Ausgabe 
16.4.1904
 
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Hekratsantrag bekommen?" Aufgeregt griff sie nach meiner Hand.

O nein, nichts derartiges. Ich habe keine Stellung finden können und nun all mein Geld ausgegeben. Meine Verwandten zu Hause sind böse auf mich, ebenso meine Bekannten in Indien, denn ich kam hierher, um mich zu verheiraten, und weigerte mich in letzter Stunde."

O du lieber Gott! Warum taten Sie denn das aber auch?"

Weil ich den Mann nicht liebte und er mich betrog."

Nun ja, besser keinen Mann als einen schlechten. Der meinige war auch kein sehr netter."

Da ich nun aber kein Geld mehr habe, kann ich auch nicht mehr hier bleiben."

Warum denn nicht?" Sie war ganz erstaunt. Manche meiner Kostgänger warten Monate lang, bis sie bezahlen, andere bezahlen überhaupt niemals, lassen sich aber durchaus keine grauen Haare darüber wachsen und ich auch nicht. . . Sie bleiben hier." Liebkosend legte sie ihre Hand auf die meinige.

Nein, das kann ich nicht. Es ist sehr gut von Ihnen, daß Sie mich halten wollen, aber es geht nicht. Man sagte mir, daß es hier ein Obdachhaus für arme Europäer gebe, dorthin will ich gehen. Ich muß dann eben meinen Stolz beugen und meine Tante bitten, mir das Uebersahrtsgeld zu leihen. Sobald sie es schickt, kehre ich nach England zurück, wo sich einem gebildeten Mädchen eine Menge Aussichten bieten."

Leicht wird es Ihnen aber doch wohl nicht werden, Ihren Stolz zu beugen?" fragte sie sanft und mit be­redten Augen.

Nein, schwer, sehr schwer wird es mir. . ."

Nun denn, Sie suchen eine Stellung, und ich sage Ihnen, sie ist gefunden. Ich kann Ihnen eine anbieten, dann brauchen Sie Ihren Stolz nicht zu beugen. Hören Sie mich ruhig an. Sie wissen, daß Lily in vierzehn Tagen geht. Wer soll sie ersetzen? Ich bin unserm Hauswesen und den schrecklichen Dienstboten nicht gewachsen und muß mich somit nach einer anderen Haushälterin umsehen. Warum wollen Sie den Posten nicht annehmen? Wir beide verstehen uns und haben uns gern. Sie machen die Ein- käufe und führen die Bücher. Ich gebe Ihnen ein eigenes kleines Zimmer und zwanzig Rupien im Monat samt freier Wäsche. Das bringen Sie mir reichlich wieder ein."

O, Frau Rosario, wie freundlich von Ihnen!" stam­melte ich gerührt, obwohl dies nicht gerade die Art Stellung war, die ich suchte. Allein auch diesmal hieß es wieder, sich bescheiden.

Liebevoll hielt sie meine Hand in der ihrigen und drückte sie zärtlich.

Sobald sich Ihnen eine bessere Stellung bietet, können Sie sie ja sogleich annehmen. Ich will Ihnen ganz gewiß nicht im Wege stehen, und daß Sie über kurz oder lang etwas finden werden, steht außer Frage. Bis dahin aber ist Ihre Heimat hier."

Dabei legte sie die Arme um meinen Hals und küßte mich auf beide Wangen.

Wie gut sind Sie, Frau Rosario! Wie soll ich Ihnen danken?"

Ich habe Sie in mein Herz geschlossen, mein liebes Kind; gleich vom ersten Augenblick an. Betrachten Sie mich von jetzt an als Ihre Mutter."

Ach, ich habe meine Mutter ja nie gekannt!"

Nun, dann als Ihre Tante."

Was meine Tante, die schlanke, vornehme Aristokratin wohl zu dieser schwarzen, unförmlichen Stellvertreterin gesagt haben würde? So wenig schön indes Frau Ro­sarios Aussehen auch sein mochte, ihr Herz war es jeden­falls, worin sie mir ein Plätzchen eingeräumt hatte.

Nun also, die Sache ist abgemacht. Lily wird sich freuen, denn sie braucht die Zeit für ihr Studium, und wir anderen haben auch nichts dagegen, wenn sie vor­zeitig ihr Amt niederlegt, denn ihr Geiz wird immer unerträglicher; wir fürchten uns alle vor ihr", fügte sie gut gelaunt hinzu.

(Fortsetzung folgt.)

Maudereten aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verbaten.) Der Kampf um dasTreppchen". Circenfifche Künste.

Vom seligen Abs.

