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besuche zu machen, andererseits aber sind wir Karls Erben und haben als solche und Verwandte auf sein Andenken Rücksicht zu nehmen."
„Mr wissen aber doch gar nicht, was vorlag. .
„Jedenfalls keine Kleinigkeit, sonst bricht nicht ein lebenslustiger Mensch, wie er es war, den ganzen Verkehr plötzlich ab!" entgegnete er mit Bestimmtheit, und im Auf- und Mtzehen fuhr er fort, „ich. habe ihn ja damals zu sondieren versucht, konnte aber absolut nichts Positives aus ihm herausholen. Das einzigste, was er sagte, war: Wenn ich einmal nicht mehr bin und Ihr mein Erbe angetreten habt, dann hütet Euch vor dem Pfarrer Nenadovic — was den Namen Höchstfeld führt, wird er bis unter die Erde mit seinem Haß verfolgen."
Nach einer längeren Pause, in der beide ihren Gedanken nachgehangen hatten, sagte endlich Frau von Höchstfeld zögernd:
„Du darfst es mir nicht übel nehmen, lieber Erwin, aber nach all dem, was Du sagst und was auch unser Junge erzählte, der doch erst vor Mei Jahren unten war, will es mir saft scheinen, als ob sich! Karl irgendwie an ihm vevsündrgt hätte."
Mit zusammengezogenen Brauen blieb er dicht vor ihr stehen. „Meinst Du vielleicht"- fragte er, „daß ein Höchstfeld einer unehrenhaften oder auch nur ungerechten Handlung fähig ist?"
„Aber, Erwin, wann hätte ich dergleichen behauptet!" lenkte sie erschrocken ein, „ich denke nur, daß wir jetzt alle Eventualitäten ins Auge'fassen müssen, um darnach unser Verhalten einzurichten. Wenn ihn irgend eine Schuld trifft — ich glaube es ja nicht, aber gesetzt den Fall, es wäre wirklich so — dann sehe ich nicht em, warum wir darunter leiden sollen."
„Leiden, leiden, leiden!" höhnte er.
„Jawohl, leiden", beharrte sie resolut, „vergiß nicht, daß wir dort gesellschaftlich auf die Gutsnachbarschaft und auch auf die Geistlichkeit angewiesen sind."
„Ein deutscher Edelmann genügt sich selbst, trotzte er, „sein Heim und seine Familie gehen ihm über alles und lassen ihn mit Freuden auf die sogenannte Geselligkeit verzichten."
Sie antwortete nicht, sondern seufzte nur schwer.
Breitspurig postierte er sich vor sie hin und sagte mit geringschätzigem, zwischen Spott und Mitleid schwankendem Tone:
„Ja, ja, darin seid Ihr Euch alle gleich, Ihr denkt nur ans Vergnügen und wieder ans Vergnügen. Ich aber Meine, daß wir dort fürs erste gar keine Zeit zum Vergnügen haben werden, daß wir unsere ganze Kraft werden anspanneu müssen, um in diese chaotischen, zerfahrenen Zustände Ordnung zu bringen! Das hier", sagte er und nahm eines der auf dem Schreibtisch liegenden Fachbücher zur Hand, „hat von nun an unser Vergnügen zu sein, und ich will diesen geborenen" Landwirten da unten zeigen, daß ein deutscher Offizier mehr im kleinen Finger hat, als sie in chren landwirtschaftlichen Dickschädeln — was unsereins nur ernstlich will, das kann er auch schon!" — und als sie nun, anstatt ihm zuzustimmen, wieder auf- seufzte, da flog der „Kunst- oder Naturdüngers knallend ?ur Erde, und geregt polterte er auf sie ein — „was oll das ewige Geseufze bedeuten? Glaubst Du etwa, daß ich mich klein kriegen lasset
Frau von Höchstfeld, die den ganzen Sermon er« tzebnngsvoll über sich hatte ergehen lassen, fühlte sich nun, da ihr vor der Tatkraft ihres Dtannes nicht wenig bange wurde, doch verpflichtet, ihn auf das Unsinnige und Gefährlich^ seines Vorhabens hinzuweisen.
„Sieh, Erwin", begann sie, nach möglichst schonenden Ausdrücken gleichsam tastend, „ich möchte Dir ja so gern aus vollem Heiden beipflichten, und ich erkenne gewiß Deinen eisernen Mllen an. Aber der Wille allein tut es nicht, man muß auch die nötige Erfahrung haben, wenn Man nicht schweres Lehrgeld zahlen soll."
„Und diese Erfahrung soll mir Wohl bei den dortigen -»Geselligkeiten" zufliegen", spottete er, „ich wußte es ja daß es darauf hinauslaufen wird."
Verzweifelt starrte Frau von Höchstfeld vor sich hin, es stand aber zuviel auf dem Spiel, um dazu zu schweigen, und so entgegnete sie mit erzwungener Ruhe, doch nicht ohne eine gewisse Bitterkeit:
„Ich, glaube nicht, in irgend einem Zeitpunkt unserer
Ehe den Vorwurf der Vergnügungssucht verdient zu haben. Unsere finanziellen Verhältnisse schützten uns ja auch zur Genüge vor irgend welchen Seitensprüngen, und wir waren bis zur Stunde froh, eben noch den äußeren Schein wahren zu können."
„Das hatten wir auch nur dem Geiz meines lieben Vetters zu danken", brummte er wütend.
