491
und in der Schaffung herzerfreuender Werke von ähnlichem Schlag fruktifizieren möge. Dehn, den ich persönlich nicht kenne, — ich traf ihn nicht zu Hause, er, war, als ich zufällig durch meinen Herbsteiner Kollegen und Freund von ihm erfuhr, gerade ins Heu gegangen — ist Katholik und er hat die Anregungen zur Schnitzerei wohl unzweifelhaft von den Heiligenbildern, Crucifixus-Tarstellungen, erhalten die ihm von Kindheit auf vertraut gewesen sind. Er ist Autodidakt und hat nur, .wie ich hörte, etwa sechs oder acht Wochen lang einen Kursus in der Schnitzerschule in Erbach absolviert. Eine kleine Arbeit, die er mit eingcsandt hatte, ein Briefbeschwerer, eine Kindergutte darstellend, die auf einem Kissen liegt und mit einem Wecken spielt, erinnert etwas daran. Dehn hat aber von der Schule nicht mehr angenommen, als zur Erlangung technischer Gewandtheit und Sicherheit gehörte. Er ist in seinem Schaffen, wenig- stens in der eingesandten Arbeit, ganz und gar original geblieben oder auch — geworden. Tie, wenn ich nicht irre, .aus einem Eichenholzklotz herausgearbeitete Figur von etwas über 1 Meter Höhe ist edel in jeder Linie, eine freie .und große Leistung .von unvergänglicher, erhabener und ruhiger Schönheit. . Sie ist etwa als Blumenständer gedacht und
stellt, in der schlichten und einfachen, .vielleicht ein
ganz klein wenig .phantasievoll aufgeputzten (oder vereinfachten [?]) Herbsteiner Tracht, eine Frau dar, die ein geflochtenes Körbchen auf dem Kopse trägt und einen kleinen Rosenstrauß in der Hand hält. .Daß sie — nach mehrfach gehörtem Urteil — der eignen Frau des Künstlers porträtähnlich sein soll, sei nebenbei erwähnt. Tie Figur ist bemalt und zeigt auch in der Bemalung einen auserlesenen, feinfühlenden und zurückhaltenden Geschmack. Die Hauptsache bleibt aber doch die schnitzerische oder bildhauerische Gestaltung. Tie freie Haltung des Kopfes und des ganzen Körpers, ,der hehre, lichte, seelenvolle,. anscheinend in die Ferne gerichtete Blick des Auges, die künstlerisch feine Anordnung des schlichten Haares, die anmutsvolle Haltung der Schultern und die freie Beweglichkeit der leicht gekreuzten Arme, so auch die Darstellung von Rock und Schürze bis herab zum .einfachen und groben Schuhwerk, alles ist fein abgewogen, alles befriedigt an dieser herrlichen Figur das Auge. Sogar die leichte Uebertreibung aller Formen, die besonders in der Stärke des freien Halses und des fast runden Kopfes zur Erfahrung kommt, in Wirklichkeit aber durch alle Formen des stolz empfundenen Körpers hingeht, ist recht künstlerisch und in Anbetracht der auf demKops zu denkenden Last zur künstlerifchen Wirkung unentbehrlich. Kurzum, die Arbeit ist ein Werk echtester und edelster ■ Volkskunst und ohne Zweifel das Juwel der ganzen Ausstellung, ein Werk, mit dem sich — ihrer ganzen Art nach — die übrigen Arbeiten, auch die feinsinnigen Stücke Klemms und die besten Sachen Mombergers, gar nicht ohne weiteres vergleichen lassen. Wenn Momberger die Technik hätte und das erforderliche Studium der Natur, (vielleicht auch noch die ehrfurchtsvolle Innigkeit die in dieser Figur sich ausspricht), dann vermöchte er, seiner Vorliebe zur Plastik nach, pselleicht einmal das protestantische Gegenstück zu diesem hehren katholischen Frauentypus unserer Gegend zu schassen. Dem Herbsteiner Künstler aber ist ein Käufer zu wünschen, der ihm das Stück, das eines ganzen Winters Arbeit .in Anspruch genommen hat, auch nach seinem wirklichen Wert bezahlt, und der ihm dadurch Lust macht, in seiner einstweilen „brotlosen Kunst" weiter zu schaffen. Ich habe in seinem i Hause außer sonstigen interessanten Dingen an Schnitzereien zwei buntbemalte Heiligenbilder und ferner einen größeren bemalten, sowie einen kleineren „weißen", d- h- in der Naturfarbe des Holzes belassenen Crueificus gesehen, alles Sachen, die gleichfalls von seiner Hand herrühren sollen, freilich, Ms bei der Natur der dargestellten Gegenstände gerade an einem Volkskünstler nicht verwundern darf, ohne ausgesprochene Individualität. Dock) schien mir besonders der zuletzt erwähnte Crueifixus ein seines Stück, wie man es einem Dilettanten und Autodidakten kaum zutrauen mag.
