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auch hierüber vermochte ich armes Landkiud keine rechte Auskunft zu geben, und schon begann Tizzie wieder mit ihren spöttischen Bemerkungen, als ihre Aufmerksamkeit zum Glück durch eine schmeichelhafte Bemerkung Mrs. Metcalfes über ein eben anfgetragcnes neues Gericht abgelenkt wurde, worauf sich zwischen den beiden ein lebhaftes Gespräch Über- Haushaltung und Dienstboten entspann.
„Hier in Indien", sagte Tizzie, „haben wir Hausfrauen es freilich weit besser als in Europa. Will mau ein Essen oder sonst ein Fest geben, so läßt man seinen Hausmeister kommen, teilt ihm das Vorhaben mit und sagt mit einer gebieterischen Handbewegung: „Bundobast kurru!" Damit ist alles abgetan."
„Was bedeuten diese rätselhaften Wortes" fragte ich meinen Nachbar.
„Einfach: Triff deine Vorbereitungen, und sie werden aufs pünktlichste getroffen, Sie dürfen mir's glauben. Die Hauptsache ist, daß man sich einen gewandten und zuverlässigen Hausverwalter zu verschaffen weiß, dann ist, man geborgen? Ich bin nämlich", fügte er, seine Stimme dämpfend, hinzu, „ebenfalls im Begriff, mich zu verheiraten, und erlaube mir, Ihnen diesen guten Rat zu geben."
„Ich nehme ihn auch dankbar an, obwohl wir auf unserer Plantage wohl kaum Gelegenheit zu viel geselligem Verkehr haben werden."
„Eine Plantage!" wiederholte er verwundert. „Sie sehen eher aus, als seien Sie für die große Welt geschaffen."
„Kommt Ihre Braut ebenfalls von England?" wagte ich zu fragen.
„Nein, Sie wohnt in Kalkutta, wo ihr Vater Beamter beim Finanzministerium ist. Voriges Jahr lernten wir uns in Simla kennen. Leider bin ich niemals mit Ihrem Mr. Thorold zusammengetroffen, dagegen kenne ich seinen Vetter im Zivilstaatsdienst recht gut. Er ist ein vorzüglicher Polo- spieler und bildhübscher Mensch dabei außerordentlich tüchtig in seinem Beruf."
Da mußte ich also schon wieder eine Lobpreisung jenes anderen Thorold mit anhören, den ich wie ich deutlich fühlte, allmählich geradezu zu hassen begann.
„Einen anderen Thorold lernte ich auch einmal hoch oben in Tirhut oberflächlich kennen", fuhr Hauptmann Mail- lard fort, „der aber einen rechst schlechten, heruntergekommenen Eindruck machte. „Natürlich kein Verwandter?"
„Nein, hoffentlich nicht."
„Sind Sie musikalisch? Lieben Sie die Musik?" wandte sich mein Nachbar nach kurzer Pause wieder an, mich.
„Ja, Musik liebe ich über alles."
„So geht es auch mir", erwiderte er mit unerwarteter Wärme, worauf sich ein äußerst lebhaftes Gespräch zwischen uns über diesen Gegenstand entspann.
Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Kaum waren wir Damen dann im Salon angelangt, so kam Miß Flasham mit freundlichem Lächeln auf mich zu.
„Sie haben sichrer schon erfahren, daß ich eine Ihrer Brautjungfern sein werde. . . ich die ich noch nie ein Wort mit Ihnen gesprochen habe! Das kommt Ihnen gewiß seltsam vor?"
„Nicht mehr als alles aridere aud); denn mir erscheint vorläufig noch alles seltsam hier."
„Cie wissen natürlich wie die Hochzeitsfeier vor sich gehen soll?"
„Nein, es war noch keine Zeit, mir das Nähere mitzuteilen."
„Wirklich? Mrs. Hassall versteht sich nämlich vorzüglich auf die Veranstaltung solcher Feste; niemals fehlt es ihr au neuen Ideen. Am Samstag um halb drei Uhr soll also die Trauung stattfinden . . . Wie drollig, daß ich, eine Fremde, Sie, mit den Einzelheiten Ihrer eigenen Hochzeit bekannt machen soll! Unmittelbar an die Trauung schließt sich nach der üblichen Gratulationskour das Gartenfest an. Um fünf Uhr werden Sie abreisen. Von Dola aber haben Sie doch gewiß gehört?"
„Nein, ist das etwas zu essen?"
„Du liebe Zeit, nein." Sie lachste laut auf. „Dola ist der Name eines indischen Palastes, den sein Besitzer an junge Ehepaare während ihrer Flitterwochen vermietet. Fast sämtliche junge Paare unseres Bezirks verbringen dort ihren Honigmond . . . Mr. Maxwell Thorold ist der erste Brautführer."
„Warum denn gerade Mr. Thorold?" fragte ich ärgerlich.
