Ausgabe 
17.10.1904
 
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eine Fahrt von mehreren Meilen zurückzulegen", erzählte er; in dieser Zeit zerrte der Wind unaufhörlich am Lederdach des Wagens und es goß in Strömen. Wer als wir nach Oyster Bay kamen, hielt sich der Präsident im Freien ans und füllte gerade Bäume! Alles, was wir sahen, war die Einfachheit selbst, fast ungemütlich. T«S Haus war vom gewöhnlichen^Typus einer amerikanischen Villa auf dem Lande oder an der See; viel Holz und Ziegel. Nur daß zwei Polizeibeamte in Mänteln und be- waffnet an der langen Allee standen, die wir herausfuhren, zeigte an, daß hier kein gewöhnlicher Burger wohnte. Wir mußten anhalten und uns ausiveiscn, ehe wir weiterfahren durften. Tie Tür wurde nicht von einem Diener geöffnet, sondern von einem Dienstmädchen. Sie führte uns durch eine Halle, an deren Wänden Jagdtrophaen hingen, in ein in derselben Art geschmücktes Gemach. Alsbald sahen ivir auch den Präsidenten ohne Begleitung über das Waldland kommen, mit einer Axt über der Schulter. Ohne seine vom Regen triefenden Kleider zu wechseln, hieß, er uns herzlich willkommen. Als sich der starkknochige Mann, dessen Wesen natürliche Energie und Heiterkeit ausstrahlt, in einen Schaukelstnhl warf und lachte, ein breites Lachen, das den amerikanischen Karikaturisten nur zu bekannt ist hätte er geradezu etwas Knabenhaftes an sich. Er stand sofort auf gutem Fuße mit uns, und eine Flut von Fragen und Bemerkungen ergoß sich über uns. Wir sprechen über Lord Kelvin, Nansen, den ,,Palastine Exploration Fund", über esoterischen Buddhismus, britische Steuerreform, Teutstb-Westafrika. über dieTimes" und über Brieftauben. Am meisten überraschte mich seine Offcmheit über Themen, die meiner Meinung nach von einem Staatsmann sehr vorsichtig hätten behandelt werden müssen; die Art,^wie er , davon sprach, zeigte deutlich, daß in Amerika dieneue Schule" in der Diplomatie herrscht." Von dem Inhalt dieser Gespräche verdient vor allem nach für uns Beachtung, was über das Ver­hältnis von Amerika und England gesagt wurde. Roosevelt hatte von Chamberlain gesprochen und fügte hinzu:Ihre Staats- inünner behandeln uns seht wegen der Älaska-Grenzfrage nicht sehr gut; aber^ich bin entschlossen, nicht einen Zoll breit von unserer jetzigen Stellung abzugehen, was auch daraus entspringen möge. Tie Kanadier würden niemals auch nur im Traume daran denken, einen Anspruch zu erheben, wenn sie sich nicht auf die Macht des britischen Imperiums verließen. Beide Seiten wissen dies sehr gut." In dieser Weise fuhr Roosevelt noch einige Minuten fort und sagte dann achselzuckend:Aber es wird schon alles gut werden." Campbell bemerkte nur:Man kann die Möglichkeit eines Streites zwischen Großbritannien und Amerika doch nicht ernsthaft diskutieren, die Bande sind zu eng, und das gute Einvernehmen ist zu vollständig."Ganz recht", entgegnete Roosevelt,aber ich glaube doch. Sie haben hier auch Leute getroffen, die England als den Erbfeind ansehen."Ich hatte solche Leute getroffen", meinte Campbell dazu,und bin überzeugt, daß zwar in jedem Jahr sich freundschaftlichere Gefühle gegen uns in den Vereinigten Staaten entwickeln, daß aber die Ameri­kaner im allgemeinen nicht so freundschaftlich gegen uns gesinnt sind, wie wir gegen sie." Roosevelts nächste Bemerkung bestätigte dann auch diese Ansicht. Ich sagte ihm, daß die britische Haltung nährend des spanisch-amerikanischen Krieges nicht bloß offiziell so war, sondern die Meinung des ganzen Volkes darstellte.Hätten die europäischen Mächte auf der einen Seite interveniert", sagte ich,so würde die britische Wahlerschast die Regierung gezwungen haben, ans der anderen Seite zu intervenieren."Meinen Sie?" saget Roosevelt langsam.Das habe ich immer etwas bezweifelt." Wenn aber der Präsident der Vereinigten Staaten in einer solchen Krisis das britische Wohlwollen bezweifelte, was soll man dann von den Amerikanern im allgemeinen erwarten?"

