Ausgabe 
18.4.1904
 
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begab mich sogleich dahin. Wenn ich den Hals ein wenig streckte, konnte ich von meinem Platz aus über das Klavier hinübersehen, und da es mir schien, daß die Gäste so ziem­lich versammelt sein mochten, stimmte ich einen bekannten Walzer an. Das lockte die Gesellschaft sofort auch aus den Nebenräumen herbei.

Bald entdeckte ich während des Danzes Eulalie, und ich mußte mir sagen, daß ich noch nie in meinem Leben etwas Anmutigeres gesehen hatte. Jede Bewegung war Poesie; der Vergleich, sie tanze wie Mondstrahlen auf dem Wasser, war entschieden nicht übertrieben. Auch Fitz Alan in blendend weißer Wäsche, eine Blume im Knopfloch und weißen Handschuhen sah ich unter der Menge, sowie unsere übrigen Hausgenossen; sogar der stolze Friedrich drehte sich im Kreise.

Mit kurzen Zwischenräumen spielte ich Walzer, Lanciers, Galopps und Mazurkas, uno bald konnte der im Saale aufwirbelnde Staub sich fast mit dem in unserer Straße messen. Plötzlich fiel mir ein sein gekleideter, schlanker, tiefdunkler Mann auf, mit dem sich Frau Josephs in fast unterwürfiger Verbindlichkeit unterhielt. Das mußte entschieden der reiche Ibrahim sein, denn seine Augen folgten während der Unterhaltung fast unausgesetzt Eulalie, die gerade mit Fitz Alan auf und ab ging. Was für Augen dieser Mensch hatte! Sie waren langgeschlitzt und halb geschlossen, und trotzdem funkelten die Pupillen wie Dolchspitzen hervor. Er mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein, hatte eine olivensarbche Haut, regelmäßige Züge und einen kleinen schwarzen Schnurrbart. Ja, ein hübscher Mensch war Ibrahim, und man hätte ihn ohne Frage für einen Italiener oder Griechen halten können. Ich sah, wie er sich nachher mit Eulalie unterhielt und auch verschiedentlich mit ihr tanzte, ebenso mit Gwendoline und einer der Töchter des Hauses, doch war es unverkenn­bar, daß er sich für etwas Besseres hielt als seine Um­gebung und daß seine Umgebung stolz auf diese Tat­sache war.

Nach zweistündiger Arbeit hörte ich endlich zu spielen auf. Die Arme taten mir weh, und 'meine Finger waren ganz steif. Als ich mich erhob, wurde ich von den in meiner Nähe stehenden Personen mit Lob- und Danksag­ungen überschüttet, und nun begegneten meine Augen auch dem starr auf mich gerichteten Blicke Mr. Ibrahims. Wie der Blick eines zum Sprung bereiten wilden Tieres, so blitzten diese Augen mich an. Sie waren weit geöffnet und mit einem Ausdruck auf mich gerichtet, den ich zwar Nicht zu deuten vermochte, aber auch nicht dulden wollte. Ja, Eulalie hatte recht, diese Augen waren abscheulich. Sein Erstaunen mochte allerdings daher kommen, daß ich die einzige Vertreterin der weißen Rasse hier war und vielleicht, wie Eulalie behauptete, wie eine vornehme Dame aussah.

Aeußerlich ruhig und hochmütig hielt ich seinen kühnen Blick aus, allein je länger ich ihn betrachtete, desto un­angenehmer wurde mir dieser hübsche Doktor mit der olivenfarbigen Haut und dem Blute der Perserkönige in den Adern. Zu meinem Verdruß ging er nun raschen Schrittes durch das Zimmer auf Frau Josephs zu und bat sie aufs höflichste, mir vorgestellt zu werden.

Mr. Ibrahim . . . Miß Ferrars, die so überaus gütig war, für uns zum Tanze zu spielen", verkündigte unsere Wirtin.

Und die", vollendete Mr. Ibrahim sich tief ver­beugend,nach ihren bewundernswürdigen Leistungen nun sicherlich einer Erfrischung höchst bedürftig ist . . . Wollen Sie mir die Ehre schenken und mir gestatten, Sie ins Speisezimmer zu führend

Ich zögerte einen Augenblick, doch ein Entrinnen gab es nicht. Ich neigte also zustfmmend den Kopf, wor­auf er mir den Arm reichte, aus den ich meine Finger­spitzen legte. So schritten wir durch eine doppelte Reihe von Zuschauern als der Gegenstand höchsten allgemeinen Interesses an diesem Abend. Bis dahin war ich vor den Blicken der Gesellschaft verborgen gewesen, nun aber hatte ich das Gefühl, als brennten alle vor Neugierde, zu er­fahren, von wo in aller Welt diese Engländerin plötzlich hergeschneit komme. Die unausbleibliche Antwort lautete dann natürlich:Von Rosarios". Damit war aber auch ihr Wsfen erschöpft.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

