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die wahrhaft noblen Quartiere, in das Westend des Westends, So fällt dir Buntheit der Lüden fort, aber endlos ziehen sich nun >ie Wohnungen der reichen Leute hin. Mau kann von diesen Wohnungen nicht behaupten, daß sie int einzelnen besonders schön oder besonders imposant sein, aber ihr gemeinschaftliches Auftreten (20, 40, selbst 100 solcher Wohnungen bilden oft ein riesiges Ganze, das nun aussieht etwa wie das Berliner Schloß, nur ost noch mal so groß) erzeugt in dem Vorübergehenden die Vorstellung, daß er eine endlose Stadt von Palästeir passiere. Ja „endlos", und das ist die zweite Seite, wodurch diese westlichen Stadtteile Loudons wirken. Man stutzt schon, wenn man stundenlang die Quartiere armer Menschen durchwandert; aber daß dies London auch Stadtteile Hat, wo man stundenlang au den Palästen steinreicher Leute vorüberschreiten utuß, das ist mehr als alles andere angetan, einem eine Vorstellung von der Macht dieser Stadt und Englands überhaupt zu geben.
N a ch s ch r i f t. Wie es immer geht, wenn ich ein Urteil ausgesprochen habe, so auch diesmal kaum steht es da, so fang' ich an, die Richtigkeit zu bezweifeln. Gesternt, nachdem ich den vorstehenden Brief an Tich g-eschrieben hatte, begab ich mich wieder (aus purer Langeweile) mif die Boulevards. Es !var Sonntag und das Leben auf den Straßen doppelt rege und lebendig. Die Boulevards mit ihrem Lichtmeer nnb der dichtgedrängten Menschenmasse gaben eilt täuschend ähnliches Bild von unseren „Linden", wenn Königs Geburtstag ist und Illumination und Feuerwerk. Was wir alle Jahr an Licht und Menschen mal zusammensehen, das sieht man hier alle Tage; außerdem sind die Boulevards von der Madeleinelirche bis zum Bastilleplatz viermal so lang wie unsere Linden. Auch London hat in Bezug auf Cafs- und Kneipenleben nichts entfernt Aehn- liches anfzuweisen. Bis gestern kannte ich nur die Kneipenmasse als solche und war durch die Menge, die Ueberzahl derselben eher verstimmt als' befriedigt. Ich dachte bei mir: Sechs ordentliche Restaurants wären besser als «diese 300, unter denen die meisten nichts taugen. Gestern Bin Id) nun aber dahintergekommen, daß diese Lokale doch größer, reicher, gediegener sind, als ich's bis dahin geAaubt hatte. Tie Zimmer ziehen sich oft durch zwei, drei Etagen, und man muß überall gewesen sein, um über ein solch Etablissement ein richtiges Urteil zu fällen. Ich aß gestern int Cafs Riche, einem der besten Restaurants am Boulevard des Italiens, und muß einräumen, daß alles vortrefflich war — schmackhaft, kräftig und reiche Auswahl. Tas Fehlen der letzteren ist der große Uebelstand der englischen Küche, immer und ewig dasselbe. Teuer ist es natürlich über die Maßen, und selbst die Londoner Preise verscOvinderr dagegen. Ich hatte Suppe, Filet, Fisch, Huhn und eine halbe Flasche Bordeaux; ich bezahlte dafür elf Francs, also ca. drei Reichstaler.
Ich schreibe Tir das so ausführlich, lveil Dich alt so was interessiert; — ich schreib' es aber hauptsächlich, um daran die Bemerkung zu knüpfen, tote mir nun allgemach klar wird, daß die Fremden und die Engländer selbst das Pariser Leben dem Londoner so unendlich vorziehen. Gestern toar Sonntag; wenn ich einen englischen Sonntag dagegen halte: welche furchtbare Oede und Langeweile! Aui den Boulevards aber lachten und scherzten gestern viele Tausende; vor den blitzenden Cafss saß man im Freien und dampfte die Zigarre und spielte Domino; drinnen klapperten unaufhörlich die Kaffetassen, und oben hörte man die Billardbälle hin- und herfahren und das dixhuit ä hua- rante des Kellners. Ich persönlich mache mir nicht viel aus diesem Schwindel, aber es gibt doch ein hübsches Bild, und ich lerne begreifen, daß andere dafür schwärmen können."
Vermochte».
* Wie der Kaiser in Rominten Instruktions- stunde erteilte, wird in der „Magdeb. Ztg." erzählt. Arn vergangenen Tienstag waren die Ehrenkompagnien vom 33. und 44. Regiment aus ihren Kantonnementsquartieren nach Teerbude abmarschiert. Um 12 Uhr trafen die 33 er bei Jagdhaus Romin- ten ein und rückten sofort in die für sie befohlene Parade- nufstellung vor dem Jagdhaufe des Kaisers; vor dem Hause der Kaiserin standen die 44 er. Nach dem Abschreiten der Front, wobei die beiden Flügeladjutanten Oberstleutnant v. Plüskow in Ticnstuniform und Major Graf v. Schmettow in Jagduni- form den Kaiser begleiteten, prüfte der Kaiser, der wie hier immer seine Jagduniiorm trug, die Mannschafteu in „Instruktion" und „Intelligenz". Tabei sind sehr lustige Geschichten passiert.
Ter Kaiser fragte, um das Ernstere voraufzuschicken, beispielsweise :
„Was hast Tu da für ein Abzeichen?"
„Vom Schießen!"
