— 290 —
>,9htn diesem Nebel wird hier wohl bald äbgeholfen werde«, denn wir bekommen täglich sogar zweimal die Post. Da sehen Sie einmal mein Pärchen Pegu-Ponies, die eben dort nms Haus herumbiegen! Sind sie nicht allerliebst?"
Sie zeigte auf einen niedrigen, mit zlvei krästigen kleinen Pontes bespannten Wagen. „Romeo und Julia heißen sie; sie bleiben immer beisammen und sind äußerst artig und gehorsam. Ich werde nun eine Rundfahrt mit Ihnen um den sogenannten Achter und vielleicht bis zum Bleakhouse machen."
Diese Fahrt tat mir Ebenso gut wie der lange Schlaf. Die herrliche Luft, der Anblick so vieler heiterer Gesichter, der Klang heimatlicher Laute, die zuversichtliche Stimmung meiner Gefährtin — das alles zusammen wirkte auf mich wie ein belebender Zaubertrank.
„Was für ein bitfer Brief!" ries Dtrs. Dalrymple, als der Briefträger die Stufen herauskam und mir einen Brief übergab. „Nun können Sie nicht mehr sagen, daß Ihnen der Anblick eines Briefes etwas Fremdes sei. Und für mich ist nichts gekommen, als einige Musterpäckchen und die Zeitung! Nun, ich gönne Ihnen Ihr Glück, mein liebes Kind." So sprechet), zerriß sie das Kreuzband der Madras Mail.
Der Briefumschlag enthielt nicht nur einen, sondern mehrere Briefe aus der Grundallstraße: lauter Glückwunschschreiben. Sie machten mir den Eindruck wie eine Familie, die ut corpore ihren Besuch abstattet. Frau Rosario, Gwendvline, Lola und Eulalie, alle hatten geschrieben, und 'auch ein von England an mich eingetroffener Brief war eingefchlossen, der sehr abgerissen aussah und eine mir unbekannte Handschrift aufwies.
Diesen legte ich vorerst beiseite, um Frau Rosarios Bries zu lesen, der von Liebe und guten Wünschen übersloß und die herzliche Freude der Schreiberin bekundete.
Der zwei Bogen lange Brief Eulalies aber soll für #11« reden, weil er mir so viel Spaß machte:
Liebe, süße, herzige, goldene Pamela!
Ich schicke diesen Brief nach KUnur zu Ihrer Freundin, Mrs. Dalrymple, da ich annehme, daß Sie jetzt bei ihr sind. Sie hat mir die große Neuigkeit mitgeteilt, ,Äch, ich habe mich ja so gefreut, daß ich im Zimmer herumtanzte, bis mir die Schuhe von den Füßen flogen. Nun werden Sie wieder sagen: Eulalie hat doch Augen im Kopf!
Ach, dieser schöne, reiche hochangesehene und kluge Mr. Thorold! Was für eine Partie! Und doch kein bißchen zu gut für unsere liebe, süße Pamela! O Pamela, nun werden Sie wirklich eine vornehme Dame sein und in einem prächtigen Wagen fahren! Sicherlich haben Sie zwei Araber mit langen Schwänzen !
Ich bin ganz stolz, wenn ich mir das vorstelle. Welch ein Glück, daß Sie Ibrahim immer so kalt behandelt haben! Er wollte Sie nämlich heiraten, so sagte er zu Frau Rosario, und als Sie nach Rohapetta gingen, war er ganz außer sich. Was ist aber so ein Ibrahim im Bergleich zu Mr. Thorold? Er sagte uns auch, daß er zu seinem Bedauern nicht beim Vizegouverneur verkehren könne wegen einer zwischen seiner Familie und ihm bestehenden Verstimmung. Mer Sie werden jetzt überallhin Zutritt haben, zu allen großen Bällen und Festlichkeiten im Bankettsaal des Regierungspalastes. Da werde ich mich dann einmal unter die Tür schleichen und Sie beobachten!
Daß wir die gute Neuigkeit sogleich unseren Freunden mitteilten, können Sie sich vorstellen. Ich wollte. Sie hätten die Gesichter der Cardozos und Josephs gesehen! Und denken Sie nur — ist es nicht köstlich? — Friedrich Augustus bedauert jetzt lebhaft, daß er Sie nicht geheiratet habe.
Sie müssen mir recht ausführlich über alles schreiben, besonders von Ihrer Ausstattung. Ich fange jetzt auch an, meine Sachen in Ordnung zu bringen, denn Melville hat eine Anstellung im Arsenal bekommen mit hundert Rupien Gehalt monatlich. Ich schaffe mir ein weißes Atlaskleid an mit langer Schleppe und zwei Taillen und auch ein blaues Straßenkleid, und verschiedene von Ihren Neidern sind anfgefrischt worden und nun wieder wie neu.
