V- 855

Mauderelen aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.) Sauregurkenzeit. Kongreßfrauentugenden. Kognac Meunier.

Andere Polizeipflichten.

DieSauregurkenzeit" läßt diesmal an Ereignissen für Berlin nichts zu wünschen übrig. Bei der Invasion der Frauen und Mädchen in die Metropole an der Spree taucht unter den reifen, gelehrten, zum Teil silbern- haarigen Vertreterinnen der modernen Frauenbewegung auch manch junges, süßes Angesicht auf, bei dessen An­blick man sich unwillkürlich die uaralte Frage vorlegt, wie Saul auch unter die Propheten kommt. Mer es ist un­geheuer gefährlich, sich dieser imponierenden Majorität .gegenüber auf die Bank der Spötter zu setzen; denn sie nehmen ihre Sache verteufelt ernsthaft, schwänzen keine Sitzung, bummeln nicht durch die Kneipen und sehen am andern Morgen niemals verkatert aus. Höchstens, daß man hier und da einmal eine graziös zwischen den Lippen gehaltene Zigarette verpaffen sieht, was mich immer an die forschen Kädetten von Lichterfelde, die ihren Sonn­tag Nachmittag in Berlin verschweigen, erinnert. Schon an dieser geistigen Arbeitsfreude und materiellen Ent­haltsamkeit sollten sich die Herren der Schöpfung ein Bei­spiel nehmen, die noch von jedem Kongreß mit einem total verdorbenen Magen und nur sehr dunklen Erinner­ungen an die dort gehaltenen Vorträge heimzukehren pflegen. Eine Gerichtsverhandlung gegen die Firma Arnold, Meunier u. Co., deren Inhaber einen echt fran­zösischen Kognak unter dem vertrauenerweckenden Namen Meunier" zu verdächtig niedrigen Preisen in die Welt sandte, fesselte dieser Tage die Berliner sehr. Der Teil­haber, der dieses Namens wegen eingesprunaen und als­bald wieder ausgetreten war, hatte außer seinem Pracht­namen nichts mit Frankreich zu tun, entpuppte sich als ein ehrbarer, mit Spreewasser getaufter Sattlermeister. Und die Niederlassung der Firma in Kognak, Rue de Belle­fond 18 B, das sogenannteMutterhaus", war nichts weiter als eine Art Atrappe, um die Gimpel desto sicherer auf den Seim locken zu können. In Wirklichkeit befand sich in der Niederlage und dem Korrespondenzbureau für Deutschland Berlin S 42, Buckowerstr. 7 zugleich auch der Hexenkessel, in dem der echt französische em-, zwei- und dreisternige Meunier zurechtgemacht wurde. Natürlich hat sich der Richter diese Hexenküche gekauft; aber er hat doch nur ein paar von der großen Gilde erwischt, die aus diesem mächtigen, schlecht kontrollierbaren Gebiete jahraus, jahrein ihr Unwesen treiben. Denn die billigen französischen Kog­naks mit den so echt klingenden Namen sind in gewissen Berliner Schaufenstern typisch. Und wenn all diese Ge- legenheitskäuse auf einer reellen Basis beruhen sollten, so müßte das kleine Cognac eine große Weltstadt sein und Haus bei Haus fallierte Kognak-Brennereien auf­weisen. Aber, wie gesagt: es ist schwer, auf diesem Ge­biete Wandel zu schaffen, und unsere Polizei hat wahrlich wichtigeres zu tun, als die Alkoholiker vor Ueberteuerung zu schützen. Löst doch in diesen Tagen ein grausiges Ver­brechen das andere ab, ohne daß es bis jetzt gelungen wäre, die verrohten Urheber dieser schändlichen Greuel- taten zu entdecken. Der Lustmord, der an der neunjährigen Lucie Berlin verübt worden ist, just in den Tagen, wo die Frauen aller Länder sich bei uns versammelt haben, um ihre Stellung auch zu den Fragen dieses trostlosen Gebietes zu präzisieren, läßt aufs neue all die Alarm­rufe laut werden, die alljährlich so eindringlich von der Behörde, der Schule und der Presse hineinschallen in die Fanrilien unserer Milliouenbevölkerung. Aber so oft auch die alte Mahnung wiederholt wird: Warnt Eure Kinder! Pflanzt ein starkes Mißtrauen gegen jeden Fremden in sie, der sich rnit ihnen zu tun machen will! Laßt sie nicht ohne Aufsicht aus die Straße! usw. usw.: die schrecklichen Fälle kehren immer wieder! Und ernsthafte Pädagogen überlegen sich schweren Herzens die Frage, ob man dieser abscheulichen Bestialität gegenüber nicht die Pflicht hat, allenthalben Andeutungen der armen bedrohten Jugend gegenüber ein Ende zu machen und ihnen die ganze furcht­bare Größe der Gefahr zu zeigen, in die sie sich begeben, wenn sie den harmlos scheinenden Lockungen der ver­tierten Bösewichter Folge leisten. Auch das ist ein Ge­biet, auf dem wir noch tief im dunklen tappen, und alle Rosendüfte dieses herrlichen Rosenmonds vermögen nicht,

uns über das Entsetzen hinwegzuhelfen, das diese furcht­bare Entartung des heiligsten aller Naturtriebe in unseren Herzen ausgelöst hat! A. R.

Kine Urotestversarnmlung.

