1904.
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(Nachdruck verboten.)
Irüßlingsstürme.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
Schweigend ging die Fahrt Weiter. Je mehr sie sich dem Haff näherten, desto schärfer pfiff der Wind über ihren Köpfen von Ufer zu Ufer. Sie waren, von der Strömung getrieben, in den Kanal gelangt, an dessen Mündung Keme- neits Fischerhäuschen stand. Die Dämme und Teiche zeigten hier schon das saftige Grün eines fruchtbaren Wiesenbodens.
Sonntägliche Stille lag über dem ganzen Land. Nur in den Lüsten droben und auf dem Haff draußen kämpften unsichtbare Gewalten.
Sie lehnte sich endlich, schon halb gefaßt, zurück und blickte zum blauen Himmel empor, den jagenden, großen Windwolken folgend. Die Sonne schien ihr aufs Haar; sie ließ ihre losen, in der bewegten Luft flatternden Löckchen vorn an der Stirn fast golden aussehen. Der Schatten ihrer Wimpern verlieh ihren Augen einen breiten dunklen Rand, der ihrem Ausdruck etwas Sehnsüchtiges, Verzehrendverlangendes gab.
„Wb liegt das Gute, das Große und Rechte?" fragte sie leise, tiefatmend, aber die Lippen kaum bewegend. „Liegt es bei der alten Pflicht und beim Mitleid? Oder beim neuen Hoffen? — Ich weiß es boti) nicht, ach mein Gott, ich weiß es doch nicht. "
Zupitza sah ihr voll ins Auge. „Du weißt auch nicht, welches Gefühl das stärkere in Dir ist, das Mitleid mit ihm oder unsere Liebe?"
„O, das weiß ich", sagte sie mit einem schmerzlichen, sehnsüchtigen Lächeln. „Aber — ich fürchte mich doch, es mir einzugestehen."
„Du mattes, liebes, wundes Seelchen Du."
Er umfaßte ihren Kopf und zog sie wieder an sich Schluchzend hing sie an ihm, zum Teil ruhend auf seinen Knieen. Seine Küsse, seine Zärtlichkeit, sein warmer, inniger Trost zauberten endlich wieder Sonne auf ihr Antlitz.
Auch die frohbewegte, festliche Stimmung in der Natur, das laugeutbehrte, Helle Frühlingslicht, das fröhlich auf dem Wasser tanzte, die erfrischende Fahrt in der immer flotter werdenden Strömung entrissen sie der Versenkung in trübe Erinnerungen.
„Sag' mir immerzu, daß id) noch ein Recht auf Glück habe", hauchte sie Mund an Mund mit ihm, die Augen schließend, als wollte sie aus der realen Welt in die der Träume flüchten, „sag' mir's immerzu. Liebster!"
*
Als sie eine Stunde später, von der Mehrzahl der Familienmitglieder geleitet, dem Kdmeneitschen Haus den Rücken wandten, war's noch nicht zwölf Uhr.
Vor zwei Uhr verließen die Gäste Sakuthen nicht, dann
schliefen Dieter und Alex, sie konnte also noch ein paar Stunden des sonnenhellen Frühlingstages genießen, ohne fürchten zu müssen, daß man sie daheim vermißte.
Von der weit hinausragenden SteirMole. gegen die der Weiße Gischt brandete, übersah man die große, tüchtig gepeitschte Wasserfläche des Haffs, auf der die kurzen, wilden^ Weißen Schaumkämme in ewiger brausender Hast einander jagten. Vereinzelt schwankten Segel draußen vor dem Winde. Von Memel her näherte sich soeben der schmucke kleine Dampfer, der die sonntägliche Vergnügungsfahrt übers Haff machte.
Beim Anblick des lustigen Marinebildes wandelte Zu- pitza plötzlich die Lust an, an der Fahrt übers sonnige, stür- nnsche Haff teilzunehmen.
Ob Kemeneit flink sein Segelboot fertig machen und sie an Bord bringen wolle, wenn der Dampfer hier vorb eikam?
Der Fischer war gerne bereit, aber Fränze hatte noch Skrupel zu überwinden, so mächtig es sie lockte. Zupitza rechnete ihr vor: man konnte um fünf oder vier Uhr wieder zurück sein. Kemeneit mußte nur zur bestimmten Stunde wieder draußen auf dem Haff die Rückkehr des Dampfers abpassen. Und dann beschleunigte man eben die Heimfahrt.
Der Wind fuhr ihr in die Haare und die Kleiber, überrieselte ihre Haut, ber frische Seegeruch umwogte sie — es lag etwas so Kampffrohes, Herausforderndes in dep lichterfüllten Seestimmung. Wie sie sich banach sehnte, sich in den Sturm da draußen zu ito eigen, ein Einziges Mal wenigstens sich frei zu machen von allen Fesseln des Alltags, sich nur dem seligen Feiertagsglück ihrer jungen Liebe hinzu- geben.
Kaum zehu Minuten später schaukelten sie schon ein paar hundert Meter weit vor der Küste auf dem Boot des Fischers. Die Wogen gingen nicht hoch, aber es lag eine große Wucht in den kurzen Stößen. Mehrmals schüttete der Wind eine Welle Gischt über Bord. Fränze empfand diesmal keine Angst. Das Schaukeln des Fahrzeugs, der Wind, der am Segel riß und zerrte, die Frische des Wassers, das Blenden der Sonne — das rief heute eher ihren Jubel hervor.
Als sie aber die vielen neugierigen Gesichter sah, diö sich über Deck des Dampfers beugten, um sie zu mustern,, während sie angeVootet wurden, durchzuckte sie ein leichte» Schreck. Wenn sie nun auf dem Schiffe Bekannte trafen?
Zupitza dachte nicht an diese Gefahr. An Deck des Dampfers angelangt, wanderte er fröhliche und sorglos neben ihr auf und nieder. Die Mitreisenden, meist Angehörige eines großen Turnerbundes, die zu einem Gaufest nach Nidden fuhren — existierten überhaupt nicht für ihn. Er hatte seinen Arm in den von Fränze gelegt, erzählte ihr und brachte sie allmählich wieder zu so herzlichem Lachen! daß man sie öfters erstaunt musterte. Schließliche führ« er sie in die Deckkajüte, wo W allein waren, weil bi( Turner sich unter der Kommandobrücke versammelten, uti


