Ausgabe 
17.9.1904
 
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ihm genügt, daß cs etwas Eigenartiges hergestellt hat. So wirkt die schöpferische Phantasie, die mir Erwachsenen, mit Ausnahme der echten Künstler, teilweise oder gänzlich verloren haben. Darum störe man nickst die Kleinen beim Spiele, weder durch Ratschläge noch durch Fragen. Jene ursprüngliche Flüssigkeit des Seelcn-- lebens ist dem Kinde von Herzen zu wünschen, sonst ist später sein Denken in Fesseln geschlagen.

Die Ungebundenheit des Denkens und die Willkür des Han­delns darf nicht dauernd herrschen, es soll vielmehr ein gesundes und natürliches Verhältnis zwischen ernstem Denken und Handeln einerseits und dem phantasiemäßigen Spiel andererseits bestehen. In der ersten Kindheit vollzieht sich alle geistige und körperliche Beschäftigung in der Form de« Spiels; in den späteren Jahren tritt mit dem geistigen Fortschritt das vernünftige Denken und zielbewußte Handeln mehr und mehr in den Vordergrund, jedoch sollen wir auch dem Sechsjährigen genug Zeit zu völlig freier Tätigkeit, zum Spiel gewähren.

Das Spiel fördert die körperliche Fertigkeit und den Formen-, überhaupt den Schönheitssinn. Letzteres geschieht, wenn die Er­ziehung dem Spieltrieb die Wege ebnet und die Mittel zu seinem Entfalten bietet. .Wenn das Kind ein Holz guer auf ein aufrecht stehendes legt, da übt es die Hand im ruhigen Halten, bildet den Tast- und Drucksinn und übt 5a» Auge im Vergleichen der Grösten- und Lagenverhältnisse. Man beobachte die Kleinen, wie sie im Ball­werfen und -Auffangen sich üben; viele Muskeln der Hand, des Armes, des Oberkörpers und der Beine sind tätig, auch das Auge arbeitet. .Wieviel Neben und Ueberlegen geht der Fertig­keit voraus, einen Kreisel in Bewegung zu setzen. Den grössten Gewinn hat das Kind aus den Beschäftigungen, welche nicht nur unterhalten und ergötzen, sondern auch das Schönheitsgefühl wecken und bilden. Dieses Gefühl must gepflegt werden, mag auch das Kind kein Künstler werden. .Der Schönheitssinn gehört zum Gleichmaß der geistig-n Kräfte, ist nahe verwandt mit den sittlichen Gefühlen, in späteren Zeiten ein unentbehrlicher Gehilfe bei jeglichem Schaffen und jederzeit der Spender edler Freuden. Kinder, welche die meiste Zeit d"s Tages unbehütet auf der Gasse sind, spielen fast immer, nnd doch bleibt bei ihnen das wertvolle Gebiet des Schönen unbebaut.

Kaiser Friedrichs Brautfahrt.

Anläßlich der Verlobung des Kronprinzen dürste die Erinner­ung an ixe Brautfahct seines Großvaters, des Kaisers Friedrich, von Interesse sein, zumal gerade über dieser Verlobung ein poeti- Ser Hauch ruht. Im September 18öo rüstete sich Friedrich ilhelm zur Reise nach England, die sich zur Brautfahrt gestaltete. Am 14. September 1855 traf er wir folgen hier der Biographie Kaiser Friedrick-s von Margaretha v. Poschinger auf Schloß Balmoral in den schottischen Hochlanden ein; dort begrüßte er die Prinzeß Royal, die, seitdem ec sie vor fünf Jahren das letzte Mal g.shn, zur blühenden Jungfrau herangereift war, und am 20. September gestand er der Königin Viktoria und dem Prinzen Albert seine Liebe.Nun pour la bonne bouche. Tie Angelegen­heit" so schrieb der Prinz-Gemahl am selben Tage an den Baron v. Stockmar nach Koburgist heute nach dem Frühstück in ein aktives Stadium getreten. Der junge Mann hat seinen Antrag an uns gestellt mit der Erlaubnis seiner Eltern und seines Königs; wir haben ihn sür uns akzeptiert, doch für den anderen Teil bis nach der Konsirmation zu suspendieren gebeten; bis dahin solle Unbefangenheit und Kindlichkeit ungestört bleiben; dann im Frühjahr wünscht der junge Mann seinen Antrag ihr selbst zu stellen, vielleicht mit Eltern und verlobter Schwester zu uns zu kommen. ,Ter 17. Geburtstag soll vorübergelassen werden, ehe an einen Vollzug gedacht werden soll, der d^rum in das folgende Frühjahr fallen mag. Das Geheimnis soll bewahrt werden tant bien gue mal, den Eltern und dem Könige die Wahr­heit sogleich mitgeteilt werden, daß junger Mann und Eltern sich gebund.n haben, soweit sie es können., die junge Person selbst nach der Konfirmalion besragt werden soll. Inzwischen wäre manches zu überlegen; ich werde Sie bitten, bald zu uns zu kommen, damit wir mündlich verhandeln können und Ihren Rat hören. Am 28. will uns der junge Mann wieder verlassen. Er stellte sich darin uns ganz zu Gebote; ich schlug 14 Tage als nicht zu lang und nicht zu kurz für einen dergleichen Besuch vor. Er hat mir reckst wohl gefallen. Große Geradheit, Offenheit und Ehrlichkeit sind vorzüglich hervorstechende Eigenschaften. Er scheint vorurteilsfrei und in hohem Grade wohlmeinend; sprichst sich als persönlich durch Vicky sehr angezogen aus. Daß sie nichts einzuwenden haben wird, halte i chfür wahrscheinlich." Am 29. September schrieb Prinz Albert an den Baron v. Stockmar:. . , Victoria (die Königin) ist unendlich ausgeregt, doch alles geht smoothlh und vorsichtig. Ter Prinz ist wirklich verliebt, und die Kleine strengt sich an zu gefallen. . . . Uebermorgen reist der junge Herr ab. Heute haben wir die Antwort aus Koblenz erhalten, wo man entzückt ist, dem Könige die Mitteilung auf dem Stolzenfels ge­macht hat, die von ihm mit herzlicher Freude begrüßt worden sein soll. Man ist mit Aufschub der Verlobung bis nach Konfir­mation und Hochzeit bis narch dem 17. Geburtstage ganz ein­

