Ausgabe 
17.10.1904
 
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fett bett Tonfall ihrer Stimme, den Ausdruck einer süßen Empfindung begleitete, ein andermal mit souveränem Lächeln die subtilsten Probleme dieser modernsten unter den Modernen analysierte, oder auch, je nachdem, mit slantmendein Blick innehielt, für die Behauptung der Leiden­schaft eintrat, wie selbst darunter stehend, dann war es schwer, zu unterscheiden, ob eben ihr Ausdruck den Gestalten, dem Empfinden der Dichter und Denker oder dent eigenen Erlebten, eigenen Empfindungen utld Wünschen galt.

Wie bezaubert horchte Harro dem Geplauder der welt­gewandten Frau. Ob er sich anfangs intensiv daran betei­ligte, sich in solche Unterhaltung sozusagen gestürzt hatte, wie in einen langentbehrten Genuß meist wurde er bald stiller tznd stiller, saß er da gefangen wie unter einem Bann. Leise, in wundervollem Staunen, konnte es sich dann über seine Lippen stehlen:Frau Ellinor, Fran Ellinor!" Und Frau Ellinor weidete sich an diesem Augenblick. Es konnte geschehen, daß sie ihm mit der schlanken, kühlen Hand über das Haar strich und lächelnd meinte:Sie kennen eben tioch keine Frau, mein lieber Herr vott Urau!" Ob sie ihn g'efangen hatte ttitb gefangen hielt? Trotz feinem süßen, jungen Weib, das er über alles liebte, fand er keine Widerrede hier, sondern küßte die kühle Hand einmal und noch einmal. Ellinor ließ es geschehen, und erklärte dann mit schwer verständlicher Ruhe:Aber, wollen wir nicht hinübergehen. Ich denke, mein Patient wartet auf uns." Sie hatte genug an diesem Erfolg. Große Leiden­schaften sind unbequem, sie stören die Schönheit, den Lebens­genuß. Ellinor hatte doch noch keine Lust, sich ihr Leben mit einer Dummheit zu verderben.

Und heiter, mit dem unbefangensten Ton, trat sie mit seinem Leutnant bei dem Gatten ein. Und wenn sich Harro im Anfang gerade hiervon peinlich berührt gefühlt hatte, auch diese weltgewandte Perversität übte nachgerade erst recht ihren eingentümlichetl Reiz.Ich habe Herrn von Urau einen neuen Klinger gezeigt", erklärte Ellinor auch eben, da sie von ihm begleitet, sich! wieder in des Rittmeisters Zimmer einfand. Niemand hörre ihrer Stimme an, daß fie vor wenig Sekunden in Leidenschaft zitternd ent paar Verse rezitiert.Und er hat mir eine kostbare Geschichte erzählt. Also, bei Bachseldens ist wieder mal musikalischer Abend gewesen, mit den bekannten Schatten Pott Brötchen. Die Herren haben die Musik oder die Brötchen wie war es, Herr von Urau?" Ellinor lachte dazwischenalso die Brötchen im Stich gelassen für ein Bees im Palais Royal. Thea Unger ist mitten in ihrer Arie stecken geblieben vor Schreck über die leere Stätte. Dörrenbach hat die Geschichte herausgerissen, indem er etwas von einem Alarntbefehl ge­faselt hat, der in der Luft schwebte, und daß man Hörner zu hören vermeint habe ein blinder Feuerlärm. Famos. Dieser Dörrenbach ist knrklich ein Ritter sans peur et saus reproche. Schade" Die gewandte Frau hielt ein es mochte ihr betrüblich zum Bewußtsein kommen, daß Dörren­bach gerade als solcher fast immer ihr Gegner war. Bald jedoch lachte sie wieder und meinte munter:Weißt Du, Joa, wir wollen auch mal wieder bitten. Ausgehen darfst Du noch nicht; aber .eine Zerstreuung tut Dir gut." Und nun ganz liebenswürdige Gattitt:Zuletzt ödest Du Dich mit mir an, immer nur allein mit mir."

10. Kapitel.

Kon nun an gab es reizende Wende bei Greditzens, kleine Mittagessen, dem Rekonvaleszenten zuliebe schon um fünf acht bis zehn Personen, nur zsvei Gänge, aber aus­gesucht, seltene Weine, verschwenderischen Blumenschmuck und märchenhafte Beleuchttmg. Nach Tisch wurde musiziert oder etwas anderes vorgetragen. Ellinor wußte dergleichen zu arrangieren. Sie hatte selbst eine nicht sehr umfangreiche, doch volle Altstimme und seinerzeit viel Zeit und viel Geld auf deren Schulung verwendet. Sie wußte auch hier ihr Köitnen zur Geltung zu bringen. Indem so künstlerisch wirklich nur Gutes geboten ward, alles im Hause Greditz stimmte, so war es kein Wunder, daß die Gäste in ausgezeich- ttete Stimmung kamen und man sich in Kaltenburg um diese Abende drängte. Uraus waren natürlich stets dabei. Die kleine Frau ließ sich nicht umgehen. Ellinor wünschte es auch durchaus nicht länger, im Gegenteil; sie hatte sich überzeugt, daß hier namentlich Jutta nur eine dankbare Folie mehr für sie bedeuten würde.Sie müssen stets mitkommen, meine liebe Frau von Urau." Ellinor hatte Jutta persönlich von der beschlossenen Regelmäßigkeit dieser Abende in Kenntnis gesetzt.Mein Mann will feine Leut­

nants um sich haben, und mich" diesmal hielt es Frau von Greditz für angemessen, den Taubenblick auch gegenüber! dem eigenen Geschlechte zu verwendenund mich ver­langt nach unseren Damen."

