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Zeit zu neuem Leben im Lichte der Gegenwart, es ist ein deutschnationales Wert von tiefgehender Bedeutung.

Das sind dieN i b e l u n g e" Wilhelm Jordans.

Tie Familie des in diesem Sommer dahingegaugenen letzten großen deutschen Dichters legt dem deutschen Volke sein Hauptwerk, ebendie Nibelunge" in einer neuen schönen, zweibändigen Ausgabe zum Preise von 10 Mk. auf den Weihnachtstisch.

In dem Borgesange schildert der Dichter, wie er des uralten epischen Stoffes sich bemächtigte. Er grub mit der Schaufel des Epikers die dichterischen Rieseugebeine aus der Antidiluvialzeit Islands, der ultima Thule, hervor, die, gewissermaßen selbst ein Brunhild, ein Dornröschen, in vieltausendjährigem Schlafe in den ewigen Eisbergen des Nordens gelegen hatten. Dabei stieß er auf manchen herr­lichen Schatz, den noch kein menschliches Auge erblickt, kein menschlicher Geist erdacht hatte und den der Dichter auf seiner Fahrt durch das gewaltige poetische Polarberg­werk hob.

Kaum reck' ich den Arm und berühre die Reste Des verstümmelten Baus mit dem Buchenstäbchen, So steigen alle Steine an die rechten stellen.

So regen sich die Säulen und richten sich grade, Und schwungvoll schwibbt sich in schwindelnder Höhe, Wie sie weiland gewesen, die Wölbung der Kuppel. Mit diesen Versen charakterisierte Jordan selbst sein Schaffen^ auf der Trümmer- und Scherbenstätte der iudo- germanischen Sage. Aus der nur spärlich fließenden Sagen- quelle schöpfte er die wenigen Tropfen mit dem gleichen Eifer, wie aus der vollströmenden die Fülle. Er ward gewahr, daß ihm die Macht verliehen war, was einst gra­niten der Väter vollere Rede formte, vomreicheren Mar­mor der lebenden Sprache" zu modeln und diewunder- gewaltige uralte Weise der deutschen Dichtkunst", der Stab­reimkunst, neu zu verjüngen, in der Hoffnung auf das end­liche Wiedererscheinen der Sonne ruhmvollen Sieges, des epischen Verses der alten Germanen und seines eigenen kühnen Beginnens, nach uralter Skaldenartals fahrender Sänger Lauscher zu werben in deutschen Landen."

Der Borgcsang, den Jordan im Jahre 1862 zum ersten Male zum Vortrag brachte, also zu einer Zeit, als die deutsche Volksseele in arge Fesseln gebannt war, klingt aus in der stolz auf die Stärke desersten der Völker" vertrauenden Verheißung der Neugestaltung der deutschen Einheit, der Erweckung des Weltüberwinders.

Wie wunderbar hat sich diese Weissagung Jordans acht Jahre später erfüllt!

Man kennt die Symbolik der alten Nibelungensage. Sie berichtet von einem schönen jungen Helden. Er (der versinnbildlichte Frühling) tötet den Bewahrer eines rie­sigen Kleinvdienschatzes, einen giftigen Drachen (den Winter), und nimmt dessen wunderwirkende Besitztümer, das Schwert Balmung (den Wind), die unsichtbar machende Tarnkappe (der Nebel) ttitb den Ring Antwaranaut (der Sonnenstrahl), der die Herrschaft über die Nibelungen, unterirdische Zwerge (das Wachstum der Pflanzen) verleiht, in seinen Besitz. Mit diesen drei Schützen, die von unvergleichlich höherem Werte sind als das gleißende Gold der gierigen Zwerge aus dem Reiche der Niedrigkeit, der Nibelungen, zieht er tatendurstig auf Abenteuer aus, und mit Feuerküssen erlöst er die schlafende Jungfrau Brunhild: die Natur erwacht aus starrem Winterschlaf zu neuem, schönem Leben. Doch dieses neue, schöne Leben ist nur von kurzer Dauer, es findet in der herrlichsten Blütenzeit ein jähes Ende, und tiefe Trauer, schmerzreiches Sehnen, und wiederum des Winters Frost folgen ihm nach. So ahnten schon unsere Urväter die Gottheit in der Natur und träumten von einem allmächtigen göttlichen Wirken im All.

Bei Jordan ist Siegfried das gütige Licht der Er­kenntnis, das sich müht, den Erdenhimmel zu klären von falscher Vermutung und den Landen das Glück des Fort­schritts der Naturerkenntnis zu geben. Siegfried wirbt um Krimhild, die Nibelungentochter. Tie wahre Weisheit der Welt vermählt sich mit der irdischen Fehlbarkeit. Tie Ehe rst ungleich und ihre Dauer ist kurz. Das göttliche Heil der Erkenntnis kam auf die Erde herab, um von sich einen Tropfen der Menschlichkeit ins Herz zu senken, doch es selbst entwich gar bald der Erde: den Menschen bleibt die Anerkenntnis verschlossen.

Wohl gönnen's die Götter Tes lauteren Lichtes Allmählich zu mehren

Tas menschliche Maß.

Toch die Nachwelt beneidet Tas Wachstum gen Walhall, Und Teil hat die Tiefe Am sterblichen Stoss.

Das ist, in aller Kürze geiagt, der tiefe Sinn des Jord arischen Epos.

