747

was er weiß, zu einer Zeit Mm Vorschein kommen, wo die anderen es am wenigsten erwarten."

Eine halbe Stunde später, als der Detektiv die Biblio­thek verließ und durch die südliche Halle die Treppe hinunterging, drangen Töne an sein Ohr, die aus dem Zimmer von Frau La Grange zu kommen schienen. Un­mittelbar diesem Zimmer gegenüber befand sich eine tiefe, durch einen Vorhang verdeckte Fensternische. In diese huschte er hinein. Zunächst vernahm er nur durch die nicht fest geschlossene Tür eine sanfte Stimme. In der einen ers­taunte er die Stimme von Frau La Grange, in der anderen die Hobsons. Dieser schien auf und ab zu gehen, denn der Klang seiner Stimme änderte sich fortwährend. Frau La Grange war offenbar sehr aufgeregt, denn sie sprack) immer lauter und lauter und endlich ganz ver­ständlich,

Sie sind durchaus nicht unverwundbar", hörte Merrick sie plötzlich in vollem Zorn sagen.Sie können nicht leugnen, daß Sie ein Mitschuldiger in der Sache waren!" (Fortsetzung folgt.)

Aie deutsche Spinnstuöe.

Wir verlieren ein Stück um das andere von unserer deutschen Vergangenheit und Eigenart, und das, was wir einst als schöne Sitte und Gewohnheit unser eigen nannten, das staunen wir heute als romantisches Ueberbleibsel in Museen und Samm­lungen an, lassen uns über das und jenes berichten und meinen es im Zeitalter der Maschinen, die nachgerade mit jedem Hand- Werksgebrauch , und jeder häuslichen Gepflogenheit aufränmen, wunder wie weit gebracht zn haben. Es ist ja bezeichnend für uns, dast bas, was einst der deutscher: Hausfrau Stolz und Wahr­zeichen war Spindel und Spinnrad, heutzutage als toter Zierat runderaltdeutschen" Stube der modernen Hausfrau steht, und da» Ege wieSpinnen" und garSpinnstnben" Kuriositäten geworden srnd, von denen man höchstens noch der Merkwürdig- kert halber redet.

Tas war einmal anders in deutschen Landen. Spinnen und ! Weben waren ein Hauptgeschäft unserer Hausfrauen, Spindel und Kuntel galten als Sinnbilder der Fran und ihres Fleißes, wie Speer und Schwert als dasjenige des Mannes und seines Mutes, sogar göttliche Symbole waren sie bei den Griechen, die Römer bildeten ^.anaguil mit Spindel und Flocken, und mit einem ge- Ichmnckten Spinnrocken wurde die Brant znm Bräutigam geführt. Den Franzosen galt als die goldene alte Zeit diejenige, als Berta spann, und tote unser deutsches Volk vorn Spinnen dachte, davon zeugen erne Menge von Sitten, Gebräuchen und Anschauungen die heute, wenn nicht ganz verschwunden so doch nur in küiurncr- lichen Ueberresten in irgend einem verstecktenLandloinkel vor- handen sind. Noch sieht man ja da und dort neben der Wiege auch Kunkel und Rad auf dem bäuerlichen Hochzeitswagen, als Symbole des Fleißes und der traulichsten und echtesten Familien- hastigkeit, die man sogar der Frau im Sarge noch in die Arme Ste. Es liegt ent tiefer und heiliger Sinn in dem schönen Boltsglauben, daß die Hausgöttin jeder Familie, die eine strenge Ricyterin über Tugend und Leichtsinn war, vor allen! auch eine Hüterin des Flachsbaus und damit auch des Spinnens war War's nun Fran Holle oder Perchta oder Werre, die Bolks- Wntqne dachte sie selbst als spinnende Frau, die durch ihr Ewschenien den Beginn und das Ende der Spinnzeit bezeichnet, den Winter über die Spinnstnben besucht, fleißige Spinnerinnen belohnt, faule dagegen bestraft.

