Ausgabe 
18.4.1904
 
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Mias hast Du einfältiges Ding denn an dieser glän­zenden Partie auszusetzen?"

Er ist mir zu alt, zu klug und zu kalt. Seine Augen erschrecken mich, und wenn er mir die Hand drückt, über­läuft mich eine Gänsehaut. Ich weiß ja Wohl, daß er jetzt arg in mich verliebt ist, aber ich habe neulich einen wilden Blick aufgefangen, den er seinem Diener zuwarf... hu, schrecklich! Er ist sicherlich älter als dreißig, und wer weiß, ob er in Persien nicht schon ein halbes Dutzend Weiber hat."

Einen wohlgefälligen Blick in den Spiegel werfend, fuhr sie fort:Nein, ich will ihn nicht. Ich bin hübsch, warum sollte ich mein hübsches Gesicht verkaufen? Da nehme ich noch eher einen armen Mann, den ich liebe. Der junge Melville ist mir am kleinen Finger lieber als dieser reiche, vornehme Doktor mit all seinen Edelsteinen."

Wie töricht", beharrte die Freundin.Melville hat nur dreißig Rupieri monatlich, womit er kaum für sich allem reicht, wie viel weniger mit Dir und Deinen Schulden. Wovon wollt ihr denn leben?"

O, von der Liebe", lautete die rasche Antwort.Ich liebe Melville."

Willst Du ihn wirklich heiraten?"

Noch nicht. Vorläufig will ich mich meines Lebens freuen, ich bin ja erst siebzehn!" Tatsächlich sah sie je­doch wie zwanzig aus.Alle wollen mich heiraten, seit­dem sie mich in dem Atlaskleide gesehen haben, ha, ha, ha! Der alte Friedrich, Fitz Alan, Eustache Grove, ach, und noch viele andere. Und keiner von ihnen bekommt eine Antwort. O mein, welcher Spaß!"

Na, hören Sie mal, Eulalie", wandte ich ein,ich wollte. Sie hätten das Feld Ihrer herzbrecherischen Tätig­keit nicht gerade hierher verlegt. Nun werden wir Krieg ins Haus bekommen und unsere Herren verlieren."

O nein, ich verschafse euch noch mehr dazu. Ethelred Jones und Reginald Marren kommen, sobald es Platz gibt. Uebrigens bedürfte es nur eines leisen Winkes von mir, so käme auch Ibrahim."

Dann bitte ich dringend, daß Sie diesen Wink unter­lassen. Dies hier rst nicht der Ort für einen verwöhnten großen Herrn."

Nein, er würde jedenfalls sofort bemerken, daß das Fleisch zweiter Güte ist. Vielleicht würde er mich auch entführen und an irgend einen reichen Nabob verkaufen. . . . Ach, du liebe Zeit, nun habe ich ganz vergessen, daß Frau Josephs und ihre Töchter aus der Veranda sitzen! Sie sind nämlich gekommen, um uns zu einem kleinen Tanzfeste einzuladen, und sich dazu von uns Stühle, Lam­pen und . . . Ihre Person zu entlehnen."

Aha, ich verstehe, aber ich lasse mich nicht auslechen."

Ach, mein liebes, goldenes, einziges Herzchen! Sie müssen unbedingt hingehen und mrr zum Tanz aus­spielen. Ich tanze jawie ein Mondstrahl auf dem Wasser", so wenigstens wurde mir von Mr. Ibrahim gesagt. Kommen Sie jetzt, man hat mich ja hergeschickt, daß ich Sie holen soll." Dabei legte sie die Arme um meinen Leib und zog mich mit sich fort.

Frau Josephs war die vornehmste unter Frau Rosarios dielen Bekannten. Ihr Mann hatte einmal eine Stelle hei der Regierung innegehabt, und dieser Würde mußte jedermann stets eingedenk bleiben. Ihre Mädchen waren von bemitleidenswerter Häßlichkeit, aber sie bewohnte einen hübschen Bungalow in der Poonamalee Road.

Nur ein kleiner Hopser", sagte sie höflich zu mir, als sie uns zu chrem Balle einlud. Und dann bat sie mich, ich möchte doch auch meine Noten mitbringen.Sie spielen so wunderschön", fügte sie herablassend hinzu.

Natürlich wird sie kommen und ihre Noten mit» bringen", antwortete Frau Rosario.Miß Ferrars will außer zur Kirche niemals ausgehen, das kann ich doch aber nicht dulden. Warum soll sie nicht auch fröhlich sein wie die anderen?"

Allein Frau Josephs lag durchaus nichts an meiner Fröhlichkeit, ich sollte nur anderen zur Fröhlichkeit ver­helfen, indem ich ihren Gästen zum Tanz aufspielte. Wozu sollte ich ihr die Kosten eines Klavierspielers ersparen? Da fiel zufällig mein Blick auf Eulalie, deren Augen in angstvollem Flehen auf mich gerichtet waren. Nun ja, !es würde mir jedenfalls Spaß machen, sie tanzen zu sehen, ünd so gab ich denn meine Zusage.