Und Jutta, viel zu glücklich, dabei zu sein in dem gesuch­testen Hans ihres Regiments nicht nur, sondertt der ganzen Gesellschaft von Kaltenburg, vergaß die immer unwillkürlich wieder aufglimmende Eifersucht, ihren instinktiven Groll auf die Petroleumtante und stellte sich mit dem Gatten ein, in Toiletten, die, wenn sie auch den Toiletten Ellinors nicht gleich kamen, doch immerhin dem Leutnant hätten zu denken geben können. Alber Harro dachte picht darüber nach; ja, er­sah sie kaum. Er dachte überhaupt nicht er merkte auch auf nichts. Es war etwas über ihn gekommen, er lebte wie unter einem Bann. Jeden Morgen ritt er denKomman­deure Er liebte das Tier. Er war unermüdlich im Reiten. Es war ihm ntanchmal, als ritte er um sein Glück oder auch um sein Schicksal. Dann nahm ihn der Dienst in Anspruch. Außerdem war es sehr ungemütlich zu Haus. Wollte er einmal etwas arbeiten oder lesen, so war nichts in der notwendigsten Ordnung. Dazu kamett ewige Fatalitäten und Nörgeleien. Jutta schenkte ihm nichts, kein Glas, das der Busche zerbrrochen, keinen Zank mit Sophie, die doch die Herrschaft wieder an sich gerissen hatte, keinen Aerger über die Schneiderin, keine Klage, wenn sie nicht bei Kasse war. Darum ging Harro immer lieber abends aus; blieb er aber einmal zu Haus, .flüchteten seine Gedanken gar bald aus dieserMisere" fort. Mehr und mehr wanderten sie dann zu Ellinor hin, einem Wiedersehen mit ihr ent­gegen. Er ward neugierig, tvelch ein Kleid sie tragen, welche Blumen sie wählen, was sie reden, was sie singen, wie sie sich zu ihm stellen würde. Denn ganz plötzlich, mit einem Male, war eine gewisse Vorsicht über sie beide gekommen. Ja, Otternberg erschien sogar mehr als je von Ellinor bevorzugt zu werden.Man kann unseren liebens­würdigen Leutnant gar nicht entbehren", erklärte Frau von Greditz jedem, der es hören wollte,niemand versteht so gut, eine Wrriiu zu unterstützen, weiß, wo ein Stuhl hingesetzt werden muß, wie man eine Pause füllt und die Leute durcheinander bringt."

Jmtner heller strahlte die Sonne von Ellinors Gunst über diesem Leutnant thres Gatten. Es ward sein Privi­legium, die Notenblätter zu wenden, toentt seine Ritt­meisterin fang, wobei er Volt Entzücken gar nicht aus die Idee kam, ab auch das nicht etwa doch nur eine zweifel­hafte Gunst sei, da er doch von Ellinor während dieser Be­schäftigung nichts zu sehen bekam. Ms vielleicht, sintemalen Frau von Greditz sich hier eine berühmte Landsmännin, die schöne Lilian, als Vorbild genommen zu haben schien, das Interessanteste an ihren musikalischen Leistungen war. Otternberg war schon überglücklich, wenn sie ihm nach ge­leistetem Dienst mit einem girrendenDank" die Hand zum respektvollen Kusse reichte, worüber Harro wieder all­mählich schon in Verzweiflung geraten wollte. Mit einem Blick, der mir ihm galt, ob er scheinbar ganz unbestimmt in die Weite ging, wußte aber bann die gewandte Frau seine Empörung zu beschwichtigen, ja ihn noch mehr zu ent­zücken. Denn gerade damit gewann auch der Reiz des Heim­lichen, des Verbotenen immer mehr Macht über den jungen Offizier. Er wartete jetzt auf das Knistern ihrer seidenen Gewänder, das er unter allen anderen heraushörte, sobald Ellinor in seine Nähe kam. Er wartete, ja, er sehnte sich nach dem Moment, wo sie, scheinbar ganz achtlos, die Hand auf seinen Arm legte, put ihren Fingern die seinen streifte oder ein Wort zu ihm sprach, das jeder hören konnte und das doch dem Einverstandenen noch etwas Besonderes zu sagen schien.

Sein Atem ging schneller, wenn sie ihn ansah mit dem Taubenblick, darin es langsam zu glühen begann, während sie den Kopf leicht schüttelte, als wolle sie sagen: Hübsch vernünftig, mein Freund, wir dürfen keine Torheiten! machen! Sein Wem setzte aus, wenn sie sich mal zu Zweien gegenüberstanden unter einer Palme im Wintergarten und ihn Frau Ellinor anlächelte, wie Frau Eva gelächelt haben mag, da sie Adam den Apfel bot. Nur daß man siH in der Gesellschaft befand, statt in den einsamen Auen des Paradiesgartens, und diese Eva eine gewandte Dame war, der es immer zur rechten Zeit einfiel, daß man sie ver­missen würde und daß es für fie an der Reihe war, zu singen. Und wenn dann Ellinor sang--Meist lehnte

Harro in einem der englischen Sessel, etwas müde vom