Ausgabe 
18.5.1904
 
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Du fährst jetzt in die Stadt, fragst dort nach dem neuen Advo­katen, Herrn Dr. Meyer, sagst einen schönen Gruß von mit, und ich lasse ihn ersuchen, er möge zu mir kommen. Hast Du mich verstanden?" , _ r... , ...

Der Sepp nickte mit fernem dummen Schädel, schnitt, als er dem Gutsherrn den Rücken gekehrt hatte, eine alberne Grimasse, begab sich auf den Hof, stieg auf den Bock, steckte srch erne Crgarre in den Mund, schnalzte mit der Peitsche und fuhr von dannen.

In der Stadt angelangt, war Sepp sein erstes, srch nach der näheren Adresse des neuen Herrn Dr. Meyer zu erkundigen, und nach kurzer Kreuz- und Querfahrt hielt der Wagen vor der Be­hausung des richtigen, oder, wenn man auch will, des unrichtigen Mannes.

Ms der Knecht in dem hübsch eingerichteten Wartezimmer des Arztes eintrat, stand dieser, der sich erst kürzlich in der Stadt niedergelassen hatte, in seiner ganzen Glorie da und begann zu examinieren:

Sie wünschen?" ,

Einen schönen Gruß von meinem Herrn und er laßt Sie bitten, Sie möchten sofort zu ihm kommen."

Wer ist Ihr Herr?" .

Der Gutsbesitzer Michael Huber in Dingskirchen.

Hebet das Antlitz des jungen Arztes glitt ein befriedigendes Lächeln; dann forschte er weiter nach:

Und was fehlt Ihrem Herrn?" ,

Der Sepp sah den Sprecher fragend an, schmtt eine Grimasse, kratzte sich hinter seinen langen Ohren und Hub an:

O, mei! Was wird ihm fehlen. Er hat halt wieder ein­mal seinen Rappel." Und zur Bekräftigung des Gesagten fuhr er einigemale mit feiner Hand über die Stirne, gleichsam andeutend: In seinem Oberstübel geht es nicht mit rechten Dnigen zu:

Der Arzt zog die Stirne in Falten und versetzte:Also, kurz gesagt: Ihr Herr ist verrückt."

Verrückt?" wiederholte der Knecht, der ist schon rasend. Ge­tobt und gewetetrt hat er heute, wie wenn der jüngste Tag heran­gebrochen wäre und in der Küche hat er alles kurz und klein ge­schlagen. Mich dauert nur die arme Frau. . .

Dr. Meyer öffnete einen Schrank, entnahm ihm eine Zwangsjacke, wickelte dieselbe sorgfältig ein und wendete sich zu dem Knechte:

Hören Sie, es ist gar nicht ausgeschlossen, daß ich heute Ihrer Mithilfe benötige. Wenn wir bei Ihnen angelangt sind, halten Sie sich in der Nähe des Zimmers Ihres Herrn auf, und sollte ich Sie rufen, dann eilen Sie herbei, fassen Ihren Herrn von rückwärts an den Armen und werfen ihn zu Boden. Das klebrige wird sich schon dann finden."

Der Sepp glotzte ob dieser Eröffnung den jungen Doktor an wie ein abgestochener Stier, schüttelte verwundert den Kopf, räusperte sich einigemale, wagte jedoch nicht, gegen die Anordnungen des Arztes Widerspruch zu erheben.

In wenigen Minuten rollte die Dorfequipage wieder ihrem Ausgangspunkte zu. Unterwegs gab sich der Arzt ernsten Betracht­ungen über den wahrscheinlichen Zustand seines Patienten hin, war jedoch nicht wenig erstaunt, daß, als der Wagen vor dem Gute in Dingskirchen hielt, Herr Huber ihm freundlich lächelnd ent­gegenkam und ihn höflich einlud, sich in sein Zimmer zu be­geben.

