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„Du hast gesagt, daß ich heule und — heuchle."
Er zwirbelte ungeduldig an seinen Schnurrb artenden, hustete einige Male verlegen und gab dann zögernd zu:
„Nun ja, ich hätte nnch allerdings etwas parlamentarischer ausdrücken dürfen, indes — wahr ist es doch!"
„Erwin!"
„Jawohl, es ist wahr, und glaube mir nur, das merken die Kinder ganz genau,"
„Meine Kinder werden nie glanben, daß ihre Mutter heuchelt!" protestierte sie und wischte sich nun eine wirkliche und wahrhaftige Träne aus dem Ange.
Er aber tat, als ob er es gar nicht merkte, und fuhr fort: „Du bildest Dir soviel auf Deine Erziehungsmethode ein, ich aber sage Dir, daß es mit den guten Lehren alleiu nicht getan ist. Die Hauptsache bleibt: ein gutes Beispiel zu geben, oen Kindern als leuchtendes Vorbild zu dienen und sie durch unsere gleichmäßige und nie wankende Charakterfestigkeit zu tüchtigen, bestimmten Menschen zu formen."
Frau von Höchstfeld rang verzweifelt die Hände.
„Erwin, um Gotteswillen", lainentierte sie, „Du wirst doch nicht etwa behaupten wollen, daß ich unseren Kindern ein schlechtes Beispiel gebe?"
Er schaute sie nicht ohne ein gewisses Mitleid an, setzte sich zu ihr und sprach nun in etwas freundlicherem Tone: „Sieh, liebe Eveline, Du mußt Dir vor Augen halten, daß Erna sehr aufgeweckt ist, daß sie auch in dem Alter steht, wo man scharf zu beobachte« ansängt und über Dinge grübelt, die — na, das gehört ja nicht hierher, und ich will nur sagen, daß wir uns vor ihr jetzt doppelt in acht nehmen müssen. Wenn sie Dich nun über den Tod meines Vetters Karl außer Rand und Band geraten sieht, muß sie sich, da nicht fragen, wie das möglich ist?"
„Es ist aber doch so schrecklich —"
„Was? Daß er mich zum Erben einsetzte?'" .
„Nein, das gerade nicht, aber —"
„Aber, aber, abexr — hier gibt es gar kein aber und gar keine allgemeinen Erwägungen, sondern hier handelt es sich ausschließlich um Karl. Und das weiß das Kind ganz gut, daß er uns durch sein unverwandtschaftliches Benehmen ferner als irgend ein Fremder stand — ich wüßte also wirklich nicht, woher da der Schmerz kommen sollte!"
„Freilich freilich er hat ja nicht recht an uns gehandelt", gab sie zu..
„Und als lch damals meinen letzten Kredit ausnutzte, um zn ihm naöh Kroatien hinabfahren zu können, und ihm unsere Verhältnisse darlegte, da mußte ich niich wie ent Bettler demütigen, um nicht mit leeren Händen zurückzukommen !"
,,Er hat es ja durch das Erbe gutzumachen gesucht"", bemühte sie sich, ihn zu beschwichtigen.
„Ein nettes Erbe!" höhnte Herr von Höchstfeld ingrimmig und sich mit den Fingern durch die borstengerade hinaufstehenden Haare fahrend, fügte er ärgerlich hinzu: „ich furchte, daß wir damit eine harte Nuß zu krtacken bekamen."
Aengstlich, besorgt sah ihn seine Frau an, dann glaubte sie ihn zu verstehen uni) sagte seufzend:
„Ja, ja, es wird sich wohl schwer ein tüchtiger Oeko- nom für da unten finden."
„Du rätst doch immer daneben" polterte ep, „als ob ich dazu einen Oekonomen brauche — ich werde mein eigener Oeeknom sein/"
„Aber, lieber Erwin", wagte sie schüchtern einzuwenden, „das muß doch wohl auch erst gelernt sein.""
„Unsinn! Ein paar Ochsenwagen werden sich Wohl leichter als ein ganzes Bataillon kommandieren lassen. Uebrigens liegen die einschlägigen Bücher, die ich mit Erich durchnehmen werde, schon da. Der Junge ist ein heller Kopf, er wird die Geschichte auch schnell heraus haben."
„Es handelt sich aber doch um eine Herrschaft von viertausend Morgen !"
„£® vierzig oder viertausend, das bleibt sich für den Anordnenden gleich — die Hauptsache ist der Ueberblick — verstehst Du? — der Ueberblick! — Na, und den gewinnt man beim Militär zur Genüge. Ueberhaupt sollte jeder Landwirt früher Militär gewesen sein, dann käme ein strammerer Zug in das Ganze. — Mas die Bewirtschaftung anbelangt, davor ist mir also ganz und gar nicht bange.
aber ich frage mich: Wie werden wir uns zu der dortigen Gesellschaft stellen?"
