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zurückhaltend, da er wußte, daß dieser Umschwung nur von kurzer Dauer sein würde. Nach beendeter Mahlzeit neckte ihn Fräulein Carleton seines ernsten, sttllcn Wesens halber und sagte:
«Herr Statt, Sie sind imrklich ent Rätsel."
„Bitte, warum, gnädiges Fräulein?" fragte er mit einem lustigen Flackern in feinen Augen.
„5hm, weil Sie jetzt, wo jeder nach diesem schrecklichen Verhör wieder anfatmet, sogar noch sauerer und düsterer dremschauen als zuvor. Ich warf mich doch so tapfer in die Bresche, nm Sie aus den Händen Ihrer Feinde zu besreren, aber nicht einmal einen freundlichen Blick habe ich dafür bekommen. Sie find wohl zu stolz, Ihre Rettung einem Mädchen zu verdanken? Sie allein kannten sich doch nicht heraushauen!"
„Nein, das allerdings nicht", lachte Skott jetzt heiter, «toenn ich mich auch sonst im allgemeinen für fähig halte, meine Schlachten selber auszukämpfen. Ich weiß auch sehr genau, welchen Dank ich Ihnen schulde, muß Ihnen indessen gestehen, daß mich Ihr Zeugnis etwas enttäuscht hat."
Tas junge Mädchen blickte ihm fast starr ins Gesicht. „Wie ist das möglich?"
„Ja, sehen Sie, bis zu jenem Augenblick hatte ich mir geschmeichelt, eine Freundin zu besitzen, die sich trotz aller gegen mich gerichteten Verdächtigungen in ihrem Vertrauen nicht beirren lassen würde, Ihr Zeugnis belehrte mich aber, daß es nicht Vertrauen, sondern der für mich glückliche Umstand unserer Zimmernachbarschaft war, dem ich es verdanke, daß Sie nicht gleich allen anderen den Stab über Mich gebrochen haben."
Skott sprach in einem Tone, der nicht recht erkennen lreß, ob ferne Worte ernsthaft oder scherzhaft gemeint waren. Fräulem Carleton sah ihn deshalb forschend an nnd cr- Ividerte dann mit Nachdruck:
„Nein, Sie irren, .Herr Skott; mein Vertrauen in Sie würde auch unerschüttert geblieben sein, wenn ich nicht gewußt hätte, daß Sie in Ihrem Zimmer gewesen sind."
„Diese Versicherung macht mich wahrhaftig glücklich", rief er lebhaft, „aber", fuhr er ernst und mit sanfter! I SUmme fort, „würde Ihr Glaube an mich selbst dann keinen Stoß erleiden, wenn Sie noch schwerwiegendere Tatsachen gegen mich ergeben sollten?"
Zn dresem Augenblick näherten sich der junge Main- Waring mit s einer Schwester und Fräulein Thornton. Dies unterbrach die Unterhaltung. Fräulein Carleton fand nur noch Zeit, schnell und leise zu antworten:
„Ich habe keine Vorstellung, was Sie damit sagen wollen, Herr Skott. Sie sind wahrhaftig ein Rätsel. Wenn cs Sie mdessen beruhigt, so können Sie überzeugt sein, daß ich Sie niemals einer Unwahrheit oder Unehren- haftigkeit für fähig halten werde."
Skotts Augen drückten die Freude und Dankbarkeit für diese Erklärung aus. Er wollte sich entfernen, aber weder Fräulein Carleton noch der jiinge Mainwaring ließen das zu. Beide baten ihn, noch zu bleiben, und auch die großen blauen Kinderaugen Fräulein Thorntons blickten ihn so zutraulich und freundlich an, daß es unhöflich gewesen sein würde, auf seinem Vorsatz zu bestehen.
Etwa zwei Stunden später, nachdem alle Glieder der Familie ihre Zimmer ausgesucht hatten, wurde Skott noch durch den Besuch des jungen Mainwaring überrascht. „Wie wäre es, Skott", sagte der Einttetende, „wenn wir auf meinem Balkon noch genrütlich eine gute Havanna rauchten?"
„Mit Vergnügen — ganz mein Fall", erwiderte Skott, öffenbar erfreut.
„Schön. Dann kommen Sie."
Beide verließen das Zimmer. Auf dem Balkon fand Skott zu seinem Empfang schon alles vorbereitet. Zwei bequeme Rohrsessel standen an einem kleinen Tisch, der eine Kiste vortrefflicher Havannas trug, die Hugh Main- Waring sogleich präsentierte.
„Hören Sie, Skott, ich mutz Ihnen sagen, daß ich mich Wirklich ganz niedertrüchttg der Art und Weise schäme, wre Sie in den letzten Taget: von uns behandelt wurden. .Es war grundgemein und niedrig, und ich für meinen Teil bitte Sie ehrlich! und aufrichtig um .Verzeihung."
„Ach was, machen. Sie sich deshalb keine Gedanken", Antwortete Skott gutmütig. „Ich habe mich darüber nicht gewundert; Sie können ganz beruhigt sein."
«Na, ich bedauere es aber mehr, als ich, sagen kann. I
I Tie Tinge sahen eben eine zeitlang verteufelt sonderbar aus, wissen Sie!"
