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Gin angenehmes Gröe.
Humoristischer Roman.
Von Victor von Reisner.
(Nachdruck verboten.)
1.
Frau von Höchstfeld trocknete mit dem Taschentuch einige nie geweinte Tränen, und Erna, der holde Backfisch gab sich gleichfalls die redlichste Mühe, eine möglichst würdige Trauermine zur Schau zu tragen.
Er, der Herr des Hauses, Major a. D. Erwin von Höchstfeld, Ritter des Zipperleins und noch vieler anderer wohlerworbener, wenn ch nicht sehr angenehmer Attribute, ging unterdes nu. sorgenvoll gefurchter Stirn auf und nieder und dachte und dachte — endlich blieb er vor seiner Frau stehen und sagte mit einer Stimme, die zwischen Aerger und Lachen schwankte:
„Nun möchte ich bloß wissen, weshalb Du eigentlich heulst!"
Frau von Höchstfeld zuckte beleidigt zusammen, fuhr sich in der Erregung anstatt mit dem Taschentuch mit dem Schlüsselbund übers Gesicht und maß ihn mit einem niederschmetternden Blick.
„Na, was soll denn das heißen?" fragte er verwundert.,
„Das soll heißen", erwiderte sie pikiert, „daß ich mich trotz unserer viernndzwanzigjährigen Ehe noch nicht an diesen Ton gewöhnt habe."
„Das tut mir leio", meinte er, „Zeit dazu hast Du gerade genug gehabt. Uebrigens zwingst Du nnch ja durch Dein Benehmen zu solchen Bemerkungen — man heuchelt nicht einen Schmerz, den man unmöglich empfinden kann."
Mit einem Ruck schnellte Frau von Höchstfeld in die Höhe, mit einem zweiten zwang sie sich zu gemessener Würde, und gewaltsam eine ihm von Rechtswegen gebührende Zurechtweisung unterdrückend, verließ sie stolz erhobenen Hauptes das Zimmer.
Kopfschüttelnd sah er ihr nach, brummte etwas, das auf ein Haar wie „verrücktes Frauenzimmer" klang, und postierte sich dann vor Erna.
„Na, Knirps", fragte er, „willst Du mir auch solche Flausen vormachen?'"
Erna war sich nicht sofort klar darüber, ob sie schon ihr gewöhnliches Gesicht zeigen durfte, oder ob es nicht passender sei, noch die Niedergeschlagene zu spielen, und deshalb seufzte sie mit verdrehten Augen und hauchte ganz pathetisch: „Der arme Onkel."
„Du bist ein Schaf", schalt der Vater zornig, ging einige Male durchs Zimmer, setzte sich dann wieder, winkte sie zu sich heran, zog fie auf den Schoß und sagte — „merke Dir eins: sich verstellen ist eine Unwahrheit ist eine Lüge und wer lügt, der betrügt, und wer betrügt, der stiehlt
und wer stiehlt..." — er unterbrach sich und sah nach seiner Frau hin, die eben wieder eintrat und auf das Nähtischchen zuschritt.
Es zuckte ihm um die Mundwinkel, und mit über- höflicher Galanterie fragte er:
„Was suchst Du denn, liebe Eveline, kann ich Dir vielleicht behilflich sein?"
„Ich danke"", lehnte sie kühl ab, um dann um so verlegener hinzuzufügen, „ich habe nur meine Schlüssel liegen lassen."
„Na ja, bas konnte ich mir denken"", meinte er mit leichtem Spott, schob Erna sachte vom Knie und vertrat seiner Frau den Weg. Sie sah ihn groß an.
„Wünschest Du etwas?"
„Gewiß. Ich will mit Dir eine vernünftiges Wort reden."
„In Gegenwart des Kindes?""
„Aber, liebe Mama"", platzte Erna unbedacht heraus, „warum soll ich denn nicht auch einmal etwas Vernünftiges hören dürfend"
Wie vom Schlag gerührt, starrte Frau von Höchstfeld sie an, und selbst der Vater, der sonst für die Keckheiten seines Lieblings stets eine Entschuldigung fand, war im ersten Moment ganz perplex.
„Für diese Unart gehst Du sofort auf Dein Zimmer"", befahl er dann, „und läßt Dich nicht eher sehen, als —"
„Mer. lieber Papa, es war doch gar nicht so gemeint —"
„Nicht so gemeint? Um so schlimmer!! Habe ich Dir nicht eben erst gesagt, daß man nicht gegen feine Ueber- zeugung spricht?""
Erna hätte darauf gern etwas erwidert, indes — weit vom Schuß war jedenfalls sicherer, und so schlüpfte sie achselzuckend zur Tür hinaus.
Die Gatten waren allein, und mit Frau von Höchstfeld a sofort eine große Veränderung vor. Aus der un- aven Dame war eins, zwei ein besorgtes Hausmütter- chen geworden, und zwar ohne jedweden Apparat — ganz wie beim Taschenspieler.
Trotzdem er oies Knnststückchen seit Jahren kannte, mußte er doch immer wieder von neuem die! geradezu einzig dastehende Doppelnatur seiner Frau bewundern, denn sie spielte nicht etwa Komödie, sondern gab tatsächlich jedesmal ihr ureigenstes Ich.
Dem Mann gegenüber — das heißt, wenn sie mit ihnt allein war — kannte sie nur weibliche Hingabe und Unterordnung; waren aber die Kinder zugegen, ja, dann änderte sich die Sache, dann hielt sie es im Interesse der Erziehung für notwendig, auf ihre Rechte zu pocheN und' kein Tüpfelchen ihrer gleichberechtigten Autorität preiszugeben.
„Erwin, wie konntest Du mir das nur vor dem Kinde antun l" machte sie ihm nun, da sie allein waren, nachsichtig zum Vorwurf.
„Was habe ich Dir denn angetan?"" fragte er ärgerlich.


