Ausgabe 
16.1.1904
 
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aus feilten mächtigen Terrassen wie auf Felsen über einem Abgrund stand.

Tie Campagna bekleidete sich mit ihrem dichten Winter­kleid und hatte darin die Majestät einer Königin.

Jetzt die Olivenernte!

Tie lichten Zweige dieses lieblichsten Baumes des Südens hingen mit den kleinen schwarzen blanken Früch­ten beschwert; und eine Schar junger Mädchen in Hellen Kleidern und roten Kopf- und Brusttüchern pflückte sie. Im Laube erschallten ihre endlosen Lieder, daß der ganze Oelwald von Sang und Schall ertönte.

Frühling! Römischer Frühling!

Tie gute, holde Göttin, die mir täglich an der Decke meines Zimmers erscheint, schwebte über der Campagna und ihr belebendes, verjüngendes Lächeln verwandelte die feierliche, königliche Landschaft in eine Bacchantin. Selbst eie aus gesogene Ackerscholle erstickte schier unter Blüten. Ueber die Steppe reitend, versank mein Pferd in der Ueppig- keit. Auf den Höhen ringsum Felder gelber und weißer Narzissen, Felder weißer und blauer Schwertlilien.

Asphodelenwieseu!

Tas antike Gemäuer leuchtend von Goldlack, die Gräben mit Cistusrosen gefüllt. Rosenhecken, Geißblatthecken! Hohe Wände von Gaisblatt und Rosen! In dem jungen Grün der Kastanienbüfche rote Päonien und Kaiserkronen. Haine von blühendem Weißdorn. Wälder von Goldregen. Jede Ruine ein Blumenberg, jede Furche ein Blütendach, jede Wiese ein Garten.

Tie Veilchen von Tusculum!

Und dann die Pracht des blühenden Ginsters . . .

Und aus Frühling ward Sommer.

Ter rote Mohn trat seine Herrschaft an. Feld und Miese, Ebene und Höhen erglühten.

Um jeden Oelbcium wand sich ein großer Kranz der roten, schönen Blumen, deren Gluten die alten, verkrüppel«- ten und verasteteu Stämme wie aus Silber ciseliert ent­stiegen, dicht bedeckt mit bläulichen und grünlichen Flech­ten, daß sie wie oxydiert erschienen. Welche Herrlichkeit, als die leuchtenden Zweige sich über, und über mit feinen, silberhellen Blüten bedeckten!

Tie Blüte der Olive war die letzte schöne Fruchtblüte des Jahres. (Fortsetzung folgt.)

Maudereien aus der Kaiserstadl.

(Nachdruck verboten.) Berliner Eisbahnen und ihre Opfer. Genialer Nachwuchs. Kollektenschwindler und andrer Hausier-Unfug.

Tie paa- kalten Tage in der ersten Januarhälfte haben bei der Berliner Jugend einen Hellen Jubel aus gelöst; denn an der sportlustigen Spree huldigt man dem gesunden Vergnügen des Eislaufs mehr als anderswo. Schlittschuh- geklirr in den Straßenbahnen, im Eifenbahnkoupee und im Omnibus! Alle Backfische sind mobil gemacht, um sich rote Wangen zu holen und vielleicht ein harmloses, aber doch furchtbar interessantes" Abentenerchen mit irgend einem verliebten Jüngling zu erleben; ganze Schplklasfen pilgern hinaus aus der stickigen Luft der großen Häuserwüste in die Vororte, um die nicht immer zu übende Kunst zu pflegen. Väter mit ihren Töchtern, ja vollzählige Familien tauchen auf, von der Schwiegermutter an bis herab zum jüngsten Sprossen, der ans der Schiefertafel noch nichts, auf dem blanken Eise aber womöglich schon eine tadel­lose Acht zu ziehen im stände ist. Und nun gar erst am Sonntag, wo die Kerkertüren fleißiger Näherinnen sich öffnen, wo die Riesenbazare ihr Heer von jungem, abge­spanntem Menschenvolk nicht hinter den Ladentisch bannen, wo die Räder der Fabriken rasten und die lärmenden Ma­schinen in gespenstigem Schweigen stehen; wo die Kontor- fchemel geschont werden wie kranke Gäule, und selbst die Kasernen ihren strammen Jungen aus dem Osten und Westen einen freien Nachmittag gönnen. Alle Nsb ahnen sind überfüllt und vor lachendem Jubel und surrendem Schwatzen hört man- kaum etwas von den schmetternden Trompeten und quietschenden Klarinetten, die zum Eis­lauf aufspielen! Solcher Eisbahnen gibt es in Berlin und in den Vororten eine Unzahl. Wo ein unbenutzter Bauslick mit erträglichen Bodenverhältnissen vorhanden ist, findet sich auch! eine spekulative Seele, die Wasser daraus ge­frieren läßt und das Geschäft eröffnet. Eintritt 30, 40 oder 50 Pfennige, Kinder die Hälfte. Anschnallen einen

