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Am Abend kamen Herrn Marianos Gä'te, die gewöhnlichen, eleganten römischen Tandies. Ich befand mich auf meinem Balkon, als sie eintrafen. Herr Mariano hatte sich nach der Billa Lucida begeben, einem bei Monte Porzio Catonen gelegenen Landhause, dessen Bignen und Oliveten er vor kurzen: gepachtet hatte. Er war noch nicht zurückgekehrt.
Aber seine Frau empfing die Herren.
Sie hatte für sie sogar Toilette gemacht.
Tie Gesellschaft blieb im Freien unter den Steineichen und war in fröhlichster Laune. Alle schienen der schönen Frau zu huldigen: in der dezenten, chevaleresken Weise, wie sie meinen Landsleuten eigen ist — was sie nicht hindert, bei Gelegenheit die brutalsten, gewissenlosesten Schurken zu fein. Alerdings bewegte sich Frau Mariano mit der Haltung einer Fürstin unter den jungen Leuten, daß es selbst dem Frechsten schwer gefallen wäre, ihr anders als wie einer Dame zu begegnen. Und doch war ich erregt und konnte die Augen nicht abwenden von der hohen, schlanken Frauengestalt, als müßte ich sie bewachen und bewahren. .
Es schien mir, als läge es in Frau Marianos Absicht, die Gäste ihres Mannes in dessen Abwesenheit nicht in die Villa zu führen, sondern ihn im Freien zu erwarten. Und ich glaubte mich in der Annahme nicht zu täuschen, daß Herr Mariano feine Frau absichtlich so lange mit den Fremden allein ließ.
Es wurde dunkel.
Ein Gewimmel von Johanniskäfern erfüllte den Park und gaukelte über Terrasse und Rosengarten, daß in dem Meere hin und her zuckender Flämmchfin die Farben der blühenden Büsche auftauchten.
Frau Mariano ließ Windsichter bringen, welche die schwarzen, wie Ungetüme sich windenden und emporbäumenden Eichenstämme rot erglühen ließen und Glanz auf die moosigen Steinsitze warfen.
Ich wich nicht von meinem Beobachtungsposten und sah, wie, die Gesellschaft in einem Boskett hoher Buchsbäume sich gruppierte, die zusammen mit Lorbeer und Laurus das Unterholz bildeten.
Was sprach sie wohl mit jenen glänzenden, inhaltsleeren Menschen?
Schwerlich würde sie ihnen die Geschichte jener Ottavia Dacchetti erzählen!
Mer mir hatte sie die Tragödie erzählt, und zwar gleich in der ersten Stunde, als hätte sie gleich gefühlt: dieser wird Dich verstehen! Und ich«, der ich mich für einen Dichter gehalten hatte, äußerte mich zu ihr, als vermöchte ich nicht in die dunkle Tiefe einer beleidigten, stolzen und leidenschaftlichen Frauenseels zu dringen.
Jetzt vernahm ich Hufschlag. Herr Mariano galoppierte durch das Tor, gefolgt von zwei gleichfalls berittenen Knechten, die große Körbe vor sich hielten.
Er schwang sich vom Pferde, warf den Hut ab, schüttelte die Locken aus der Stirn und ließ sich die Körbe reichen, deren Inhalt er auf den Rasen, mitten unter seine Gäste schüttelte. Fröhlich wie ein Knabe rief er:
„Ich bringe Euch die Kirschen Luculls !"
Er stand unter den erleuchteten, smaragdgrün schim- Mernden Buchsbäumen und sah lachend zu, wie die jungen Leute gleich römischen Straßenjungen, denen ein freigebiger Ausländer eine Handvoll Kupfer zuwirft, um die .Kirschen sich balgten. Seine Frau war zurückgetreten und hob sich wie eine Erscheinung von dem dunklen Hintergrund ab. Wer die beiden jetzt sah, mußte sie für das schönste und glücklichste Menschenpaar halten: schien doch der Himmel diesen herrlichen Mann eigens für diese herrliche Frau geschaffen zu haben.
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Auch junge Künstler kamen jetzt häufig zu Herrn Mariano. Er veranstaltete mit ihnen Feste, die einen beinahe hellenischen Charakter annahmen. Ter Chpressenteich und den Steineichenhain bildeten zu diesen Schaustellungen eine ideale Szenerie.
Tie Künstler brachten aus Rom ihre Modelle mit, die schönsten jugendlichen Menschengestalten. Sie wurden in antike Gewänder gesteckt, darin sie sich so zwanglos wie in von Kindheit an getragenen Kostümen bewegten. Tie jungen Leute warfen Diskus, machten gymnastische Uebuugen und führten Ringkämpfe auf. Oder die Bildhauer stellten mit
dem prächtigen lebenden Material Gruppen, die Maler Genrebilder, und die Zuschauer klatschten laut Beifall.