In Tehn's kleinem Hause fand ich übrigens neben der Schnitzerei auch noch die Volkskunstmalerei vertreten. Sinar äußerst primitiv und, .wenn man will, unsagbar kunstlos (technisch angesehen), auch mit den denkbar allereinfachsten Mitteln, hat, wie ich hörte, .ein Sohn des Dehn, .der Musiker ist« den kleinen Hausgang mit drei landschaftlichen Darstellungen ausgeschmückt. Mir, der ich mich an einer hübschen Idee zu freuen vermag, wenn auch die Ausführung weit hinter ihr zurückgeblieben sein mag, tnaren die drei Bilder recht interessant. Es haben ihm offenbar jene Schweizer- oder Schwarzwaldlandschaften vorgeschwebt, wie man sie auf den bekannten grünen Rouleaux- vorhängen vor etwa 20 Jahren noch zu sehen pflegte. Ungefähr dementsprechend sind auch Format und Anlage der. Bilder. Ter Hintergrund zeigt Alpenberge. Aber —• und das ist nun das Interessante an den Sachen — je mehr er in den Vordergrund gelangt, desto mehr wird's — Vogelsberg, desto mehr zeigen sich die Bäume, die Bächlein, die Balkenhäuser unserer Gegend. Und wenn's auch keine „Sehenswürdigkeiten" sind, man kann seine Freude haben an dem Sinn, der die drei Felder schuf. Es ist derselbe Sinn, her in unserer Volksk-nst seine schönen Blüten treibt.-»
Ehe wir nun aber, nach dieser Abschweifung, .mit den Arbeiten Tehn's die VoMkunstschnitzeichi etzdgiltch verlassen, mag
schließlich noch in Kürze der Modellierarbeiten des Rentners David I. Stein in Breungeshain gedacht werden, die in zusammen sieben, größeren und kleineren Sachen, gleichfalls auf der Ausstellung .vertreten waren. Zwar gehörten und gehören sie streng genommen nicht hierher. Tenn sie sind weder „oberhessisch", poch können sie zur Volkskunst in unserem Sinne gerechnet werden. Stein, .ein geborener Breungesheimer, hat die meiste Zeit seines Lebens in Amerika gelebt, wo er, gelernter Schreiner von Haus aus, (— als solcher hat er, was auch nicht nninteressant ist, .ehe er nach Amerika ging, bei Mombergers Vater als Geselle gearbeitet —), einen Laden mit den mannigfachsten in sein Fach einschlagenden Artikeln unterhielt und ein wohlhabender Mann geworden ist, der nun seinen Lebensabend in der alten Heimat verbringt. Als junger Mensch hat er —i mit Klemm zusammen — auch die schon erwähnte Schnitzeroder Industrieschule in Schotten besucht, und er hat nun, wie mir gesagt worden ist, .erst in der Muße seines Alters wieder die dort erworbenen Fertigkeiten hervorgesucht und findet jetzt seine Unterhaltung und sein Vergnügen darin, zwar nicht in Holz zu schnitzen, sondern in einer eigenen Modelliermasse, deren Zusammensetzung .er, .wie mir gleichfalls gesagt wurde, geheim hält, allerlei lustige Figuren zu formen und zu bemalen, Biiderrahmen aus Astwerk anzufertigen und mit aufmodellierten Schmuckstützen zu zieren und dergleichen mehr. Es waren von ihm ausgestellt: drei ganz plastische Figuren, ein kleiner Kegler und ein Orangenverkäufer und ein größerer Kegler auf einen eigens dafür hergerichteten, fast überreich dekorierten und für unfern Geschmack etwas fremdartigen Postament, ferner «in bemaltes Engelsköpfchen und eine goldbronzierte Negermaske und endlich zwei Bildrahmen aus hart grün gebuchtem Astreisig hergestellt und an den Ecken mit aufmodellierten vergoldeten Blättern geziert. Der eine der beiden Rahmen, — er umschloß das Oeldruclbild einer Gesellschaft musizierender Affen — trug außerdem noch ein aufmodelliertes Eengelsköpfchen als besonderen Zierrat. — Es ist die Echtheit und