„Weil er eine der bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Stadt und der Vetter Ihres Bräutigams ist."
„Ja, ja, ich habe schon zur Genüge von ihm gehört", versetzte ich abwehrend. „Tizzie hat mir vor Tisch von ihm erzählt."
„In ihren Augen gibt es nämlich seines gleichen nicht mehr auf der Welt. Und er ist auch in der Tat sehr nett, obgleich ich in meiner Begeisterung nicht so weit gehe wie Mrs. Hassall, die behauptet, er habe ein goldenes Herz und einen eisernen Willen."
„Wie lächerlich! Und er hat am Ende auch einen silbernen Kopf und eine stählerne Hand, oder ist er nur ein ehernes Götzenbild mit tönernen Füßen?" spottete ich bitter.
„Noch nicht ein einziges silbernes Härchen hat er unter seinen rabenschwarzen Locken, und was seine Füße anbelangt, so sind die auf dem besten Wege Karriere zu machen. Wem das Glück beschieden ist, Mrs. Thorold zu werden, die wird wohl eines Tages als Gattin eines Vicegouverneurs erwachen."
„Ach, verzeihen Sie, wenn ich störe", unterbrach uns Tizzies laute Stimme, „allein ich weiß, daß Sie Klavier spielen, Pamela. Deutlich hörte ich Sie bei Tisch mit Hauptmann Maillard über Grieg und Bendel debattieren. Kommen Sie, bitte, und spielen Sie etwas, was Sie wollen. Tie Hauptsache ist, daß die Herren dadurch hereingelockt werden, denn ich rann es nicht ausstehen, wenn sie so lange zusammenscheu und rauchen. Tie Zeit vergeht, wir müssen uns ohnehin bald auf den Weg machen."
Widerstandslos folgte ich ihr zu dem prachtvollen Bech- steinflügel, streifte meine Armbänder ab und begann, wie verlangt, zu spielen — um die Herren herbeizulocken! Nervöse Aengstlichkeit beim Spielen war mir von jeher fremd. Sobald meine Finger die Tasten berührten, war jede Erregung verschwunden; auch hatte ich in München häufig in Schülerkonzerten vor einem kritischen Publikum gespielt. Nach" einem kurzen Vorspiel ging ich in das Vogelmotiv aus Siegfried über, dann folgte ein norwegisches Lied und endlich Bendels Sonntagmorgen. Ich fühlte mich meiner Umgebung entrückt und vertraute dem Klavier, wie einem lieben Freunde, meine Enttäuschung, meine Sorgen und Befürchtungen an. Endlich hielt ich inne und sah über die Schulter zurück. Tie Herren waren richtig dery Rufe gefolgt, und auch die Tameu hatten sich von ihren Sitzen erhoben. Eine lange, schmeichelhafte Stille folgte, und dann brach der Beifall los, ach, nur viel zu viel."
„Ich. hatte keine Ahnung, daß Sie so vollendet spielen!" ries Tizzie. „Welcher Jammer, daß diese Kunst, die hier so nützlich wäre, auf einer Teepflanzung begraben werden soll!"
Hauptmann Maillard, Miß Flasham und die übrigen überschütteten mich nun ebenfalls mit bewundernden Bemerkungen und Dankesworten und suchten mich noch einmal zu überreden, sie auf deu Ball zu begleiten.
„Ach ja, kommen Sie doch mit", bat Miß Flasham. „Es ist ja zu traurig für Sie, allein hier zu bleiben."
„Wer weiß, ob sie lange allein sein wird!" fiel Tizzie mit vielsagendem Lachen ein. „Hier sind übrigens schon die Wagen. Eilen wir uns, sonst kommen wir zu spät., Ich habe den ersten Tanz vergeben, und der Ball beginnt pünktlich um neun Uhr."
Mährend die Gäste eilig das Haus verließen, kam Tizzie in ihrem langen Abendmantel noch einmal zu mir zurückgelaufen und sagte:
„Nun, also, gute Nacht, meine Liebe. Ich lasse das Haus unter Ihrem Schutzs! Bleiben Sie nicht zu lange auf, ivenn Sie müde sind, denn ich glaube nicht, daß er diesen Abend noch kommen wird."
Eine kurze Pause folgte, dann fügte sie, mir auf den Arm tätschelnd, hinzu: „Sie sind wirklich ganz anders, als ich Sie mir vorgestellt habe!"
Damit huschte sie eilig davon.
(Fortsetzung folgt.)
Japanischer Khauvinismus.
(Aus den „Basler Nachrichten".)
Es ist eine bekannte Tatsache, daß sich bei vielen Kriegen die öffentliche Meinung von vornherein auf die Seite des Kleinern stellt. Auch jetzt sind nicht nur in England, wo politische Erwägungen mitspielen, sondern auch