Ein kleiner Hopser" war offenbar nur Redensart ge­wesen, denn auf Frau Josephs Einladungskarten stand großartig das Wort: Ball. Wir erfuhren dies bei Tisch, und auch, daß viele junge Herren und die meisten Mädchen aus Vepery eingeladen waren. Das Haus Rosario lieferte neun Gäste, und wiederholt wurde uns von unserer Haus­wirtin versichert, daß ihr Häufchen jedenfalls alle an­deren Anwesenden in den Schatten stellen würde.

Mährend ich mich zu dieser Gelegenheit schmückte und mich dabei etwas aufmerksamer im Spiegel betrachtete, fiel es mir auf, daß sich mein Aussehen während der letzten Monate bedeutend verschlechtert hatte. Mein Gesicht war schmal geworden und hatte seine frischen Farben ver­loren, nur das Haar leuchtete noch in seiner alten Fülle, und ich gab mir Mühe, es nach der neueschn Mode auf­zustecken.

Mar es nicht merkwürdig, daß der erste Ball, den ich besuchte, ein in Indien von Eurasiern gegebenes Tanzfest war, bei dem ich aufspielen mußte! Als wir alle bereit waren, zogen wir im Gänsemarsch auf die Veranda, um uns Frau Rosario zu zeigen, die in ihrem schadhaften Rohr­lehnstuhle saß, während Sawmy unsere beste Lampe in die Höhe hielt.

Ihr werdet ganz sicher die Schönsten sein", erklärte sie von neuem, und ich war derselben Ansicht, als ich Lola, Josephine, Gwendoline und vor allem Eulalie sich der Reihe nach vor ihr aufstellen sah. So billig und flitterhaft ihre Kleider auch im Tageslicht erscheinen moch­ten, jetzt waren sie jedenfalls reizend und lleidsam. Woher nur diese Mädchen ihren feinen Geschmack hatten? Eulalie war natürlich die Krone der lleinen Schar und zeichnete sich außerdem durch ein prächtiges Bukett mit langer Atlas- schleife aus.

Ibrahim hat es vorhin in einer Schachtel geschickt", flüsterte Jocasta mir ins Ohr.

Nun möchte ich Sie aber auch sehen, Pamela!" rief Frau Rosario.Kommen Sie her, mein Kind."

Ich trug ein schwarzes, am Hals ausgeschnittenes Kleid und hatte eine kleine Perlenschnur umgehängt. In der Hand hielt ich einen gemalten Fächer, ein Ueberbleibsel aus der einstigen Ferrarsschen Glanzzeit!

O mein, in Schwarz!" Frau Rosarios Lieblingsfarbe war leuchtendes Orangegelb'.

Dann folgte eine lange Pause, niemand sprach, alle umstanden mich, und Sawmy hielt die Lampe beängstigend schief in die Höhe. Ueberraschung las ich in aller Augen; Jocasta stand mit offenem Munde da. Ich hätte nicht ge­glaubt, daß ein Kleid solche Wrkung hervorbringen könnte.

,F) mein!" wiederholte Frau Rosario langsam.Ja, ja. Sie sind wunderschön mit Ihrem weißen Hals und Ihren weißen Armen! Schönheit ist ein Geschenk Gottes", fügte fie mit einem Seufzer hinzu.

Verwundert blickte ich sie an. Plötzlich rief Eulalie:

Missen Sie, was uns so sehr in Erstaunen versetzt, Pamela? Sie sehen aus, als seren Sie im Begriff, in einen prächtigen Wagen zu steigen, um nach dem Palast des Vizekönigs zu fahren, und nicht, um sich in einem alten Rumpelkasten mit unserer Art Leute herumzudrücken."

Ja, so ist es", stimmte Frau Rosario bei.Jeder­mann würde Sie für eine reiche, vornehme Dame halten."

Da hätten diese Leute eben, wie Sie wissen, unrecht; der Schein trügt. Bitte, Jocasta, gib' mir meine Noten, und Sie, Sawmy, nehmen Sie die Lampe in acht und sagen Sie dem Kvch, daß er für frischen Speck zu Frühstück sorgen soll."

Nun also, Kinder, viel Vergnügen! Recht viel Ver­gnügen !" schrie Frau Rosario uns noch nach, und wenige Minuten später fuhren wir in dem Gharry davon.

Der Josephssche Bungalow bot ein hübsches Bild dar, als wir, zwischen anderen Magen eingekeilt, warteten, bis an uns die Reihe zum Aussteigen kam. Auf der Veranda waren Lunte Lampen aufgehängt und lauschige, durch Wind­schirme getrennte Sitzplätze eingerichtet. Im festlich er­leuchteten Empfangssaal wurden wir von der in einem hochroten Meide prangenden Ftau Josephs und ihren Töch­tern in orangegelben Kleidern aufs liebenswürdigste emp­fangen. Unter der Menge bemerkte ich viele schüchterne, sich an den Wänden herumdrückende Jünglinge und Dutzende von kichernden, dunkeläugigen jungen Mädchen, auch mehrere stattlich aufgeputzte ältere Frauen. Das Klavier war quer vor eine Ecke gerückt worden, und ich - - ' ' * ~* 8