1904.
8kp W
NW
Kin angenehmes Erke.
Humoristischer Roman.
Von Victor von Reisner.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Selbst dann trifft uns noch ein großer Verlust, erklärte ihm Erich., „haben wir doch, heuer nahezu an zweihundert Joch Rüben angesetzt, mit denen jetzt gar nichts anzufangen ist."
„I, papperlapap", meinte der Graf, „das Unglück ist nicht so groß. Einen Teil verfüttern Sie an Ihre Kühe und Schweine, und den Rest nehmen wir Ihnen ab — es kann ja gar nichts besseres für Gemischtfutter geben."
Höchstfelo starrte wiederum ins Leere. Trotz aller ihm in der letzten Zeit aufgestiegenen Verdachtsmomente traf ihn der Schlag doch zu unerwartet. Sich aber noch länger der Wahrheit zu verschließen, wäre Wahnsinn gewesen, und so erhob er sich denn, trat an Stepenaz heran, streckte ihm verlegen die Hand entgegen unb sagte:
„Ich weiß nicht, was Sie bewogen hat, mir so gründlich die Augen zu öffnen, jedenfalls bin ich. Ihnen aber dafür zu großem Tanke verpflichtet und bitte Sie, die zwischen uns stattgehabten Differenzen zu vergessen."
Stepenaz schlug kräftig in die ihm bat^eBotene Hand.
„Ich bedauere nur", sagte er, „daß Sie nicht gleich auf mich hörten, denn wie Sie sich erinnern werden, warnte ich Sie von allem Anfang an vor diesem Menschen. Doch das ist vorbei, und darüber ein weiteres Wort zu verlieren, hätte ja jetzt doch keinen Simr. Und was unsere persönlichen Mißverständnisse anbelangt", fuhr er dann ernster fort, „so sind ja diese schon längst aufgeklärt; wenn wir uns trotzdem nicht wreder nähertraten, so wissen Sie ganz gut, daß der Grund wo anders zu suchen ist, und deshalb denke ich . . ."
„Lassen wir das, ich bitte Sie darum", unterbrach ihn Herr von Höchstseld, viel ruhiger als es sonst seine Art war, wenn er an den Pfarrer erinnert wurde.
„Warum?" beharrte Stepenaz, „gerade jetzt, wo wir schon einmal im großen Reinemachen sind, ginge es in einem ab, auch diesen unseligen Irrtum aufzuklären."
„Glaube mir, Papa", drang auch Erich, der sich bisher absichtlich passiv verhalten hatte, in ihn ein, „es handelt sich tatsächlich nur um einen Irrtum, und einen Mann wie Dich wird cs freuen, der Wahrheit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen."
„Möglich, möglich", sagte dieser wie betäubt, „aber setzt kann ich nichts mehr hören, es ist heute zu viel auf mich eingestürmt — ich muß erst Zeft haben, wieder mein Eileichgewicht zu finden."
Der Graf erhob sich.
„Sie haben recht, Herr Majot?", stimmte er ihm zu.
„einen ehrlichen Frieden kann man nur bei ruhiger UeBer- legung schließen. Wenn es Ihnen also paßt, komme ich morgen wieder. Ich bin überzeugt, daß wir dann zu einer uns alle befriedigenden Verstärtbigung kommen werden. Also, Gott besohlen."
„Wollen Sie nicht zu Tische Bei uns Bleiben?" lud ihn Höchstseld höflichkeitshalber ein.
„Nein, nein", lehnte der Graf dankend ab, „ein andermal", drückte ihm und Erich zum Abschied die Hände und fuhr mit dem angenehmen Bewußffein, den heutigen Tag wohl angewandt zu haben, nach Hause.
Erich eilte überselig zur Mutter, ihr von der glücklichen Wendung zu berichten
Diese vermochte das schier Unglaubliche kaum zu fassen und meinte Skeptisch:
„Wenn nur morgen nicht der Rückschlag folgt."
„Nein, nein, das ist ausgeschlossen", Beruhigte er sie, „Papa ist wie um-gewanbelt, so weich und ruhig haBe ich ihn überhaupt noch nie gesehen."
„Gott gebe, daß es so Bleibt", seufzte sie, „es wäre für ihn und für uns alle eine Wohltat, denn seit wir das unglückselige Erbe angetteten haben, ist er ja rein wie ausgewechselt. Glaube mir, mein Kind, ich habe schpn oft aus tiefstem HerKensgrunde gewünscht, daß es uns nie zugefallen wäre, denn ttotz aller Einschränkunoeu haben wir ftüher glücklicher und zufticdener gelebt all fefet."
„Und diese Zeiten werden jetzt wiederkommo, liebe Mama", versicherte er aus tiefster Ueberzeugung. „Papa wird es zwar kränken, im Unrecht gewesen zu sein, aber gerade deshalb wird er es sich doppelt angelegen sein lassen, dasselbe gutzumachen."
„Das wird er, das wird er sicherlich^, stimmte sie ihm, unter Tränen lächelnd, zu.
„Und wenn er mir erst erlaubt, um Ljubizas Hand anzuhalten", fuhr Erich freudestrahlend fort, „bann sollst Du sehen, welch frohes Leben Bet uns einkehren wirb."
„Aber hoffentlich nicht mit täglichen Gastereien!" rief sie erschrocken.
„9hin, bie erste Flut der Gratulanten werden wir Wohl ergebungsvoll über uns ergehen lassen müssen", entgegnete er lachend, „dann aber wird das Tor verrammelt, und wer nicht zur Familie gehört, kann auf der Landstraße liegen bleiben."
Im selben Augenblick kam das Mädchen herein und meldete, daß die Suppe auf dem Tisch stände.
Erich Bot der Mama den Arm und führte sie nach dem Speisezimmer, wo auch gleich darauf der Major erschien.
Man ließ sich stillschweigend nieder, und niemandem war es verwunderlich, daß SzaBos Platz heute frei blieb — aber auch Erna fehlte, und Frau von Höchstfeld wandte sich daher mit der Frage an das Mädchen, oB denn diese nicht gerufen worden sei?
Da die ganze Dienerschaft an Erna hing und ihr gern jeden Verdruß ersparte, so zögerte das Mädchen einen


