Samstag den 16. Januar.
1904.
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(Nachdruck verboten.)
Wssa Jafconieri.
Von Richard Voß.
Erster Band.
(Fortsetzung.)
Auffällig wurden indessen sogar mir Besuche aus Rom, die jetzt häufig kamen. Und zwar waren es stets nur Herrenbesuche. Es waren meist sehr junge, sehr elegante Herren, die sich in der Villa wie zuhause benahmen. Ich erfuhr, daß Herr Mariano dieser heiteren Gesellschaft opulente Gastmahle gab, bei denen es ziemlich heiter herging. Er hatte den Takt, mich niemals zu einem solchen Symposion auf- zusordern.
War Frau Mariano dabei?
Diese Frage beschäftigte mich sehr; und die Vorstellung ihrer stummen blassen Gegenwart bei der Gesellschaft der jungen Lebemänner erregte mich ungewöhnlich stark. Mehr als das! Ich fühlte dabei etwas wie Empörung über eine neue, dieser Frau zugefügte Schmach Da ich von der Dienerschaft niemand, auch nicht meinen treuen Domenico aushorchen wollte, so blieb ich in einer Ungewißheit, die mich entschieden peinigte.
Eines Sommertags hatte ich, den Park durchstreifend, mich ermüdet unter den Ginsterbüschen niedergelegt, die den braunen. Tufffelsen unterhalb des Cypressenteiches bedeckten. Wie aus einem märchenhaften Gefilde stiegen die finsteren Bäume in den glanzvollen Himmel empor. Es regte sich kein Lufthauch, Selbst das bewegliche Völklein der Lacerten hielt ujnter den strahlenden Zweigen Mittagsruhe. Ter Ginster strömte Wohlgeruch aus, und Duft uni) Stille schläferten mich ein.
Da hörte ich. wie im Traume von den Cypressen her die Stimme Herrn Marianos und seiner Frau.
„Tu willst heute wieder nicht kommen?"
„Nein."
„Tu mußt!"
„Ich komme nicht."
„Wir müssen das Geld haben."
„Du mußt das Geld haben."
„Wir sind am Ruin."
„Meinetwegen."
„Vollständig."
„Und das Kind?"
„Es soll nicht notleiden."
„Willst Tu es davor schützen?"
„Ich werde für mein Kind arbeiten."
„Tu bleibst nur des Kindes willen bei mir?"
„Nur deshalb."
Jetzt schlägt er sie gewiß, dachte ich, blieb iedoch in meinem Halbschlummer rubig liegen.
Er schlug sie nicht. Mit unterdrückter Stimme sprach er weiter.
Ich wollte aufstchen und davongehen, um nicht länger den Lauscher zu machen. Aber ich rührte mich nicht. Auch vernahm ich jetzt nur undeutliches Reden, davon ich die Worte nicht verstand. Da war mir's, als hörte ich Herrn Mariano meinen Namen nennen.
„Die liebst diesen Phantasten, diesen Halbnarren." Was bedeutete das?
Der Halbnarr war entschieden ich. Und den Halbnarren sollte sie lieben! . . . Herrn Marianos Frau, die schöne, unglückliche Maria mich lieben?!
Jetzt war ich erwacht.
Die Lacerten, die sich neben mir gesonnt hatten, schlüpften davon: es raschelte im Laubwerk, daß ich erschrak. Anfgerichtet, mit angehaltenem Atem, lauschte ich
Was würde sie antworten?
Nein, ich wollte nicht hören!
Ich warf mich auf den Boden und legte den Arm über den Kopf.
Ich hörte nicht, was sie antwortete.
Als ich mein Gesicht erhob, schien die Unterhaltung der beiden beendigt zu sein. Ich vernahm nur noch die letzten Worte:
„Also Du wirst heute vernünftig sein und kommen?" „Ja."
„Sonst soll Tein Graf —"
„Ich werde kommen."
Herr Mariano entfernte sich — nur er! Nach einer Weile hörte ich ihn im Hofe nach einem Knechte schreien, der ihm sein Pferd bringen sollte. Frau Mariano war zurückgeblieben, wahrscheinlich mit ihrem Kinde. Sollte ich jetzt aufstehen imb davongehen? Oder sollte ich--Un
möglich! Was hätte ich ihr auch sagen können? Es war unmöglich- daß sie mich liebte: diese Frau mich, den Träumer, den Phantasten, den „Halbnarren"! Und wäre es wirklich möglich gewesen, so war sie die Frau des Herrn Mariano. Und wenn es wirklich möglich sein sollte, so — liebte ich sie nicht wieder.
Was ich sür sie empfand, war höchstes Mitleid, diese stärkfle, selbstloseste, edelste Empfindung im Herzen des Mannes. Mitleid kann den Schein der Liebe annehmen; aber niemals zur Liebe selbst werden.
Niemals!
Ich hatte mich erhoben, ich wollte mich fortschleichen, mit fieberschwerem Haupt und müden Gliedern. Aber wie festgebannt blieb ich stehen, denn über mir, unter den Cypressen hörte ich krampfhaftes Weinen, ersticktes Schluchzen, den Ausbruch eines Jammers, wie ihn nur eine Frau fühlen kann.
Ich stürzte nicht hinauf, fiel vor der Aermsten nicht nieder, riß nicht ihr armes, blasses, tränenüberströmtcA Antlitz an meine Brust; denn:
Es war ja nur Mitleid, nur Mitleid!


