Ausgabe 
16.3.1904
 
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in Amerika und zum großen Teil auf unserem Kontinente die Sympathien auf japanischer Seite. Man hat nun eben eine Vorliebe für das Jnselreich!, und rühmt, wie rasch es seine bald Jahrtausende alte chinesische Kultur mit der unfeigen zu tauschen vermocht hat. Tie Hunderte von Weltbumm- lern, welche jährlich das Land besuchen und die freund­lichste Aufnahme finden, kehren voll Anerkennung nach Hause, werfen bann Berge von bewundernden Büchern und Aufsätzen vor das wissensdurftige Publikum, und unter­halten damit die günstige Stimmung.

In den Fremdenkolonien Ostasiens hat sich jedoch ein weniger optimistisches Urteil über Japan herausgebildet, obschon, oder vielleicht gerade weil sie Gelegenheit haben, im nahen Verkehr die Jnselasiaten tiefer als nur auf ihre liebenswürdige Oberfläche zu prüfen. Am häufigsten be­klagt man sich über ihre niedrige geschäftliche Moralität und ihren Mangel an Offenheit und Zuverlässigkeit.

Was aber für die Entwicklung unserer gegenseitigen Beziehungen noch bedenklicher erscheint, ist der . wachsende Chauvinismus der Japaner. Die Kultur hat er uns ab­geborgt, da er neuerungslustig ist und da sie ihm nützt, aber von dem Europäer will er nichts mehr wissen. Ein latenter Fremdenhaß ist überall vorhanden. Allerdings tritt er nicht mehr in so drastischer Weise zu tage, wie in den Zeiten der trotzigen Zweischwerter-Männer, jetzt ist er meist unter einer glatten Decke verborgen.

Er lebt aber auch heute noch unter allen Volksschichten, weniger merklich im Innern, wo man demJnjindanna", dem Westherrn, immer noch mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit begegnet, stärker in den Jndustriebezirken und Hafenstädten, dort, wo Fremde und Eingeborene nebeneinander leben und in tägliche Berührung kommen. Schon die Straßen­jugend amüsiert sich damit, dem Europäer etwa nekobäba, Ketojin, ijinbaka (Katzenauswurf, haariger Barbar, West­narr) nachzurufen, und wenn dieser die Landessprache ge­nügend beherrscht, um ihre Nuaneen abzuschätzen, so wird er sich wundern, in welchen Ausdrücken der gegen Höher­stehende sonst so liebenswürdige Eingeborene oft von uns spricht.

Für einen Europäer ist es nicht ratsam, einen ruppigen Kuli zur Rede zu stellen, denn er hat zuweilen sofort die ganze Zuschauermenge gegen sich. Sobald es gilt, gegen einen Fremden Stellung zu nehmen, hält alles zusammen, wie ein Mann. Während meines Aufenthaltes in Japan wurde der englische Kapitän des Nippon Dusen Kaisha DampfersKobe Marn"" von einer Schar Matrosen und Kuli in seiner Wohnung nachts überfallen und mit Eisen­stangen zu Boden geschlagen, weil er nach der Landung zwei Kuli entlassen hatte, welche trotz wiederholter Verweise mit brennender Zigarette im Munde seine Befehle ent­gegenzunehmen pflegten. Damals wurde auch eine Schwei­zerin in ihrer Jinriksha von Soldaten mit Steinen und Kot beworfen, und vor einigen Jahren der russische Konsul Lo­banow, der in der Sommerfrische in Kamakura weilte, wiederum von Soldaten mit gezogenen Säbeln angegriffen. Auch einige Schweizer machten in Tokio ungefähr zur gleichen Zeit eine bezeichnende, trotz aller Komik unange­nehme Erfahrung. Sie wurden in einer Straße von einer Gruppe von Japanern, welche wahrscheinlich zu denJoshi", einem weitverzweigten Bunde politischer Rowdies zählten, umringt, und im Glauben, es seien Russen, mit Tätlichkeiten bedroht. Unsere Landsleute konnten sich nur dadurch wei­teren Belästigungen entziehen, daß sie der Aufforderung der Menge nachkommend, aus vollem Halse einDainippon banzai" es lebe Japan (wörtlich: Großjapan zehn­tausend Jahre) erschallen ließen. Trunkenheit, als mil­dernder Umstand, kann in solchen Fällen selten geltend gemacht werden, da der Japaner, wie alle Ostasiaten, ein ausgesprochener Temperenzler ist.

Dergleichen gröbere Angriffe sind ja glücklicherweise nicht gerade häufig, kleinere Ungezogenheiten erlauben sie sich> dagegen öfters und zeigen damit, welcher Geist unter dem Volke herrscht. Es ist dies besonders bedeutsam, wenn man berücksichtigt, mit welch ausgesuchter Höflichkeit die Japaner, selbst der niedrigen Klassen, untereinander ver­kehren. Auch Boykottierungen fremder Arbeitgeber kommen hier und da vor und bei jeden Anständen, welche der Fremde mit den Eingeborenen hat, wird ihm damit gedroht.

