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den Baß des Mexej Nikolajitsch und die weinerliche, aufheulende Stimme der Schtschukina . . .
„Ich bin eine schutzlose, schwache Frau, eine kränkliche Frau", sprach die Schtschukina. „Aenßerlich sehe ich vielleicht stark aus, aber innerlich habe ich kein gesundes Äderchen. Ich stehe kaum auf den Füßen und habe gar keinen Appetit. . . Ten Kaffee trank ich heute ohne allen Genuß."
Alexej Nikolajitsch erklärte ihr den Unterschied zwischen den verschiedenen Ressorts und das komplizierte System der Klagesührung. Bald wurde er müde und der Buchhalter löste ihn ab.
„Ein ekelhaftes Frauenzimmer!" empörte sich Kistunow, während er nervös mit den Fingern knackte und immerfort nach der Wasserkaraffe griff. „Das ist ja eine Idiotin, ein Stiefel! Mich hat sie krank gemacht nnd jetzt quält sie die andern zu Tode, so eine Gans! Oh . . . mein Herz!"
Nach einer halben Stunde klingelte er. Es erschien Alexej Nikolajitsch.
„Was haben Sie denn bet?" fragte Kistunow müde.
„Wir können es ihr nicht beibringen, Pjotr Alexan- dritsch! Einfach- tot macht sie einen. . . Wir sagen ihr das eilte, und sie kommt uns mit was- anderem . . .
„Ich ... ich kann ihre Stimme nicht hören . . . Ich bin trank geworden . . . Ich kann es nicht mehr aushalten."
„Man müßte den Portier rufen, Pjotr Alexandritsch, damit er sie hinausschmeißt."
„Nein, nein!" erschrak Kistunow. „Sie wird ja so ein Geheul anstellen, daß es alle Leute im Hause hören und weiß der Teufel was von uns denken können . . . Versuchen Sie es, mein Lieber/ ihr die Sache irgendwie zu erklären."
Eine Minute später ließ sich- wieder die tiefe Stimme Alexej Nikolajewitschs hören. Es verging eine Biertelstunde und sein Baß wurde durch den Hellen Tenor des Buchhalters abgelöst.
„Ein unglaublich gemeines Frauenzimmer!" empörte sich Kistunow, nervös die Achseln zuckend. „Dumm, wie ein Stiefel, daß sie der Teufel hole. Ich. glaube, mein Podagra fängt wieder an . . . und meine Migräne . . ."
Im Nebenzimnter hatte Alexej Nikolajitsch endlich die Geduld verloren. Er klopfte mit dem Finger zuerst aus den Tisch und dann an seine Stirn.
„Mit einem Wort, Sie haben da keinen Kopf", sagte er, sondern dies hier. . ."
„Na, na. . ." sagte beleidigt die Alte. „Kannst Deiner Frau was klopfen .... Kanaille! Erlaub' Dir nicht zuviel."
Alexej Nikolajitsch sah sie mit grenzenloser Wut an, als wollte er sie verschlingen, und sagte mit leiser, erstickender Stimme:
„Hinaus von hier!"
„Wa—as?" heulte die Schtschukina plötzlich auf. „Wie dürfen Sie es wagen? Ich bin zwar eine schwache, schutzlose Frau, werde so etwas aber nicht dulden! Mein Mann ist Kollegienassefsor! So eine Kanaille! Ich gehe zu meinem Advokaten und er wird Dich schon! Drei Mieter habe ich schon vors Gericht geschleppt und Du wirst vor mir auch noch betteln kommen! Ich gehe zu Eurem General! Ew.. .Exeellenz! Exeellenz!"
„Pack Dich von hier hinaus. Du Luder!" zischte Alexej Nikolajitsch.
Kistunow öffnete die Tür und sah in das Bureau hinein.
„Was ist da?" fragte er mit weinerlicher Stimme.
Die Schtschukina, rot wie ein Krebs, stand mitten irrt Zimmer und stieß augenrollend mit den Fingern in die Lnft. Tie Beamten, ebenfalls rot und augenscheinlich durch den Skandal ermüdet, standen um sie herum und blickten sich unschlüssig au.
„Ew. Exeellenz!" stürzte sich die Schtschukina auf Kistunow los, „hier dieser, dieser hier. . . dieser (sie wies auf Alexej Nikolajitsch) klopfte sich mit dem Finger an die Stirn und dann auf den Tisch . . . Sie hatten ihm befohlen, meine Sache zu erledigen, und er macht sich über mich lustig! Ich bin eine schwache, schutzlose Frau. . . mein Mann ist Kollegienassessorund ich selbst bin eine Majorstochter!"
„Gut, meine Gnädige", stöhnte Kistunow, „ich werde es untersuchen . . . Maßregeln ergreifen . . . Gehen Sie uur . . . später!"
„Wann bekomme ich denn? Ew. Exeellenz? Ich brauche das Geld heute!"
