490
dem Kinde kein leichtfertiges Spiel zu treiben, son5ern warten zu wollen, bis sie wirklich im heiratsfähigen Alter ist, dann —"
„Mein Wort darauf, Herr Pfarrer", gelobte Vlados ernst,
„Na, dann will ich ein Auge zudrücken, meinethalben auch beide", gab sich der Pfarrer gefangen, „Und nun kommen Sie mit mir, ich will einmal sehen, ob ich Herrn von Höchstfeld vielleicht in der Wirtschaftskanzlei finde."
Trotz dieser Ansforderung blieb Leutnant Bielimarino- vic zögernd stehen.
„Meinen Sie nicht auch, Vater Adame", fragte er etwas klmnlaut, „daß es Herrn von Höchstfelds Befremden erregen könnte, mich so plötzlich erscheinen zu sehen, wo ich doch gar nicht am Gutshof abgesessen bin?"
Der Pfarrer schaute ihn mit großen Augen an.
„I du Donnerkeil, wo haben Sie denn Ihr Pferd eingestellt?"
„Das habe ich rückwärts im Park festgebunden."
„I sieh mal einer, da hat Sie also wohl die Kleine nach vorhergegangener Verabredung erwartet?"
Vlados Nickte.
„Schau, schau, Ihr seid ja schon recht weit miteinander gekommen, und ich hatte wenigstens noch die eine Hoffnung, daß es ein ganz zufälliges Zusammentreffen sei."
„Zufällig ist es immer nur das erstemal", belehrte ihn Vlados schmunzelnd, „später wäre es Sünde, dem Zufall zu überlassen, was man doch —"
„Schon gut, schon gut", unterbrach ihn der Pfarrer, „und nun fahren oder vielmehr reiten Sie in Gottes Namen ab."
Trotzdem die Auseinandersetzung über alle Maßen glimpflich abgelaufen war, ließ es sich Vlados doch nicht zweimal sagen und empfahl sich schleunigst.
Erna war indes mit schlechtem Gewissen umhergeirrt. Jetzt verstand sie des Vaters Mißtrauen gegen den Pfarrer vollkommen — wer so heimtückisch herumschleichen konnte, um anderer Leute Geheimnisse auszuspionieren, der war natürlich zu allem fähig. Und diese ganz unglaubliche Ungezogenheit, sie „Krabbe" zu heißen! Nun, sie wollte ihm noch beweisen, daß sie keine Krabbe, sondern ein ganz respektabel ausgewachsener Hummer sei, der seine Scheren gegen seine Feinde zu gebrauchen wisse!
Dann überlegte sie aber wieder, ob es nicht vielleicht doch geratener sei, sich mit ihm — wenn auch nur aus Kriegslist — auf guten Fuß zu stellen — schon deshalb, damit er nicht am Ende ihr heimliches Rendezvous den Eltern „petze".
Freilich, er war ja sonst ganz lieb und nett und viel nachsichtiger als alle Geistlichen, die sie bisher kennen gelernt hatte, — das mußte sie zugeben — konnte man es aber wissen, ob er nicht aus dem Grunde zum Verräter werden würde, um sich beim Vater einen Stein ins Brett zu legen? Jedenfalls hieß es die Augen offen halten, denn wenn Papa oder gar Mama etwas von ihrer ersten wirklichen Liebe erführen — au weh, das konnte einen schönen Krach geben! Und speziell, Mama! Mama hat ja keinen Funken Verständnis für Poesie — rein so, als ob sie nie im Leben selbst jung gewesen wäre!
Sie konnte sich Mama als Mädchen überhaupt nicht vorstellen und den Papa als Liebhaber eigentlich erst recht nicht.
Ob Papa die Mama wohl auch heimlich geküßt hat? schoß es ihr plötzlich durch den Kvpf, und sie mußte bei dem Gedanken an diese Möglichkeit hell auflachen.
Im selben Augenblick glaubte sie ihren Namen rufen zu hören und blieb erschrocken stehen. Und wieder klang es mit vorsichtig gedämpfter Stimme zweimal hintereinander: „Fräulein Erna — Fräulein Erna!"
Nun wußte sie auch, wer es war — die Zwillinge — aber noch wußte sie nicht, ob sie vor Scham ausrücken oder ob sie ihnen ihre volle weibliche Entrüstung ins Gesicht schleudern sollte/
Das Letztere dünkte ihr schließlich inrponierender, und mit unnahbar abweisender Kälte wandte sie sich den zögernd Herankommenden zu.
Ehe noch einer von ihnen das Wort ergreifen konnte, sagte sie mit tiefster Indignation: „Ich begreife nicht, woher Sie den traurigen Mut nehmen, mir noch einmal unter die Augen zu treten. Sie scheinen wohl gar nicht
zu ahnen, wie taktlos Sie sich einem wehrlosen Weibe gegenüber benommen haben!"