„Gewiß, er hat nicht schön, er hat sogar unrecht an Dir gehandelt", stimmte sie ihm rasch zu, „nun aber frage ich: wenn er sich gegen Dich, gegen seinen nächsten Verwandten aus purem Eigensinn ins Unrecht setzte, warum sollte er da gerade fremden Leuten gegenüber im Recht sein?"
„Das ist Weiberlogik", wich er, in die Enge getrieben, aus." i
„Nein, Erwin, dazu führt mich die ruhige Ueberlegung", sagte sie mit Festigkeit, „und spricht nicht auch das ganze Verhalten des dortigen Adels gegen ihn? Wenn das Recht auf seiner Seite gewesen wäre, würden sie ihn da fallen gelassen, würde er sich da freiwillig aus ihrem Kreis ausgeschlossen haben? Nie und nimmer!"
(Fortsetzung folgt.)
Aus dkm Lröen Ohm Krügers.
Vor zwei Jahren etwa erschien zugleich in fast allen europäischen Sprachen ein Band Lebenserinnerungen des Transvaal- Präsidenten Paul Krüger. .Sie sind von ihm selbst erzählt und nach Aufzeichnungen seines Privatsekrctärs H. C. Bredell und des ehemaligen Unterstaatssekretärs der Südafrikanischen Republik herausgegeben von A. Schowalter. Der Inhalt des Buches ist in zehn Hauptstück: geteilt, in denen die Erlebnisse Krügers von seiner frühesten Kindheit bis zu seiner Uebersiedelung nach Europa und seinen vergeblichen Bemühungen, hier eine Intervention zu Gunsten der Südafrikanischen Republiken herbeizuführen, geschildert wird. Er bietet eine reiche Fülle biographischen Materials an, daß uns die Persönlichkeit des Verstorbenen mit plastischer Deutlichkeit entgegentritt.
In anziehender, schlichter Weise schildert er seine Jugendjahre, die er auf der Farm seiner Eltern, schlichter Bauern, verlebt hat, und mit sichtlichem Vergnügen und einem gewissen Stolz erzählt er von seinen, in der Jugend erlebten Jagdabenteuern. Er hat seine 30 bis 40 Elefanten, 5 Flußpferde und allein 5 Löwen geschossen, davon den ersten im Alter von 14 Jahren im Jahre 1839, aber seit fünfzig Jahren hat sich Krüger an größeren Zagd- zügen nicht mehr beteiligt. Manche schwere Gefahr hat Krüger auf seinen Jagdzügen bestanden, und auch ohne schwere Verletzungen ist es dabei nicht abgegangen, so ist er einmal von einem Rhinozeros gar arg zugerichtet worden.
Den Warnungen seines Schwagers Theunis zum Trotze, stellt er sich einem solchen Untier entgegen. Er läßt es auf drei Schritt herankommen und schießt. Aber das Zündhütchen versagt. Zu einem zweiten Schüsse hat er keine Zeit. Krüger will fliehen, aber sein Fuß verfängt sich im Gestrüpp; er stürzt auf das Gesicht; im Nu erreicht ihn das schnaubende Ungetüm. Der erste Stoß mit seinem gefährlichen Horn streicht dem verwegenen Jäger gerade über den Rücken hin; mit der Nase drückt es den Feind auf den Boden fest und will ihn mit den plumpen Füßen zerstampfen. Aber behende dreht sich Krüger unter dem Tiere um und Meßt ihm die zweite Kugel unter das Blatt gerade ins Herz. Das Rhinozeros springt mit einem Gebrüll des Schmerzes zur Seite und stürzt alsbald tot meder.
Doch nicht immer geht Krüger ein dreistes Unterfangen so glücklich aus. Im Jahre 1866 mußte er auf der Heimreise von einer Volksratssitzung in Potchefstroom, bei der Farm Schoon- klof, über einen Bachgraben. Dieser war wohl eingetrocknet, aber der Weg, der hindurchführte, war völlig pnterwühlt und zerrissen, sodaß er für Wagen und Pferd unpassierbar war. Statt nun einen Umweg zu machen, fuhr Krüger mit seinem zweirädrigen Karren ein Stück zurück und trieb dann seine Maultiere in vollem Galopp gegen das Rinnsal, damit die Tiere hjnübersprmgen und den Karren nach sich ziehem Das Wagestück mißlang. Das Gefährt schlug um und Krüger brach am Knie das linke Bein. ES ist infolge dieses Unfalles nachher allezeit ein wenig kürzer geblieben. Aber beim .Gehen, so versichert Krüger ausdrücklich, wird dies jemand kaum merken.
Ein anderes Mal ist ein Kriegs abenteuer, bei dem Paul sein robustes Heldentum bekundet. Im Jahre 1853 wird General Potgieter auf dem Zuge gegen den Häuptling Mapela erschossen. Er stand gerade am Rande eines Felsenabhanges, da wurde er von der tätlichen Kugel getroffen. Potgieter stürzte in die Tiefe, mitten in die Kaffernschanzen hinein. Krüger sah es und eilte ohne Zögern hinab, um wenigstens die Leiche zu bergen. Hurtig sprang er über den Wall der Kaffernschanze, hob den Entseelten auf den Wall, setzte dann mitten im Kugelregen, mitten im Pulverdampfe tvieder hinüber und brachte so die Leiche des großen und schweren Mannes mit sich.
Die Macht der Triebe scheint auch im alten Krüger einmal