Die Spüinstube von einst, in der sich königliche und fürstliche Frauen mit Vorliebe aufhielten, weil Spinnen ein Ehrengeschäft ber deutschen Hausfrau und der Sitz am Spinnrad ein Ehrenplatz für, die deutsche Jungfrau war, ist verschwunden. In Kisten und Kasten sammelten sich hier die Schätze an, deren Besitz der Stolz der jungen Hausfrau war, und lange Zeit galt es als Schande, wenn du Tochter dem Vater nicht wenigstens ein Hemd gesponnen Hatte Dte spinnstube der späteren Zeit zeigt zweierlei Gestalt

Ne des Winters Sammelpunkt der Familie, so beschränkt sie stch auf Manu, Frau, Kinder und Mägde, ist sie der gesellige Mittelpunkt des ganzen Torfes, so findet man in ihr jung und alt, alles, was zur Gemeinde gehörte, und daß es dort nicht tmmer ruhig und allzu sittsam herging, dessen sind die mancherlei Verordnungen gegen das Treiben in den Rockenstuben Beweis, dte bis in das fünfzehnte Jahrhundert zurückgehen. Denn mit solchen und noch manchen anderen Namen bezeichnete man die spinnstnben. .. Nannte sie Hans Sachs Spinngaden, so findet Qn anberwärtg als Kunkelstube oder Karz, als Heimgarten oder Lichtstuben; man sprach vom Lichtgang nnd Rockenfahrt, und mitunter hieß es einfachins Dorf" gehen.

Sobald die Feldarbeit zu Ende war, zurzeit, da die Herbst­zeitlose, da und dort auchdie Spinnerin" geheißen, auf dem stand, begann .dte spinnstube. In manchen Gegenden teilte sich bie Gemeinde m Kreise von je vier Familien, in denen abwechs- lungswetse rede Woche gesponnen wurde. Gewöhnlich waren aber die Gesellschaften größer, ja es kamen auch noch ans anderen Dörfern Burschep und Mädchen dazu, und zumeist wühlte man

Hauser, wo manBene und Schwung" hatte, d. h. wo man sich der denkbar größten Ungebundenheit erfreuen konnte. Ten Mittel­punkt diel er Spinnstnben bildete derLichtstock", der Unter stock einer Kunkel, um den die spinnenden Frauen und Mädchen saßen während die Männer und Burschen sich auf der Bank an der Wand lagerten, letztere freilich zumeist so, daß sie möglichst nahe ihrem schätz lagen. In Schwaben aber z. B. durften in die Spinn- stube nur Soldaten und solche Burschen, die entweder bereits ein Handwerk gelernt hatten, oder als Knechte imstande waren, allein einen Garbenwagen oder Heuwagen hoch und gleichmäßig zu beladen, oder einen Acker nach seiner Beschaffenheit gut zu sthren. Ihnen war auch das Rauchen gestattet, während einem Burschen, der noch zu jung war oder noch nichts gelernt hatte, mit, amt seiner Pfeife übel mitgespielt wurde. Die Späße und scherze zwischen den jungen Leuten in der Spinnflnbe waren na­türlich nicht immer die feinsten, und gelegentliche Ausschreit­ungen, die namentlich auch der Geisüichkeit mannigfach Gelegen­heit zu Strafpredigten gaben, konnten nicht einmal durch die An­wesenheit der Alten verhindert werden. Der nächtliche Heimweg vollends, wenn der Barsche dem Mädchen den Spinnrocken trug, fand sein Ende nicht immer vor der Tür des Hauses;Fensterln" und Spinnstube gehörten zusammen wie ja und nein. Bon den Spinnerinnen hielt die tüchtigste den Vorsitz und damit zugleich die Aufgabe, den anderen ihre Aufgabe zuzuteilen. Manchmal kam ^es auch zum Wettspinnen, und es war keine geringe Ehre, die Siegerin zu bleiben, denn diese hatte die größte Aussicht, demnächst eine Hausfrau zu werden. Was in den Spinnstuben ge­sprochen wurde, das war gar mancherlei. Erlebte und erfundene Abenteuer, Heldentaten der Eltern und Ureltern, Sagen und Märchen und nicht zuletzt die gruieligften Gespenstergeschichten, an. die sich manche Tollheiten, wie nächtlicher Kirchhofgang u. a. knüpften, bildeten den Unterhaltungsstoff. Gab man sich dann und wann auch Rätsel und Sprichwörter auf, und verübte gegen­seitig manche Neckereien, die zum Teil auf uralten heidnischen Ueberlieferungen beruhten, so darf man die Spinnstuben wohl auch als die Geburtsstätte manches schönen Volksliedes und als die Pflegerin des Volksgesangs betrachten, ebenso wie die Volkssage hier ihr letztes Asyl suchte nnd fand. Ter Pfänderspiele, bei denen natürlich der Kuß eine bedeutende Rolle spielte, und der manchmal noch ein Tänzchen folgte, mag es in den Spinn- flnben bis lange, nach Mitternacht oft recht toll hergegaugen sein, so daßdie Sittlichekit ans dem Lande" dadurch kaum wesent­lich gefordert sein mag. Znmalen auch Essen und Trinken keine ganz unwichtige Rolle beim~Karz" spielten.

Hauptfestabend in den Spinnstuben war Fastnacht, zn der große Vorbereitungen getroffen wurden. Drei Tage oder vielmehr drei Nächte lang feierte man in den großen Spinnstuben dieses Fest, und daß dabei dem Trnnke, den die Burschen zu stellen hatten,.. fleißig zugesprochen wurde, wird niemand überraschen. Im Frühjahr, wenn die Feldarbeiten wieder beginnen, wird auch die Spinnstube mit einem nochmaligen Fest geschlossen. Das Lichtanslöschen oder das Lichtvergraben nannte man dieses Fest, an dem es am allerübermütigsten zuging; es wurdeDurchsitz" gehalten, d. h. man festeste die ganze Nacht Hindurch, und jedes­mal mußte natürlich auch gekückell und getrunken werden.

Wenn es trotzdem auch Zlbend und Zeiten gab, in denen nach dem Volksglauben nicht gesponnen werden durste, so hing das mit mancherlei Anschauungen zusammen. Heilige Abende nannte matt solche Abende oder Sperrnächte, und zn ihnen gehörte vor allem jeder Samstag und jeder Abend vor einem Feiertag. Auch vor Weihnachten durfte abends nicht gesponnen werden, und ebensowenig durfte dies in einzelnen Gegenden in den Zwölften geschehen ober Flachs an dem Rocken gelassen werden, da sonst Wode hindurch jagte. In manchen Orten freilich war man wiederum des Glaubens, daß das in den Zwölften gesponnene Garn namentlich bei Arm- und Beinbruch heilsam fei. Man um­windet das Glied fünf- bis sechsmal damit, so wird es bald heil; man muß ein Stück Garn verkehrt spinnen und haspeln und ein Kind, das unruhig ist, dreimal hindurch stecken, so wird es ruhig; ober man muß es auch ebenso oft durch die Sprossen einer Leiter oder durch das Brautkleid der Mutter ziehen.

Auch der Neujahrsabend, der Vorabend des Dreikönigstages, der der Perchta heilig ist, und natürlich der Karfreitag sind für Has Spinnen verbotene Tage. Wie Hansgöttinnen und Hausgeister, namentlich Fran Holle, sich des Spinnens annehmen, davon war schon kurz die Rede. Um Weihnachten zieht sie ins Land ein, da müssen alle Spinnrocken reichlich angelegt und für sie stehen gelassen werden, Fastnachts aber, wenn sie heimkehrt, muß alles abgefponnen sein nnd die Rocken vor ihr versteckt werden. Derlei Tinge von ihr kennen wir ja aus allerhand Märchen und Sagen, ebenso tote die von den drei Spinnerinnen, deren Urbild sich schon im Altertum findet. Allerdings kommen auch manchmal Hexen in die Spinnflnbe oder spinnen zusantmen; die Hexe ist Feldspinnerin, Feldfrau, weil sie über Feld und Wiesen fährt und Zauberfäden spinnt, und deswegen wird auch die Begegnung eines spinnenden Weibes für ein Unglücks zeichen gehalten. Die Spinnerin, die Sagen von der Spinnerin auf der Brücke, den drei Jungfrauen mit ihren Spinnrocken auf dem Wege, der stolzen Spinnerin ans dem Kreuzwege, beziehen sich alle auf den Aber­glauben, nach dem das Begegnen fpinnendcr Frauen unheil­bringend ist.