Kistunow snhr sich mit zitternder Hand über die Stirn, seufzte aus und begann wieder zu erklären.
„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, meine Gnädige. Das hier ist eine Bank, ein privates,, kommerzielles Institut . . . Was wollen Sie denn von uns? Begreifen Sie denn nicht, daß Sie uns stören?"
Tie Schtschukina hörte ihn zu Ende und seufzte auf.
„Ja, ja. . ." stimmte sie bei. „Aber seien Sie schon so gut, Ew. Exeellenz, seien Sie mir ein Pater, nehmen Sie mich in Schutz, damit ich zu Gott ewig für Sie beten kann. Wenn ein ärztliches Zeugnis zu wenig ist, kann ich eine Bescheinigung der Polizei vorweisen . . . Befehlen Sie, daß man mir da's Geld auszahlt!"
Kistunow wurde es bunt vor den Augen. Er atmete den ganzen Luftvorrat, den er in den Lungen hatte, aus und ließ sich kraftlos in einen Lehnsessel nieder.
„Wieviel wollen Sie haben?" fragte er mit schwacher Summe
Pwrundzwanzrg Rubel .echsunvdret'tzrg .t'operen/
Kistunow holte seine Brieftasche hervor, entnahm derselben einen Fünfundzwanzigrubelschein und reichte ihn der Schtschukina.
„Hier nehmen Sie und. . . und gehen Sie!"
Tie Schtschukina wickelte das Geld in ihr Taschentuch, steckte es ein und fragte, ihr Gesicht zu einem süßen, delikaten und sogar etwas koketten Lächeln verziehend:
„Eiv. Exeellenz, könnte mein Mann nicht vielleicht seine alte Stellung wieder einnehmen?"
„Ich fahre weg . . . bin krank. . ." sagte Kistunow mit elender Stimme. „Ich habe furchtbares Herzklopfen."
Nachdem er nach Hause gefahren war, schickte Alexej Nikolajitsch Nikita nach Kirschlorbeertropfen und alle setzten sich wieder an die Arbeit. Tie Schtschukina aber saß noch zwei Stunden in dem Borhaus, unterhielt sich dort mit dem Portier nnd erwartete, wann Kistunow zurückkehren würde.
Sie kam auch am nächsten Tage.
Iie K sä ge d s deutschen Komer.
Bon Paul Wittko.
Unter den Berufsarten gibt es wenige schönere als die, der Menschheit Bildner zu sein int großen Stil, ihr mitzuteilen von den besten geistigen Schätzen, die erlauchte Geister aufgespeichert haben, in das Herz des Einzelnen den Keim für die Empfänglichkeit des Großen und Erhabenen zu legen und dadurch im besten Sinne anregend und veredelnd zu wirken. So hohem Berufe widmet ein Rezitator sein Leben. Der Rhapsode des Altertums aber, der die im Volke von den Urzeiten her erhaltenen epischen Gesänge zu einem Ganzen verflocht und dabei eine Bereinigung der Göttersage mit der Volks- und Weisheitsgeschichte vollzog, er, der da s aug u\ttb sagte von der Götter wohltätigem Walten, von streitbaren, kühnen Helden, die beit' Weg zum Ruhme gefunden unb burchlausen, von Frauentugenb und Frauenfreude, er, der Rhapsode, über, wie die alten Ger- manen ihn nannten, ber Skalde über Srof (wenn er selbst dichtete), war ber Priester, Lehrer tu i her eines Volkes. Der Widerhall, den sein begeisterte . Xt2b int Herzen des Volkes fand, wurde zum Mahnruf, seine Weisheitsworte wurden göttliche Gebote. Der Stand dieser Sänger-Priester verwaltete wen Gesamtschatz an geistigem Eigentum, das „Epos" im engsten Sinne des Wortes.
Doch die Zeiten iinberten sich unb mit ihnen bie Menschen unb bereu Gebräuche, bereu Wissen unb Wille. Ter Geist unserer heutigen Zeit fügt fich schwer in bie Voraussetzungen, bie das wahre Epos an bas ganze Volk stellt. Romane suchen heute bas Epos zu ersetzen. Aber welcher gewaltige Unterschieb besteht zwischen einem Roman unb einem Epos, wie es außer ben Deutschen nur noch bie Griechen, bie Inder, bie Perser unb bie Finnen besitzen.*)
Aus der allgemeinen Literatur-Ueberschwemmnng der letzten 60 Jahre ragen nur wenige stolze Felsen weithin sichtbar hervor. Ein Werk aber steht wie ein von einem Leuchtturm gekrönter stolzer Fels inmitten brausender Brandung, das einzige Epos, das unsere Zeit geschaffen hat, eine dichterische Großtat. In ihm sind Geist und Leben uralter Zeiten heraufbeschworen, vom Geiste der neuesten
*) Wer sich hierüber näher orientieren will, der lese Will). Jordans „Epische Briefe", Frankfurt a. M. 1876.