.Am Opernhaus, das wegen seiner vielfach außen an­gebrachten Rettungssteige heuer dasTreppchen" getauft ist, befindet sich über dem Eingang, der Hedwigskirche gegen­über gelegen, ein merkwürdiges Relief. Von sechs korin­thischen Wandpfeilern getragen, erhebt sich, mit den Statuen der drei Grazien geschmückt, ein Giebelfeld, das den Sohn der Kalliope, Orpheus, darstellt, wie er durch Gesang und Saitenspiel allerlei wildes Getier sanftigt und an sich lockt. Ein einziges nur verharrt in träger Stumpfheit, getrennt von Löwen und Panthern, und scheint für die Macht der Töne auch nicht die geringste «Empfänglichkeit zu besitzen: das ist das brave Wappentier der Haupt- und Residenz­stadt Berlin, der Bär. Zweifellos hat dieser Architekten­scherz zu Knobelsdorffs Zeiten seine Berechtigung gehabt; aber im Laufe der Jahrzehnte hat sich das Blättchen durch­aus gewendet. Die Bürger Berlins sniü fast ein bißchen zu musikalisch geworden, und es wird die allerhöchste Zeit, daß wir ein Opernhaus bekommen, in dem etliche hundert Hörer mehr Platz finden können. Das soll denn auch glück­lich in die Wege geleitet werden. Schon ist bestimmt, daß der alte, nach dem Vorbild des Pantheon zu Athen vom Baumeister desalten Fritz", Knobelsdorfs, anno 1742 aufgeführte, und nach dem Brande von 1840 unter ge­ringen Aenderungen wieder erneuerte Bau verschwinden soll und auf dem Terrain unter Hinzunahme des benach­barten Prinzessinnen-Palais ein neues Heim für die kaiser­liche Oper erstehen soll. Da meldet sich endlich der Smn für Pietät, der lange genug geschlummert hatte und an den oftmals skandalös mit Gerümpel aller Art verstellten Fenstern der Ostfront Jahrzehnte lang schweigend vorüber gegangen war, und entfacht eine Bewegung zur Erhaltung dieses Kunfttempels, dessen erste Skizzen der große König einst selber entworfen haben soll. Da wir in der maßlos gewachsenen Metropole mit ihrem lebhafter gewordenen Kunstsinn recht gut zwei Häuser gebrauchen können, in denen die Oper zu ihrem Recht kommt, so wäre es viel­leicht gar nicht von der Hand zu weisen, wenn man das alte Haus für Konzerte und Spielopern beibehielte; denn dazu würde es zweifellos auch nach Entfernung der Außen­treppchen umgemodelt werden können, ohne irgendwelche Katastrophen durch Feuersgefahr befürchten zu lassen. Für die große Oper und das moderne Musikdrama aber hieße es dann, einen neuen Platz suchen. Und da sind unsere Projektemacher natürlich lebhaft an der Arbeit. Die genialste Idee ist ohne Zweifel jene, die den eben einsetzenden Neubau der Königlichen Bibliothek verhindern möchte, um den nach allen Seiten frei gelegenen Platz der nieder­gelegten Kunstakademie unter den Linden für das neue Theater zu verwenden. Andere denken an den Königs­platz im Bezirk des Tiergartens, wo ehemals Kroll regierte. Wer das wäre jedenfalls nicht gerade wünschenswert, weder für den Käiser, noch für das Publikum. Auch dasrote Schloß" mit seinen Hintergebäuden, ein mächtiges Geschäfts­haus am Schloßplatz vor dem Eingang zur Brüderstraße, hat einer unserer Architekten ins Auge gefaßt. Es stammt aus den 60er Jähren des vorigen Jahrhunderts, wo es die Berliner Architekten Ende und Böckmann erbaut haben. Die Lage dieses Terrains wäre zweifellos günstiger als jenes am Königsplatz. Ob diese in letzter Stunde ein­setzende Aktion aber noch irgend welche Berücksichtigung erfährt, dürfte mehr als zweifelhaft erscheinen.

Von unseren Tummelplätzen für circenfifche Künste steht der eine Zirkus Schumann schon verlassen; bei Busch jedoch blüht das Geschäft besser wie je dank der Sensa­tionen, die er dem Publikum durch waghalsige Schleifen- sahrer und Ringkämpfer bietet. Der Unfug des Schleifen­fahrens wiÄerholt sich in immer neuen tolleren Varia­tionen. Der letzte dieserKünstler" leistete sich am Sams­tag und Sonntag der verflossenen Woche das gruselige Vergnügen, abzustürzen. Das'letztemal hätte er dabei fast einen zum Dienst kommandierten Feuerwehrmann ums Leben gebracht, ohne allerdings selbst erheblichen Schaden zu nehmen. Das Publikum klatschte, anstatt gegen der­artige halsbrecherische Unsinnigkeiten zu opponieren. W ist eben eine derbe Kost gewöhnt. Man muß diese Be-, wunderer strammer Muskeln und Physischer Kräfte beobächtet