Ausgabe 
16.11.1904
 
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Mittwoch den 16. Movemöer

1904.

Mr. 171

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tzine Schuhloft.

Won An ton Tschechoff.

(Nachdruck verboten.)

Trotz des heftigen Podagraanfalles in der Nacht und trotz der zerrütteten Nerven begab sich Kistunow dennoch am Morgen ins Bureau und begann rechtzeitig den Em­pfang der Klienten der Bank. Er sah leidend und müde aus und sprach mit sterbender Stimme.

Was wünschen Sie?" wandte er sich an eine Frau in einem vorsüntflutlichen Mantel, die von hinten einem großen Mistkäser sehr ähnlich sah.

Ich bitte schön, Ew. Excellenz", begann die Frau, die Worte schnell herunterhaspelnd,mein Mann, der Kvllegien- assessor Schtschukin, war fünf Monate krank, und während er noch, entschuldigen Sie, zu Hause lag und behandelt wurde, erhielt er ohne jeden Grund den Libschied, und als ich nach seinem Gehalt ging, Ew. Excellenz, wurden ihm von dem Gehalt vierundzwanzig Rubel sechsunddreißig Kopeken abgezogen! Und wofür, wenn ich fragen Lars? Er hat aus der Beamtenkasze Geld geliehen und die an­deren Beamten haben sich für ihn verbürgt. Wie denn das? Wie konnte er das Geld ohne meine Zustimmung nehmen? Das ist gar nicht möglich, Ew. Excellenz. Was sc-ll' denn das bedeuten? Ich bin eine arme Frau, lebe vom Zimmer- vermieten.... Ich bin schwach und schutzlos . . . Won allen erfahre ich nur Kränkungen und niemand sagt mir ein gutes Wort. .

Tie Bittstellerin begann mit den Augen zu blinzeln und suchte in ihrem Mantel nach dem Taschentuch.

Kistunow nahm ihr Gesuch und las es.

Ja, aber erlauben Sie", sagte er achselzuckend,ich verstehe hier nichts. Sie sind wohl, meine Gnädige, an die unrechte Stelle gekommen. Ihr Gesuch geht uns ja gar nichts an. Wenden Sie sich gefälligst an das Ressort, bei welchem Ihr Gemahl angestellt war."

Nein, mein Herr, ich bin schon an fünf Stellen ge­wesen und nirgends hat man mein Gesuch überhaupt nur entgegennehmen wollen!" sagte Frau Schtschukina.Ich hatte schon ganz den Kopf verloren, da schickte mich mein Schwiegersohn, Boris Matwejitsch, Gott lohne es ihm, zu Ihnen.Wenden Sie sich nur an den Herrn Kustinow, Mama", sagte er mir,er hat eine einflußreiche Stellung und kann alles für Sie machen . . ." Helfen Sie mir,, Ew. Excellenz!"

Wir können da nichts für Sie tun.... Begreifen Sie doch: Ihr Mann war, soviel ich sehe, dem Medizinal­departement des Kriegsministeriums unterstellt, während unser Institut völlig privater Statur ist, ein tzandelsinstitut eine Bank. Wie kann man denn das nicht begreifen!"

Kustinow zuckte noch einmal die Achseln und wandte sich zu einem Herrn mit geschwollener Backe in Militär­uniform.

Ew. Excellenz!" rief weinerlich die Schtschukina,daß mein Mann krank war, dafür habe ich ein ärztliches Zeug­nis! Hier ist es, sehen Sie, bitte!"

Sehr schön, ich glaube Ihnen ja", sagte Kustinow gereizt,aber, ich wiederhole es Ihnen, das geht uns nichts an. Unglaublich! Tas ist einfach komisch! Weiß denn Ihr Mann wirklich nicht, wohin Sie sich zu wenden haben?"

Er weiß überhaupt nichts, Ew. Excellenz. Leiert nur immer dasselbe:Das ist nicht Deine Sache! Laß, mich in Ruhe!" Und wessen Sache ist es denn? Er sitzt doch mir aus dem Halse! Mir . . ."

Kustinow wandte sich wieder der Schtschukina zu und begann ihr den Unterschied zwischen dem Medizinaldeparte­ment des Kriegsministeriums und einer Privatbank zu er­klären. Sie hörte ihn aufmerksam zu Ende, nickte zustim- mind mit dem Kopf und sagte:

Jawohl, jawohl, jawohl. . . Ich verstehe. Befehlen Ew. Excellenz, mir dann wenigstens fünfzehn Rubel aus­zuzahlen! Ich bin einverstanden, daß es nicht alles auf einmal ist . . ."

Ach!" seufzte Kustinow auf, den Kopf zurückwerfend. Ihnen kann man es nicht eintrichtern! Aber begreifen! Sie doch endlich, daß es ebenso komisch ist, wenn Sie sich an uns mit einem derartigen Gesuch wenden, als wenn Sie beispielsweise eine Ehescheidungsklage bei einer Apo­theke oder bei dem Aichamt anhängig machten. Man hat Ihnen das Gehalt gekürzt, aber was können wir denn dabei hm?"

Ew. Excellenz, ich werde ewig für Sie beten, haben Sie Mitleid mit einer armen Waise", begann die Schtschu­kina zu weinen.Ich bin eine schutzlose, schwache Frau . . . Hab mich W Tod abgcguält. . . Mit den Mietern muß ich prozessieren, für den Mann bitten, in der Wirt­schaft habe ich zu tun . . . Und jetzt, wo ich gerade zum Abendmahl gehen will, mußte auch noch mein Schwieger­sohn meine Stelle verlieren . . . Wenn ich esse und trinke, ist's nur zum Schein; ich kann kaum mehr auf den Beinen stehen . . . Tie ganze Nacht habe ich nicht geschlafen. . ."

Kistunow fühlte Herzklopfen. Er legte mit einer Märtyrermiene die Hand aufs Herz und begann der Schtschu­kina von neuem zu erklären, aber seine Stimme brach ab . . .

Nein, verzeihen Sie, ich kann mit Ihnen nicht sprechen", sagte er mit einer hoffnungslosen Geste.Mein Kopf schwindelt mir sogar. Sie: stören uns nur und verlieren unnütz Ihre Zeit. Oh! . . . Alexej Nikolajitsch", wandte er sich an einen der Beamten,erklären Sie es doch, bitte, der Fran Schtschukina!"

Kistunow hatte schon alle Klienten abgefertigt und in seinem Kabinett ein Dutzend Papiere unterschrieben, wäh­rend Alexej Nikolajitsch immer noch mit der Schtschukina parlamentierte. Won seinem Kabinett aus hörte Kishinow immerfort zwei Stimmen: den monotonen, sich beherrschen-