Frau Rosario hat ihren Verlust noch immer nicht verschmerzt, er ging ihr fast ebenso nahe als der Tod
ihrer Nellore-KUh. Ich sage Ihnen, das wär ein Schlag!
hieß, jemand habe Gift in den Futtertrog gestreut, Mer ich glaube nicht an solchen Unsinn. Als ob sich heutzutage noch ein Mensch mit Vergiftungen abgeben würde! Wir sind immer noch gleich viele Kostgänger; eine Kousine von Frau Rosario, Constantia de Castria, eine häßliche, alte Jungfer, führt die Haushaltung. Natürlich kann Sie Ihnen das Wasser nicht bieten. Gwen- doline wird int August Hochzeit haben, und die greuliche Jocasta hat nun tatsächlich auch einen Verehrer gesunden, einen von den Cardozos. Ich wollte, wir wären sie los! Ich lege Ihnen einen Brief bei, der schon vor einer Ewigkeit ankam, aber Frau Rosario hat ihn in die Tasche ihres grünseidenen Atlaskleides gesteckt, das sie fast niemals trägt, und darin vergessen. Er sieht übrigens nicht aus, als ob er gerade sehr wichtig wäre. Schreiben Sie recht bald, liebe, süße Pamela, und seien Sie tausendmal geküßt von
Ihrer Sie liebende« Eulalie.
Ich öffnete nun den „nicht sehr wichtig aussehenden^ Brief. Er trug oben auf der ersten Seite die Adresse: 415 Grosvenor Square, London W. Er war schlecht und mit blasser Tinte geschrieben.
LiÄbe Pamela Ferrars!
Ich weiß nicht, was Sie von mir denken, meine Gedanken aber beschäftigen sich häufig mit Ihnen. Ich fand an jenem Morgen vor Abgang unseres Dampfers keine Zeit mehr. Ihnen zu schreiben. Man drängte und hetzte mich 'derart von allen Seiten, daß ich nicht mehr wußte, wo mir der Kopf stand. Später konnte ich Ihre Adresse nicht mehr finden, und schon fürchtete ich, Sie für immer aus dem Gesichte verloren zu haben. Heute aber, als ich meine in JMien gemachten Einkäufe ordnen wollte, kam mir auch ein Buch in die Hand, und fvfort erinnerte ich mich, daß ich Ihre Mresse ja dort hineingeschrieben hatte. Richtig, da steht sie, und noch in derselben Stunde schreibe ich diesen Bries.
Bitte, antworten Sie mir, teilen Sie mir Ihre Pläne mit und schicken Sie mir Ihre Photographie., Ich kann nicht sagen, wie sehr Ahr liebes Gesicht mich an die Vergangenheit erinnert hat, an den süßen Zauber, längst entschwundener Tage! Diese Tage kehren freilich nicht wieder, aber meine liebe Pamela könnte freilich zurückkommen zu einer alten, einsamen Frau — wenn Ihr Stolz nicht wäre. Vergessen Sie es nie, daß Sie stets bei mir eine Heimat haben. Schließlich bin ich doch immerhin Ihre Blutsverwandte, und aus diesem Grunde allein erhebe ich Anspruch auf Sie. Kommen Sie, setzen Sie Ihren törichten Stolz beiseite und leben Sie hier bei mir in einer Ihrem Stande angemessenen Umgebung, anstatt in den Vororten einer indischen Stadt um einen erbärmlichen Lohn zu arbeiten. Ueberlegeu Sie sich die Sache, Pamela, und seien Sie miss wärmste gegrüßt von
Ihrer Ihnen herzlich zugetanen alten Kvuscne
Elisabeth Tregar.
Nicht sehr wichtig, und drei Monate alt! Es war ein unendlich gütiger Brief, und am liebsten hätte ich ferner Aufforderung sogleich Folge geleistet, aber ach, es war ja'zu spät, diese hilfteiche Hand anzunehmen!
„Nun, Sie scheinen mir gute Nachrichten bekommen stt haben", sagte Mrs. Dalrymple, als ich die Brrefe zrr- fammenfaltete. „Sie sind ja ganz rosig angehaucht. Aber auch ich habe eine gute Nachricht für Sie.".
Damit händigte sie mir die Zeitung em, indem sre auf einen besonderen Artikel deutete.
Tod Ihrer Hoheit, der Rani Sundaram.
Wir müssen unseren Lesern hiermit die traurige Nachricht mitteilen, daß Ihre Hoheit, die Nani Sundaram, Mutter des verstorbenen Rajah und Großnmtter des jungen Prinzen, am Donnerstag morgen im Palast von Royapetta plötzlich verschieden ist . . .
Durfte ich meinen Augen trauen? So war sw also wirklich krank gewesen und hatte sich nicht bloß im Zorn in ihre Gemächer eingeschlossen?
„Das wird die Luft bedeutend klaren, glauben Sw nicht auch?" sagte Mrs. Dalrymple. ^Halten Sie es für möglich, daß der Nimmer und Neid wegen der Jasra- perlen ihr das Herz gebrochen haben? Oder hatte sie überhaupt keines?"
„Nein, sie hatte wirklich kein. Herz. Aber ihr Körper und ihr Geist waren noch so frisch, daß ich dachte, tie


