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unter der Begleitung von Blechmusik ein paar Marschlieder im Chore zu singen.

Hier nahmen sie nun ungestört und in fröhlicher Fest­tagsstimmung ihr Frühstück und amüsierten sich über die zweifelhafte Tafelmusik, namentlich über ein paar schmelz­reiche Tenöre, die sich in der Begeisterung niemals recht­zeitig von den hohen Tönen trennen konnten.

Als sie mitten im Tafeln waren, kam der Schiffs­kassierer, um ihnen die Billete zu verkaufen.

Ja, wohin wollen wir denn eigentlich, Franze?" fragte er.

Sie wußte es natürlich auch nicht.

Das Schiss hielt auf der Hin- und Rückfahrt vor meh­reren Dörfern der Nehrung. Die Aussicht, daß man irgend wo landen und ein Stündchen würde wandern können, entzückte sie.

Die nächste Gelegenheit, die Fahrt zu unterbrechen, bot sich in Zaraningken: Tie Dampfpfeife gab soeben schon das Ankunftszeichen, gleich darauf setzte sich die Schiffs­glocke in Bewegung, das Schiff stoppte, und das Fischerboot kam zum Abbooten längsseits an den Dampfer.

Flink waren sie auf der Treppe und im Boote und ein Viertelstündchen später in dem kleinen kurischen Fischernest, das sie vom vorigen Sommer her kannten.

Sie hielten sich im Ort selbst nicht auf. Es rängte sie, all die Stellen vom letzten Mal wieder aufzufinden. Sie tauschten viele Erinnerungen an den Tag aus und sie freuten sich beide, daß sie auch das Unwesentliche noch behalten hatten, soweit es mit der Person des andern in Verbindung stand.

Ich glaube, ich hab' Dich damals schon sehr, sehr lieb gehabt, Fränze", sagte er.

Damals kanntest Du mich ja noch gar nicht." Doch. Ich ahnte schon. Im Ernst, Fränze." Ich hab' Dich anfangs bloß gefürchtet", sagte sie. Gefürchtet?"

Ja. Ich sah eine Gefahr so ganz im Dunkeln ünd in der Ferne. Und davor bangte mir."

Alles Trübe und Grämliche versank aber mehr und mehr. Der Sonntagsfriede, der hier herrschte, wirkte heilend auf ihr wundes Gemüt.

Diesseits der hohen, zum Teil dicht bewaldeten Dünen war vom Wind nichts zu spüren. Es herrschte hier eine verträumte Stille. Nur, wenn man aufs Haff zurücksah, merkte man, ba-$ dort unten Wasser und Luft noch in wildem Ringen begriffen waren.

In der Ferne entschwand der Dampfer. Sie hatten ihm von der Düne aus noch lange zugesehen.

Nun kam die Freude über ihr Alleinsein erst richtig zum Durchbruch. Auch Fränze gab sich völlig dem Glück, dem Zauber der Stunde hin, ja, ein junger prächtiger Uebermut teilte sich ihrem Wesen mit, während sie die Dünen er­kletterten. Eine Strecke weit waren sie Hand in Hand ge­wandert, plötzlich riß sie sich los und eilte ihm" voraus. In den zerrissenen Schluchten, die über und über mit fuß­hohem Erikagestrüpp bedeckt waren, zwischen den wild ver­ästelten Kiefern fand er sie nicht sogleich, er ries, sie ant­wortete hell und lustig, wechselte aber wieder ihre Stelle.

; Auf dem Kamm oben erhaschte er sie. Nun wollte er sie nicht mehr aus seinen Armen lassen. Aber ein neuer Jubel erfüllte sie da plötzlich : man sah von hier oben aus das Meer!

Und man sah es nicht nur, man hörte es auch und man fühlte seinen starken Atem.

Zn langen schrägen Wolken peitschte der Sturm die See vor sich her. An einzelnen Felsstucken, die dem Strand vorgelagert waren, spritzte der Gischt hoch aus.

Es pfiff und brauste auch über ihren Köpfen in den Bäumen . hier oben. Man war in wenigen Minuten aus der idyllischen Ruhe in den richtigen Sturm geraten.

. Fränze hob die Arme und ließ sich von der kalten Luft durchrütteln. Dabei sang sie ein paar jauchzende Töne.

Wie schön Du bist, Fränze! Wie jung!" rief er ganz hingerissen.

Es war ihr ein Bedürfnis, immer lauter zu singen, zu jubeln, und dazwischen tief die Luft einzusaugen.

So ähnlich hatte er sie schon einmal gesehen, an Bord des Schiffes damals auf dem Haff. Aber damals lag in ihrem Wesen nur die Sehnsucht heute schien es die Er- süllung, oas Glück selber, das ihre Brust schier sprengen

wollte. Was sie sang, war ihm fremd, aber es packte ihn mehr und mehr.

