Areitag den 18.
1904
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KaschLanka.
Won Anton Tschech off.
(Nachdruck verboten.)
Schlechte Aufführung.
Ein junger rotbrauner 5zund — eine Kreuzung von Dachs und Dorfköter —, dessen Schnauze der eines Fuchses sehr ähnelte, lief auf dem Trottoir hin und her und schaute sich unruhig nach allen Seiten um. Zuweilen blieb er stehen, hob winselnd bald die eine, bald die andere seiner frierenden Pfoten und suchte sich darüber Rechenschaft zu geben, wie es doch passieren konnte, daß er sich verirrt hatte? ’
Er entsann sich sehr wohl, wie er den Tag verbracht hatte und wie er dann endlich «auf dieses Unbekannte Trottoir geraten war.
Ter Tag hatte damit begonnen, daß sein Herr, der Tischler Luka Alexandritsch, sich seine Mütze aufgesetzt, irgend ein hölzernes, in rotes Tuch gehülltes "Ding untern Arm genommen uno dann gerufen hatte:
— Kaschtanka, komm!
Als die Kreuzung von Dachs und Dorfköter diesen Ruf vernommen, war er unter der Hobelbank, wo er .uf den Spänen geschlafen hatte, hervorgekommen, hatte süß seine Glieder gereckt und war dann seinem Herrn nachgelaufen. Die Kunden von Luka Alexandritsch wohnten furchtbar weit, sodaß dieesr, ehe er zu ihnen gelangte, unterwegs mehrere Mal in den Wirtschaften einkehren und sich stärken mußte. Kaschtanka erinnerte sich, daß er sich unterwegs sehr un- ans :dig aufgesührt hatte. Kor Freude, daß man ihm mit spazieren genommen hatte, sprang er umher, stürmte bellend den Pferdebahnwagen nach, lief in die Höfe hinein und tollte mit Hunden umher. Der Tischler verlor ihn immerwährend aus den Augen, blieb stehen und schrie ihn wütend an. Einmal packte er sogar Kaschtanka mit gierigem Gesichtsausdruck am Fuchsohr, zauste ihn und sprach langsam und abgerissen:
„Daß Dich . . . der . . . Teufel. . ."
Nachdem er feine Geschäfte erledigt, hatte Luka Alexandritsch auf einen Augenblick seine Schwester besucht und dort einen kleinen Frühschoppen gemacht. Kon der Schwester ging er zu einem bekannten Buchbinder, von dort in ein Wirtshaus, aus dem Wirtshaus zum Gevatter u. s. w. Mit einem Wort — als Kaschtanka auf das fremde Trottoir geraten war, fing es schon an zu dunkeln, und der Tischler war bezecht wie ein Schuster. Er fuchtelte mit den Armen, seufzte tief und murmelte:
„In Sünden hat mich meine Mutter geboren! Sünden, Vichts als Sünden! Jetzt spazieren wir, Kaschtanka, mit Dir so einher und sehen uns die Laternen an, und sind wir tot — braten wir in der Hölle. . ."
Oder aber er verfiel in eine gutmütige Stimmung, xief Kaschtanka zu sich heran und sagte ihm;
„Du, Kaschtanka, bist ein Insekt und sonst nichts. Im Vergleich zu uns Menschen bist Du so... so wie eirt Zimmermann im Vergleich zum Tischler. . ."
. Während er sich so mit dem Hunde unterhielt, ertönte plötzlich Musik. Kaschtanka sah sich um und erblickte ein ganzes Regiment Soldaten, das gerade auf ihn zukam. Da er seiner Nerven wegen Musik nicht vertragen konnte, so begann er sich zu drehen und zu heulen. Zu seiner größten Verwunderung aber war der Tischler gar nicht erschrocken und bellte und krümmte sich nicht, sondern stand „stramm" und salutierte, seine fünf Finger an die Mütze legend und übers ganze Gesicht grinsend. Da Kaschtanka sah, daß fein Herr an einen Protest gar nicht dachte, so begann er noch lauter zu heulen und stürzte fassungslos über die Straße auf das andere Trottoir.
Als er wieder zur Besinnung gekommen war, spielte die Musik nicht mehr und das Regiment war vorüber. Er lief über die Straße zurück an die Stelle, wo er seinen Herrn verlassen hatte, aber siehe da, der Tischler ivar schon weg. Kaschtanka stürmte vorwärts, aber der Tischler war wie in die Erde versunken. . . Kaschtanka begann das Trottoir zu beschnuppern in der Hoffnung, die Spuren seines Herrn zu erkennen, aber kurz vordem war irgend ein Schuft in Gummischuhen über das Trottoir gegangen, und jetzt vermischten sich alle feinen Gerüche mit dem Gummigestank. Da etwas herauszuriechen war ganz unmöglich.
Kaschtanka lief hin und her, ohne seinen Herrn zu finden, und unterdessen wurde es dunkel. Zu beiden Seitew der Straße wurden die Laternen angezündet, und in den Fenstern der Häuser wurde es hell. Große lockere Schneeflocken fielen langsam vom Himmel herab und färbten bct§ Pflaster, die Rücken der Pferde und die Mützen der Droschkenkutscher schön weiß, und je dunkler es wurde, um so blendend-weißer erschienen alle Gegenstände. An Kaschtanka vorbei, ihm immerfort den Gesichtskreis verdeckend und ihn mit den Füßen tretend, gingen ohne Unterbrechung fremde Kunden. - Kaschtanka teilte nämlich die gesamte Menschheit in zwei etwas ungleiche Teile: in Meister und Kunden; zwischen diesen und jenen bestand ein wesentlicher Unterschied: die Meister hatten das Recht, ihn zu schlagen, und bei den Kunden besaß er selbst das Recht, sie in die Waden zu beißen. — Dre Kunden eilten alle irgend wohin und beachteten Kaschtanka gar nicht.
Als es dunkel geworden war, übersielen Kaschtanka Wer- zweiflung und Schrecken. Er drückte sich an eine Haustür und begann bitterlich zu weinen. Der auf den ganzen Tag ausgedehnte Spaziergang mit Luka Alexandritsch hatte ihn ermüdet, seine Ohren und Pfoten froren ihm und außerdem war er auch furchtbar hungrig. Den Tag über hatte er nur zweimal etwas in den Magen bekommen: beim Buchbinder hatte er etwas Kleister gegessen und in einer Wirtschaft ein Stückchen Wurstschale gesunden — das war alles. Wenn er ein Mensch gewesen wäre, so hätte er sicher gedacht?


