Ausgabe 
16.11.1904
 
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Es war 4 Uhr morgens, ein dichter Schneefall deckte die ganze Unglücksstelle mit einem weißen Leichentuche zu, als ich von einer Patrouille aufgefundcu und abgelöst wurde. Jetzt erfuhr ich erst, ivie cutscklich das Unglück gewirtschaftet: 36 Mann Wache waren vernichtet, viele Menschen lagen unter den Trüm­mern ihrer Häuser begraben. Ich allein war von den Wachkame­raden übrig geblieben, da ich mich auf der von der Unglücksstätte abgewendetcn Seite von St. Bonifazius befand und dessen Riesen- mauern mich vor dem Tode bewahrt hatten. Doch kaum war ich in meine Kaserne zurückgekehrt, so erschien der Hauptmann mit einer Patrouille und ließ mich in den Garnisonsarrest abführen.

Ich hatte 17 Verhöre zu bestehen. Was hatte ich verbrochen? Ich beteuerte meine Unschuld, allein es half nichts, nur ich konnte das Verbrechen begangen haben, nur ich, da ich mit der Beaufsich- tigung der Werke betraut war. Ta meldete sich eine Zeugin, die angab, den Täter gesehen zu haben, wie er mit einer brennenden Zigarre in die Bastion si ch'begab, worauf die Explosion erfolgt sei. Ich wurde mit dieser Frau konfrontiert und diese befragt, ob sie in mir diesen Mann erkenne. Ihre Antwort lautete: Nein, der war es nicht." Tiefen wenigen Worten verdanke ich Leben und Freiheit wieder. Nun erst wurde auch meiner Rettuugs- arbeit gedacht, dieselben geprüft und konstatiert, daß die Bastion St. Bonifazius in 12 und St. Nikolaus in 8 Minuten bei nicht eingetretencr Rettung in die Luft gegangen und Mainz in einen Trümmerhaufen verwandelt worden wäre. Jetzt folgte reich­licher Ruhm für meine Pflichterfüllung. Ter Großherzog empfing mich dreimal in Audienz, verlieh mir las Kreuz Philipps des Groß­mütigen und der Prinzregeut Wilhelm von Preußen die silberne Medaille. Tie lieben Mainzer herzten mich wie ihren besten Sohn, daß Gott mich so wunderbar erkalten, mir Kraft und Besonnenheit gab, um das Leben meiner Getreuen zu schützen."

Aus dem Jahre 1812.