Was ist das, was Du singst, Fränze?" fragte er, als sie, etwas atemlos geworden, abbrach, nur noch summte, ohne Worte auszusprechen.

Sie sah ihn strahlend an.Kennst Du's nicht? Es ist von Wagner. Aus dem Tristan."

Woher hast Du das? Du hast es doch früher nicht ge­sungen."

In Insterburg spielte es einmal die Militärkapelle vor dem Haus. Sie brachten da irgend wem ein Ständchen. Da kaufte ich mir dann das Textbuch. Seitdem hat mich's nicht mehr losgelassen."

Ja es liegt so etwas Aufwühlendes darin, eine so fchmerzlich-süße Wollust. . ."

Sie sang es noch einmal. Er konnte sich nicht satt hören. Und mußte sie dabei immerzu ansehen. Er wußte, so sieghaft schön wie in dieser Stunde war sie noch nie gewesen und nie wieder würde sie die gleiche Jugend und Reife und Frische und ebensoviel Glück ausstrahlen wie jetzt. Das war vielleicht der Höhepunkt ihres Lebens.

. . . . Heller schallend, mich umwallend, Sind es Wellen sanfter Lüfte?

Sind es Wolken wonniger Düfte?

Wie sie schwellen, mich umrauschen,

Soll ich atmen, soll ich lauschen?

Soll ich schlürfen, untertauchen,

Soll in Düften mich verhauchen?"

Als sie endete, das Haupt erhoben, wie seherisch, ganz entrückt dem Meere zugewandt, riß er sie stürmisch an sich. Ihre Brust wogte noch erregt, sie war atemlos, er fühlte ihr Herz schlagen. Sie hörten in ihrem langen Kusse auf das Brausen des Sturmes und zugleich klangen die frem­den, phantastischen Harmonieen, die sehnsuchtsvollen Mclo- dieen, mit denen Wagners Isolde sich in den Tod singt, in ihnen nach.

Es war ein einziger Akkord, ein jubelnder, sehnsüch­tiger, rauschender, berauschender Akkord.

Und da hinein mischten sich endlich ihre Worte, Liebes­worte, trunken hingehaucht unter Küssen, mehr empfunden als gesprochen.

Fränze weinte vor Glück und Rührung und Seligkeit. Sie saßen nun in inniger Umschlingung nebeneinander, umwogt von blühendem, duftendem Heidekraut tief unter ihnen das blaue, weißbrandende Meer, über ihnen der im Sturm singende Wald. Mund an Mund ruhten fie und malten sich die Zukunft aus: Hochzeit und Ehe und Liebes­glück und neues Leben, das Fränze die Erfüllung des wundersamen großen Mysteriums bringen sollte.

. . . Ja, es mochte der Welt grausam erscheinen, daß sie den Sterbenden andern Pflegern überlassen wollte. Aber war es nicht größer, ehrlich zu bekennen, was das Herz bewegte, und vom Schicksal frei und entschlossen das Glück zu fordern, als in der Verborgenheit zu sündigen, mit ihrer Liebe feig das Licht zu scheuen?

Oder konnte sie jetzt noch schweigen und warten, un­zählige Tage auf das barmherzige Ende warten, Sehnsucht im Herzen, die dann wie ein Frevel an ihrem Stolz ° Jetzt hatte das Schicksal sie vor die letzte Wahl gestellt, und es gab für sie nur eine Lösung.

Ich werde Dieter alles sagen", flüsterte Fränze endlich in tiefer Ergriffenheit.Wie es kam und wie es ge­worden ist und was ich vom Leben noch will, noch for­dern muß. Und er wird mich freigeben. Ja, das weiß ich, er wird mich freigeben. Weil er mich liebt und weil er mich nicht wird untergehen lassen wollen."

Eine festliche, starke Siegesgewißheit überkam sie danach beide.

Sie wanderten auf der Düne weiter. Immer wieder blieben sie stehen und wandten sich der brausenden See zu.

Weißt Du noch", fragte er sie,wie Du Dich damals' sehntest, einmal einen großen Sturm zu erleben?"

Sie nickte lächelnd.Damals, glaubte ich, es gäbe nur weit da draußen in der Welt die großen Stürme, die mit Menschenschicksalen spielen. Aber nun hat er mich hier an unserer einsamen Küste gepackt. Ach, Liebster, ein Früh­lingssturm, ein wilder, wonniger Frühlingssturm."

Er hob sie mit beiden Armen hoch empor und sie jubelten und jauchzten dem Winde zu, der vom aufgepeitsch- ten Meere her sie umbrauste. (Forts, folgt.)