Auch Frau Mariano wurde zu diesen plastischen und malerischen Darstellungen zugezogen und — sie ließ es geschehen! Tie entzückten Künstler drapierten sie in weiche weiße Stoffe und gaben ihr die Pose einer Pudicitia, einer Priesterin, einer Niobide.
Willenlos, wortlos ließ sie's geschehen!
Einmal ereignete sich eine solche Profanation der schönen, unglücklichen Frau vor meinem Fenster in dein Rosengarten.
Es war im Hochsommer, alle Bluinen waren längst verdorrt. Aus dem gelben Grase erhob sich ein Wald von hohen Juccastauden mit schlanken, schneeweißen Blumen- dolden. Tie lichten Mütenschäfte zu sehen, wie sie gegen den flammenden Abendhimmel sich abhoben, wie sie dann langsam, langsam in Dämmerung sanken und allmählich von der Finsternis ausgelöscht wurden, war für mich täglich ein neues köstliches Schauspiel.
In einer strahlenden Vollmonduacht also stellten die Künstler mit Frau Mariano in deut von Johanniskäfern durchfunkelten Juccafelde „lebende Bilder". Von meinem Balkon aus sah ich's mit an. Ich sah unter den weißen Riesenblumen ihre weiße, regungslose, hilflose Gestalt.
Sie wußte gewiß, daß ich verstohlen zufchaute; aber sie dachte wohl nicht, daß ich um sie litt.
Ich litt um sie in einer Weise, daß es mir physischen Schmerz verursachte.
Sie tat mir so leid, so leid!
Zum zweitenmale erlebte ich in der Villa Fäloonieri den Reigen der wechselnden Jahreszeiten.
Ter Sommer verbrannte das Gras unter dem dich^- testen Baumschatten, verdorrte jede Blume, überzog alles Laubwerk mit einer dichten grauen Staubkruste, umwölkte den Himmel mit den Gluten des Tages, daß die versengte Steppe, der schimmernde Meeresstrand und das leuchtende Sabinergebirge durch allen Tunst und Qualm nur in zarten, kaum erkennbaren, wie hingehauchten Umrissen sichtbar wurden. Tage, wochenlang war unsere Höhe wie. von einem fahlen Wvlkenkreis umgeben.
Wie der Rauch eines Weltenbrandes schlug es rings um uns empor.
Tag und Nacht schrien die Cicaden in den Olivenhainen.
In der Villa war es bei geschlossenen Jälousieen dämmrig und kühl. Vor den Türöffnungen hingen farbige Netze; und erhob sich gegen Mittag der Meerwind, blies er lustig durch das ganze Haus.
Es kamen die ersten Herbstregen, die dem Lande einen zweiten Frühling und der Bevölkerung die Malaria bringen. Um den Würgeengel zu scheuchen, brannten über Nacht in der Campagna große Feuer, an denen die zu Tode ermatteten Arbeiter ruhten. Tie Steppe war bedeckt mit solchen Flammensigmalen: „Hier schlummern arme erschöpfte Eroensöhne! Mordet sie nicht im Schlaf! Der Schlaf des müden Menschen sei heilig!"
Bisweilen griffen die Feuer um sich. Sie erfaßten ein Feld, sie entzündeten den Buschwald. Dann wälzte sich eine lange Rauch- und Flammenkette tagelang über die Hügel.
In den Albanerbergen begann die bacchische Erntezeit: das Land strotzte von köstlicher Fruchtbarkeit. Die schönen, silbergrauen Rinder führten die Traubenlasten zu den Keltern, und der schrille Gesang der Mnzer übertönte selbst den Lärm der Cicaden.
Ilster den Steineichen blühten nach einmal die Cyclamen, in der Villa noch einmal die Rosen, am Cypressen- teich der Ginster.
Tas Laub der Kastanien färbte sich rot und immer röter, bis der ganze herrliche Berg Cayo dastand iit dunkle, leuchtende Purpurfarbe gehüllt.
Tie Sonne ging nicht mehr über Rom unter; sondern' sie versank in flammender Herrlichkeit wieder in den Meeresfluten.
Frühmorgens schien die Campagna in einen ungeheueren Nebelfee verwandelt, dessen wogenden Wellen die Berggipfel wie Eilande entstiegen. Und wie ein Eiland schwamm auf den Wolkengewässern die Peterskuppel.
Es wurde kalt.
Tag und Nacht fuhren Stürme um das Haus, das