Originalität verschiedener Stücke in Zweifel gezogen worden. Und das erscheint nicht ohne weiteres unbegreiflich und beruht m. E. .auf der offensichtlichen Ungleichwertigkeit der einzelnen Sachen oder Teile von solchen. Es kann in der Tat als kaum glaublich erscheinen, daß dieselbe Hand, die den kleineren Kegler (und auch beit Orangenverkäufer) so getoandt gebildet, nachträglich auch den größeren und viel unbeholfener gearbeiteten Kegler (auf dem Postament) geschaffen haben soll. .Es kann als „kaum zu glauben" anmuten, .daß hie nämliche Hand, die die Negermaske und den Löwenkopf am Postament so stilmäßig geformt und dann t wohlgeschulte Sicherheit bekundet hat, .gleichzeitig auch die seitlich an dem Postament angebrachten Rosen modelliert, ja überhaupt das ganze Postament, so wie es ist, erdacht und ge- schafsen haben soll. .Indessen, da weniastens bezüglich der beiden Kegler von einem glaubwürdigen und einwandsfreien Zeugen, der bei der Modellierarbeit will zugesehen haben, die Authen- zität bestätigt worden ist, so muh es doch wohl angenommen werden. Aber sei dem, wie ihm wolle, die äußere Formvollendung und die technische Gewandtheit.macht an sich den Künstler nicht, am wenigsten den Volkskünstler, und jedenfalls handelt es sich in den Arbeiten Steins, so geschickt sie sonst sein mögen, nicht um — „oberhessische Volkskunst". Die Sachen sind nicht oberhessisch, .sondern — amerikanisch. Sie muten, schon mit ihren derben, wenig auf einander abgestimmten Farben, die etwas Schreiendes an sich haben — es ist e ben amerikanische Art — aber auch durch ihren Gegenstand und durch die ganze Art der Darstellung auf den ersten Anblick fremdartig an. Sie sind aus einem ganz anderen Milieu als dem des oberhessischen und speziell des Vogelsberger Lebens und sie sind aus einem ganz anderen Geist als dem unserer Volkskunst. Es ist ein triviales, banales, gemütloses, für unser Empfinden fast ein wenig unfeines und jedenfalls ein ganz anderes Wesen in den Sachen, als in den traulich heimeligen und gemütvollen Schöpfungen der in unseren stillen Bergen heimischen Volkskunst. Selbst Mombergers Judenkarikatur bewahrt dem Geiste dieser Sachen gegenüber eine Würde, die wohltuend berührt. Wie mir scheinen will, liegt aber die Ursache dieser fremdartigen Wirkung wohl hauptsächlich darin, daß die Arbeiten Steins, auch wenn sw wirklich als eigene, frei und selbständig modellierte Arbeiten angesehen werden müssen, zur Volkskunst in unserem Sinn überhaupt nicht gerechnet werden können. Die VolkSkunstarbeiten haben, wie ich gelegentlich der Besprechung der Meher schon Sachen auszuführen versucht habe, ihr Wesen darin, daß sie, sie mögen stofflich zum Gegenstände haben, was sie wollen, g e i st i g selbständige Schöpfungen sind, daß sich zum Wenigsten in irgend welcher Weise eine Individualität,, eine Persönlichkeit, in ihrer Gestaltung ausspricht. .Tas ist bei den Arbeiten Steins nicht der Fall. Man glaubt, diese Lachgesitzter schon irgendwo einmal ' in einem Porzellan- oder Thonwarenladen gesehen zu haben. .Sie sind — teilweise wenigstens — so „fertig", es ist so wenig von einem Ringen um die Gestaltung an ihnen zu merken, wenn sie cs auch technisch in Wirklichkeit nicht sind. Die Sachen sind nicht original empfunden. Sie find von ihrem Ilrheber schon irgendwo einmal fertig gesehen und dann —i mit virtuoser Geschicklichkeit allerdings — nachgebildet worden. Es sind, .wenn alles richtig ist, und auch die schnitzerifche