„Was ist das schwerste Ziel?"
„Auf Kavallerie!"
Weiter: „Wozu hat die Kavallerie die Lanzen?"
„Zum Schmeißen!"
„Nickst richtig!" Ter Nächste:
„Zum Stechen!" ■
„Wozu sticht der Kavallerist?"
„Wenn er int Gefecht ist und ich ihn nicht herunterschieße!" „Und lvas tust Du?"
„Ich schieße!"
„Hast Tu schon den Grafen Roon gesehen?"
„Zu Befehl!"
„Wie war er int Bilde?"
„Ein großer, starker Herr mit Schnurrbart!"
„Hast Du schon die Kaiserin gesehen?"
„Da steut sie boaven!"
Tie Kaiserin war bei der Vorstellung auf dem oberen Balkon ihres Hauses zugegen, und die Prinzessin hat von dorther dreimal die Kompagnien photographisch ausgenommen.
„Wer ist dies?" fragte ’ber Kaiser einen braven Füsilier, indem er auf seinen Flügeladjutanten, den Grafen v. Schmettow, zeigte, der Jagduniform trug. Prompt kam die Antwort: „Sr. Majestät Leibjäger!" „Na, sehen Sie", sagte der Kaiser lachend zu seinem Adjutanten, „da sind Sie gleich eine Stufe höher!" Auch folgendes toirb erzählt, was aber stark nach Aktnalisierung einer älteren Geschichte auszusehen scheint:
„Was haben Sie in den Stiefeln?"
Der erste: „Fußlappen!"
Ter zweite: „Strümpfe!"
Ter dritte traf's:
„Meine Füße!"
„Richtig!" soll der Kaiser lachend gerufen haben.
* T i e K u n st, Reklame z u m a ch e n, ist nicht neu; die Reklamekunst stammt erst auS den letzten Jahrzehnten. Eines ihrer liebenswürdigsten, feinsten Erzeugnisse kommt uns soeben in die Redaktion geschneit: ein Biedermeier-Stammbuch, mit dem Verlag und Redaktion für den neuen Jahrgang von Velhagen u. Klasings Monatsheften Propaganda machen. Eine allerliebste kleine Mappe ist es, streng im treuherzigen Biedermeierstil gehalten; sie birgt eine stattliche Anzahl faksimilierter Autogramme unserer ersten Schriftsteller und ebenso eine Reihe von Handzeichnungen unserer besten Künstler. Die Mappe ist eine Gratisgabe, deren Verteilung in den Händen der Sortimentsbuchhandlungen ruht — wer solche kleine und reizvollen Stücke sammelt, halte sich dazu, denn dies „Stammbuch für die Freunde von Velhagen u. Klasings Monatsheften" — so nennt es sich — wird gewiß bald vergriffen sein. Allerliebst und geschmackvoll ist auch das letzte Blatt, das, auch ganz int Stil der Zeit gehalten, statt jeder lauten Anpreisung „den biederen Leser" um seine Unterschrift, d. h. natürlich um eine Bestellung auf Velhagen u. Klasings Monatshefte bittet.
„M ünchener Kalender 1905" (Verlagsanstalt norm. G. I. Manz, München-Regensburg). St. Benno,Patronus Mo- nacensis, präsentiert sich auf dem Titelblatte des 20. Jahrgangs. Den weiteren Inhalt bildet, — außer dem eigentlichen Kalendarium — die 11. Folge her Stammwappen deutscher Fürsten und Grafen mit Erläuterungen, beginnend mit dem Staatswappen deutscher Fürsten und Grafen mit Erläuterungen, beginnend mit dem Staatswappen und der Stammtafel der Groß- Herzöge von Oldenburg, woran sich die Stammwappen der Landgrafen von Ober- und Unter-Elsaß, dann jene derer von Wlefeld,^ Alvensleben, Brockdorff, Hahn, Lichnowsky, Limburg, Merode,. Thürheim, Walderdorff und Wyllich und Lottum schließen. So hat dieser neue Jahrgang, bei dessen künstlerisch typographischer Herstellung die Berlagsanstalt wieder ihren alten Ruhm bewährt hat, dieses in seiner Art einzige Werk zu toeiterer Vollständigkeit gebracht. .Preis Mk. 1. — Eine Miniaturausgabe stellt ivieber der „Kleine Münchener .Kalender" mit seinen, ebenfalls von O. Hupp entworfeneu Monatswappen dar, dessen weiteren Inhalt Verzeichnisse der Gebnrtsseste der Regenten der deutschen Bundesstaaten bilden, und den Ernst von Destouches wieder mit einer Serie gemütvoller Monatsverse bereichert hat. Preis Mark 0.50. _ ____________
Lauschrätsel.
(Nachdruck verboten.)
Bann, Gier, Plan, Tasse, Wolle, Heil, Wand Biene, Freude, Bern, Keil, Fant, Stille, Weib, Seife. Barke Gabe.
Von jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umtausch eines Buchstabens an beliebiger Stelle ein anderes Hauptwort zu bilden, jedoch so, daß die eingefügten Buchstaben im Zusammenhang ein Sprichwort ergeben. ' .
tAuflöstmg in nächster Nummer.)
Auflösung des Füllrätsels in vor. Nr.: IRENE T ü R A N ABWEG LYSOL ILONA E I 8 E K N J 0 R D
Redaktion: August Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brüb l'icken Universitäts-Buch- rind Steindruckerei, R, Lange, Gießen»