Nickel, Abschnallen dito. Glühwein in allen Stärkemisch­ungen, Bier und warme Würstchen sind auch zu haben. Sag, Liebchen, was willst Tu noch mehr?" Es hätte wirk­lich niemand nötig, hinaus auf die Spree oder Havek und ihre Seenkette zu laufen, der nicht ganz genau Be­scheid weiß. Aber die Unglücks.lige Berliner Waghalsigkeit, die alles versteht, alles besser weiß und Warnungen für Philistergerede hält, muß sich auch im Winter betätigen. Tie Segler-Unglücksfälle der Sommersonntage brauchen'ein Pendant, und so geschieht es in jedem Jahre aufs neue, »daß Eisläufer sich auf Strecken wagen, die sie nicht kennen, die womöglich als unsicher kenntlich gemacht oder direkt verboten sind und einbrechen! Tie Mehrzahl kommt mit einem Katarrh und dem Schrecken davon. Aber etliche müssen dabei doch das Leben lassen, das junge, blühende Leben, mit tausend Aussichten und Freuden! Ain letzten Sonntag waren es sechs! Natürlich erhebt sich ein Lamento gegen die Behörden, die nicht genug Vorkehrungen getroffen hätten, derlei zu verhindern. Und was uns not tut in diesem Falle, ist ja ganz sicher eine einheitliche Regel­ung der betreffenden Verordnungen, Warnungszeichen ic. Tie vielen beteiligten kleinen Gemeinden gehen vorläufig ihre eigenen Wege und kümmern sich oft nicht int geringsten um die Signalwahl ihrer Nachbarn. So kann es kommen, daß hier ein zu empfehlender sicherer Eisweg für Schlitt­schuhläufer mit Tannenzweigen abgesteckt wird, während eine halbe Stunde weiter Tannenzweige gewählt sind, um vor einer gefährlichen Stelle zu warnen. Zweifellos sind das Verhältnisse, die einer einheitlichen Reformierung be­dürfen. Aber die Hauptsache bleibt trotzalledem doch die nicht zu ändernde, weltbekannte Vorwitzigkeit des Spree- Atheners, die nach wie vor auch auf diesem Gebiete dafür Sorge tragen wird, daß man am Montag morgen sich die Stimmung verdüstern lassen muß, wenn man die Zeit­ung zur Hand nimmt!

Unter dem Schwarm der diesjährigen Neujahrsgratu- lauten, die sich noch immer nicht ganz verlaufen haben, waren auch ein paar junge Usurpatoren, die sich! in Schöne­berg damit beschäftigten, den Zeitungsfrauen in aller §err= gottsfrühe das einträgliche Geschäft des Glückwünschen^ abzunehmen. Mit dem gedruckten Gratulationsgedicht aus­gerüstet, das man als ersten Gruß der Musen im neuen Jahre niemals auf nüchternem Magen genießen soll, klopf­ten sie Tür bei Tür an und hielten im Auftrag ,der kranken Mutter" die Hände auf. Es soll eine ganz nette Ernte ge­wesen fein, die sie auf diese Weise eingeheimst haben. Unb niemand hatte eine Ahnung, wer diese geriebenen Tauge­nichtse gewesen waren. Mer die Polizei hat offenbar Glück im neuen Jahre. Ihre Nachforschungen brachten es ans Licht, daß der psiffifche Schwindel von den Söhnen eines in jüngster Zeit viel genannten, gefangen gesetzten, wieder aus- gerissenen und endlich aufs neue ergriffenen Wilddiebes in Nowawes inszeniert war. Was kann aus diesem genialen Nachwuchs noch alles werden! Tenn sie gehören zu denen, die nicht vergehen. Tas dünnste Eis trägt sie, jede Krank­heit geht am ihnen vorüber.Wat hängen soll, versupt nicht" wie der Volksmund mit seinem derben Humor sagt. Aehuliche Gaunereien blühen übrigens augenblicklich in ganz ausfälliger Weise. Gefälschte Versicherungsquittungen wer­den präsentiert und in gutem Glauben eingelöst. Ein anderer kassiert mit Biedermaier-Mienen Bereinsbeiträge. Eines dritten Spezialität ist der Vertrieb frommer Schriften und Bilder, die nie geliefert werden; es ist ihm eben um die Anzahlung zu tun. Wieder andere sammeln freiwillige Bei­träge für ein Rettungshaus oder kommen mit einer quit­tierten Buchhändlerrechnung zum Dienstmädchen, das das sauber verschnürte und richtig adressierte Paket für ihr bereitwillig ausgelegtes Geld ohne jeden häßlichen Ver­dacht in Empfang nimmt, bis sich bei Heimkunft der Herr­schaft zu ihrem Entsetzen herausstellt, daß statt der ver­meintlichen Bücher ein schöner roter Ziegelstein in denk famosen Paket liegt! Man kann, es verstehen, daß eine ganze Reihe von Herrschaften heuer jedem Köllektantech, jedem unbekannten Hausdiener mit einem quittierten Papier in der Hand die Tür vor der Nase Anschlägen und lieber per Postanweisung erledigen, was sie gemeinnütziaen Bestrebungen an Beiträgen zugedacht haben oder ihren Lie­feranten schuldig sind. Das alte Wort des PublitiuA Syrus:Bis bat gut cito bat" käme sonst vielleicht in ganz ironischer Weise toieber einmal zur Geltung:Doppelt gibt, wer (allzu) schnell gibt!" A. R.