Frau von Höchstfeld sah hilflos um sich.
„Ja, wenn wir nur halbwegs eine Ahnung hätten, was eigentlich mit ihm vorgefallen ist.""
„Das ist es ja eben"", bekräftigte er, „nichts, rein nichts weiß man, und ich kann doch nicht frenide Leute danach fragen! Aber ich habe es ja vorausgesehen, daß die Geschichte nicht ganz glatt ablaufen wird. Als er damals auf den verrückten Einfall kam, sich da unten, nahe der türkischen Grenze anznkaufLn, da habe ich ihm redlich abgeraten und ihm vor Augen geführt, daß dorthin ein sogenattnter zivilisierter Mensch nicht Paßt. Na, er hat mich ausgelacht, wie er überhaupt immer den! Uebergescheiten herauszubeißen ttmßte, und die ersten Jahre schiert es ihnt auch ganz gut zu behagen, bis dann auf einmal. . .""
„lieber zwanzig Jahre sind es her, und doch erinnere ich mich an den Bries, als ob er gestern eingetrofsen wäre", unterbrach sie ihn, „eine ganze Liste von Büchern mußtest Du ihm damals besorgen und darunter nicht einen einzigen Roman, sondern lauter solch wissenschaftliches Zeug, daß wir uns gleich sagten: er ist über- geschnappt.""
„Das konntest nur Du gesagt haben"", protestierte er, „denn ich hatte immer gehörigen Respekt vor der Wissenschaft."
„Sogar solch gewaltigen, daß Du ihr meilenwett aus dem Wege gingst"", ergänzte sie lächelnd.
„Das verstehst Du nicht, liebe Eveline", verwies er sie, „der Mann der Tat hat mit freiem Blick um sich zu schauen und braucht nicht erst aus den Büchern Lebensweisheit zu schöpfen wie diese Zimmerhocker. Und da auch Karl ein Mann der Tat war, so machte mich sein plötzliches Verlangen nach Gedrucktem allerdings stutzig.""
„Erwin!"" rief sie erschrocken und erfaßte ihn beim Arm, „wenn wir dort unten am Ende auch zu solchen Sonderlingen würden!""
Er machte sich mit einer kurzen Seitenbewegung frei.
„Ich bitte Dich, liebe Eveline, überlaß diese albernett Bemerkungen Erna", sagte er ungeduldig, „Dich kleiden sie nicht mehr."
Gekränkt wandte sich Frau von Höchstfcld zum Gehen.
„Natürlich"", rief er ihr nach, „das ist so Weiberart — die Beleidigte spielen und mich mit dem Brummschädel allein lassen!""
Sie kehrte sofort willig um, machte ihm aber doch. Vorwürfe über seine ungehörige Ausdrucksweise, was er anscheinend ganz zerknirscht über sich ergehen ließ, unt dantt, als sie fertig war, mit unterdrücktem Schmunzeln zu sagen: „Ich dachte, nur in Gegenwart der Kinder di« Wahrheit verschlucken zu müssen. Albern ist übrigens gab nicht so schlimm — wenn ich noch gesagt hätte dumm oder..."
„Nun habe ich es satt"", rief sie ernstlich empört, „feit Du Deine schlechte Laune nicht mehr aus dem Kasernenhof auslassen kannst, betrachtest Du mich als Prügeljungen! Das ist, das ist — unfein — so, jetzt weißt Du es!"
Er nickte und brummte:
„Hm ja —< jetzt weiß ich es"", dann hielt er ihr die Hand hin und bat: „na, schlag ein. Alte, wollen uns wieder vertragen."
Sie überlegte und fand richtiger, sich Nicht so schnell versöhnt zu zeigen. _
„Laß nur, laß", wehrte sie deshalb^ „Du machst Dtr ja doch nichts daraus, ob ich mich gekränkt fühle oder nicht."
„Das ist aber doch- weiß Gott! nicht wahr!" protestierte er lebhaft; „ich rede ja so manches daher, aber daß ich Dir je absichtlich und mit Ueberlegung wehe getan hätte —• nein, dagegen verwahre ich mich ganz entschieden. Also- gib mir die Hand, alter Kriegskamerad, und laß uns vernünftig miteinander reden.""
Mit absichtlich zur Schau getragenem, leichtem Widerstreben überließ sie ihm ihre Rechte, freute sich aber im Innern, daß er sein Unrecht eingesehen und, was eigentlich noch nwhr bedeutete, daß er es auch einmal zugegeben hatte.
„Die Sache liegt nämlich für uns teuflisch verzwickt"^ nahm er nach einer Weile das Gespräch von neuem auü „von Rechts- und von Anstandswegen sind wir natürlich dazu verpflichtet, den nächsten Gutsnachbarn Antritts-