„Gewiß, da haben Sie ganz recht", sttmmte Skott ftenndlich zu. „Und da die Sache erst ihren Anfang genommen hat, ist es gar nicht ausgeschlossen, daß noch einmal Tinge zum Vorschein kommen, die Ihnen von neuem höchst sonderbar erscheinen und neue Zweifel erregen könnten."
„Nein, nun sicher nicht mehr", rief Hugh lebhaft. „Ich muß rein hirnverbrannt gewesen sein, daß ich überhaupt auch nur einen Augenblick an Ihnen zweifeln konnte, aber zum zweiten Male passiert mir eine solche Dummheit nicht wieder, darauf können Sie sich verlassen. Mit meinem Vater ist es freilich etwas anderes. Der grämt sich um das Testament. Es ist gar nicht mehr mit ihm zu sprechen."
„Tas verstehe ich nicht ganz, da, soweit ich Ihren Herrn Vater zu beurteilen vermag, er doch nicht den mindesten Zweifel zu hegen scheint, daß die Erbschaft Ihnen oder ihm zugesprochen werden muß."
, „Gewiß! Aber mein Vater und ich sind grundverschiedene Naturen. Ich lasse mir daran genügen, zu wissen, daß wir Geld haben, und sehe deshalb der ganzen Geschichte sehr kaltblütig zu, ihn aber plagt neben vielen anderen Singen auch noch der Ehrgeiz. Es hat ihn von jeher geärgert, nicht zu der direkten Nachkommenschaft des Hauptstammes zu gehören; seit dem Tode des alten Ralph Main- waring, Hughs Vater, hat er es sich zum Lebensziele gesetzt, die alten Stammgüter der Maüiwarings in seine Familie zu bringen. Dieser Plan stützte sich einzig und allein aus die Annahme, daß Hugh Mainwarttig nicht heiraten und das. Erbe an unsere Linie fallen würde. Mit meiner Geburt nahm dann der Plan eine noch festere Gestalt an. Von nun an arbeitete mein Vater darauf hin, daß ich der einstige Universalerbe Hughs werden solle, um eine Teilung der Erbschaft zu verhindern. Hugh wurde mein Pate, und ich erhielt bei der Taufe seinen Namen. Tie Spekulation war schlau eingefädelt und glückte. Nach meiner Einsetzung als Erbe sah sich mein Vater schon halb am Ziel aller seiner Wünsche, und der plötzliche Tod Vetter Hughs ließ ihn schon ganz die Ehre genießen, mit dein Wiederankauf des gesamten alten Besitzes in die alte Geschlechtslinie einzurücken und für diese in mir einen Stammhalter zu haben. Durch die Vernichtung des Testaments ist er nun wieder aus all seinen Himmeln gefallen, denn wenn! ich als alleiniger Erbe nicht anerkannt werde, kommt der Besitz zur Teilung zwischen ihm und seinem jüngeren Bruder. Onkel Harold ist ebensowenig ehrgeizig auf die alten Stammgüter wie ich, und wenn er noch Junggeselle ist, so ist doch teilte Gewähr vorhanden, daß er es auch bleibt. Ganz abgesehen hiervon, glaube ich aber auch nicht, daß er der Mann ist, der viel von dem Seinen übrig lassen wird. Sehen Sie, das alles quält nun meinen Vater, und deshalb ist er so schlechter Laune."
„Das läßt sich begreifen und kann Sie doch eigentlich nicht wundern", unterbrach Skott. „Uebrigens", fuhr er fort, „der Name Ihres Onkels fiel mir auf; er ist wohl ziemlich selten unter den Mainwarings?"
„Was, „Harold"? Ganz im Gegenteil. Das ist gewissermaßen der Stammname in der Familie. Ich würde ihn sicher auch erhalten haben, wenn mein Vater nicht die Spekulation mit Hugh im Kopfe gehabt hätte. Es gab einmal eine ununterbrochene Reihe von Harolds bis zu meinem Urgroßvater. Dessen ältester Sohn führte ebenfalls den Namen, starb aber, und sein Sohu, Ralph, Hughs Vater, pflanzte den Stamm fort. Der jüngste der drei Brüder hieß Guy und war mein Großvater""
„Da wundere ich mich, daß Herr Hugh nicht den Namen Harold bekam", bemerkte Skott.
Der junge Mainwaring stieß eine Weile, wie überlegend den Ranch seiner Zigarre tn Ringeln von sich, dann sagte er langsam: „Ganz recht, aber der alte Onkel Ralph hatte außer Hugh noch einen Sohn, und dieser hieß Harold."
„Ah so! Nie hörte ich, daß Herr Hugh einen Bruder besaß."
„Jo, er hatte einen Bruder, dieser starb jedoch schon vor vielen Jahren. Mit ihm ist übrigens eine ziemlich dunkle Geschichte verknüpft, deren Einzelheiten ich aber nicht kenne, da mein Vater hin und wieder nur einmal eine Anspielung darauf machte. Ich weiß, daß Harold der ältere Sohn war und der Vater ihn enterbte, weil er gegen-


