzeit ein, er wedelte mit dem Schwänze und begann zu schnuppern.

Er beschnupperte die Kleider und Stiefel des Fremden und fand, daß sie stark nach Pferden rochen. Aus dem Schlafzimmer führte irgendwohin noch eine Tür, die eben­falls geschlossen war. Kaschtanka kratzte auch an dieser Tür, stemmte sich mit der Brust dagegen, öffnete die Tür und empfand sogleich einen merkwürdigen, sehr verdächtigen Geruch. Mit der Ahnung einer unangenehmen Begegnung trat Kaschtanka, knurrend und sich vorsichtig umblickend, in eine kleine Stube mit schmutzigen Tapeten und er­schrocken suhr er zurück. Er erblickte etwas Unerwartetes und Furchtbares. Mit zu Boden gesenktem Kopf, mit weit ausgebreiteten Flügeln steuerte zischend gerade auf ihn los ein grauer Gänserich. Etwas abseits vom Gänserich lag auf einem Kissen ein weißer später. Als dieser Kaschtanka erblickte, sprang er aus, machte einen Buckel, erhob den Schweif, sträubte das Haar und begann ebenfalls zu zischen. Ter Hund erschrak ganz ordentlich, da er aber seine Furcht nicht merken lassen wollte, fing er laut an zu bellen und stürzte sich auf den Kater . . . Der Kater machte einen noch höheren Buckel und versetzte Kaschtanka auf den Kopf einen Schlag mit der Pfote. Kaschtanka sprang zurück, duckte sich nieder und brach, die Schnauze nach dem Kater gewandt, in ein schallendes, winselndes Gebell aus. Zn diesem Augen­blick trat der Gänserich von hinten heran und hackte Kasch­tanka recht schmerzhaft in den Rücken. Kaschtanka sprang auf und warf sich auf den Gänserich ...

(Fortsetzung folgt.)

Wooscvelt als Jäger.

, , So wäre denn Theodore Roosevelt wieder Präsident der Ber- emigten Staaten, zum Volks-Souverän gewählt durch das sou­veräne Volk. Wieder wendet sich ein starkes Interesse dem eigen--