* Verfehlte Wirkung. Eine allerliebste Ge­schichte erzählen dieL. N. N.". Sitte junge Witwe klagte ihrer unverheirateten Freundin, daß ihr dreijähriges Töchterchen jeden Morgen um 5 Uhr erwache und zu ihr ins Bett klettere, damit sie ihm bis es Zeit zum Anfstehen sei, Geschichten erzähle. ,Lmmer wieder dieselben", erzählte die junge Frau.Und nun kann ich in letzter Zeit so schwer einschlasen und finde oft erst gegen Morgen Ruhe; aber Annchen ist ganz unglücklich, wenn es in seinem Bett allein bleiben soll, und ich mag das kleine Schmeichelkätzchen nicht zurückstoßen".Erzähle ihr doch Deine eigene Geschichte", riet die Freundin; mache es recht rührend. Tas Kind wird e insehen, wie nötig Dir die Ruhe ist, und wird sich ans Liebe ganz still verhalten. So erziehst Tn es nebenbei zur Selbstlosigkeit". Ter Mutter leuchtete das ein. Am nächsten Morgen schon wurde der Versuch gemacht. Klein-Annchen lauschte a-usineEam. Tie arme Frau, die nicht schlafen konnte, und jeden Morgen in ihrer Ruhe gestört wurde, erregte offenbar ihr tiefstes Mitleid. Immer erster ivurde das Kindergesichtchen, immer größer die Hellen Augen, die zuletzt zu schimmern begannen. Als aber die Mutter dann von einem artigen ließen Kinde erzählte, das aus liebender Rücksicht auf sein Morgenvergnügen verzichtete, holte Klein-Annchen tief Atem und stieß einen Seufzer unend­licher Befriedigung aus, wie immer, wenn eine Geschichte schön geendet hatte. Und dann schlang es seine Aermchen um den Hals der Mutter:Ach, Mammi, erzähl' die Geschichte doch noch einmal!"

Regeln sirr'Vermietet wie Mieter.

1. Man sei stets nachgiebig und nachsichtig.

2. Man begrüße sich stets' freundlich und zuvorkommend.

3. Man lasse sich nie vom Dienstmädchen über die Ver­hältnisse der Mitbewohner erzählen.

4. Man halte nicht dieselbe Waschfrau, Näherin, Flickerin rc.

5. Man miete nie ein Mädchen, das schon bei einer Herr­

schaft im Hause gedient hat.

6. Man borge sich nie etwas aus; mußte es aßer ge­schehen, so gebe man das Geliehene so rasch wie möglich wieder zurück.

7. Hat man auf der Treppe etwas verstreut oder hingegossen, lasse man es sofort wegfegen.

8. Man nehme ftets Rücksicht auf die nebenan und in höheren und unteren Etagen Wohnenden und vermeide überflüssiges^ Lärmen.

9. Hört man einen Wortwechsel, so schließe man sofort die Fenster und entferne sich, um nichts zu hören und nichts zu verstehen.

10. Man bilde sich nie ein, daß die eigenen Kinder artiger sind, als die der Mitbewohner.

Kesukdßeitspflege.

Die Pflege desOhres, .die immer noch von vielen, selbst gebildeten Menschen über Gebühr vernachlässigt wird, wid­met die Wiener HalbmonatsschriftUnser Kind" die folgenden Ausführungen: Auf die Pflege des Ohres muß fchon beim Säug­ling Wert gelegt werden. .Jede Erkältung ist sorgfältig fern­zuhalten; beim Bade darf man nie Wasser in die Ohren und in die Nase kommen lassen. Durch einen Schnupfen kann sehr leicht die Ohrtrompete, ein Verbindungskanal zwischen dem Ohrinnern und dem Rachen, entzündet und der Zutritt der Lust zum Innern des Ohres unmöglich gemacht werden; infolgedessen kann leicht Taubheit eintreten. Man darf deshalb Säuglinge niemals von Personen küssen lassen, die an Schnupfen leiden; es ist über­haupt auch sonst empfehlenswert, . die üßle Angewohnheit vieler Menschen, ein junges Kind, das sie sehen, gleich zu küssen, aufs eindringlichste zu verbieten, denn durch 'den Kuß können leicht Krankheiten Übertragen werden. Wenn das Kind, gebadet wird, so muß man sorgfältig die Ohren abtrocknen, weil sonst Haut- ausschläge entstehen können. Tas beste Mittel, um sie gegen Ohrenkrankheiten zu schützen, ist eine allgemeine Abhärtung des ganzen Körpers, .und man erreicht einen solchen Schutz nicht etwa, wie es häufig in allzu großer und falsch angebrachter Fürsorge geschieht, durch Hineinstopfen von Watte in die Ohren. Im Gegenteil, dadurch werden dieselben höchstens noch empfind­licher gegen Witternngseinsiüsse werden. Tie Reinigung des Ohres darf nur mit einem weichen Handtuch geschehen, Ohrlöffel und Haarnadel sind dagegen höchst gefährliche Instrumente, die leicht Verletzungen des Trommelfells herbeiführen können. Tas Lochstechen zur Anbringung von Ohrringen ist eine sehr unver­nünftige Unsitte, die eigentlich in nnserm modernen Zeitalter nicht mehr so verbreitet sein sollte. Auch der alte Aberglaube, daß das Tragen von Ohrringen vor Krankheiten bewahre, ist heute noch allzuviel verbreitet. Eine große Gefahr für die Ge­sundheit der Ohren bilden die so oft als Züchtigungsmittel benutzten Ohrfeigen. Es ist nicht selten vorgekommen, daß da­durch das Trommelfell gesprengt wurde, daß eine Erschütterung des Labyrinths und dauernde Taubheit die Folge marem Auch das Hineinschreien in die Ohren kann leicht ein Platzen des Trommelfells herbeiführen; überhaupt schädigen starke Schall­eindrücke das Gehör, besonders wenn sie ganz unerwartet ein­treten. Gelangt einmal ein Fremdkörper in den Gehörgang, so ist es' am besten, sich gleich an einen Arzt zu wenden und nicht von unberufener Hand Extraktionsversuche machen zu lassen.

Gleichklang.

Nachdruck verboten.

Es badet an einem dunklen Ort, Dann läuft es eilig im Zickzack fort.

Tut eher sich nicht verschnaufen, Bis es sich trocken gelaufen.

Wenn man es drückt, zeigt's seine Kraft Läßt man es frei, ist es erschlafft.

Von vielen wird's getragen, Ein Lüftchen kanns verjagen.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Tauschrätsels in vor. Nr..

Bahn, Eier, Ulan, Taste, Welle, Heim, Wind, Birne, Fremde^ Born, Kerl, Fang, Stelle, Wei«, Seide, Birke, Rabe.

Heute mir, morgen dir.

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Redaktion: August Goetz. Rotationsdruck und Verlaa der Brübl'ichen Universttäts-Buck- und Steindruckerei. R.Lange. Gießen.