Dort angelangt, warf der Arzt einen flüchtigen Blick um sich. An den Wänden hingen einige alte Gemälde und mehrere jedenfalls geladene! Pistolen und Gewehre. Auf einer, langen Tafel waren allerlei Karten und Pläne, indenen mit zierlichen Fähnchen versehene Stecknadeln staken, ausgebreitet.

Der Gutsherr führte seinen Gast zu einem dieser Pläne, deutete auf einen Punkt und begann dann, erst ruhig und gemessen, dann immer mehr und mehr in Ekstase geratend: . .

Sehen Sie, Herr Doktor, hier diese Linde? Diese Linde ist an meinem ganzen Unglücke schuld. Sie hat mich schon viel Geld und unzählige schlaflose Nächte gekostet. Die Bande aber, der Bürgermeister nicht ausgenommen, läßt nicht nach, und will mich mit aller Macht unterbringen. Verfolgen tun sie mich, wie einen gehetzten Hirsch ..."

Aha, der leidet entschieden an Verfolgungswahn", kalkulierte der Atzt und griff nach der Hand desPatienten", um dessen Puls zu befühlen.

Der Gutsherr geriet ob dieser sonderbaren ManiMlation ganz außer Rand und Band und äußerte erregt:

Was machen Sie da für Dummheiten? Glauben Sie etwa, ich sei krank oder gar verrückt?"

Ja, Sie sind krank, Herr Huber", beschwichtigte der Arzt, bitte, lassen Eie sich einmal untersuchen. .

Diesebeschwichtigenden" Worte wirkten wie ein rotes Tuch auf einen wildgewordenen Stier . Herr Huber tat einen Satz, fuchtelte mit den Händen, übergoß den Doktor mit einer Flut von Schimpfworten und war nahe daran, nach einer Flinte zu greifen....

Ein Ruf des Arztes, der Sepp stürmte herein, packte, wie ihm geheißen wurde, seinen Herrn von rückwärts bei den Armen und warf ihn mit Hilfe des Arztes zu Boden.

Der Gutsherr mochte sich wehren, wie er wollte, er mochte zappeln oder kratzen, schimpfen oder fluchen es half nichts: ehe er sich's versah, ward ihm die Zwangsjacke angetan.

Diebe, Räuber, Mörder!" schrie Herr Huber ans LeibeS-

Auf dieses Geschrei hin erschienen Frau und Tochter auf dem Schauplätze. Die beiden Damen waren einige Augenblicke sprach­los, als sie die Situation überblickten, in der sich Papa Huber befand. , ,

Als Fran Huber die Sprache wiedergewonnen hatte, wendete sw sich händeringend an den Arzt:

Um Gotteswillen, Herr Doktor, was haben eie denn nut meinem Manne angesangen?"

Gnädige Frau, Ihr Herr Gemahl hat mich rufen lassen, und ich als Arzt..." ,

Was, Sie als Arzt? ... Ja, sind Sie denn nicht der. neue Rechtsanwalt Herr Dr. Meyer, den mein Mann zu sich beschied?

Dem Arzte fiel es wie Schuppen von den Augen. Jetzt konnte er sich erst den Zusammenhang zwischen dem Plane und der Linde erklären. Nein, dieser Mißgriff, diese Blamage! Herr Huber war bald seiner Fesseln ledig. Als er sich erhoben hatte, schritt er auf den Arzt zu, reichte ihm. die Hand, klopfte ihm auf die Schulter und versetzte:

Herr Doktor, Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht; Sie erhalten von mir ein anständiges Honorar. Sie haben mich in der Tat gründlich kuriert; ich Prozesse nie mehr! :

Wilder aus dem .Lande der ausgehenden Sonne.

Von Dr. Ludwig Rieß.

VI.

Das Knabenfest in Japan (am 5. Mai).