"Eine langweilige Garnison. Verzwickte Zu­stände deckte ein Zioilprozeß auf, der gegenwärtig bei dem Landgericht I Berlin schwebt. Der Freiherr v. H. stand als Leutnant in einem Infanterieregiment in Prenzlau. Da er weniger in seinerkleinen Garnison" als in Berliner Nacht­lokalen sichtbar war, stieg seine Geldverlegenheit. Um sich nun über Wasser zu halten, machte er zusammen mit einem vorbestraften Agenten L. die gewagtesten Geschäfte. So spiegelte er einer Berliner großen Automobilfirma vor, er brauche ein Automobil, um sich in der Garnison, in der er sich tödlich langweile, spazieren zu fahren. Der Vertreter der Firma fuhr das Kaufobjekt, ein Automobil im Werte von 3 500 Mark zusammen mit dem Agenten L. selbst nach Prenzlau, erhielt aber von H. und dem inzwischen wegen Fälschung von Parolebüchern bestraften Leutnant v. H. nur wertlose Wechsel statt Bezahlung. Selbstverständlich sah die Firma Motorroß und Reiter niemals wieder. Freiherr v. H. fuhr sofort nach Berlin und verkaufte das Automobil für einen Spottpreis an einen Herrn B. Noch eigenartiger ist der Pferdehändler H. Wagen und Pferd los geworden. Freiherr v. H. gab dem Agenten L., der in diesen Dingen bewandert ist, einen Wechsel, um darauf Geld zu schaffen. L. kaufte von dem Pferdehändler H. Dogcart und Pferd und gab den Wechsel in Zahlung. Dann versetzte er Wagen und Pferd, ohne von dem Erlöse dem Freiherrn v. H. etwas abzugeben. v. H. cedierte nun seinen Anspruch aus diesem Geschäfte für eine Schuld dem Restaurateur K. Dieser wurde in dem obenerwähnten Prozesse gegen den Agenten L. und den Pfand gläubiger auf Herausgabe von Pferd und Wagen klagbar. Freiherr v. H. hat sich inzwischen unter Hinter­lassung vieler leidtragender Gläubiger nach Brasilien begeben.

Eine Schnupftabaksdose für 130,000 Mark. Der fabelhafte Preis von 130,000 Mark ist dieser Tage bei einer Versteigerung in London für eine Schnupftabaksdose gezahlt worden. Dort wurden allerhand Kunstschätze aus dem Nachlaß eines verstorbenen Sammlers versteigert, der unter anderm 40 Jahre lang Schnupftabaksdosen gesammelt hatte. Die fragliche Dose ist von dem Pariser Maler Hainelin gemalt und stammt aus den, Jahre 1758. Der Deckel und die Seiten sind mit Rosenbuketten verziert, und in die Metallarbeit sind schöne brasilianische Diamanten gefügt.

Der Millionär als Dieb. In Vincennes wurde ein Herr verhaftet, welcher die beneidenswerten Qualitäten in sich vereint, der einzige Sohn eines reichen Pariser Kauf­mannes, der einzige Erbe eines mehrere Millionen reichen Onkels und selbst Eigentümer in Chantilly und mehreren anderen Ortschaften zu sein. Der 32 Jahre alte Mann scheint nicht bei Verstände zu sein, sonst wäre es ihm schwerlich eingefallen, einen Diebstahl zu begehen, der ihm nicht mehr als lumpige 10 Franken einbringen sollte. Ec ist übrigens schon mehrfach vorbestraft; er stahl nämlich in Saint- Mande das Pferd und den Wagen eines Milchhändlers, während dieser sich im Hause eines Kunden befand, und verkaufte die Beute für ganze zehn Franken.

Ein Mann mit 47 Frauen. Der 33 Jahre alte Straßenbahnschaffner James Shippeee von New-York wurde von seiner Gattin Hattie Partelow, mit der er sich unter falschem Namen vor einem Pastor der Methodisten - Kirchs verheiratet hatte, der Bigamie beschuldigt und in Haft ge­nommen. Shippees frühere Frau Enuna Prichard erschien gleichfalls vor Gericht, um zu beschwören, daß sie sich mit Shippee im Jahre 1896 verheiratet hatte, daß sie von ihm einen Knaben und ein Mädchen gehabt hatte, daß ihr Mann dann heimlich aus dem Hause geflohen war, und daß sie lange hatte suchen müssen, bevor sie ihn in einem Hause der Jefferson, Avenue, wo er mit einer netten Gattin lebte, wiederfand. ShippeesGewesene" stellte sich sofort seiner Gegenwärtigen" vor, und die beiden Frauen vereinigten sich dann, um den Mann ihres Herzens gehörig zuverhauen", worauf sie ihn zum Kadi schleppten. Hier, vor dem Richter, machte man nun eine geradezu sensationelle Entdeckung: es