ImB. B. C." veröffentlichtB. I." folgenden Scherz: Wie wir erfahren, hat in der Nacht zum Samstag in den Arminhallen" eineBerliner Männerstimmrecht- Konferenz" stattgefunden. Die Einladung hierzu war nicht öffentlich erfolgt, und die Versammlung tagte hinter ver­schlossenen Türen ganz insgeheim. Männern von vertrauen­erweckendem Aeußeren ich gehöre zu dieser Kategorie wur­den schon seit einigen Tagen auf den Straßen Berlins diskret Zettel in die Hand gedrückt, die folgende Inschrift hatten:

Pst! Achtung!

Für Ehemänner!! Hochgeehrter Leidensgenosse!

Bitte, kommen Sie Freitag, den 10. Juni, abends elf Uhr, nach denArminhallen", Kommandantenstraße Nr. 20. Sie werden dort beherzte Männer finden, die fest entschlossen sind, unwürdige Ketten zu brechen. Auf einerBerliner Männerstimm- recht-Konserenz" wollen wir uns endlich einmal gründlich gegen­seitig das Herz ausschütten. Suchen Sie, bitte, Ihrer Alten den Hausschlüssel abzuluchsen! Um strengste Verschwiegenheit er­sucht X. U. Z., Oberlehrer,

Einberuser".

Es war zehn Minuten nach elf, als ein bebrillter, lang­aufgeschossener, schmächttger Herr, kahl wie eine Billardkugel, mit spitzen Ellenbogen, die in einem Gedränge den Nebenmann sicherlich tödlich verletzt hätten, auf der Empore des Saales austauchte, vier Gläser Wasser trank, zwei Pfefferminzplätzchen verschluckte, sich nervös in den struppigen Bart griff und dann auf das Rednerpult zuschritt. Offenbar war das derEinberuser", der Oberlehrer X. H. Z. Er klingelte und sagte:

Ich eröffne hiermit die Versammlung, stelle mich Ihnen als Einberuser vor, heiße Sie herzlich willkommen, meine Herren, und gebe der Freude darüber Ausdruck, daß die meisten von Ihnen so zahlreich erschienen sind! Trotz meiner Kurzsichtigkeit sehe ich, daß sich in diesem Saale die verschiedensten Jahrgänge, der Jüngling, wie der Greis am Stabe" und alle Berufsklassen einmütig zusammengefunden haben! Dessen ist mein Herz von Genugtuung voll! Gestatten Sie zunächst, daß ich aus meinem Inkognito hcraustrete. Ich bin der Oberlehrer Theobald Müller! (Zuruf:Müller is ooch Inkognito!") Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen, da ich hochgradig nervös bin, und ein sehr schwaches Organ habe! . . .Meine Herren, mit der Löwen- Stimme Dantons im Pariser Konvent rufe ich Ihnen zu: Schließen wir uns zu einer unerschütterlichen Phalanx w sammen!"

Der Redner trank zwei Glas Wasser, schluckte vier Pfeffer­minzplätzchen und fuhr fort:

In unseren Mauern hat dieInternationale Frauenstimm­recht-Konferenz" getagt (Rufe:Pfui!",Unerhört!!") und einen Weltbund gegründet! (Zuruf:Olle Kaffee-Schwestern!" Großes Gelächter.) Wo bleibt da die Geltung des schönen Wortes:Mulier taceat in ecclesia?!" (Zuruf:Quasseln Se nid) jriechisch!") Wäre es nicht weit mehr am Platze, daß man uns mit einem Weibe in gesetzlicher, ehe­licher Gemeinschaft Lebenden endlich einmal zum M ä n n er st im m r e ch t verhilft? (Tosender Beifall.) Meine Herren, zu Hause gilt meine Stimme gar nichts. Unser Dienstmädchen darf nicht einmal sagen:Der Herr möchte sein Frühstück haben!" sondern:Er will schon wieder 'mal essen!" (Großer Entrüstungslärm.) Sogar die von mir korri­gierten deutschen Auffätze meiner Obertertianer muß ich meiner Gattin vorlegen! (Zurus:Den Jenuß jönne ick ihr!") Wo bleibt da die Ma .neswürde? (Zuruf:Die rutscht in de Versenkung!") Ich schließe mit den Worten unseres hoch verehrten Schiller, geboren 10. November 1759, gestorben 9. Mai 1805:Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen noch Gefahr!"

Der Redner wird ohnmächtig und von allen Seiten be­glückwünscht !!

Hierauf nahm das Wort Herr Hausierer Gustav Zippel- meyer. Er sagte:

Meine Herren! Als Hausierer bin ick, Jott sei Dank, fast den janzen Dag außer'n Hanse! Wenn ick denn nu 'n bisken ussjefrischt nachts ans de Kneipe komme, denn holt meine Olle aber allens nach! Det Luder hat eenen Zungenschlag dajejen is selbst BülowDer Stumme von Portici!" Wenn ick nischt antworte, sengt se an, det janze Porzlanjeschirr uff meinen Kopp zu zertöppern! Antworte ick aber, so haut se mit'n Besen! (Zuruf:Das lassen Sie sich gefallen?") Wat soll ick machen? Meine Frau war frieher Ricscu-Däme in de tzasenhaide! Ick winschte, se weer' in Port Arthur un de Japaner hetten ihr jestirmt!" (Großes Gelächter.)

Der nächste Redner war Herr Apotheker Ricinarius. Er sagte:

Meine Herren! Kaum sind wir dieJnternattonale Frauen- sttmmrecht-Konferenz" los und schon rückt uns derInter-