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Farbe." Seine schmale Brust Weitete sich unter einem tiefen Atemzug. „Siehst Du, und dann ist mir, als sei ich selbst draußen gewesen und hätte all das miterlebt, mitgenossen."
Es klang nicht einmal traurig, Wie er das sagte, vielmehr innig und schwärmerisch. Wer so oft er diesen Ton anschlug, krampfte sich ihr das Herz zusammen und chre Augen feuchteten sich. Sie nahm ihr blaues Düffeleape nrit der roten Kapuze, und verließ das Zimmer. In der Holzveranda, zu der die Tür und sämtliche drei Fenster ossenstandeu, blieb sie stehen.
„Du, Bär", rief sie lebhaft zurück, in völlig verändertem Ton, „was sagst Du zu den Bengels — die klettern wieder drüben aus dem Stätteplatz auf den höchsten Holzbeigen herum. Na, diesmal müssen sie aber Keile kriegen. Was?"
„In — Du und die Jungens versohlen!" neckte er sie. „Noch dazu am Borabend vom Ferienschluß."
„Sascha — Sascha!" rief sie schon im Vorgarten draußen, der an die Uferstraße grenzte, die von Gill, dem nächsten Marktflecken des Memeldeltas, herführte.
Helle Knabenstimmen antworteten ihr ziemliche weit her.
Auch ihre Stimme entfernte sich, Dann trug nur noch der Wind zuweilen eine Schallwelle von ihnen herüber.
Im Hause selbst war's ganz still geworden. Die Magd, eine bejahrte Litauerin, holte zum Abendbrot Radieschen aus dem Gemüsegarten, der an die Weite Wiese stieß. Der Kutscher besorgte die Pferde drüben auf bem Stätteplatz.
Auch das Sägewerk, in dem die Wbche Wer ohne Unterbrechung Tag und Nacht in zwei Schichten gearbeitet wurde, stand jetzt für vierundzwanzig Stunden still.
Dietrich Lotz zog die Plüschdecke ein wenig höher, denn es fröstelte ihn leicht. Mit seinen lebhaften, klugen grauen Augen sah er sehnsüchtig verlangend durch den schmalen Türrahmen in den sonnigen Wend hinaus — und seine Gedanken wanderten mit der lebensfrischen jungen Frau aus, seiner Fränze, die sein tapferer, gütiger Kamerad geworden war, seitdem das Schicksal ihn auf ihre Hilfe und ihren Schutz anwies.
Leise klang das Wiellenspiel des Karpaßskromes an sein Ohr, von den Mesen duftete das Heu herein, man stand in voller Mahd, Grillen zirpten, im Stalle schlug ein Pferd, man hörte darauf den Kutscher brummen — in seinem breiten gutmütigen Kurisch, das hier kaum der zwangigste Eingeborene mehr verstand — dann kam die Magd vom Garten zurück und sang, indem sie den Tische deckte, in ihrer Näselnden, konsonantenreichen Muttersprache einen protestantischen Choral.
Es War Feierabendstimmung.
Wer der Gelähmte empfand nur die Einsamkeit dieser ersten Ruhestunde nach der Arbeit; in ihm kämpfte und stritt es heute abdnd wieder mehr denn je.
Im dritten Jahre schon wartete er nun auf die Heilung, die ihm der alte Doktor so bestimmt in Aussicht gestellt hatte und die noch immer nicht kommen wollte. Manchmal War's ihm, als könnte nur noch ein Wunder helfen. Und Zeichen und Wunder geschahen doch so betrüblich selten in dieser nüchternen, aufgeklärten, hastigen Zeit. Zuweilen kam es fast wie Zorn über ihn.
„Alex — Sascha!" schallte wieder Frau Fränzes fröhliche, warme Altstimme vom Wafser her. Es lag so viel Lebensüberschuß, so viel Kbaft und Temperament in ihr.
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Draußen bot sich ein Bild strahlender Jugendlust.
Theo Pratje, der effjährige, war ja etwas ängstlich und bedächtig. Seine Ursprünglichkeit hatte fünf Jahren Gymnasium und Alumnatentum nicht standgehalten. Aber der kleine Alex war noch keineswegs von schülerhafter Gedrücktheit angekränkelt. Drum schlug er auch, als er Tante Fränze herankommen sah, ihr zu Ehren, oder uim ihr zu imponieren, auf einem schmalen Stoß Bretter, hoch in der Lust droben, einen unvergleichlich schönen Purzelbaum. Eins, zwei, drei, war er dann auf fast unsichtbaren Stufen um eine Manneshöhe weiter oben, ivo ein zweiter Purzelbaum folgte. Mähend vor Ausgelassenheit, schon ganz atemlos, entwischte er der flink ihm nachkletternden Tante, die ihn Haschen wollte, immer wieder. So ging es über den ganzen Stätteplatz. Theo saß mit baumelnden Beinen auf einem wippenden Balken, der in halber Haushöhe aus einem Stapel herausragte, klatschte vor Vergnügen in die Hände, lachte und feuerte dadurch, ohne es recht zu wollen, den kleineren Bruder zu immer kühneren Lriftvroduktioneu an.