Aus Gumbinnens Vergangenheit" sind, Aufzeichnungen über­schrieben, die von Professor Tr. I. Schneider im Jahresbericht der Realschule in Gumbinnen in Ostpreußen veröffentlicht wer­den. Sie rühren aus dem Nachlaß des Generalleutnants Robert v. Eberstein her, der, im Jahre 1801 geboren, einen Teil seiner Knabenzeit in Gumbinnen zubrachte und dort auch die Kriegs- jahre 1812 bis 1815 verlebte. Er erzählt, wie er im Jahre 1812 starke Abteilungen des französischen Heeres auf dem Marsch nach Rußland durch Gumbinnen ziehen sah. Napoleon selbst weilte vom 18. bis zum 20. Juni in der Stadt und Hute im Hause des Geheimrats von Schön: unter den vor dem Hause stehenden Linden ging der Kaiser, immer die Hände auf dem Rücken, zuweilen auf und ab. Einer der zu seiner Ticnerschaft gehörenden Mamelucken erschoß sich in einem nahen Kornfelde, voll der trüben Ahnung, daß ihm auf dem russischen,Feldzug doch kein Glück blühen werde: der kleine Eber' 'n sah, wie Napoleon selber hinging, um die Leiche zu besichtig ... Unter den durchmarschierenden Truppen fielen dem jungen Beobachter die Franzosen durch ihr munteres Singen, die Portugiesen durch ihre Unreinlichkeit, die Bayern und Württemberger durch ihre Brutalität auf: daß diese Süddeutschen sehr schlimme Quartier­gäste waren, ist bekanntlich auch sonst vielfach in unanfechtbarer Weise bezeugt. Ten Truppen folgten Wagenkolonnen. Viele von den Fuhren hatten von den Landesbewohnern gestellt werden müssen, und diese verloren in der Regel Wagen und Pferde, da die Franzosen die Kutscher und Knechte erst mehrere Meilen weit mitfnhren ließen und ihnen dann die Pferde einfach Weg­nahmen, als Ersatz für Soldatenpferde, von denen viele schon zu Anfang des Feldzuges gefallen waren. Ganze Scharen dieser beraubten Fuhrleute kamen nachher hungernd und bettelndzu Fuß aus Rußland zurück. Am 9. November langten die ersten Nachrichten vom Rückzüge aus Moskau an, und in der zweiten Hälfte des Monats begannen die Turchzüge der Trümmer der großen Armee. Fast alle Ankömmlinge waren krank und elend und in Lumpen gekleidet. Manche von ihnen waren mit Geld versehen und mieteten sich, wenn sie die Stadt überfüllt fanden, einen der Schlitten, mit denen Landsleute zur Stadt gekommen waren. Tie Landleute, die während des Hinmarsches nach Ruß­land vielfach gequält und ausgesogeu .oorden waren, nahmen nun ihre Rache; sie forderten für die Tour bis Insterburg sehr hohes Fahrgeld, ließen sich dies im voraus bezahlen, fuhren den Fahrgast eine Biertelmeile weit vor das Tor, warfen ihn dort in den Chausseegraben und eilten nach Hause. Im Dezem­ber wurde der Zug der zerlumpten und waffenlosen Turch- zügler durch eine noch in militärischer Ordnung marschierende Truppe unterbrochen: es lvaren die Reste der alten Garde mit dem König Murat und mehreren Marschällen. Ein Zug Schlitten wurde für sie aus den umliegenden Torfschaften aufgeboten, und die Franzosen wollten eben einsteigen. Ta rief ein pfiffiger Bauer:Tie Kosaken kommen!" Sofort verschwanden die Fran­zosen in den Häusern, und die Bauern fuhren mit ihren Schlitten davon. Tie Weihnachtszeit verbrachte Eberstein bei Verwandten in Lesgewangminnen im Kreise Rügnit; dort erlebte er eine er­schütternde Szene. Ein Schlitten hielt vor dem Hause, eine hohe, sonderbar gekleidete Gestalt entstieg ihm und bat aus französisch

um Einlaß. Man ließ den Fremden ins Wohnzimmer treten; er wars einen Blick in den Spiegel und fiel ohnmächtig nieder. Es war, wie man erfuhr, als man ihn wieder zu sich gebracht hatte, ein französischer General, der von der Beresina herkam. Er hatte nichts, als einige Goldstücke gerettet, sein Treuer war erfroren, einen Spiegel hatte er seit vielen Wochen nicht gesehen, und der Anblick seiner hohlen Augen, seiner von Elend zeugenden und zugleich verwilderten Gesichtszüge, seiner weiberhaften Ver­mummung beraubte ihn des Bewußtseins. Gegen Nerijahr kamen Kosaken nach Gumbinnen, dann zogen auch von den preußischen Truppen, die sich am Feldzug hatten beteiligen müssen, die littaui- lchen Dragoner wieder ein, die nicht viel gelitten hatten und wohlgenährt aussahen, ebenso die Totenkopf-Husaren. Preußen kämpfte nun an der Seite Rußlands gegen Frankreich. Eine Landwehr wurde gebildet. Wer schießen konnte, wurde Schützeu- kompagnien zugeteilt, die anderen waren Pikenmänner; da standen mit der Pike in der Hand Geheimräte und Rektoren neben Bedienten und erwachsenen Schülern. Gleichzeitig mit starker russischer Einquartierung weilte eine Theatergesellschaft in der Stadt. Als eines Abends derKalif von Bagdad" ge­geben wurde, hielt ein russischer Offizier, der sich 'mit Kame­raden hinter die Kulissen geschlichen, die Primadonna mit Liebes­anträgen fest, während sie auf die Bühne gerufen wurde; andere russische Offiziere, die sichtlich angetrunken waren, störten im Zuschauerraum. Tie Offiziere wurden von den entrüsteten Zu- jchauern mit Gewalt aus dem Theater entfernt und klagten dann bei ihrem General, während die Bürger bei der Polizei und beim Geheimrat Schön klagten. Es folgte eine unruhige Nacht; mit Morgen stellten sich auf dem Markt zwei russische Bataillone gegenüber der. Landwehr und, dem Landsturm auf, doch ver­söhnte man sich noch rechtzeitig. Immerhin war man froh, als man die russische Einquartierung wieder los wurde.

