Mittwoch de» 17. Ieöruar.
HW
l"WrSö MII
$
W
•liiiiii
(Nachdruck verboten.)
Wila Jalconieri.
Von RtchardVoß. Zweiter Band.
(Fortsetzung.)
Ich bin krank, gemütsleidend, halb von Sinnen! Tenn nur, wenn ich! halb von Sinnen bin, ist zu erklären, was ich diese Nacht getan habe.
Tie Hitze war erdrückend, der Mond schien hell und ich fand nirgends Ruhe.
Bei ihr brannte wieder kein Licht!
Ich- hielt es im Zimmer nicht aus, und verließ das Haus.
Maria wachte und hatte noch Licht.
Mein Weg führte dicht an ihrem Zimmer vorüber. Tie Fenster standen offen, so daß ufy beim Vorüberschleichen Wohl oder übel hineinschauen mußte. Angekleidet saß sie auf dem Rande des Bettes und blickte vor sich hin. Sie konnte mich nicht sehen; denn sie hielt ihren Kopf tief gesenkt. Auch merkte ich, daß ihre Arme schlaff her-- hingen.
Ich war froh, daß sie mich nicht erblickte und mein Schleichen nicht hörte. Wenn sie gerade ihren Kopf er- ?wben hätte mit dem blassen stillen, so schönen und so rüh verwelkten Gesicht!
Ich hatte es nicht beabsichtigt zu tun, hatte es getan, ohne überhaupt nur zu denken. Den Schlüssel zu der kleinen Pforte hatte ich zu mir gesteckt: mechanisch, willenlos, wie unter einem gewaltsamen Zwange.
Ich ging durchs Löwentor in den Hof der Tenuta und in den Park hinein. Ich wollte zum Cypressenteich
Ich ging den nämlichen Weg, den Maria in jener Mondscheinnachl gegangen war, als sie sich in den Teich stürzen ivollte.
Sange Zeit hatte ich daran nicht mehr gedacht. Ich hatte es fast vergessen. . . Daß es mir gerade in dieser Nacht wieder einsallen mußte!
Und wie sie damals den nämlichen Weg geschritten war! Ohne aufzublicken, mit solcher Ruhe, solcher Zuversicht, einem heißersehnten, endlich erreichten schönen Ziel entgegen. Und von diesem Ziel hatte ich sie zurückgehalten.
Kein Wort hatte sie gesagt; sie hatte geweint. Auch jetzt würde sie schweigen.
Aber jetzt würde sie nicht mehr weinen. . .
Jetzt wollte ich mich selbst mit Gewalt zurückhalten. Ich wollte zurückeilen ins Haus, wo Maria so regungslos saß. Ich wollte ihr alles sagen, sie um Schutz bitten, um Mitleid.
Plötzlich stand ich unten an der. kleinen Pforte und — ich schloß auf!
Wie ein Dieb schlich ich hin: näher und näher, durch die Oliveta in den Garten, durch die Sarkophagallee zur Villa und zu der Stelle, wo sonst Nacht um Nacht ihr Licht gebrannt hatte. Hohe Hortensien deckten mich Ich sah im Mondschein die runden, weichen, blassen Blüten. Und darüber sah ich das Fenster weit offen stehen. Wenn sie nicht allein gewesen wäre — wenn ich das Flüstern der Liebenden gehört hätte, ihre Seufzer, ihre Küsse!
Aber sie war allein.
Sie trat ans Fenster. Sie stand regungslos da wie eine mondhelle Nebelgestalt.
Gewiß erwartete sie den Jüngling.
Was sollte ich tun, lvenn sie mich sehen würde?
Ich konnte ja nur sagen, daß ich toll wäre.
Aber die hohen Hortensienbüsche machten mich für sie unsichtbar.
Plötzlich schien mir's, als wäre sie doch nicht allein; denn sie sprach, flüsterte. Ich stand so nahe, daß ich jedes Wort verstehen konnte. Mit angehaltenem Atem lauschte ich. Aber zuerst begriff ich nicht, was sie sprach Mit ihrer leisen, süßen Kinderstimme erzählte sie Märchen. Und sie erzählte sie sich ganz allein, wie ein Kind, das im Dunkeln sich fürchtet.
Ich! weiß nicht, wie lange ich dastand. . . Sie ging dann vom Fenster fort, und endlich entfernte auch ich mich
Ich schloß die Pforte vorsichtig zu, als ob damit alles hinter mir bleiben würde, und schlich mich durch die Oliveta zur Villa hinauf. Bei jedem Schritte sagte ich ganz laut: „Toll!" Mir kam es nur seltsam vor, daß ich es wußte und so ruhig aussprechen konnte.
Marias Fenster war geschlossen. Trotzdem ging ich daran vorüber, als wäre es immer noch offen, als stünde Maria dort und müßte mich sehen, weil hier keine Hortensienbüsche mich deckten.
In mein Zimmer zurückgekehrt, warf ich mich aufs Bett und schaute zum Bild der Frühlingsgöttin empor.
Der Morgen graute, das holde Antlitz der Himmlischen sah in dem fahlen Tageslicht so blaß und hoffnungslos aus wie Marias Gesicht.
*
Der Marchese ist abgereist!
Die Prinzessin fragte an, weshalb ich mich gar nicht mehr blicken ließe?
Ich antwortete einige banale Worte und — werde nicht hinuntergehen.
Ihr Billet hauchte ein Parfüm aus wie eine exotische Wunderblume. Ich konnte den Duft im Zimmer nicht ertragen.
Maria ist unendlich milde, geduldig und gütig.
Ich habe Visionen!
*
Fort und fort sehe ich einen schimmernden Nebelstreif; fort und fort höre ich eine leise, süße Stimme Märchieu erzählen.