In den höheren Kreisen tritt diese Mneigung gegen uns naturgemäß weniger scharf hervor. Man hält sich aber gegenseitig ganz von einander abgesondert. Wo etwa

Fremde und Japaner zusammenwirken müssen, stellen sich über kurz oder lang Schwierigkeiten ein. Man kann jahre­lang mit einem Japaner verkehren, ohne ihm geistig näher zu kommen, und oft will es einem scheinen, es liege eine unüberbrückbare Kluft zwischen den beiden Rassen.

Tas Schlimmste jedoch ist, daß selbst die Regierung sich hin uni) wieder von diesem freindenfeindlichen Geiste leiten läßt. Wo es nur irgend geht, sucht man uns zu entfernen, und durch Eingeborene zu ersetzen. Lieber läßt sie jetzt ganze Delegationen sprachlich oft hilfloser Leute kostspielige Jnstruktionsreisen durch Europa und Amerika machen, als sachverständige Ausländer nach Japan zu berufen. In Handel und Industrie sind schon eine Reihe von japanischen Unternehmungen vermittelst reichlicher Subventionen groß- gezüchtet worden, und schädigen so bereits bestehende euro­päische Einrichtungen. Hiervon nur ein Beispiel. Der größte Ausfuhrartikel Japans betrifft Seide, die jährlich im Werte von 150200 Millionen nach Europa und Amerika versandt wird. Seit der Oeffnung Japans liegt dieser Handel, ganz in europäischen Händen, in erster Linie sind daran auch einige bedeutede Schweizerfirmen beteiligt. Dann traten Japaner auf und rissen bald einen großen Teil der Ausfuhr an sich Ihr rasch zunehmender Umsatz hatte, besonders in Anbetracht der keineswegs besseren japanischen Geschäfts­organisation, etwas Befremdliches. Man nahm deshalb an, allerdings ohne Beweise hierfür in Händen zu haben, daß jenen Häusern im Geheimen eine Rückvergütung des Export­zolles gewährt werde. Diesen Exportzoll er Betrug rund 23 Den per Pieul hob die Regierung vor einigen Jahren auf und bewilligte bann unmittelbar nachher eine Ausfuhr­prämie von 3050 Den, je nach der Qualität der Seide, was ungefähr drei Prozent auf dem Warenpreise aus­machte. Diese Prämie sollte jedoch nur an Japaner zur Verteilung gelangen, und zwar nur an solche, welche wiederum an japanische Firmen im Auslände exportierten. Um die Europäer zu verhindern, sich diese Subvention in irgend einer Weise zu nutze zu machen, wurden für die Erlangung der Prämien Atteste der japanischen Konsulate im Auslande vorgeschrieben.

Daraufhin drohte die französische und die. amerikanische Regierung mit Repressalien und bewirkte, daß diese Maß­regel noch vor Inkrafttreten zurückgenommen wurde. Wäre die Subvention in der angedeuteten Weise zur Verteilung gelangt, so hätte sie nach wenig Jähren den ganzen europäischen Seidenhandel in Japan vernichtet. Tie Eng­herzigkeit des beabsichtigten Prämiensystems wird dem Leser noch anschaulicher, wenn er sich vergegenwärtigt, die Schweiz wollte ihren Handel auf Kosten der hier ansässigen Aus­länder in ähnlicher Weise heben.

Mit dem im Jahre 1899 erfolgten Erlöschen der alten Niederlassungsverträge hat Japan nun die dort leben­den Fremden in eine Stellung gebracht, welche deutlich zeigt, wie wenig wohlwollend seine Haltung ist. England trifft die Schuld, daß die Sage der Ausländer eine so un­günstige geworden ist. Um einiger Zollpositionen willen sind alle unsere Vorrechte preisgegeben worden. Nachher blieb den anderen Staaten nichts mehr zu tun übrig, als zur Erlangung der gleichen Begünstigungen ihre Ange­hörigen ebenfalls fallen zu lassen. Jetzt ist der Ausländer berechtigt, das ganze Land ohne Paß zu durchziehen und erhält Jagderlaubnis. Dagegen hat er die hohen Landes- steueru zu erlegen und ist den japanischen Gerichten unter­stellt. Er trägt jetzt also dieselben Lasten wie die Ein­geborenen, hat aber nicht das Recht, außerhalb der alten Vertragshäfen Land zu kaufen, Landwirtschaft ober Berg­bau zu treiben, ober industrielle Unternehmungen zu gründen, uhne daß Japaner zur Verwaltung beigezogen werden. Er wird als Advokat nicht vor Gericht zugelassen und kann sich nicht naturalisieren, er lasse sich denn von einem Jpaner an Kindesstatt annehmen. Auch dann aber ist er für höhere Posten nicht wählbar, wie auch die zahl­reichen Mischlinge nicht wählbar sind. Eine Reihe ganz wesentlicher Rechte, welche man den Japanern in Europa ohne weiteres gewährt, ist uns also von Japan verweigert worden. Es ist dies eine Zurücksetzung, wie sie der Europäer, so viel mir bekannt ist, in keinem andern Lande erfahren hat. Ganz Japan war stolz, die Ausländer unter seine Botmäßigkeit gebracht zu haben; man feierte den Em rät in die neue Aera fast wie einen Sieg. Und das Resultat war, daß die Haltung der Eingeborenen anmaßender wurde und die Reibereien sich verschärften. Nun darf uns aber