Wählen wir uns zur Charakterisierung der Dichtung als Kunstwerk nur ein paar Szenen aus. Zunächst die Brautwerbung Siegfrieds um Krimhild. Das ist ein alt­germanisches Kabinettsbild von unvergleichlichem Liebreiz der Behandlung. Und das Inkarnat des Bildes von den beiden badenden Königinnen erinnert an Tizians Pinsel. Bei aller sorgfältigen Ausführung der Fraueureize zeigt die Badeszene doch eine Größe und eine Keuschheit der Pinselführung, die in ihrer unerreichten Plastik nur noch Homer besaß. Und welche erhabene menschliche Milde strömt aus dem Herzen des schwächlichen Bübchens der Brunhild! Ihr aber, der Göttertochter, die mit Siegfried herab zu den Menschen stieg und, von ihm betrogen, den Tod seines menschlichen Leibes herbeiführt, naht der Riesin Reue. Am Sarge Siegfrieds versöhnt sich Brunhild, den Tod im Herzen, in selbstloser Aufopferung der Menschenseele mit der, die ihr die Liebe geraubt hat, mit Krimhild, durch den Mahnruf der Uebermenschheit:Seien wir mehr als nur Menschen!"

Wie der Mainzer Pnlvcrturm in die Luft flog.

Eine Erinnerung an die Explosion des Pulverturms in Mainz, durch die vor 47 Jahren, am 18. November 1857 ein Teil der Stadt zerstört wurde, wird durch den in Wien erfolgten Tod des pensionierten Dieners an der Akademie der bildenden Künste Michael Twardowsky wachgernfen. Wie das WienerExtra­blatt" mitteilt, wurde in den hinterlassenen Papieren dieses Mannes folgende Schilderung des verhängnisvollen Ereignisses gefunden:

Es war im Jahre 1857, als ich mit meinem Artillerie-Regi­ment in der alten Bundesfestung Mainz in Garnison lag. Ich war damals Korporal und führte die dienstliche Aufsicht über die Bastionen, die außerhalb der Stadt lagen; es waren dies die drei Pulvermagazine St. Martin, Bonifacius und Nicolaus, für deren Ordnung, Reinhaltung und Lüftung ich Sorge zu tragen hatte, weshalb mir auch ein paar Schlüssel zu den Bastionen von dem manipulierenden Hauptmann anvertraut waren.

Ter 18. November des erwähnten Jahres war ein trüber, feuchtkalter Herbsttag. Es war 4 Uhr nachmittags und ich mit dem Schließen der eisernen Fensterläden auf der Außenseite der St. Bonifacius-Bastion beschäftigt, als plötzlich ein unterirdisches Getöse den Boden weit umher erzittern und schwanken machte; die klafterdicken Steinmauern des Magazins erbebten, die geschlossenen Fenstertüren sprangen auf, die offenen schlugen zu, die Erde geriet in förmliche Wallungen, sodaß ich mich nicht auf den Füßen zu halten vermochte. Ter Donner in der Tiefe wurde immer be­täubender, plötzlich folgte ein Krach, als wäre die Erde mitten entzw.i geborsten, eine riesengroße, grelle Feuergarbe schlägt zum Himmel empor und scheint sein Gewölbe erschüttern zu wollen, dann alles in rabenschwarze Nacht gehüllt.

Tics waren meine letzten Empfindungen, dann verlor ich das Bewußtsein. Als ich wieder ans der Betäubung erwachte, lag ich unter Balken und Sparren verschüttet. Ich fühlte, daß ich aus dem Kopfe und im Gesicht blutete. Mein erster Ge­danke war:Was ist geschehen? Plötzlich durchzuckte mich eine dunkle Ahnung. Mit allen Kräften suchte ich mich aus dem Schutt und den Trümmern zu befreien, was mir nur mit vieler Mühe gelang. Ich raffte mich auf, lies um die Ecke zur Eingangstür des Magazins und fand diese trotz ihrer massiven Eisenkonstruk- tion eingedrückt, vor dem Eingang lag ein Haufen Balken, von dem zertrümmerten Dache herrührend, aus denen Feuer fast mannshoch emporschlug. Ich riß sie schnell auseinander, sucht, die Tür freizumachen, lief zum Bassin, das im Innern des Maga­zins war, ergriff die Löschkörbe und trug Wasser herbei, nm die brennenden Balken zu löschen, was mir auch gelang. St. Boni-. facius war gerettet.

Nun schnell zur nächsten Bastion St. Nicolaus. Auch hier fand ich die Eisentüre eingedrückt, und im Vorraume des eigentlichen Pulverkellers, in dem tausende Zentner Schießpulver, Spreng­stoffe und gefüllte Bomben aufbewahrt waren, die dort lagernden Balken in vollem Brande. Nun schnelle Rettung, sonst ist alles verloren! Tie zunächst stehenden Eisengeräte und Haken wurden er­griffen und die brennenden Balken damit ins Freie geschleppt, das war das Werk einiger Minuten. Nun wieder zu St. Boni­facius zurück, dann zu St. Martin. Toch welch eilt Anblick! St. Martin war wie abgestorben, an seiner Stelle eine tiefe schwarze Grube, von den Mauern war keine Spur zu finden; rings­umher, soweit das Auge in der Tunkelheit sehen konnte, war Baum und Strauch vernichtet, der Park wie wegrasiert, die Häuser der Vorstadt in Trümmer. Nun erst wurde mir die Situa­tion klar, St. Martin war in die Luft geflogen!