verstanden . . . ." Indessen laßt sich einer solchen Neigung schwer gebieten, und die Absicht, vor der Prinzeß alles geheim zu halten, erwies sich als unausführbar. Was sich an demselben Tage noch zutrug, wird in denBlättern aus dem Tagebuche" der Königin Viktoria wie folgt erzählt:29. September 1855. Heute hat sich unsere geliebte Viktoria mit dem Prinzen Friedrich Wil­helm von Preußen, der seit dem 14. bei uns ist, verlobt. Schon am 20. hat er uns sein Anliegen mitgeteilt, aber um ihrer großen Jugend willen waren wir zweifelhaft, ob er jetzt mit ihr reden, oder bis zu seiner Wiederkehr warten sollte, entschlossen uns aber doch zu ersterem. Ms wir nun heute nachmittag den Craig-na-Ban hinaufritten, brach er einen Zweig weißer Haideblumen (der Glück bedeutet), gab ihr diesen und knüpfte daran auf dem Heimege, den Glench-Girnoch hinab, Andeutungen seiner Hoffnungen undWünsche, die dann alsbald glücklich in Erfüllung gingen/s In dem folgen­den Briefe an seinen Freund, den Baron v. Stockmar, fährt der Prinz mit der Erzählung der Geschichte der Verlobung fort: Balmoral, 2. Oktober 1855. Der Prinz Friedrich Wilhelm hat uns gestern wieder verlassen. Bicky hat sich wirklich ganz vortreff­lich benommen, sowohl bei der näheren Erklärung am Sonnabend, als in ihrer Selbstbeherrschung seitdem und beim Abschied. Sie zeigte gegen Fritz und un» bte allerkindlichste Aufrichtigkeit und da» schönste Gefühl. , Tie jungen Leute sind heftig in einander verliebt, und die Reinheit, Unschuld und Uneigennützigkeit des jungen Mannes ist auf der anderen Seite gleich rührend gewesen. Der Tränen flössen gar viele . . . Diese Zeilen haben eigentlich nur den Zweck gehabt, den Brief Bickys an Sie einzuschließen, in dem das Kind seine eigenen Gefühle entwickelt." Die Proklamation der Verlobung fand erst nach achtzehn Monaten, am 16. Mai 1857e statt. . .

Gesundheitspflege.

Skrofeln und Englische Krankheit gehören zu den häufigsten Kinderkrankheiten und doch sind über sie vielfach un­zutreffende Anschauungen im Volke verbreitet, die auch leider noch durch unwissende Kurpfuscher aller Art groß gezogen werden. Wir halten es daher für angebracht, unsere Leser auf ein BuchSkro­feln und Englische Krankheit" von Dr. med. Paul Kraemer, prakt. Arzt (Berlin SW. 11, Deutscher Verlag, Preis Mk. 1.25), hin zu- weisen, das eine möglichst vollständige, toenn auch kurze Schilder­ung der genannten Krankheiten enthält. Manche Mutter wird durch die darin enthaltene Belehrung von ihren Sorgen um den kleinen! Liebling befreit werden, da die meisten skrofulösen und rachitischen Kinder bei richtiger Behandlung wieder gesund werden und zu tüchtigen Männern und Frauen heranwachsen.

Rösselsprung.

(Nachdruck verboten).

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.t W a n d e r l u st.

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Redaktion: 21 u a u ft Goek. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'lcben Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.