In keinem Lande der Welt weiß man Kindersegen mehr zu schützen als in Japan. Bei jedem Zuwachs der Familie kommen die Gratulationen und Geschenke von nah und fern, genau an den von der Geburt an gezählten Tagen, wenn der Säugling feinen dritten, siebenten, dreiunddreißigsten, fünfzigsten und emhundert- zwanzigsten Lebenstag erreicht, immer unter Beachtung der glück­bringenden Symbole und des alt-geheiligten Zeremoniells. Be­sonders bei der Geburt von Knaben kennt der Jubel der Ver­wandten und Freunde des Hauses keine Grenzen; denn aus der ungalanten Anschauung des ostasiatischen Kulturkreises, daß das männliche Geschlecht in jeder Beziehung weitaus voranstehe, machen auch die ritterlichen Japaner kein Hehl..Der Glanz des männ­lichen Geschlechts ist das Siebenfache des weiblichen Glanzes', sagt ein japanisches Sprichwort. Ja, soweit geht die Verblendung, daß si ch sogar in Japan die Männer einreden, daß sie eigentlich im Durchschnitt schöner seien als ihre Frauen. .

Aber trotz des vielen Aufhebens, das bet der Geburt eines Kindes gemacht wird, kennt man in Japan die regelmäßige Feier der jährlichen Wiederkehr des Geburtstages nicht. Nur betm Kaiser hat man in Nachahmung europäischer Sitten eine Ausnahme ge­macht und seinen Geburtstag zum nationalen Feiertag erhoben. Int Volke denkt man gar nicht daran, daß ein anderer Geburtstag als der 61., wenn sich der chinesische Zyklus der Lebenswahre er­neuert, Gelegeiiheit zu einem persönlichen Gratulationsempiaug eines Weltbürgers seitens seiner befreundeten Zeitgenossen geben könne. Man rechnet sein Alter überhaupt nicht nach vollendeten Lebensjahren, sondern nach erlebten Jahreszahlen, sodaß ent im Dezember 1903 geborenes Kind bereits seit dem ersten Januar als zweijährig gilt. Alle Japaner rechnen sich also gleichzeitig an jedem ersten Januar um ein Jahr älter. .

Für die Kinder in Japan fällt damit das stolze Gefühl des Geburtstagskindes, das sich nun doch einmal im Jahr als etwas besonderes und wichtiges feiern lassen kann, vollständig fort. Dafür bestehen aber für sie besondere Kinderfesttage, an dem fte Vor­rechte und Freuden genießen, bloß weil sie existieren und noch klein sind Für die Mädchen ist der dritte Tag des dritten Monats, also der dritte März, dieser Wonnetag, wo sie in Entzücken vor den Puppen, Spielsachen und Süßigkeiten hocken, die man für fte aufgebaut hat. Den Knaben gilt der fünfte Mai als entsprechender Jubeltag. Da bleibt die Freude aber nicht auf das Innere des Hauses beschränkt, sondern tummelt sich im Freien auf der Straße aus. In den Lüsten über den Dächern der Häuser zeigt dann das Stadtbild die wunderlichen Trophäen/ die den zukünftigen Sol­daten des Sonnenlandes gelten. , .

Schon einige Tage vor dem eigentlichen Feste bringen Ver­wandte und Freunde einen aus Papier zusammengeklebten, nur ans der Haut bestehenden Karpfen in das Haus, wo in den letzten zwölf Monaten ein Stammhalter einpassiert ist. An langen, feilt» rechten Bambusstangen lose gebunden, sodaß der feste Holzreisen, der das offene Maul darstellt, ein paar Zoll von der Stange ent­fernt sich nach allen Richtungen frei bewegen kann, prangen sie dann hoch über dem First, meist zu zweien oder dreien an einer Stange; die großen fchwarzbetupften zu oberst, die kleinen mehr den Goldfischen angeähnelten darunter. Wenn dann der Wind in das weit geöffnete Maul dieser in höhere Regionen beförderten Tiesenbewohner weht und die Bäuche bläht und wagerecht streckt, so fesselt das bewegte Bild die Augen auch der Erwachsenen nut phantastischem Zauber, besonders wenn in der Abendsonne der Flitter auf den gemalten Schuppen glitzert und glänzt. Die langen bunten Papierfetzen, die an benachbarten Bambusstangen ent-