Lsterarisehes.

Literarische Festgabe zum 400. Geburts­tag Philipps des Großmütigen. Die Schwur- geuossen. Historische Erzählung aus der Zeit Philipps des Großmütigen von Hans Otto Becker. VIII, 144 Seilen. Preis br. 1.50 Alk., in Leinenband 2 Mk. Verlag von Emil Roth in Gießen. Tie Erzählung führt uns in die große Zeit der deuischen Reformation und Renaissance und bietet" uns ein an­schauliches, fesselndes Geschichts- und Kulturbild, da die Landgrai- schatt Hessen in den politischen und religiösen Kämpfen als euro­päischer Alachtiaktor ihre geschichtliche Mission erfüllte. Wir folgen an der Hand der Erzählung, in deren Hintergrund stets die Person des Landgrafen Philipp steht, den geschichtlichen Ereignissen, dem mächtigen Aufschivung der Macht des Landgrafen und dem tragischen Sturz, und erhalten am Schluß den "Ausblick auf die bessere Zukunkt. Da die Arbeit, insbesondere die Schilderung des zeikgescbichtlichen und kulturhistorischen Milieus auf genauesten Studieii und eingehender Fachkenntnis beruht, kommt ihr, abge­sehen von ihrer belletristischen Bedeutung, auch eine gewisse "er­zieherische zu. Inhalt: I. Sickmgen vor Darmstadt. II. Der Reichstag zu Worms. III. Sickingens Ende. IV. Ter Bauernkrieg. V. Herzog Ulrich von Württemberg. VI. Ter Schmalkaldische Krieg. Seine Königliche Hoheit Großherzog Ernst Ludwig geruhten die Widmung allerhuldvollst anzunehmen.

Kumori-nsches.

* Zerstreut.Herr Professor, ein armer Mann ist da, dem ein Bein fehlt!"Na I ch Habs doch nicht!"

* Kleines Mißverständnis. Gutsbesitzer (der Hunde­züchter ist):. . . Glauben Sie nicht, gnädige Frau, daß Sie sich entschließen sollten, zu Ihrem persönlichen Schutze ein treues, intelligentes Tier zu sich zu nehmen?!" Witwe:Herr Baron, Ihr Antrag ehrt mich sehr aber er kommt mir so un­erwartet!"

Versteck-Rätsel.

Nachdruck verboten.

Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbean" inWanderer".

Mitternacht Fremdherrschaft Demetrius Kalbsbraten Zigarrenkiste Wohlan Feilenhauer Pflüger Rügen.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung deS Ergänzungsrätsels in vor. Nr.:

Epheu und ein zärtlich Gemüt

Heitet sich an und grünt und blüht.

Kann es weder Stamm noch Mauer finden, Es muß verdorren, es muß verschwinden.

Goethe.

Redaktion: 21 u a u ft Goetz. Rotationsdruck und Verlaa der Brüh l'schen Untversttäts-Buch- und Steindruüerei. R. Lange. Gießen.