Die beiden Unglücksraben schauten ganz verdonnert zu Boden. „Aber, Fräulein Erna", meinte endlich Dinko kleinlaut, „was können wir denn dafür, daß Sie nicht mehr an hatten" — und Mirko setzte schon etwas dreister hinzu: „Wenn Fräulein Erna wüßten, wie hübsch das Bild ausgefallen ist, dann würde Fräulein Erna gewiß nicht so böse sein. Wir wollen es sogar beim nächsten Preisausschreiben für Amateurphotographie zum Wettbewerb einschicken!"
Einen kurzen Moment fühlte sich Erna riesig geschmeichelt, dann wurde sie aber um so verlegener, und mit wirklich echter Entrüstung schleuderte sie ihnen entgegen: „So handeln nicht Kavaliere, sondern — Buschritter. Ueb- rigens bin ich nicht so schutzlos wie Sie zu glauben scheinen^ mein Bruder kennt bereits Ihren heimtückischen Uebersall, und wenn er Sie nicht schon dieser Tage gefordert hat, so wird er es sicher noch heute tun."
Die Wirkung ihrer Worte war eine ganz unerwartete^ denn anstatt vor Schreck zu erbleichen, singen die beiden ganz ausgelassen zu lachen an.
Erna war ganz starr vor Empörung über Dinko und Mirko, und im Nu standen ihr die Tränen in den Angen.
„Sie sollten sich schämen, mich noch zu verspotten", entrang es sich ihr endlich, bebend, „das ist wenig gente- manlike!"
„Aber Fräulein Erna dürfen das doch nicht so tragisch nehmen", suchte sie Dinko zu beruhigen. „Mirko hat sich ja nur einen — allerdings sehr unpassenden Scherz erlaubt, denn wir haben ja das Bild gar nicht — wir haben es nicht enimal gesehen. Ljnbiza hat uns leider die Platte abgenommen, ehe wir sie noch, in die Dunkelkammer gebracht hatten, und Ihrem Herrn Bruder mußten wir unser Ehrenwort geben, gegen niemand davon zu sprechen."
Erna fiel ein Stein vom Herzen, denn obgleich es sie ja furchtbar geschmeichelt hätte, wenn um sie Blut geflossen iväre, so freute es sie doch andererseits ganz ungeheuer, daß dieses abscheuliche Bild nicht mehr existierte. Dieser Ausgang brachte sie aber insofern in die peinlichste! Verlegenheit, da sie nun nicht wußte, wie sie sich eigentlich gegen die beiden Verbrecher verhalten sollte. Endlich kam ihr ein glücklicher Gedanke, und mit unnachahmlicher Geringschätzung sagte sie: „Wenn Sie mein Bruder so glimpflich behandelte, so tat er es nur deshalb, weil er sie eben noch nicht für — voll ansieht. Aus.demselben Grunde sind Sie natürlich von nun an auch für mich — Luft!"
Die Zwillinge erbleichten bei der ihnen von Erna zu- gesügten „unerhörten" Beleidigung. „Wenn Sie nicht eins Dams wären, müßten Sie uns dafür Genugtuung geben", rief Dinko bebend, und Mirko, dem das noch viel zu milde war, ries voller Empörung: „Mit Ihrem Blute müßtest Sie diese Insulte büßen!"
Erna wurde es nun doch bange,- und etwas kleinlauter! lenkte sie ein:
„Sie haben doch zu heimtückisch alt mir gehandelt!" „Wieso?" ereiferte sich Dinko, „wir wollten Ihr Bild mit Ihrem Strumpf am Herzen tragen!"
„In solchem Kostüm trägt man keine Dame am Herzen"^ protestierte Erna nahe dem Weinen.,
„Wenn man sie liebt", ereiferte sich Dinko, „dann ist das Kostüm überhaupt Nebensache. Die Liebe —"
„Sprechen Sie nicht von Liebe, ich darf das sticht mehr hören", unterbrach ihn Erna errötend)
(Fortsetzung folgt.)
Kie WolksLstNst-AttssteTiMg auf dem Ksherodskoyf.
Bon Ernst Freundlieb, Pfarrer zu Ulrichstein.
Bon d-r bisher geschilderten Volkskunstschnitzerei vollsMM big gesondcr: und ohne jede äußere und man kann auch ruhig sagen: innere Verbindung mit ihr steht ein Volkskunstmerster, der eine eigene und durchaus selbstärwige Stellung behaupten und für sich in Anspruch nehme» darf. Es ist der Buchbinder Christoph Dehn in Herbstein, der als Schnitzer ganz Hervorragendes und Außerordentliches leistet. Man darf ruhig sagen, daß die einzige, von ihni zur Ausstellung freundlichst überlassene halblebensgroße Figur einer Hcrbsteineriu allen übrigen Schnitze- reien der Ausstellung zusammengcnommen die Wage hielt, und man kann nur wünschen daß der Mann seine ganz außerordentliche Gabe nicht liegen lasten, sondern He werterbildrn