Endlich hatte Frau Fränze ddn Meinen am Kragen. Nun legte sie den zappelnden Knirps lang aufs Brett hin, hoch oben in Dachhöhe, klopfte ihm ein paarmal aus die Hosen, und Alex — um festzustellen, daß alles nur Spaß War — kletterte auf ihren Schoß, umhalste und küßte sie in bärenhaft possierlichem Ungestüm auf Kinn und Nase, Vis sie sich nach Luft ringend seiner erwehrte.
Von ihrem lustigen Sitz aus hatte Frau Fränze eine weite Aussicht. Der Karpaßstrom entsandte dicht beim Kirchdorf Gill noch mehrere breite Ausflüsse ins Haff: die Strehme, den Walludstrom, die Usseine._ Wie silberne Bänder durchzogen sie, fast in gleicher Höhe mit den Ufern, das unendliche grüne Wiesenland. Nach Norden hin sah man einen schmalen Streifen am Horizont auftaucheu, die Nehrung, die das in der Wendsonne blitzende Haff abschloß, im Süden zogen sich meilenweite Moorkulturen bis zu den jungen Laubwäldern der litauischen Niederung hin. lieber die nach Hunderttausenden zählenden Bretter, Ballen, Bohlen und Stämme, die auf dem Stätteplatz des Dampfsägewerks von Sakuthen lagerten, wanderte der Blick zu dem hölzernen Mrchturm von Gill und weiterhin bis zum Schilwer Leuchtturm, der die Mündungsstelle des Karpaß- stromes bezeichnete. Auf dem Wasser kreuzten die Segelboote der vom Fang heimkehrenden Lachsfischer, in der Nachbarschaft des Sägewerks war der Karpaßstrom über und über mit Flößen bedeckt, auf denen kleine Strohbuden die vagabundierenden Heimstätten der Dschimken, der russischen. Holzflößer, bezeichneten. Da und dort hatte das armselige Volk kleine Feuer auf den Flößen angezündet, um die Abendsuppe zu kochen. Das sah sich an wie ein schwimmendes kleines Kriegslager.
Die junge Fran hatte viel Sinn sür bas Malerische solcher Silber: wie zum Beispiel eben bie Sonne, bie im roten Dunst des Westens hing, schräge Strahlen übers Wasser sandte, sodaß in den ruhigen, langgezogenen Wellen ein wunderbares- Farbenspiel entstand.
Plötzlich schreckte sie aber ein Miegsmf Theos auf. „Der Lorenz kommt!" schrie er im Tone höchsten Entsetzens. Und — schwapp — lag er auch schon tief unten im weichen Sande, Beine und Arme wie eine Padde ausbreitend. Er wunderte sich hernach selbst über den Mut, der zu einem solchen Luftsprung gehörte.
Der „Lorenz" war der Holzaufseher auf bem Werke und stand in Lötzschen Diensten; er kam aber nicht in feiner polizeilichen Eigenschaft, sondern meldete nur, daß drüben am Hause ein Wagen vorgefahren sei.
„Ich denke, es wird wohl der neue Herr Doktor sein, Frau Lotz", fügte er hinzu.
„Ist er etwa schon beim Herrn drin?" fragte sie, erschrocken hinunterkletternd.
„Nee, Frau Lotz, der Ede ist ihn melden gegangen. Er wollte man bloß fragen, meint er, ob die Herrschastens ihn heute noch annehmen täten."
„Gut, gut." Sie ließ sofort die Arme ihrer jungen Begleiter los. „Ihr bleibt noch hier. Jungens; ich ruf' euch bann zum Men."
Und fort War sie. (Forts, folgt.)
Kine gelungene Kur.
Humoreske von Karl Placht.
Herr Gutsbesitzer Michael Huber in Dingskirchen, den ich hiermit der geehrten Leserwelt vorstelle, hatte wieder einmal einen kritischen Tag erster Ordnung. Kein Wunder: Bei dem jüngsten Prozesse, den er mit der Gemeinde führte, hatte er abermals den kürzeren gezogen. ,
Seit vollen zwei Stunden wetterte und schimpfte, fluchte und sakermentierte er, daß es rein zum Davonlaufen war. Dem Kuhjungen, der ihm unversehens in die Quere lief, berschte er zwei derbe Watschen, die Magd Cenzi jagte er staute pede zum Teufel, im Pserdestalle machte er einen Krach, daß alles zitterte und in der Küche schlug er eine Unmenge von Geschirr in tausend Scherben, sodaß darob Frau und Tochter entsetzt die Hände rangen.
Nachdem der Wüterich sein Mütchen gehörig abgekühlt hatte, begab er sich in sein Zimmer, ging darin einigemale auf und ab/ indem er laut mit sich sprach und lebhaft mit den Händen gestikulierte, dann kramte er ein Bündel Akten hervor, blätterte hastig darin herum und schleuderte schließlich den ganzen Krempel in einen Winkel. Hierauf rief er nach seiner Tochter:
„Sag' bent Sepp, er soll sofort einspannen und dann zu mir kommen!" . „ c
Frl. Huber, der noch nie Tränen in den Augen standen, entledigte sich sofort des Auftrages, und es währte nicht lange, so erschien auch der Sepp auf der Bildfläche, um die Befehle des Allgewaltigen entgegenzunehmen:


