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reise erspart hätte. Mein mir wurde unterwegs fast all mein Geld gestohlen, und so war ich gezwungen, in ein billiges Kosthaus zu gehen, von wo aus eine gute Stelle sehr schwer zu finden ist."
„Und wie ich sehe, ist Ihnen dies bis jetzt noch nicht gelungen." Sie hatte den Blick immer fest auf mich geheftet. „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen: kommen Sie mit mir nach England zurück. Ich werde Ihre Ueber- fahrt bezahlen und Ihnen bei mir eine Heimat bieten."
Ich war zu sehr überrascht, um gleich antworten zu können. Endlich sagte ich: „Es ist sehr gütig von Ihnen, Lady Elisabeth, allein ich kann eine solche Gunst nicht von Ihnen annehmen."
„Warum nichts Sie sah mich scharf an.
„S&eU . . . weil . . ." Die Worte blieben mir in der Kehle stecken, aber der Stolz gebot mir, die Scheu zu überwinden. „Sie wissen den Grund selbst am besten, Mylady."
,^Ja, die Sünden der Väter rächen sich an den Kindern. Nun denn, so folgen Sie Ihrem Kopfe. Sie haben das Gesicht der Ferrars und den Stolz der Tregar, doch wenn Sie so fortfahren, werden Sie einmal Ihre Tage in Kümmer und Elend beschließen. Dann denken Sie vielleicht mit Reue an diesen Tag zurück, und daß Sie das Anerbieten einer alleinstehenden alten Frau ab gelehnt haben."
Sie war ärgerlich, ihre Stimme bebte.
„Wohin mich mein Geschick auch verschlagen mag, immer werde ich Ihrer Güte gedenken", antwortete ich bewegt.
„Wo wohnen Sie gegenwärtig?" fragte sie kurz.
„Bei Frau Rosario, Crundallstraße, Vepery."
Sie schrieb die Adresse aus. „Vielleicht kann ich Ihnen doch von Nutzen sein. Ich habe Bekannte hier, denen ich Sie empfehlen will. Oder verbietet Ihr Stolz Ihnen, auch diesen kleinen Freundschaftsdienst anzu- nehnren?"
„O nein, wenn ich nur einen Menschen, eine einzige befreundete Seele hier hätte, so . . ."
„So glauben Die, daß sie sich dann bald noch viele erwerben könnten? Ihr Gesicht, Ihre ganze Erscheinung könnte Ihnen zu entsetzlichen Fallstricken werden, wenn Sie unvorsichtig oder schwalch wären, aber Sie scheinen ja einen festen Millen und eine scharfe Zunge zu haben. Mas gedenken Sie nun zu tun? Vorläufig eigensinnig auf eigenen Füßen stehen und dann natürlich heiraten?"
„Ich werde mich niemals verheiraten!" ries ich entschieden. „Ich tauge nicht dazu. Mein Brot hoffe ich mir zu verdienen und zugleich meinen Nebenmenschen nützlich sein zu können."
„Ein schönes, erhabenes Ideal, mit dem sich die arme menschliche Natur nur nicht so recht zufrieden geben will. . . Doch nun muß ich Sie leider fortschicken, ich bin zum Vizegouverneur eingeladen und muß mich vorher noch umkleiden. Kommen Sie aber morgen ganz bestimmt zu mir; vielleicht kann ich Ihnen bis dahin schon irgend etwas in Aussicht stellen. . ."
„Euer Gnaden, der Magen ist vorgesehen", meldete ern eleganter portugiesischer Diener, und im nächsten Augenblick rauschte eine mit Federn und Spitzen überladene große dicke Dame herein und sagte mit einem Seitenblick nach mir hin:
„Aber liebste Elisabeth, noch nicht angezogen? Mr werden ja viel zu spät kommen, und Du weißt, daß nicht zu Trsch gegangen wird, ehe Du da bist."
Allein bevor Lady Elisabeth der dringenden Mahnung folgte, reichte sie mir die Hand und sagte: „Geben Sie mir einen Kuß, liebes Kind, und kommen morgen ganz bestimmt."
Als sei sie plötzlich in Stein verwandelt, so starr vor Erstaunen schaute ihre Gefährtin mich einen Augenblick an. Rasch aber hatte sie sich wieder gefaßt und führte des Lady nun hastig mit sich fort, damit diese ihre gesellschaftlichen Pflichten nicht versäume.
. Mein Gharry wartete noch immer im Schatten eines Fergenbaumes, der Kutscher schlief und auch das Pferd war halb eingeschlummert. Auf meinen Ruf kam der Wagen an die Eingangstüre herangerasselt — und ohne Stellung, aber mit rasenden Kopfschmerzen wurde ich nach der Crundallstraße zurückbefördert.
Hier entdeckte ich Frau Rosario, die in ihrer gewohnten Ruhe und Gelassenheit auf der Veranda saß.
„Nurr", schrie sie mir schon von weitem entgegen, „gute Nachrichten für Sie und schlechte für mich? Sie gehen natürlich?"
„Nein", antwortete ich, dem Weinen nahe. „Ich komme zurück, wie schlechtes Geld. Die Stelle taugte nichts."
„O mein, warum denn nicht?"
„Sehr viel Arbeit: drei Kinder unterrichten, nähen, Musikstunden geben, Englisch, fremde Sprachen und fünfundzwanzig Rupien Gehalt!"
„Ha, die Unverschämtheit, Ihnen das anzubieten!"
„Empfehlungen hatte ich auch keine, und 'so war die Sache bald erledigt. Dagegen bietet sich mir vielleicht eine andere Aussicht. Ich traf nämlich zufällig eine alte Dame im Hotel, die meine Verwandten kennt. Zu der will ich morgen gehen."
„Ah, die wird Ihnen sicherlich helfen! Und ich werde Sie dann schmerzlich vermissen, denn Sie sind mir eine große Stütze geworden." Dabei drückte sie zärtlich meinen Ajrm und erlaubte nur, mich sofort in mein Bett zu verfügen . . .
Da Lady Elisabeth keilte bestimmte Stunde angegeben hatte, wagte ich es nicht, sie vor vier Uhr nachmittags aufzusuchen. Als ich jedoch im Gasthof anlangte, wurde mir gesagt, daß Lady Elisabeth Tregar mit Gesellschaftsdame und Dienerschaft um zehn Uhr morgens nach England abgereist sei.
„Ließ sie nicht eine Karte für mich zurück?" fragte ich ängstlich.
„Ich will mich beim Portier erkundigen", antwortete der Gasthofbesitzer.
Eilig kam der hübsche Portugiese herbeigelaufen und sagte, die doppelte Reihe seiner schönen Zähne zeigend:
„Nein, Miß. Die Herrschaften befanden sich in großer Eile; niemand hat mir etwas aufgetragen."
So viel von Lady Elisabeth und ihrer versprochenen Hilfe.
*
Langsam schlichen die Wochen dahin, ohne mir eine Antwort auf meine Zeitungsanzeige zu bringen. Da stellte ich mir dann wohl auf meineu einsamen Abendspaziergängen längs der alten, verfallenen Wälle ärgerlich die Frage: Warum hast du das wohlgemeinte Anerbieten Lady Elisabeths, dich nach England mitzunehmen, nicht angenommen? . . . Was? schrie aber mein Stolz dazwischen: von der Frau, die dein Vater tödlich gekränkt hat, willst du dich erhalten lassen? Niemals! War es nicht ihretwegen, daß die Familien Tregar und Ferrars für immer ihre Hand von denen Eltern abzogen? Und du solltest dich nun als ihr Schützling bei all diesen dir nicht wohlwollenden Leuten einführen lassen? Nein, alles eher als das. Lieber wollte ich noch im Armenhause eine Zuflucht suchen. Anderseits flüsterte mir aber auch wieder eine Stimme zu, daß ich armes Mädchen kein Recht habe, stolz zu sein, und daß ich ohne diesen Stolz wahrscheinlich in London jetzt in Luxus und Wohlleben schwelgen würde, während ich in diesem halbzerfallenen, von Ameisen heimgesuchten Kosthause in Vepery mit leerer Tasche und ohne Aussicht auf Besserung dahinlebte.
Ja, ich war tatsächlich beim letzten Penny angelangt. Schon hatte ich der Chinna Ajah zwei von meinen besten Kleidern zum Verkauf an Soldatenfrauen gegeben. Sie hatten fünfzehn Pfund gekostet, und ich erhielt nur fünfzehn Rupien dafür. Kaum noch eine Woche lang konnte ich mein Kostgeld bezahlen. Friedrich Augustus behandelte mich bereits mit schweigender Verachtung. Eulalie versuchte kein Geld mehr von mir zu borgen, sondern sagte in mitleidigem Tone: „Sie Aermste, ich weiß, Sie sind ebenso übel daran, wie ich", und Lily fing schon an, mir unhöflich zu begegnen.
Sicherlich fragten sich bereits alle, ob ich, eine Fremde, nun wohl ebenfalls so weit herabsinken und der gutmütigen, mildtätigen Frau Rosario zur Last fallen würde. Nein, ich durfte nicht länger zögern, sie wenigstens mußte die Wahrheit erfahren. Als wir eines Abends wieder einmal allein miteinander auf der Veranda saßen, während die übrigen Hausbewohner ihren Vergnügungen nachgingen, begann ich ohne Umschweife:
„Frau Rosario, ich habe Ihnen etwas sehr Mchtiges mttzuteilen."
„Nun, was ist es, liebes Kind? Haben Sie einen


